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Martins Equipment für Straße und Alltag

31 Jul

Heute stelle ich vor, mit welchem Equipment ich meine fotografische Arbeit erledige. Wie jeder Schreiner genau weiß, welches Werkzeug er braucht, um einen Schreibtisch zu fertigen, habe ich mein Arbeitsgerät, das ich auf der Straße und im Alltag einsetze.

Ich bin immer wieder dankbar, wenn Fotografen verraten, womit sie fotografieren. Nein, nicht diejenigen, die sagen, dass man jetzt die oder die Kamera braucht. Ich meine Künstler, die ich um ihren kreativen Output beneide; Menschen, die eine fotografische Vorbildfunktion für mich haben.

Und um das ewige „Die Technik ist egal“-Paradigma ein wenig bluten zu lassen: Ohne Kamera geht’s halt auch nicht. Mit einer Lochkamera kann ich fotografieren, klar. Die Frage ist nur, ob ich damit das erreichen kann, was ich will und ob sie zu meiner Arbeitsweise passt.

Und das ist für mich auch das Wichtigste: Wie erreiche ich das, was ich will? Allein dieser Maxime dient die Technik. Deshalb möchte ich gleich voran stellen, dass ich mich mit der Straßenfotografie identifiziere, dieses Genre zu bedienen versuche, jedoch auch meine Zeit mit Freunden und Familie kontinuierlich dokumentiere.

Wo meine Wurzeln sind

Nachdem die „erste“ 2005 ausgedient hatte, war mir nach einer richtigen Kamera. Ja ja, richtig, ich weiß. Jedoch sahen diese schwarzen, klobigen Dinger vielversprechend aus.

So ging ich mit Canon EOS 350D auf Landschaften los und bald darauf folgte die EOS 30D, die irgendwann nicht mehr richtig auslösen wollte und so kaufte ich die Canon EOS 5D Mark II*. Mittleweile fotografierte ich auch Hochzeiten und wollte Paare sowie Ameisendisko in der schwach beleuchteten Kirche festhalten.

Bezogen auf Objektive war ich noch nie ein Telemensch. Landschaften fotografierte ich am liebsten mit einem Superweitwinkel* und Hochzeiten mit der 50 mm f/1.4er Festbrennweite*.

Was ich bis vor Kurzem benutzt habe

Eine Kamera von oben

Nachdem ich meinen Wechsel zur Straßenfotografie vollzogen und mich von Landschaft- und Hochzeitsfotografie langsam verabschiedet hatte, fotografierte ich ein Jahr lang nur mit dem iPhone auf der Straße.

Danach hatte ich Lust auf eine typische Straßenkamera und fing an, mich mit der Fuji X100s* anzufreunden. Sie ist superleicht, hochwertig produziert und so leise, dass ich phasenweise einen elektrischen Ton einstellte, um den Klick mitzubekommen.

Da ich gern im Hintergrund arbeite, war die Fuji also perfekt. Die Bildqualität des Sensors ist so gut, dass sie mir – auch abends – keine Wünsche offen ließ.

Zusätzlich probierte ich mich an diversen Blitzsystemen aus, da der Wunsch nach mehr BÄMM immer größer wurde. Also kaufte ich mir den dazugehörigen Blitz*, ein Blitzkabel (TTL brauchte und wollte ich nicht) und blitzte mal entfesstelt, mal nicht.

Später schloss ich auch meine stärkeren Canon Speedlites an, dennoch benötigte ich – durch meine kurze Distanz zu den Leuten – auf der Straße gar nicht so viel Blitzkraft, sondern eher einen breiten Streuradius. Zwischenzeitlich fotografierte ich mit den Yungnuos* auch mit zwei Blitzen, was mir nach zwei Wochen irgendwann auf den Zeiger ging, aber dennoch eine sehr gute Option für selbstgestaltetes Licht auf der Straße war.

Womit ich aktuell arbeite

Eine Canon AE-1 von oben fotografiert.

Anfang Juni fragte Katja im Redaktions-Chat: „Kennt Ihr jemanden, der ’ne Canon AE-1* mit 3 Objektiven sucht und mir abkaufen würde?“

Ich bejahte das und wurde um ein paar Euronen leichter. Der Gedanke gefiel mir und so lief ich erst einmal zum DM und kaufte mir den billigsten Film, den ich finden konnte. Kollegin Wessely hatte mir dies empfohlen.

Nachdem ich zwei Filme geschrottet hatte (ja, verdammt), knipste ich erst einmal drauflos und entdeckte somit die Fotografie von einer ganz anderen Seite. Ich würde nicht sagen, dass ich nie wieder digital fotografiere, aber aktuell bin ich voll im Fieber. Das Umsteigen war leichter als gedacht und ich komme auf der Straße bisweilen sehr gut klar.

Da die meisten Analogkameras sehr günstig sind, habe ich meine Ausrüstung um eine sehr schicke, schwarze Canon A-1 und das FD 28 mm ƒ/2.8* erweitert, da ich mich mit Brennweiten unter 35 mm am wohlsten fühle. Insbesondere auf der Straße mag ich es, nah ran zu gehen und diese Nähe zur Person wird auch auf den Bildern deutlich.

Eine Olympus XA von etwas oben fotografiert.

Desweiteren schaute ich mich etwas um, welche Kamera unter Straßenkollegen gern benutzt wird und stolperte über die Olypmus XA*, die ob ihrer Größe sehr, sehr unscheinbar aussieht und eine präzise Bildleistung hat.

Die XA ist klein, passt in meine Hosentasche und kann (auch mit angeschlossenem Blitz) hervorragend auf der Straße mithalten. Zudem ist sie wesentlich leiser als die Spiegelreflexkameras. Was manche Leute abschreckt, finde ich toll: Ich stelle nur einmal die Filmempfindlichkeit ein und habe dann nur noch die zwei Regler Blende und Schärfe. Das war’s.

So kann ich mich voll und ganz auf’s Fotografieren konzentrieren und bin nicht ständig mit dem Drücken von Knöpfen beschäftigt. Im Sucher bekomme ich die aktive Belichtunszeit mit einer Tacho-ähnlichen Nadel angezeigt.

Entwicklung

Ein Bauarbeiter sägt an einem Rohr.

Meine Filme lasse ich aktuell beim DM entwickeln (Farbfilme selbst zu entwickeln, traue ich mir noch nicht zu). Das dauert zwar meist neun Tage und ich muss Abzüge bestellen, jedoch kosten die günstigsten pro Abzug 5 Cent und somit liege ich pro Film bei 2,75 €, was für mich erschwinglich ist.

Zwischenzeitlich ließ ich beim DM einen Film digitalisieren (DM schickt den Kram zu Cewe) und war von der Qualität der Scans nicht negativ überrascht. Jedoch ist die Auflösung der Scans so niedrig, dass ich nicht damit arbeiten wollte.

Nun habe ich habe das Glück, einen Flachbettscanner mit Durchlichteinheit zu besitzen, nämlich das Modell CanoScan 8800F* der Firma (wer hätte es gedacht) Canon.

Mit der beigelieferten Software kann ich relativ gut arbeiten, wobei die nicht das Gelbe vom Ei ist. Falls ich weiter auf diese Weise verfahren werde, komme ich um einen ordentlichen Negativscanner wie den Epson V700* kaum herum, wobei ich mit größeren Investitionen gern langsam mache. Schließlich ist nicht einmal sicher, ob ich für immer auf analog umsteige.

Die Auswahl der einzuscannenden Bilder läuft bei mir wie folgt: Orientiert an den 9×13-Abzügen vom DM markiere ich die zu scannenden Negative und schneide sie aus. Der Leuchttisch meines Kollegen Marc Böttler hilft mir dabei ungemein.

Sobald der Scanvorgang abgeschlossen ist, importiere ich alle Fotos in Lightroom und korrigiere Farben, Lichter und Kontraste (nein, das ist kein Mogeln).

Arbeitsrechner und Software

Seit Anfang 2009 arbeite ich an einem Mac Pro*, den ich damals mit 16 GB Ram bestückt hatte. Dieser ist sehr schnell, leise und zuverlässig. Bisher war er noch nicht einmal in Reparatur.

Wie schon erwähnt, arbeite ich mit Lightroom (5)*, egal, ob die Bilder nun digital oder analog entstehen – wobei die Arbeitszeit an analogen Bildern gefühlt nur 1/10 von dem beansprucht, was ich an digitalen Bildern an Zeit investieren muss.

Ein Kind turnt an einer Stange.

Ich kann dabei nicht genau erklären, warum, aber Filmfotos kommen nach dem Scan schon meist so gut heraus, dass nur noch minimale Eingriffe vonnöten sind. Ich denke, aus diesem Artikel geht gut hervor, ich welcher Phase ich mich aktuell befinde. Ich bin im Umbruch und das nicht nur bezogen auf die Mittel.

Ich denke täglich darüber nach, wie und was ich fotografieren möchte. Die Straßenfotografie bietet mir so viel Raum für unterschiedliche Ansätze, die ich jedoch nicht alle gleichzeitig verfolgen kann, ohne mich im Detail zu verlieren.

So plane ich ein paar Projektarbeiten, die mich nicht nur thematisch fordern, sondern auch meine Kenntnisse der analogen Fotografie vertiefen werden. Ich bin gespannt.

Abschließend hoffe ich, dass mein Artikel dem einen oder anderen Einblick in meine fotografische Welt bieten konnte. Solltet Ihr Fragen haben, einfach per Kommentar stellen. Ich beiße nicht.

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Aileens Equipment für Portrait und Dokumentation

20 Jun

Weil wir möglichst abwechslungsreich sein wollen, haben wir uns zu Beginn unserer Equipment-Serie überlegt, in welcher Reihenfolge wir unsere eingesetzte Technik vorstellen. Ich war skeptisch, weil ich fand, dass sich mein Ansatz und meine Ausrüstung kaum von dem unterscheiden, was Katja Euch in der letzten Woche vorgestellt hat. Bei genauem Hinsehen erkannte ich aber: Dem ist gar nicht so.

Die Ähnlichkeit in Katjas und meiner Herangehensweise liegt vor allem darin, dass auch der Kern meiner Ausrüstung aus einer Kamera und zwei Objektiven besteht. Danach geht es aber auch schon los mit den Unterschieden. Zum Beispiel beim Kameramodell, denn das Herzstück meiner Fotos ist die Canon EOS 5D Mark II*.

Bis vor etwa fünf Wochen hätte ich in jedem Gespräch, in dem es sich angeboten hätte, das gesagt, was ich seit der Anschaffung dieser Kamera vor gut vier Jahren immer gesagt habe: Wenn es sich zu diesem Zeitpunkt nicht angeboten hätte, sie zu kaufen, wäre ich auch noch sehr lange mit meiner Canon EOS 400D glücklich gewesen.

Mehrere Personen hantieren an einer Kamera.

Projekt: Urban Media Festival

Anfang Mai habe ich aber bei einem Ausflug die Kamera unbeabsichtigt in einem See versenkt, woraufhin ich sie die folgenden drei Wochen in einem Beutel voll Reis lagerte, in der Hoffnung, er möge die eventuell eingedrungene Flüssigkeit aufnehmen und die Kamera unbeschadet wieder entlassen.

In der Zwischenzeit fotografierte ich mit einer geliehenen Canon 650D und meinem alten Canon ED 50 mm f/1.4, das ich zwischenzeitlich durch ein neues Exemplar ersetzt hatte, weil es gefühlt nicht mehr so knackscharf war wie am Anfang (was ich auf ein paar Stöße im Einsatz zurückgeführt habe).

Dabei habe ich erst gemerkt, wie sehr ich mich seit 2010 an die Kombination aus Kamera und Objektiv gewöhnt hatte. Ich stand bei dem einen Auftrag, den ich fotografierte, ständig viel zu nah an der Bühne, weil mir inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen war, in welcher Entfernung zu Szene und Komposition ich stehen muss, um sie passend mit 50 mm an Vollformat aufzunehmen.

Mehrere Personen stehen auf einer dunklen Bühne, nur ein weißer Schleier ist von UV-Licht erhellt.

Projekt: T(r)anzparenz

Dazu kamen die Bauchschmerzen, als ich in dem dunklen Aufführungsraum die ISO mehr und mehr hochdrehen musste, als die einzige Beleuchtung auf der Bühne aus spärlichem UV-Licht bestand. Zugegeben: Das Rauschverhalten der geliehenen 650D war super, meine alte 400D hätte da aber nicht mitgehalten.

Was aber nicht mithalten konnte, war der Auto-Fokus. Da ich exakt dieses Objektiv bis vor ein paar Monaten an meiner 5D verwendet hatte, wusste ich, dass die Kombination mit der 650D hier das Problem war: Einfach nicht so reibungslos, wie ich es gewohnt war. Am Ende hatte ich viele unscharfe Bilder.

Umso glücklicher war ich also, als meine 5D voll funktionstüchtig aus ihrem Reis-Bett stieg. Für mich ist klar: Ich möchte nicht mehr ohne Vollformat, ohne exzellentes Rausch-Verhalten für spärlich ausgeleuchtete Veranstaltungen wie Bälle, Hochzeiten und Aufführungen, ohne RAW-Dateien für ausgedehnte Nachbearbeitung und ich möchte nicht ohne die schön große Auflösung der Fotos.

Verkrustete Erde in Nahaufnahme.

Experiment: Fokus-Stacking aus 29 Makro-Fotos, aufgenommen mit dem Canon EF 100 mm f/2.8.

Wie bereits erwähnt, verwende ich zwei Objektive an der 5D. Anfangs waren es drei, weil ich zu dem Zeitpunkt der Meinung war, mich breit eindecken zu müssen. Also kaufte ich ein Weitwinkel, eine Portraitlinse und ein Makro-Objektiv.

Das Weitwinkel verkaufte ich nach einem Jahr und nur einer Handvoll Testbilder einem Freund. Das Canon EF 100 mm f/2.8* habe ich noch, verwende es aber fast ausschließlich zum Abfotografieren von Negativen. Einmal habe ich es bei einer Portrait-Session direkt mit dem 50 mm f/1.4 verglichen und mein Urteil gefällt:

Nicht ganz so viel und schönes Bokeh und ich bin zu weit weg vom Modell, mit dem ich kommunizieren möchte, um es zu lenken. Nicht selten heißt das, dass ich es in eine gewünschte Pose bringe, indem ich selbst Hand anlege, um Körper, Kopf oder Arme in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Bei 100 mm hieße das ständiges Hin- und Herlaufen.

Von cremigem Bokeh mag man halten, was man mag, aber für mich persönlich ist es neben entsprechendem Bildaufbau das hauptsächliche Mittel für Blickführung und Reduktion auf das Wesentliche. Meine Bildästhetik und meine eigene Wahrnehmung funktionieren einfach so. Bilder, die von vorn bis hinten scharf sind, machen mich unruhig und unzufrieden.

Eine lachende Frau zwischen vielen weißen Blüten.

Das Objektiv, mit dem ich mindestens 99,99 % meiner Fotos mache, ist also das Canon EF 50 mm f/1.4* und es ist zu 99 % der Zeit auch voll geöffnet – Blende 1.4. Was mache ich damit? Vor allem: Portraits. Meine freien Arbeiten kennen die meisten wahrscheinlich.

Außerdem fotografiere ich damit Aufträge. Das sind in meinem Fall vor allem Veranstaltungen. Ich dokumentiere Workshops, Feiern (z. B. Bälle und Hochzeiten) und Bühnenshows. Dabei ist meine Arbeitsweise eine Mischung aus einer „50 mm ist mein Blickwinkel“-Grundeinstellung und Anpassen an Gegebenheiten. Das sieht so aus:

Bei Veranstaltungs-Dokumentation wie Feiern oder Workshops mache ich vor allem von den Portraitierten unbemerkte, aber relativ nahe Stimmungs-Portraits. Da meine verinnerlichte Brennweite 50 mm beträgt und schon an ein automatisiertes Entfernungs-Bauchgefühl gekoppelt ist, komme ich so gut wie nie in Situationen, in denen ich mir eine längere oder kürzere Brennweite wünsche.

Ein Brautpaar lehnt an einer alten Mauer.Ein Brautpaar sitzt vor einem Hauseingang an einer Mauer.

Brenizer-Collagen aus neun bzw. drei Bildern und jeweils mehreren Belichtungen für Zeichnung in Lichtern und Tiefen.

Für den Fall, dass der Raum einmal so beengt ist, dass ich doch ein Weitwinkel bräuchte, bediene ich mich der Brenizer-Technik und setze ein großes Bildfeld aus mehreren Fotos zusammen. Aufgrund des Aufwands mache ich das eher selten, zum Beispiel für das Paar-Foto einer Hochzeit.

Außerdem passe ich die Gegebenheiten meiner Arbeitsweise an: Wenn ich also etwa eine Aufführung fotografiere, ist das immer die Generalprobe und nicht die eigentliche Aufführung. So versprerre ich niemandem im Publikum die Sicht, wenn ich direkt vor der ersten Reihe hin und her laufe.

Und ich kann durch diese Proben-Aufnahmen herausfinden, welche die beste Position ist, um während der Aufführung ergänzende Fotos zu machen. Oft ist hier ja die Frage: Sich auf eine Position links oder rechts der Bühne festlegen? Wenn ich die Aufführung während der Proben schon mehrfach fotografiert habe, habe ich auf diese Frage eine Antwort.

Mehrere Personen stehen in buntem Licht auf einer Bühne.

Projekt: ROOTS & ROUTES EUtropia

Zusätzlich verwende ich noch ein paar weitere für mich wichtige Geräte rund um die Aufnahme: Ein klappriges Stativ, einen Reflektor, eine Sucherlupe und eine Mattscheibe mit Schnittbildindikator und Mikroprismenring. Nicht alle davon sind mir gleichermaßen wichtig, aber gemeinsam ist ihnen, dass ich ohne sie nicht könnte – oder zumindest nur unter Fluchen.

Mein Stativ ist das Walimex WT-3131, das sich nur dadurch auszeichnet, dass es extrem leicht, klein und billig (Geschenk zu einem Foto-Zeitschrift-Testabo) war. Da ich es nur selten nutze, kann ich verschmerzen, dass es voll ausgezogen unter Augenhöhe bleibt und fast umfällt, wenn die 5D hochkant gedreht drauf sitzt. Das Nachfolgemodell* hat einen Haken an der Mittelsäule, sodass sich das Ganze leichter beschweren lässt.

Öfter als mein Stativ nutze ich meinen Reflektor*. Dabei handelt es sich um eine faltbare, runde Ausführung mit 110cm Durchmesser, Diffusor und vier verschiedenen Oberflächen (weiß, schwarz, silber, gold) zum Drüberziehen und Wenden.

Da ich nur mit vorhandenem Licht arbeite, suche ich mir die Orte und Hintergründe für Portraits meistens eher im Schatten und entscheide vor allem zugunsten der Komposition. Starke Schatten helle ich dann mit der Silberoberfläche (nur selten: gold) auf oder leuchte eine Szene, die ohnehin im Sonnenlicht spielt, von unten oder der anderen Seite zusätzlich aus, was manchmal zu einer schönen, künstlichen Atmosphäre führt.

Abgesehen davon dient der Reflektor auch gern einmal als Regenschirm, Unterlage für Accessoires auf schmutzigem Boden oder Fächer für kräftigen Wind. Auch hier war mir also ein kleiner Preis wichtiger als etwa zwei weitere Oberflächen, die ich nie brauche.

Portrait einer Frau.

Mit der goldenen Seite aufhellen, macht einen wärmeren Hautton und erhöht hier den Kalt-Warm-Kontrast zwischen Haut und Hintergrund.

Eine Frau hält einen Straus weißer, ballförmiger Blumen.

Portrait im Gegenlicht stark von vorn unten aufgehellt.

Wichtiger ist da schon meine Sucherlupe*: Sie wird statt der standardmäßigen Mini-Gummierung direkt hinter den Sucher geschraubt und hat eine großzügige Augenmuschel. Die Lupe erreicht eine 1,3-fache Vergrößerung des Sucherbilds, sodass ich weniger das Gefühl habe, beim Blick durch die Kamera auf ein winziges Bild am Ende eines langen, schwarzen Tunnels zu blicken.

Allerdings muss man sich an die Verwendung etwas gewöhnen, da durch die Vergrößerung nicht mehr das komplette Bild im Sucher sichtbar ist bzw. nur, wenn man das Auge wirklich an die Augenmuschel drückt und gegebenenfalls den Kopf leicht bewegt, um alles zu sehen.

Das klingt jetzt erst einmal kompliziert, aber ich habe mich nach der Anschaffung so umgehend dran gewöhnt, dass mir dieses Phänomen erst aufgefallen ist, als mal jemand mit Brille meine Kamera benutzte und sich beschwerte, dass das Bild auf dem Display nicht mit dem Ausschnitt im Sucher übereinstimmt.

Ein Besprechungsraum mit fünfeckiger Decke.

Brenizer-Collage aus elf Bildern und mehreren Belichtungen für den Blick nach draußen.

Nachdem ich von meiner analogen Canon AE-1 gewohnt war, mit Hilfe der Mattscheibe mit Schnittbildindikator und Mikroprismenring* im Sucher manuell zu fokussieren, habe ich so eine Möglichkeit auch für die 5D gesucht. Zwar fokussiere ich damit so gut wie nie manuell, hatte aber vor einigen Jahren mit dem ersten Exemplar meines 50-mm-Objektivs immer wieder Probleme mit fehlerhaft fokussierten Bildern.

Klar, wenn ich ein sehr nahes Portrait mit Offenblende aufnehme, ist die Schärfe-Ebene extrem dünn. Je nachdem, ob noch Haare oder Accessoires ins Gesicht des Modells ragen, liegt der Auto-Fokus schnell nicht mehr auf den Augen. Mit Hilfe des Schnittbildindikators sehe ich das Problem sofort und kann manuell nachfokussieren oder den Auto-Fokus ganz neu ansetzen.

Eine Frau hinter Stängeln von vertrockneten Mohnblumen.

Nach der Aufnahme gibt es neben der Software und einem etwas älteren Eizo-Monitor*, die ich verwende, noch ein überlebenswichtiges – oder zumindest Lebenszeit sparendes – Tool für die Nachbearbeitung: Ein Grafik-Tablett*.

Ich habe zwar auch schon mit der Maus digital komplette Bilder gezeichnet, aber um ganz ehrlich zu sein, ist es mit einem Stift einfach angenehmer. Bis vor ein paar Monaten hatte ich ein normales Tablett von Aiptek, das mir die Retusche und Collage von Fotos sowie gelegentliches Zeichnen am PC erleichtert hat.

Jetzt habe ich das Wacom Cintiq Companion, das nicht nur ein Grafik-Tablett, sondern auch ein Tablet-Computer ist und sich damit auch für kreative Aktionen unterwegs eignet. Vor allem aber erhöht es die Präzision dessen, was ich mache, da meine Augen und die Stiftspitze auf den gleichen Punkt gerichtet und nicht wie bisher nur über die Hand-Augen-Koordination meines Gehirns miteinander verbunden sind. Dazu aber bald mehr in einem eigenen Artikel.

Zwei Portraits in schwarzweiß mit einer weißen Zeichnung.

Selbstportraits mit einer Papp-Lochlinse an der 5D und Kritzeleien mit dem Wacom Cintiq Companion.

Die meisten wissen wahrscheinlich, dass ich auch einige analoge Kameras besitze. Um genau zu sein sind es über 20 vor allem ältere Modelle für verschiedene Filmtypen und -formate. Durch mangelnde Zeit zum „Einfach mal so einen Film füllen“ und meinen um sich greifenden Veganismus habe ich die analoge Fotografie aber stark eingeschränkt.

Wenn ich analog fotografiere, dann knipse ich nicht mehr rum, weil das Gefühl so wunderbar ist, sondern ich fülle gezielt einzelne Bilder oder einen Film für ein Projekt oder bei einer Portrait-Session, deren Konzept für mich analoges Material verlangt.

So richtig essentiell ist daher für mich nur meine Canon AE-1* mit den zwei Objektiven, die ich meistens einsetze. Das eine ist das Canon FD 55 mm f/1.2, was in Brennweite, Blende und Bildqualität in etwa dem entspricht, was ich digital von meinem 50er gewohnt bin.

Eine Frau steht im Wald.

Das zweite Objektiv ist das Canon FD TS 35 mm f/2.8, das über Tilt- und Shift-Möglichkeiten verfügt. Mit diesen lässt sich der Blickwinkel verändern, ohne sich vom Fleck zu bewegen und die Schärfeebene kann geschwenkt und gedreht werden, sodass sie nicht mehr zwingend genau parallel zur Filmebene verläuft.

Gerade mit dem Tilt-Shift-Objektiv arbeite ich gern, es erfordert aber ein wirklich geduldiges Modell vor der Kamera, da es eine Weile braucht, bis ich an allen Rädchen so gedreht habe, dass ich schlussendlich mit der Lage der Schärfe im Bild zufrieden bin.

Eine digitale Tilt-Shift-Linse* wäre mir dann aber zu teuer, gemessen an der Anzahl möglicher Einsätze. Allerdings habe ich gerade gesehen, dass es wohl Möglichkeiten gibt, die analoge Linse mit Adaptern auszustatten, um sie an der 5D einzusetzen – bei Gelegenheit werde ich das ausprobieren.

Ein umgestürzter Baum liegt im Wald.

Nachdem ich mich für diese Zusammenfassung also einmal genauer mit der Technik beschäftigt habe, mit der ich meine Fotos aufnehme, würde ich mein Equipment-Verhalten so charakterisieren:

Ich scheue mich nicht davor, ziemlich viel Geld für einzelne Geräte auszugeben, die ich oft brauche und die mir bestimmte Effekte, Bildeigenschaften oder Zeitersparnis liefern. Andererseits beschränke ich mich in meiner Ausrüstung auf wenige Teile und spare bei denen, die ich selten brauche.

Danke für das Titelbild an Marcel Pommer!

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Michaels Equipment für Landschaftsfotos

06 Jun

Ich fotografiere nun schon seit über fünf Jahren Landschaften und mit der Zeit hat sich einiges an Equipment angesammelt. Um meine Fotoideen so wie im Titelbild umzusetzten, sind für mich neben Kamera und Objektiven einige weitere Dinge essentiell.

Doch fangen wir mit der Kamera an: Seit zwei Jahren fotografiere ich mit einer Canon EOS 5D Mark II*. Obwohl schon etwas in die Jahre gekommen, macht sie immer noch tolle Fotos, die ich locker auf 150 x 100 cm Fineart-Papier entwickeln lassen kann, wenn ich sauber arbeite. Außerdem mag ich die Bedienung. Alle mir wichtigen Einstellungen lassen sich in Sekunden erledigen.

Foto von Michael Breitung und seinem Equipment auf Korsika

Um vom Weitwinkel bis Telebereich alles abzudeken, trage ich drei Objektive auf Fototouren ständig bei mir: Das Canon EF 16-35mm 1:2,8L II*, das ich vor allem wegen der einzigartigen Sonnensterne, die es fabriziert, so liebe. Von Tamron das 24-70mm 1:2.8 Objektiv*, das eine sehr gute Schärfe liefert. Und wiederum von Canon das 70-200mm 1:4 L IS*, das ich für Detailarbeit nutze.

Mindestens genauso wichtig wie Kamera und Objektive ist für mich das Stativ geworden. Für 95 % meiner Fotos nutze ich ein Stativ. Da ich fast all meine Fotos in irgendeiner Form überblende, fotografiere ich selbst bei Sonnenschein mit Stativ, auch wenn die Belichtungszeiten Aufnahmen freihand zulassen würden.

Bewärt hat sich als Stativ das Benro C-298 M8, das ich drei Jahre in Verwendung hatte. Mittlerweile ist es auf der Ersatzbank, weil ich etwas Kompakteres wollte. Das Induro CT114* habe ich seit einem halben Jahr im Einsatz. Ebenfalls von Induro stammt der Stativkopf, den ich verwende. Da ich Kugelköpfe zu fummelig finde, nutze ich den PHQ-1 5-Wege-Neiger*. Damit lassen sich Landschaftsfotos präzise komponieren und zusammen mit einer Kirk LRP-1 Schiene auch einreihige Panoramen anfertigen.

Was ich auch nicht mehr missen möchte, ist das L-Winkel von RRS. So kann ich blitzschnell zwischen Quer- und Hochformat wechseln.

Obwohl ich viel mit Belichtungsreihen arbeite, sind für mich Verlaufsfilter unverzichtbar geworden. Von Lee nutze ich einen 0.6 hard GND und einen 0.6 soft GND, die ich einzeln oder in Kombination vors Objektiv schiebe. Wenn ich am Meer fotografiere oder einen ebenen Horizont habe, verwende ich gelegentlich einen Singh-Ray 2-Stop Reverse Grad.

Aber wie schon angesprochen, reichen mir Filter allein nicht aus. Ich nutze Verlaufsfilter immer in Kombination mit Belichtungsreihen, um alle Details einzufangen. Durch die Filter erhalte ich ein gutes Ausgangsfoto, in dem ich dann nur noch kleine Bereiche aus den anderen Belichtungen einblenden muss.

Wo wir gerade bei Filtern sind, darf ich den Polfilter natürlich nicht vergessen. Besonders im Wald oder am Wasser nutze ich einen Hoya HD Polfilter*, um Reflexionen zu minimieren.

Am Wasser und vor allem am Meer wäre ich außerdem ohne Objektivreinigungstücher aufgeschmissen. Diese gibt es in unzähligen Ausführungen von zahlreichen Herstellern. Ich setzte seit einiger Zeit auf Bambus-Tücher* in verschiedenen Größen. Damit bekomme ich selbst die salzhaltige Gischt am Meer wieder schlierenfrei von meinen Filtern. Die Reinigungstücher zu vergessen, wäre für mich eine Katastrophe.

Die Liste an Zubehör geht noch weiter. Jedoch habe ich die wichtigsten Bestandteile meiner Aurüstung genannt. Bleibt noch die Frage nach der richtigen Verpackung. Der perfekte Kamerarucksack ist für mich der F-Stop Satori. Er ist bequem, öffnet am Rücken, hat viele Fächer, ist gut konfigurierbar und passt ins Handgepäck.

Damit habe ich, denke ich, genug über Equipment geredet. In meinen nächsten Artikeln liegt dann der Fokus wieder darauf, was ich damit mache.

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Fünf Fototipps für Rucksackreisende

09 May

Ein Beitrag von: Timo Nowack

Seit rund drei Monaten reise ich mit dem Rucksack durch Chile und Argentinien. Mein Ziel, die Panamericana von Patagonien bis Alaska zu bezwingen, werde ich bei meinem aktuellen Tempo wohl kaum in einem Anlauf schaffen. Dafür habe ich schon einiges gelernt, was Kameras und Fotografie auf so einer Reise angeht. Das sind meine fünf wichtigsten Erkenntnisse und Tipps:

© Timo Nowack

1. Die digitale Spiegelreflexkamera gehört zuhause in den Schrank und nicht in den Reiserucksack.

Denn wenn Du Dein ganzes Gepäck jeden zweiten oder dritten Tag durch die Gegend schleppst, wirst du dieses Schwergewicht füher oder später loswerden wollen. Wenn Du mit Zelt, Essen und Ausrüstung tagelang durch Nationalparks wanderst, sowieso. Ich habe hier in Südamerika schon mehrere Leute getroffen, die ihre DSLR – genervt von Größe und Gewicht – mit Freunden oder Verwandten nach Hause geschickt haben.

Kleinere und leichterer Alternativen gibt es zu genüge. Und dass diese den „Großen“ etwa in Sachen Bildqualität nicht ganz das Wasser reichen können, ist zu verkraften. Denn machen wir uns nichts vor: National Geographic wird unsere Fotos eh nicht kaufen – egal mit welcher Kamera wir sie schießen.

© Timo Nowack

2. Mein Smartphone ist auf der Reise eine tolle Ergänzung zur Kamera, aber kein Ersatz.

Und das unabhängig von der Frage nach Bildqualität und fotografischen Möglichkeiten. Das große Manko ist für mich der Akku, auch wenn es Powerpacks und Solarzellen gibt. Denn ich surfe mit dem Telefon in Hostels viel im Internet, bewege mich mithilfe einer Kartendienst-App durch Städte, höre trotz meines MP3-Players gelegentlich Musik damit.

All das saugt Energie. Und als Reisender habe ich deutlich weniger Gelegenheiten als daheim, das Smartphone sicher abzulegen und aufzuladen. Daher mein Tipp: Überleg Dir gut, ob Du ganz auf eine reine Kamera verzichten willst. Für mich kommt es nicht in Frage.

© Timo Nowack

3. Es wird etwas schief und kaputt gehen – stell Dich darauf ein.

Kamera und Objektive können ins Meer fallen, verkratzen, geklaut werden – und dazu haben sie auf einer langen Reise viel mehr Gelegenheit als in einem Kurzurlaub oder daheim. Du kannst Dich vorbereiten, etwa indem Du statt einer großen Speicherkarte mehrere kleine verwendest. Oder indem Du Dich für eine unauffällige Tasche entscheidest und nicht für eine, die schon aus hundert Metern Entfernung als Kameratasche erkennbar ist.

Doch auch alle Vorsicht schützt vor Schaden nicht. Als ich bei den Aufräumarbeiten im Katastrophengebiet von Valparaiso geholfen und nebenbei fotografiert habe, habe ich mir zum Beispiel einen Kratzer auf meinem nicht wechselbaren Objektiv zugelegt. Wer schon bei dem Gedanken daran einen Nervenzusammenbruch erleidet, sollte eine Kamera mit auf die Reise nehmen – und bei Bedarf günstig kaufen – bei der notfalls auch ein Totalschaden okay ist.

© Timo Nowack

4. Finde eine Möglichkeit, mit Klischee-Motiven umzugehen.

Wenn Du vor dem Eiffelturm stehst, willst Du ihn womöglich fotografieren, weil das ein ganz geiles Ding ist. Auf der anderen Seite vielleicht auch nicht, weil es schon Millionen Fotos davon gibt, in allen möglichen Varianten. Und viele davon haben ein besseres Licht als das, mit dem Du gerade Vorlieb nehmen musst. Mir geht es oft so, ich bin hin- und hergerissen. Wenn Du also nicht nur langweilige Fließbandbilder von touristischen Highlights produzieren willst, lass Dir etwas einfallen.

Ich mache es mir gerade einfach: Ich habe in meiner Kamera eine Art Tilt-Shift-Modus mit sehr kleinem Schärfebereich und knalligen Farben entdeckt. Viele Leute finden die Bilder furchtbar, aber für mich werden ausgelutschte Motive dadurch wieder interessant. Du kannst auch wie in „Die fabelhafte Welt der Amelie“ einen Gartenzwerg vor die Sehenswürigkeiten stellen oder jedesmal lustige Japaner fotografieren, die das eigentliche Motiv ablichten. Sei kreativ.

© Timo Nowack

5. Mach auch mal Touri-Schnappschüsse und Selfies.

Alleine oder mit anderen. Lade sie bei Facebook, Flickr oder sonstwo hoch oder verschicke sie per Mail. Viele FotografInnen halten sich ja gern aus den Bildern heraus. Doch auf langen Reisen gilt: Ein Bild mit dem Partner oder der Partnerin im Arm vor dem Taj Mahal ist zwar irgendwie furchtbar, aber Deine Eltern werden sich freuen. Und Deine Freundinnen und Freunde auch, wenn Ihr Euch ein halbes Jahr lang nicht mehr gesehen habt. Und das ist doch eigentlich das Wichtigste.


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Anregungen für Einsteiger in die Straßenfotografie

22 Apr

Seitdem ich versuche, mich aktiv als Straßenfotograf in Deutschland zu betätigen, bekomme ich regelmäßig E-Mails oder Replies zu meinen Bildern. Immer wieder fragen mich Leute, wie ich meine Angst überwinde, welche Kamera ich benutze oder was ich sage, wenn sich jemand beschwert.

Auf viele dieser Fragen möchte ich heute versuchen einzugehen. Ich wähle bewusst das Wort „Anregungen“ im Titel, weil ich keine Ratschläge von oben herab erteile.

Diese Anregungen, Ideen oder Handlungsvorschläge sind auf meinem ganz persönlichen Weg entstanden. Und ich glaube, dass sie dem einen oder anderen helfen können – aber nicht müssen. Legen wir also los.

Straßenfotografie: Ein Arbeiter mit Maske und blauem Anzug.

Werde Dir der Gesetzeslage bewusst

In Deutschland ist es vom Gesetzgeber nicht erlaubt, Menschen erkennbar in der Öffentlichkeit zu fotografieren. Wenn Du dieses Gesetz übertrittst, kann das bedeuten, dass Du Post von einem Rechtsanwalt bekommst, angezeigt wirst oder jemand sauer auf Dich wird.

Die Wahrscheinlichkeit ist zwar nicht besonders hoch (ich habe es noch nie erlebt), doch es kann theoretisch immer passieren. Wer falsch parkt, bekommt irgendwann einen Strafzettel. So einfach ist das. Und diesen Wikipedia-Eintrag solltest Du im Schlaf können.

Wäge ab, Menschen unerkannt zu fotografieren

Um in die Straßenfotografie einzusteigen, musst Du nicht gleich aus 30 cm Abstand und mit Blitz fotografieren. Du kannst Dich auch langsam ans Sujet herantasten und so der juristisch-misslichen Lage vorerst aus dem Weg gehen. Wie? Mit Abstand. Menschen von hinten, als Silhouette – oder den Kopf abschneiden. Letzteres ist rein fotografisch zu verstehen.

Lasse Deine Schuldgefühle und Ängste hinter Dir

Solange Du eine Phobie davor hast, „ertappt“ zu werden, solltest Du mit der Kamera keine Sekunde auf der Straße verbringen. Menschen merken Deine Befürchtungen sofort und werden Dich wesentlich schneller als verdächtig einstufen, als Dir lieb ist. Wenn Du aber voller Selbstvertrauen und Freundlichkeit unterwegs bist, strahlt das nach außen und die Menschen werden Dir ebenfalls freundlicher begegnen.

Warnung: Viele Menschen freuen sich darüber, fotografiert zu werden, fühlen sich dadurch geschmeichelt und werden mit einem hübschen Lächeln reagieren. Diesen wichtigen Moment wirst Du verpassen, wenn Du mit panisch-verzerrtem Gesicht um die Häuser schleichst.

Eine Frau sieht in die Kamera.

Prüfe Deine Absichten

Warum willst Du überhaupt auf der Straße fotografieren? Um was geht es Dir dabei? Kläre diese Frage, bevor Du losziehst und es wird Dir leichter fallen, mit Mut und Bestimmtheit aufzutreten. Und – das ist wirklich wichtig – Deine Stilmittel zu wählen. Mehr dazu weiter unten.

Die Kamera ist scheißegal

Du solltest keine Sekunde darüber nachdenken, ob Deine Kamera straßentauglich ist. Du kannst sogar mit dem Smartphone anfangen, Leute in der Öffentlichkeit zu fotografieren. Ich habe das ein Jahr lang gemacht.

Selbst, wenn Deine Kamera eine fette DSLR und super laut ist: Das kann Dir wiederum dabei helfen, offen mit Deinem Vorhaben umzugehen. Fang einfach an und vergiss den Schwachsinn, dass Du eine Leica brauchst.

Lächle

Brust raus, Rücken gerade, einmal kräftig durchatmen und los geht’s. Sprich mit den Menschen, lächle sie an oder zwinkere ihnen zu. Zeige ihnen, dass Du nicht gegen, sondern für sie bist.

Wenn Dir ein schöner Hut auffällt, dann sage das der Person – auch, wenn Du sie gar nicht fotografierst. Verbreite gute Laune, so oft es geht. Menschen werden Dich wiedererkennen und Du bestimmst, wie Du in Erinnerung bleibst.

Blick auf einen Sonderzug der Bahn.

Such nicht nach Bestätigung

Wenn Du eine Person fotografiert hast und nicht sicher bist, ob sie Dich bemerkt hat, dann schau sie um Gottes Willen nicht fragend an. Warte nicht auf eine positive Reaktion. Ziehe gemütlich weiter und suche Dein nächstes Motiv.

Die Menschen auf der Straße sind die letzten, von denen Du Bestätigung suchen solltest. Wenn Du von ihnen erwartest, Deine Aktion „in Ordnung“ zu finden, wirst Du a) enttäuscht werden und b) Dich auf eine zu niedrige Stufe stellen. Dein Auftreten wird dadurch nicht selbstbewusster, sondern eher das Gegenteil.

Keine Option: Lange Brennweiten

Zumindest zu Beginn nicht. Wenn Du Dir in die Hosen machst, vor Leuten die Kamera zu heben und sie zu fotografieren, dann ist ein Teleobjektiv doppelt hinderlich. Zum Einen wirst Du Deine Angst nicht überwinden (und das kannst Du nur mit Übung) und Dich zum Anderen auf ein Stilmittel begrenzen. Vor allem eines, das furchtbar schwer zu beherrschen ist.

Straßenfotografen wie Saul Leiter oder W. Eugene Smith, die Teleobjektive gekonnt einsetzten, wussten genau, was sie taten und was sie erreichen wollten.

Nimm ein Weitwinkel. Niemand sagt, dass Du den Leuten mit dem Glas vor der Nase herumtanzen sollst. Außerdem hast Du so stets die Möglichkeit, im Nachhinein zu croppen, weil Du (zu Beginn) eher zu viel auf dem Bild haben wirst, als zu wenig.

Frag Menschen vor dem Fotografieren

Nein, das muss nicht die Regel sein (siehe Punkt 2). Und Du musst keine 100-Leute-Serie machen, auf denen die Leute scharf sind und der Rest im Bokeh verschwindet. Das ist zwar hip, aber auch nur eines von vielen Stilmitteln.

Außerdem gibt es aktuell nur einen Straßenfotografen, der dies meiner Meinung nach innovativ beherrscht: Khalik Allah. Ich möchte mich hier aber nicht verzetteln.

Wenn ich jemanden mit einem tollen Bart sehe, dann verzichte ich manchmal auf den ungestellten Moment und frage freundlich.

Die meisten Männer tragen ihren Bart wie andere einen fetten SUV fahren und freuen sich über das Kompliment, für ein Foto posieren zu dürfen. Tipp: Animiere sie dazu, nicht zu lachen oder in die Kamera zu gucken – das sieht meist künstlich aus.

Vergiss jedoch die Option, die Dir die Persönlichkeitsrechts-Taliban nahelegen: Jede Person nach dem Klick zu fragen, ob sie mit dem Bild einverstanden ist.

Warum? Stell Dir vor, Du hast fünf Personen auf einem Bild, von denen zwei auf die Bahn warten und drei in unterschiedliche Richtungen laufen. Es ist schlicht unmöglich, diesem Ratschlag nachzukommen. Es geht einfach nicht.

Eine Frau schaut auf den Fahrplan.

Umgang mit negativem Feedback

Wenn jemand nicht fotografiert werden möchte, dann ist das sein oder ihr gutes Recht. Von so einer Person angesprochen zu werden, sollte nicht ignoriert und schon gar nicht frech beantwortet werden.

Schau der Person ins Gesicht, stelle Dich vor und entschuldige Dich für die Unannehmlichkeiten. Biete von Dir aus an, das gemachte Foto unverzüglich zu löschen. Weder lohnt es sich, sich mit fotografierten Menschen anzulegen, noch musst Du schamrot mit gesenktem Kopf im Boden versinken.

Wünsche einen angenehmen Tag und ziehe weiter Deines Weges.

Unsichtbar werden

Der große Traum vieler Fotografen, die auf die Straße ziehen, ist es, unsichtbar zu werden. Unbesorgt zu fotografieren, ohne bemerkt zu werden. Das wär’s. Doch darunter versteckt sich meist nichts anderes als Angst. Und die ist ein schlechter Ratgeber.

Du musst Dich ja nicht bunt wie ein Clown anziehen. Ich bevorzuge schwarze Kleidung, weil sie kein Licht reflektiert. Aber zwanghaft zu versuchen, unentdeckt zu bleiben und im peinlichen Agenten-Modus (Kopf nach vorn, Blick zur fotografierten Person) aus der Hüfte zu fotografieren, bringt gar nichts.

Warum? Weil Du so keine Kontrolle über Bildausschnitt und Perspektive hast. Natürlich gibt es Leute wie Mark Cohen, die das Fotografieren ohne Sucherblick perfektioniert haben, jedoch würde ich davon erst einmal abraten.

Halte die Kamera vor’s Gesicht, komponiere und drücke ab. So gibst Du Menschen auch die Chance, zu reagieren und sich Dir bemerkbar zu machen, wenn sie das nicht wollen.

Schneller!

Auf der Straße hast Du eines nicht: Zeit. Du kannst nicht ewig rumzoomen, denn währenddessen ist die fantastische Szene längst vorbei.

Von daher bietet es sich an, eines zu üben: Fokussieren. Der Amerikaner John Free empfiehlt, sich vor eine Wand zu stellen und zu stoppen, wie lange man brauchst, um aus der Hüfte die Kamera zu heben und die Wand anzufokussieren. Je schneller Du bist, desto einfacher wirst Du es später auf der Straße haben. Außerdem lernst Du so die tatsächliche Schnelligkeit Deines Autofokus kennen und im Vorhinein einzuschätzen.

Andere Fotografen wie Matt Stuart fokussieren bei geschlossener Blende vor und wissen so, welcher Schärfebereich immer abgedeckt ist. Das Problem: Wenn Dir wider Erwarten jemand näher kommt, musst Du reagieren. Das kann schon einmal hektisch werden und meist vergeigt man dann das ganze Bild. Auch hier ist Übung angesagt.

Joel Meyerowitz rät, ein guter Beobachter zu werden und das Vorhersehen von akzentuierten Bewegungen zu erlernen. Wie das geht? Ein Beispiel: Du siehst von Weitem, wie eine Frau die Arme irgendwie komisch verschränkt und sie dann wieder fallen lässt.

Warte. Warte. Warte. Warte ab, ob die Frau diese Bewegung noch einmal macht. In der Zwischenzeit kannst Du einen guten Bildausschnitt suchen und bist dann bereit, wenn es wieder passiert.

Weitere Anregungen sind meiner Meinung nach überflüssig. Klar, man könnte Bücher darüber schreiben, was wie wo wann am besten funktioniert. Doch das Beste an der Fotografie ist immer noch das Learning By Doing. Je öfter Du unterwegs bist, desto schneller wirst Du auch.

Ein Mann kurz vor dem Zigaretteanzünden.

Lass nicht den Profi raushängen

Niemand ist interessiert daran, welche Profession Du hast (oder denkst, zu haben). Viele Menschen reagieren sogar aggressiv, wenn sie merken, dass Du Fotograf bist. Warum? Weil sie Dich für einen Pressefotografen von der BILD halten.

Pressefotografen sind in ihren Augen das Schlimmste und wenn Du irgendwie profihaft rüberkommst, dann drückst Du bei ihnen den „Angreifen, JETZT!!!“-Knopf.

Wenn Du eine Rolle spielen willst, dann nimm lieber die des ahnungslosen, schrullig lächelnden Touristen, der seine Kamera ausprobiert. Das passt vielleicht Deinem Ego nicht, aber es hilft Dir garantiert, keine Paniken auszulösen.

Kauf Dir Fotobücher (statt einer neuen Kamera)

Der Terminus Straßenfotografie wird historisch gesehen noch nicht allzu lange als solcher gebraucht. Menschen haben schon immer fotografiert und wo sonst, wenn nicht zuhause? Auf der Straße. Im Park. Überall.

So gibt es millionenfach Literatur und Fotobücher, die Dir allesamt zeigen, wie Menschen andere Menschen fotografiert haben, ohne Fotos zu stellen. Das müssen nicht einmal Fotos aus der Stadt sein, wie der Band „Magnum Landscapes“* unterstreicht.

Der gesamte Bereich der Dokumentarfotografie* (ja, auch Reportagen aus Krisengebieten) sind daher von höchstem Interesse, wobei es selbstverständlich Unterschiede gibt.

Als Einstieg (und um einen Überblick zu bekommen), empfehle ich Dir das Buch „Street Photography Now“*. Du wirst darin nicht nur eine Menge Informationen darüber finden, welche Fotografen (und wessen Bücher) Du weiter verfolgen kannst, sondern bekommst auch einen gefühlten Container voller Inspiration.

Ignoriere

Finde Dich damit ab, dass Du in dem Moment, in dem Du offen Menschen auf der Straße fotografierst und die Bilder ins Netz stellst, vielen Leuten einen Grund gibst, Dich zu testen und Deine Position infrage zu stellen. Das ist gut so.

Denn Du musst lernen, Verantwortung für Dein Tun zu übernehmen und zu Dir zu stehen. Bleibe freundlich und akzeptiere die Positionen anderer. Du musst sie ja nicht übernehmen.

Wenn Menschen dennoch fies werden (und das werden sie), dann brauchst Du eine Strategie. Ich habe Leute in allen Netzwerken (und auch deren E-Mails) geblockt, weil sie nicht aufhörten, mich monatelang aufs Bitterste zu attackieren.

Es gibt Menschen, die reiten sich derart rein, dass sie nicht aufhören werden, Dich zu beleidigen. Jedoch ist es dann klug, eines zu wissen: Diese Menschen offenbaren dadurch ihre Persönlichkeit. Wer Dir vorwirft, ein Arschloch zu sein und das mit den Mitteln des eben benutzten Fäkalwortes tut, den brauchst Du keine Sekunde ernst zu nehmen.

Meine Devise: So lange wie nur möglich respektvoll und freundlich bleiben. Versuche, die Meinung der anderen zu verstehen und nachzuvollziehen. Wenn Leute aber erwarten, dass Du deshalb mit der Straßenfotografie aufhörst, wirst Du sie enttäuschen. Da müssen sie durch und das werden sie.

Mach einen Ausflug nach London

Nein, Du sollst nicht nach England ziehen (kleiner Insider). Jedoch kann es Dir gut tun, mal in einem Land zu fotografieren, in dem das Fotografieren von Menschen in der Öffentlichkeit vom Gesetzgeber erlaubt und gestattet ist.

Wenn Du dann wieder in Deutschland fotografierst, kann es sein, dass Dir das wesentlich leichter fällt. Und Leichtigkeit kann man immer brauchen, vor allem auf der Straße.

Ein Mann mit roter Brille.

Puh. Jetzt fallen mir noch 180 weitere Sachen ein, die ich aufführen könnte, wie Belichtungszeiten und ISO-Einstellungen, Bildkomposition, Bildbearbeitung in Lightroom und und und. Dennoch möchte es den ohnehin schon langen Artikel erst einmal so stehen lassen. Vielleicht komme ich ein anderes Mal drauf zurück.

~

Abschließend möchte ich sagen, dass ich sehr gern auf der Straße fotografiere. Ich habe seither viele nette Menschen kennengelernt, die mein Leben um vieles bereichert haben.

Meine persönliche Motivation ist die der Dokumentation. Ich möchte, dass in 30 oder 40 Jahren meine Bilder an ein Karlsruhe erinnern, wie ich es heute erlebe. Ich möchte Abertausende von Aufnahmen weitergeben, die zum Schmunzeln, Lachen und Erinnern anregen.

Hierzu habe ich einen künstlerischen Anspruch. Ich möchte, dass meine Bilder bewegen und einen gewissen visuellen Reiz haben. Nein, sie müssen nicht „schön“ im konventionellen Sinne sein, aber Betrachtern das Gefühl der Straße geben. Das ist rau, hektisch und schnell. So mag ich das.

* Das ist ein Affiliate-Link zu Amazon. Wenn Ihr darüber etwas bestellt, erhält kwerfeldein eine kleine Provision, Ihr zahlt aber keinen Cent mehr.


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Ein Plädoyer für das fotografische Flanieren

01 Mar

Ein Beitrag von: Eric Pawlitzky

Nichts provoziert das Auge mehr als eine fremde Landschaft, ein fremder Mensch, das Unbekannte. Und nichts ist langweiliger als Sehenswürdigkeiten zu fotografieren. Also fährt man am besten dort hin, wo die Begegnung mit Sehenswürdigkeiten eher nicht droht, z.B. nach Osteuropa.

Das Risiko, Bekanntem zu begegnen, kann man weiter reduzieren, indem man einen geografischen Zufallsgenerator zwischenschaltet. Das habe ich im Sommer 2012 getan, indem ich mit Frau und jüngstem Kind (zwei hervorragende Entschleunigungsfaktoren) den Versuch unternahm, einmal mit der Eisenbahn entlang der EU-Ostgrenze von Tallinn nach Constanta zu reisen.

Man kommt so etwa nach Paldiski, Tartu, Muszyna, Galati oder St. Gheorghe. Das sind Orte, an denen ich nie zuvor gewesen bin. Und das sind Orte, die von den Reiseführern bestenfalls einen Dreizeiler an Aufmerksamkeit erhalten. Man kommt also an und ist wunderbar planlos.

© Eric Pawlitzky

Fotografisch ist das eine Herausforderung. Klar, man könnte auf einer solchen Reise ohne Ende Bahnhöfe, Lokomotiven, Leute im Zug fotografieren, wenn man sechs Wochen an jedem dritten Tag Eisenbahn fährt oder immer das Rathaus oder den Blick aus dem Fenster nach dem Aufwachen am Morgen.

Mein Ziel aber war es, mein Sehen zu schulen, die Flüchtigkeit der Aufenthalte so gut wie möglich zu nutzen. Also in vergleichsweise kurzer Zeit Dinge zu finden, die ein Bild wert sind, Menschen, deren Sprache man nicht kennt, zu einem Portrait zu überreden (mit Gesten und freundlichen Blicken), etwas Typisches finden, den Klischees trotzen oder genau denen auch mal freien Lauf lassen.

Das habe ich zuvor in Berlin geübt. An einem verregneten Sommertag hatte ich die Idee, von Flughafen zu Flughafen zu laufen, von Schönefeld nach Tegel. Das sind etwa 30 km, die man in gut sechs Stunden schaffen kann. Also mit dem Lineal einen Strich über den Stadtplan gezogen und los.

Und siehe da, ich kam durch Straßen, deren Existenz mir völlig unbekannt war. Fast schon sprang mich die Langeweile an. Dann hatte ich meine Geschichte. Ein geradezu spöttisch wirkendes Plakat – in der gesamten Stadt verteilt. Das habe ich dann fotografiert mit dem umgebenden städtischen Raum, immer wieder.

© Eric Pawlitzky

Dann fiel mir auf, wie viele Gemüsehändler es auf den Fußwegen gibt, wie interessant die Spuren der fünfziger Jahre sind.

© Eric Pawlitzky

Das war die Fingerübung für die Reise durch immerhin sieben Länder. Ich wollte etwas über Osteuropa erzählen, das über einen klassischen Reisebericht hinausgeht. Ich suchte nach Bildern, nicht nach Motiven.

Das war der Versuch, die Umgebung anzusehen, als wäre sie eine Sammlung interessanter Grafiken. Die musste man eigentlich nur entdecken und ablichten. Ich wollte nicht zuerst erzählen, ich wollte zuerst die Bilder. Und siehe da – mit den Bildern kamen auch die Geschichten.

© Eric Pawlitzky

3.000 km und 3.000 Auslösungen später eine Ausstellung. Die Eindrücke waren noch frisch, für eine wirkliche Quintessenz fast zu früh. Ich habe 200 Bilder gezeigt – verpackt in zwanzig Schachteln, die die Besucher öffnen konnten, in denen man stöbern durfte.

Die Idee: Die Betrachter ein wenig verwirren und keine Sortierung nach Ländern oder Chronologie, sondern aus den Bildern Geschichten und Zusammenhänge filtern, die mit den Orten oft nur noch indirekt zu tun haben. Mit Themen, denen man unterwegs begegnet ist und die sich im Laufe der Reise oder erst danach als Erzählstrang verdichten.

© Eric Pawlitzky

Jede Schachtel eine Geschichte, „Black Box“ im doppelten Sinne. Und die Einladung zu den Geschichten jeweils ein großformatiger Print an der Wand der Galerie. 20 Einladungen, die Schachteln aufzumachen und die Geschichten anzusehen.

Das hat funktioniert: Die Leute waren neugierig und es gab zu einigen Schachteln, z.B. zu denen mit den Themen „Waiting Europe“ oder „Gott“ regelrechte Warteschlangen.

© Eric Pawlitzky

Warum dieses Plädoyer für das fotografische Flanieren? Bei einer klassischen Bildreportage reduzieren sich die Bilder oft auf Illustrationen des Erwartbaren. Der Fotograf hat die Geschichte im Kopf und sucht nach einer visuellen Umsetzung. Aber warum nicht auch einmal umgekehrt vorgehen und den Bildern den Vorrang geben?

Die Ausstellung „Tallinn – Constanta – 3.000 km Europa“ ist vom 28. Februar bis zum 5. April 2014 in der Galerie im Stadtspeicher des Jenaer Kunstvereins zu
sehen.


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Ein Plädoyer für das fotografische Flanieren

28 Feb

Ein Beitrag von: Eric Pawlitzky

Nichts provoziert das Auge mehr als eine fremde Landschaft, ein fremder Mensch, das Unbekannte. Und nichts ist langweiliger als Sehenswürdigkeiten zu fotografieren. Also fährt man am besten dort hin, wo die Begegnung mit Sehenswürdigkeiten eher nicht droht, z.B. nach Osteuropa.

Das Risiko, Bekanntem zu begegnen, kann man weiter reduzieren, indem man einen geografischen Zufallsgenerator zwischenschaltet. Das habe ich im Sommer 2012 getan, indem ich mit Frau und jüngstem Kind (zwei hervorragende Entschleunigungsfaktoren) den Versuch unternahm, einmal mit der Eisenbahn entlang der EU-Ostgrenze von Tallinn nach Constanta zu reisen.

Man kommt so etwa nach Paldiski, Tartu, Muszyna, Galati oder St. Gheorghe. Das sind Orte, an denen ich nie zuvor gewesen bin. Und das sind Orte, die von den Reiseführern bestenfalls einen Dreizeiler an Aufmerksamkeit erhalten. Man kommt also an und ist wunderbar planlos.

© Eric Pawlitzky

Fotografisch ist das eine Herausforderung. Klar, man könnte auf einer solchen Reise ohne Ende Bahnhöfe, Lokomotiven, Leute im Zug fotografieren, wenn man sechs Wochen an jedem dritten Tag Eisenbahn fährt oder immer das Rathaus oder den Blick aus dem Fenster nach dem Aufwachen am Morgen.

Mein Ziel aber war es, mein Sehen zu schulen, die Flüchtigkeit der Aufenthalte so gut wie möglich zu nutzen. Also in vergleichsweise kurzer Zeit Dinge zu finden, die ein Bild wert sind, Menschen, deren Sprache man nicht kennt, zu einem Portrait zu überreden (mit Gesten und freundlichen Blicken), etwas Typisches finden, den Klischees trotzen oder genau denen auch mal freien Lauf lassen.

Das habe ich zuvor in Berlin geübt. An einem verregneten Sommertag hatte ich die Idee, von Flughafen zu Flughafen zu laufen, von Schönefeld nach Tegel. Das sind etwa 30 km, die man in gut sechs Stunden schaffen kann. Also mit dem Lineal einen Strich über den Stadtplan gezogen und los.

Und siehe da, ich kam durch Straßen, deren Existenz mir völlig unbekannt war. Fast schon sprang mich die Langeweile an. Dann hatte ich meine Geschichte. Ein geradezu spöttisch wirkendes Plakat – in der gesamten Stadt verteilt. Das habe ich dann fotografiert mit dem umgebenden städtischen Raum, immer wieder.

© Eric Pawlitzky

Dann fiel mir auf, wie viele Gemüsehändler es auf den Fußwegen gibt, wie interessant die Spuren der fünfziger Jahre sind.

© Eric Pawlitzky

Das war die Fingerübung für die Reise durch immerhin sieben Länder. Ich wollte etwas über Osteuropa erzählen, das über einen klassischen Reisebericht hinausgeht. Ich suchte nach Bildern, nicht nach Motiven.

Das war der Versuch, die Umgebung anzusehen, als wäre sie eine Sammlung interessanter Grafiken. Die musste man eigentlich nur entdecken und ablichten. Ich wollte nicht zuerst erzählen, ich wollte zuerst die Bilder. Und siehe da – mit den Bildern kamen auch die Geschichten.

© Eric Pawlitzky

3.000 km und 3.000 Auslösungen später eine Ausstellung. Die Eindrücke waren noch frisch, für eine wirkliche Quintessenz fast zu früh. Ich habe 200 Bilder gezeigt – verpackt in zwanzig Schachteln, die die Besucher öffnen konnten, in denen man stöbern durfte.

Die Idee: Die Betrachter ein wenig verwirren und keine Sortierung nach Ländern oder Chronologie, sondern aus den Bildern Geschichten und Zusammenhänge filtern, die mit den Orten oft nur noch indirekt zu tun haben. Mit Themen, denen man unterwegs begegnet ist und die sich im Laufe der Reise oder erst danach als Erzählstrang verdichten.

© Eric Pawlitzky

Jede Schachtel eine Geschichte, „Black Box“ im doppelten Sinne. Und die Einladung zu den Geschichten jeweils ein großformatiger Print an der Wand der Galerie. 20 Einladungen, die Schachteln aufzumachen und die Geschichten anzusehen.

Das hat funktioniert: Die Leute waren neugierig und es gab zu einigen Schachteln, z.B. zu denen mit den Themen „Waiting Europe“ oder „Gott“ regelrechte Warteschlangen.

© Eric Pawlitzky

Warum dieses Plädoyer für das fotografische Flanieren? Bei einer klassischen Bildreportage reduzieren sich die Bilder oft auf Illustrationen des Erwartbaren. Der Fotograf hat die Geschichte im Kopf und sucht nach einer visuellen Umsetzung. Aber warum nicht auch einmal umgekehrt vorgehen und den Bildern den Vorrang geben?

Die Ausstellung „Tallinn – Constanta – 3.000 km Europa“ ist vom 28. Februar bis zum 5. April 2014 in der Galerie im Stadtspeicher des Jenaer Kunstvereins zu
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Was für mich wichtig ist

02 Dec

Ein Beitrag von: Mike Peters

Die Fotografie hat mein Leben gerettet, als ich noch ein Teenager war. Sie gab mir etwas, in das ich eintauchen konnte und eine Rechtfertigung dafür, draußen in der Welt zu sein. Herumzugucken, zu glotzen und schließlich Menschen zu treffen. Über mich selbst etwas zu lernen.

Die Fotografie gab mir außerdem eine Stimme in einer Zeit, in der ich keine Stimme hatte. Sie war ein Mittel, um zu zeigen, wie ich die Welt sah. Und mit meinen Gefühlen verbunden zu sein, die ich dann in den Aufnahmen ausdrückte.

Ich fühlte mich allein, einsam und hatte kein Selbstvertrauen. Das Fotografieren war für mich dann sowohl Flucht als auch Rettung.

woman reading 1978 © Mike Peters

In der Hochschul-Bibliothek brütete ich über Fotomagazinen und las alles Mögliche von Kameras, über Objektive bis hin zu allen möglichen Techniken. Über die Fotografien selbst wurde nur wenig geschrieben und über die Beweggründe der Fotografen auch nicht. Es ging nur um Grundlagen und Kleinkram.

Dann fand ich die Arbeiten von Robert Frank, W. Eugene Smit, Henri Cartier-Bresson, Walker Evans, Robert Cape, Brassaï, McCullin, Andre Kertesz, Diane Arbus, Richard Avedon, Dorothea Lange und vielen anderen, die zu meiner Inspiration wurden.

Ich wusste nicht, was ihre Arbeit so gut machte, aber ich wusste, dass das, was ich beim Anblick der Bilder fühlte, mehr war als nur visuelle Freude. Es war tiefer und komplexer.

Wenn ich daran zurückdenke, waren alle Bilder, die für mich in den frühen Jahren wichtig waren, schwarzweiß. Jahrelang habe ich persönliche Projekte mit 35mm-Schwarzweißfilm durchgeführt, aber wenn ich mir diese nun ansehe, fühlen sich die meisten trivial an. Denn alle meine Arbeiten, die ernstzunehmen sind, sind in Farbe entstanden.

2 women NYC 1988 © Mike Peters

Ich bin mir nicht wirklich sicher, was ich daraus schließen soll, aber mir ist klar, dass ich vielleicht zu verkrampft versuchte, „wichtige“ Fotos zu machen, anstatt mehr Zeit in meine eigenen Interessen zu investieren und meinem Herz zu folgen.

Was ich damals noch nicht wusste: Ich musste mehr erleben, um zu herauszufinden, was für mich wichtig ist. Um eine eigene Meinung über die Welt zu haben und eine große Leidenschaft zu spüren, bevor ich jemals ein Foto mit Inhalt machen könnte.

Ich war zu sehr in die Fotografie verliebt, um ein guter Fotograf zu sein. Ich musste lernen, das Leben selbst mehr zu lieben.

Im College hatte ich gelernt, wie man eine 4×5-Großformatkamera benutzt. Mir gefiel die Schlichtheit des Prozesses und der schöne Anblick des Einstellbildes. Zusätzlich wurde mir klar, dass es eine besondere Herausforderung war, Menschen damit zu fotografieren. Denn ich war gezwungen, sehr genau zu planen, wen und was ich im Bild haben wollte.

4 kids Kearny 1984 © Mike Peters

Zuerst musste ich meine Furcht überwinden, Menschen zu fragen, ob ich ein Bild von ihnen machen dürfe. Weil es eine zeitlang dauerte, bis ich soweit war, konnten die Leute sich entspannen (ich auch) und schließlich setzten sie sich der Kamera aus.

Ich habe viele Jahre damit verbracht, die Straßen meiner Heimatstadt mit der Großformatkamera auf der Schulter abzulaufen. Ich traf Leute und fragte sie, ob ich sie fotografieren dürfe. Jedes mal war es fürchterlich für mich, Leute so anzusprechen, obwohl die Kamera selbst genügend Anlass zum Gespräch gab.

Die Signifikanz dieser frühen Aufnahmen ragt weit in mein Leben hinein und dennoch brauchte ich viele Jahre, um die Lehren zu verstehen, die sie mir vermitteln sollten.

Bis 2001 machte ich Portraits von Menschen mit der Großformatkamera. Doch dann interessierte ich mich mehr für eine spontanere Art und Weise, zu fotografieren. Außerdem fand ich die überzeugende Einfachheit des quadratischen Formates zunehmend spannend.

September 11, 2011, NYC © Mike Peters

2002 wechselte ich dann zu 6×6-Filmkameras und begann, ungestellte Bilder von Menschen auf der Straße zu machen.

Das Quadrat hat mich kompositorisch befreit. Ich bin sehr vertraut mit seinen Begrenzungen und mag die Herausforderung, das Bild passend zu komponieren. Weil ich mich nicht mehr entscheiden muss, ob ich quer- oder hochformatig fotografiere, kann ich mich einfach auf das konzentrieren, was vor mir ist und wohin ich mich stellen muss.

So zu fotografieren ist für mich sehr intuitiv und das Quadrat sehr bequem. Es unterscheidet auch meine persönliche Arbeit von der, die ich für Kunden mache: Die ist stets rechteckig. Wenn ich heute das Quadrat sehe, muss beim Fotografieren das Bild nur mir gefallen.

Durch diesen Übergang von 4×5 zum Quadrat begann ich, meine frühen Fotografien neu zu studieren. Bald konnte ich verstehen, warum und was diese Aufnahmen in mir zum Schwingen brachten.

Pursuit of Happiness Coney Island NYC © Mike Peters

Ich machte ganz bewusste Entscheidungen betreffend der Menschen, die ich fotografierte und begann, zu sehen, dass jede Person etwas ganz Besonderes hatte, das mich ansprach. Sei dies ein Gesichtsausdruck oder ihre Körpersprache.

Von da an konnte ich meine Bilder weiter studieren und dieselben Verbindungen herstellen. Endlich hatte ich meine Stimme gefunden!

Pursuit of Happiness Coney Island NYC © Mike Peters

In diesem Jahr, 2013, habe ich damit angefangen, digital im Quadrat zu fotografieren, um meine Zeit produktiver zu nutzen. Ich bin mittlerweile soweit, dass das Equipment, das ich benutze viel unwichtiger ist als das Bild selbst. Technik und Gadgets sind nur insofern wichtig, als dass sie das Bild liefern, ansonsten sind sie nebensächlich.

Wenn ich mich jetzt in der Welt bewege, kann ich mich selbst in den Gesichtern der anderen erkennen, sie von der Masse unterscheiden und schnell einen Kontakt herstellen. Wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde.

Meine Bilder repräsentieren meine Suche nach universellen Wahrheiten des Lebens – im Gesicht der anderen. Meine Fotografien sind der Versuch, zu zeigen, dass ich hier war und sie bestätigen, dass die Fotografierten auch da waren. Alles, was ich anbieten kann, ist meine Perspektive.

Ich möchte einen Beweis hinterlassen, dass wir existiert haben. An diesem Ort, zu dieser Zeit. Meine einzige Hoffnung ist, dass meine Aufnahmen in den Herzen und Gedanken anderer etwas bewegen.

July 4th Parade, Ridgefilend Park, NJ © Mike Peters

Im Jahrzehnt nach den Anschlägen in New York City am 11. September 2001, die ich von ein paar Meilen entfernt sah, versuchte ich, meine Gefühle über das, was ich gesehen hatte, zu sortieren. Ich schaute in die Gesichter der Menschen um mich herum und fotografierte, was ich in dieser Zeit des Übergangs und Aufruhrs sah und fühlte. Diese Arbeit trägt den Namen „The Dream“.

Ich habe mich immer gefragt, was aus dem amerikanischen Traum geworden ist – dass man mit harter Arbeit alles erreichen kann. Ist das überhaupt realistisch und verfolgenswert? Ist der amerikanische Traum heute immer noch stimmig oder müssen wir unsere Erwartungen ändern?

Was ich weiß, ist, dass das Leben für viele Menschen, die ich täglich treffe sehr viel härter geworden ist. Und dennoch ist da die Hoffnung, dass die Dinge sich ändern werden. Auch ein Verständnis dafür, dass egal, wie hart es wird, wir uns glücklich schätzen dürfen, hier zu leben.

Seit 2011 arbeite ich an einem weiteren Projekt über eine Gegend in Manhattan, die der „Meatpacking District“ genannt wird. Früher was es dort dreckig, es stank und sah nachts und an Wochenenden total desolat aus. Der optimale Ort für eine wachsende Straßenprostitution und Bars zum Abstürzen.

Meatpacking District, NYC © Mike Peters

Heute ist der Ort viel moderner geworden. High-End-Geschäfte, Restaurants und Clubs haben Schotter und Ruß durch Glanz und Glitzer ersetzt. Menschen aus aller Welt strömen in die Gegend, um eine gute Zeit zu haben.

Für dieses Projekt fotografiere ich nachts mit einem Blitz. Ich halte Menschen an, die ich interessant finde und frage, ob ich ein Bild machen darf. Ich ihren Gesichtern erkenne ich denselben verzweifelten Drang, Spaß zu haben, wie ich ihn als junger Mann hatte.

Meatpacking District, NYC © Mike Peters

In den (geplanten) Unterhaltungen kann ich meistens Momente der Spontanität und Individualität entdecken. In diesen Sekunden, in denen ich wieder in Kontakt mit meinem Subjekt bin, wenn ich den Menschen meine Aufmerksamkeit für ihr Dasein gebe, teilen sie ihre kostbare Zeit mit mir und öffnen sich für den Prozess, von mir und Euch, den Betrachtern, gesehen zu werden.

Wie immer bin ich dankbar für die Menschen, die ich fotografiere, denn sie sind es, die mir eine Art Bestimmung geben, wenn ich einen kleinen Teil ihrer Geschichte erzähle. Und langsam aber sicher meine eigene herausfinde.

Meatpacking District, NYC © Mike Peters

Die Fotografie hört nicht auf, mein Leben zu retten, hält mich jeden Tag in Kontakt mit Menschen, draußen in der Welt und ernährt mich. Ich bin dankbar für all die Gaben, die die Fotografie mir und meiner Familie gebracht hat. Ich bin in der Tat ein glücklicher Mensch.

Dieser Artikel wurde von Martin Gommel aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.


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Für eine Handvoll Dollar

18 Sep

Ein Beitrag von: Maximilian Rempe

Die Desierto de Tabernas liegt im Süden Spaniens, 40 km nördlich von Almeria. Almeria ist bekannt für seine Gewächshäuser, die ganz Europa zu jeder Jahreszeit mit Obst und Gemüse versorgen. Möglich macht das die ungewöhnliche Wetterlage in dem Gebiet. Es regnet selten und die Sonne scheint hier so oft wie an keinem anderen Ort in Europa.

Das ist auch einer der Gründe, weshalb die Desierto de Tabernas für etwas völlig Anderes bekannt ist, auch wenn sie den meisten kein Begriff sein dürfte.

Durch einen Gebirgszug abgeschnitten von der feuchten Mittelmeerluft, erstreckt sich eine karge, felsige und staubige Ebene. Zerklüftet durch Hügel, Täler und nur bewachsen von Sträuchern und farblosen Gräsern, ähnelt die nur 280 km² kleine Landschaft den großen Wüsten Nordamerikas.

Desierto de Tabernas © Maximilian Klein

Genau deswegen entdeckten viele europäische Filmemacher in den 60er Jahren die Desierto de Tabernas als ideale Möglichkeit, echte Westernfilme in echter Kulisse zu drehen; auch mit kleinem Budget. Allen voran war es Sergio Leone, der den aufkommenden Italo-Western-Hype förderte und seine berühmtesten Werke in der Gegend rund um die Provinzstadt Tabernas produzieren ließ.

Für meine Bachelorarbeit, mit der ich mein Fotodesign-Studium in München abgeschlossen habe, war ich auf der Suche nach einem ungewöhnlichen Thema, einem ungewöhnlichen Ort. Dabei hatten es mir besonders die Wüstengegenden angetan. Die Farbwelten und Lichtstimmungen faszinierten mich schon lange und meine Abschlussarbeit erschien mir der richtige Anlass, endlich in einer Wüste zu arbeiten.

Doch in welcher und zu welchem Thema? Sicherlich gibt es viele Wüstengegenden in der Welt, doch eine reine Arbeit über Landschaften erschien mir zu wenig. Nein, es sollte schon mehr sein. Also machte ich mich auf die Suche, durchforschte das Internet und googlete nach Wüsten, Wüsten, Wüsten.

Desierto de Tabernas © Maximilian Klein

In meinen Arbeiten tauchen immer wieder marode oder unvollendete, vom Menschen verlassene Strukturen auf: Skidörfer, die nach der Schneeschmelze wie Geisterstädte zurückbleiben, wartend auf den nächsten Winter und die tausenden Skifahrer, die ihnen wieder Leben einhauchen.

Oder die Formel-1-Rennstrecke in Singapur, die einmal im Jahr eine ganze Stadt verändert und Autobahnen, Straßenzüge und ganze Viertel lahmlegt. Meine Abschlussarbeit sollte wieder in eine ähnliche Richtung gehen: Zurückgelassene Strukturen, verfallene Gebäude. Durch Zufall erfuhr ich in einem Gespräch mit einem Bekannten von der Gegend in Südspanien.

Eine Wüste! Er erzählte davon, wie er vor mittlerweile über 20 Jahren mit ein paar Freunden und einem alten Ford Escord die 2.400 km bis nach Tabernas gefahren war, um dort wandern zu gehen. Mitten in der Wüste, in einem kleinen Tal, entdeckten sie ein metallisch glänzendes, merkwürdiges Objekt. Es sah aus wie ein UFO.

Desierto de Tabernas © Maximilian Klein

Neugierig erkundeten sie ihren Fund. Es erwies sich als notdürftig aus Pappe, Holz und glänzender Folie zusammengenagelte Konstruktion. Eine Filmkulisse. Für irgendeinen Science-Fiction-Film. Doch von der Filmcrew war weit und breit nichts zu sehen und der schlechte Zustand des „UFOs“ ließ vermuten, dass sie auch schon eine Weile nicht mehr dort gewesen waren.

Die Geschichte faszinierte mich. Alte und verlassene Filmsets, mitten in einer staubigen, kargen und menschenleeren Umgebung. Ich recherchierte mehr über diese Gegend: Seit den 60er Jahren entwickelte sich die Desierto de Tabernas von einer unscheinbaren, trockenen und ungenutzten Wüste zu einem quirligen Filmset.

Insbesondere die Westernfilme fanden hier ideale Bedingungen. Sergio Leone prägte zu Beginn der 60er Jahre ein völlig neues Genre: Den Italo-Western. Leone war begeistert von den amerikanischen Filmen, die bislang den Filmmarkt beherrschten und war davon überzeugt, dass auch europäische Westernproduktionen erfolgreich sein konnten.

Desierto de Tabernas © Maximilian Klein

Desierto de Tabernas © Maximilian Klein

Mit „Per und Pugno di Dollar“ („Für eine Handvoll Dollar“) wagte er dann 1964 einen ersten Schritt. Das Budget war allerdings knapp und so reichte es nicht für die zur Zeit großen Schauspieler wie etwa Henry Fonda oder James Coburn. Stattdessen konnte der damals noch unbekannte TV-Schauspieler Clint Eastwood verpflichtet werden.

Und auch die Filmsets mussten aus finanziellen Gründen in Europa bleiben. „Für eine Handvoll Dollar“ wurde daher größtenteils in der Tabernas-Wüste gedreht, die den typischen Western-Landschaften Nordamerikas ähnelt und wurde trotz zweifelnder Kritiker, die den Film entweder gar nicht beachteten oder aber in der Luft zerissen, zu einem sensationellen Erfolg.

Clint Eastwood wurde über Nacht zu einem internationalen Filmstar und „Für eine Handvoll Dollar“ prägte eine ganz Generation von Filmen. Mit ihrem finanziellen Erfolg und den relativ günstigen Produktionskosten löste die „Dollar“-Trilogie eine wahre Flutwelle an Italo-Western aus.

Desierto de Tabernas © Maximilian Klein

Ende der 60er Jahre brodelte die Wüste. Überall wurde gedreht. Wilde Schießereien, rasante Pferdestunts und Cowboys auf der Suche nach Schätzen, Banditen und Rache. Für alle Filme wurden neben den tollen Landschaften auch Kulissen benötigt, die noch nicht vorhanden waren. Anders als es in Amerika teilweise der Fall war, gab es in der Wüste natürlich keinerlei Dörfer oder Gebäude, die ins Bild eines Westernfilms passen wollten.

Also mussten diese für die Filmproduktionen extra errichtet werden. In der Desierto de Tabernas wurden ganze Westerndörfer aus dem Boden gestampft. Bereits während der Dreharbeiten waren die Filmsets wackelig und fragil, sie sollten möglichst kostengünstig sein und sowieso nur für die Zeit der Filmproduktion halten.

Es entstanden Saloons, Banken, Forts und Dörfer aus notdürftig zusammengenagelten Holzgerüsten, Strohmatten, Putz und etwas Farbe. Zeitweise gab es so bis zu 14 Filmdörfer und Dutzende einzelne kleine Kulissen. Nach dem Ende der Dreharbeiten interessierte sich niemand mehr für die Gebilde. Für eine normale Nutzung als Haus, Lagerhalle oder Stall waren sie nicht brauchbar und ohnehin gab es in der beinahe menschenleeren Gegend niemanden, der sie hätte nutzen wollen.

Desierto de Tabernas © Maximilian Klein

Und da es noch zu früh für Naturschutz war (die Gegend wurde erst 1989 als Naturschutzgebiet ausgewiesen), verblieb alles so in der Wüste, wie es die Filmcrews zurückgelassen hatten. Viele Regisseure nutzten die schon vorhandenen Möglichkeiten, die vorherige Produktionen hinterlassen hatten, mit teilweise nur minimalen Veränderungen (neuer Anstrich, neue Requisiten) für ihre eigenen Produktionen.

So kommt es, dass in ein- und derselben Kulisse viele verschiedene Filme gedreht wurden. Kulissen, die aber längere Zeit nur sich selbst überlassen waren, fielen schnell den Witterungsbedingungen in der Wüste zum Opfer. Ein permanent kräftiger Wind und teilweise ergiebige Regenfälle im Winter setzten den Konstruktionen so zu, dass sie schon nach wenigen Jahren völlig zerstört waren.

Viele erkennt man heute so gut wie nicht mehr. Die vielen Filme sorgten dafür, dass neben Regisseuren und den großen Filmstars auch scharenweise kleine Schausteller, Stuntmen und Statisten mit der Hoffnung auf eine Rolle in die Wüste kamen.

Desierto de Tabernas © Maximilian Klein

Während der Hochphase der Filmindustrie in der Desierto de Tabernas kamen viele von ihnen in kleinen Komparsenrollen unter oder jobbten in den verschiedenen Bereichen der Filmproduktionen. Doch der Hype, der mit Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ seinen Höhepunkt fand, endete wieder.

Nach knapp zwei Jahrzehnten kehrte in der Wüste wieder Ruhe ein und mit den Filmcrews verschwanden auch Geld und Arbeitsplätze. Zurück blieben viele der Statisten und Komparsen, die versuchen, den Westernmythos bis heute weiter zu leben. Als Touristenbespaßer arbeiten sie in den drei verbliebenen, zu Themenparks umgebauten, Filmstädten „Texas Hollywood“, „Western Leone“ und „Oasys“.

Sie veranstalten Stuntshows, fahren die Gäste in Kutschen durch die staubige Wüste oder lassen sich mit kleinen Kindern fotografieren. Man merkt schnell, dass die goldenen Zeiten des Wilden Westens in Tabernas vorüber sind. Denn die Stuntshows wirken oberflächlich, improvisiert und selbst die Kulissen, die noch genutzt werden, verfallen langsam.

Desierto de Tabernas © Maximilian Klein

Desierto de Tabernas © Maximilian Klein

Was bleibt, ist eine melancholische Stimmung, die über der gesamten Desierto de Tabernas liegt. Eine Stimmung, die wahrscheinlich nur noch die eingefleischten Fans von Clint Eastwood und Sergio Leone ausblenden können, wenn sie in Nostalgie schwelgend durch die Wüste wandern. Ennio Morricones berühmte Melodie immer im Kopf.

Fotografie

Im April 2013 war ich für drei Wochen in der Desierto de Tabernas. Ich erkundete soviel wie möglich und sprach mit Touristen und Cowboys, Arbeitern und Durchreisenden. Vielen gefiel mein Projekt, eine Fotoserie über die Wüste zu machen. Dementsprechend waren auch so gut wie alle einverstanden, als ich fragte, ob ich sie fotografieren dürfe.

Verwundert waren sie dann aber über meine Kamera: analog. Mit einer Hasselblad 503 cm für die Portraits sowie einer Linhof Technorama 617s III für die Panorama-Aufnahmen von Landschaften und Filmkulissen. Zwei Mittelformatkameras, mit denen ich in 20 Tagen über 100 Rollfilme belichtet habe.

Warum analog? Seit rund einem Jahr begeistere ich mich immer mehr für die analoge Fotografie, ich hatte genug davon, meine Panoramen am Computer montieren zu müssen. Und begeistert davon, wie sorgsam und überlegt ich arbeite, wenn ich das Ergebnis nicht sofort am Monitor überprüfen kann. Die höheren Kosten und den größeren Aufwand nehme ich gern in Kauf, wenn ich mir das Stitchen und Aussortieren von Tausenden Fotos sparen kann.

Desierto de Tabernas © Maximilian Klein

Die Linhof Technorama 617s III, die ich im Equipment meiner Hochschule entdeckte, ist eine große Kamera aus massivem Metall mit einem festen, nicht wechselbaren Objektiv. Sie belichtet den Rollfilm in einem Bildformat von 3:1 mit erstaunlich wenig Verzeichnung und einer schönen Vignettierung. Zusammen mit dem feinen Korn und den Farben des Kodak Ektar 100 eine wunderbare Kombination.

Im Vergleich zur Hasselblad (6×6) ist das Negativ drei Mal so groß, die Qualität daher enorm und fast nur mit Großformatfotografie vergleichbar. Statt 12 gehen aber auch nur noch 4 Bilder auf jeden Film, so dass man ständig mit Filmwechseln beschäftigt ist. In der staubigen Gegend rund um die Westerndörfer und Filmkulissen keine leichte Angelegenheit.

Nach der Entwicklung der Filme und dem Scannen der Negative folgte die Gestaltung eines Buchs mit über 60 Fotografien, ergänzt durch kurze Texte. Das Buch ist 120 Seiten stark und in Zusammenarbeit mit einer kleinen Buchbinderei aus München entstanden.

Mit dem Buch und dem gesamten Projekt konnte ich mein Fotodesign-Studium im Juli erfolgreich beenden.


kwerfeldein – Fotografie Magazin

 
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Das 1 X 1 für kleine Fotografen

15 Mar

Es gibt einen Grund, warum meine große Tochter gerade in der Küche steht und Erdbeerkuchen fotografiert. Er heißt: „Das 1 X 1 für kleine Fotografen“. Dieses Fotobuch für Kinder möchte ich Euch und vor allem Euren Kleinen ans Herz legen.

Wenn man selbst fotografiert, dauert es nicht lange, bis sich auch ganz besonders die eigenen Kinder für die Kamera interessieren. Aber wie erklärt man ihnen die Blende und Belichtungszeit? Und wie kann man dazu motivieren, auch nach anfänglichen Schwierigkeiten weiter mit der Kamera zu experimentieren? Dieses Buch bietet eine wunderbare Möglichkeit für Kinder, im Selbststudium den Einstieg in die Fotografie zu wagen.

Olaf, der haarige Rotfuchs, ist Fotograf und kennt einige Tipps und Tricks. Mit seinem Assistenten Gustav, einer kleinen Grasmaus, führt er durch das Buch, das zunächst einen kurzen Abriss über die Geschichte der Fotografie bietet. Nach einer kleinen Einführung in die Grundlagen wie Blende, Fluchtpunkt und Schärfentiefe geht es mit dem ersten von insgesamt neun Fotokursen los.

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„Fotografiere dein Lieblingsdessert“, „Schminke und frisiere deine Mama und fotografiere sie dann“ und „Erzähle deine Ferien mit Fotos“ sind nur drei Beispiele dieser Kurse und zeigen, dass das Buch Einblick in sehr verschiedene Fotosparten gibt.

Jeder Kurs ist mit vielen Beispielbildern versehen und enthält Tricks, so dass die Kinder nach und nach mehr Erfahrung sammeln können und nicht gleich mit einer Flut an Möglichkeiten überfordert werden. Auch wenn ich selbst kein Fan von beengenden Regeln innerhalb der Fotografie bin, so sind diese für den Anfang sicher nützlich. Ohnehin neigen Kinder naturgemäß dazu, Regeln zu durchbrechen und Neues zu testen.

Olaf gibt auch ganz praktische Tipps, wie zum Beispiel auf die Wettervorhersage zu achten oder an den aufgeladenen Akku und die leere Speicherkarte zu denken, wenn man wieder losziehen will. Ihr merkt, so ein paar Tipps hat Olaf auch für die alten Hasen…

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Nach jedem erfolgreich absolvierten Kurs ist Platz für die eigenen Bilder und zum Schluss gibt es ein „Diplom für kleine Fotografen“. Auch findet sich auf den letzten Seiten noch ein kleines Fotolexikon sowie ein kurzes Kapitel zum Thema Bildrechte mit Vordrucken zum Unterschreiben für die Modelle.

So, nun muss ich aber den übriggebliebenen Kuchen vom Fotoshooting essen und helfen, die entstandenen Bilder auf den PC zu übertragen, um sie anschließend zu drucken. Vielleicht habt Ihr ja auch bald das Vergnügen?

~

„Das 1 X 1 für kleine Fotografen“*
von Lumi Poullaouec
erschienen im Addison-Wesley Verlag
Altersempfehlung: 7 – 14 Jahre
Preis: 19,95 €

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kwerfeldein – Fotografie Magazin

 
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