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Archive for the ‘Equipment’ Category

Inspiration oder Plagiat? Ein Drahtseilakt.

28 Aug

Das Internet beherbergt ein Sammelsurium an Bildern, die sich häufig wiederholen. Doch worin besteht der Kern von Kreativität? Was versteht man unter schöpferischer Leistung? Wodurch unterscheidet man Inspiration und Plagiat? Ein Beitrag über Gedankendiebstahl in der Fotografie und über den Wert von Kreativität.

Vor einiger Zeit beriet ich einen Freund bei der Erstellung einer Bewerbung für eine Kunsthochschule. Ihm fehlten die richtigen Ideen. Ich riet ihm, sich mal ein paar Bücher zu schnappen und sich davon inspirieren zu lassen. Unter anderem schickte ich ihm einen Link zu einem Künstler, der aktiv in die Natur eingriff und dies fotografisch dokumentierte.

Nach ein paar Wochen zeigte mir dieser Freund die Bewerbung, die er bereits eingereicht hatte. Mit großen Erstaunen sah ich, dass seine Arbeit eine fast detailgetreue Kopie des von mir empfohlenen Künstlers war. Noch verblüffter jedoch war ich, als er meinte, dass dies seine eigene Idee gewesen sei. Diese Erfahrung machte mich stutzig und ich begann, mich mit Plagiaten innerhalb der Kunst näher zu befassen.

Kopie des Originals (Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras, Joseph Nicéphore Niépce, 1926)

Kopie des Originals (Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras, Joseph Nicéphore Niépce, 1926)

Plagiate in der Kunst sind keine Neuerscheinung. Viele Künstler haben Picasso nicht in ihr Atelier geladen, weil dieser bekannt für gutes Adaptieren von unveröffentlichten und unbekannten Kunstwerken war. „Schlechte Künstler kopieren, herausragende stehlen.“, soll Picasso einst gesagt haben.

Plagiate können aber auch legal, also Teil eines Konzepts, sein. Künstlerinnen wie Elaine Sturtevant und Sherrie Levine haben Werke von Roy Lichtenstein, Jasper Johns oder Andy Warhol bewusst 1:1 kopiert. Ihre Arbeiten zählen zur Appropriation Art, die dafür steht, dass bestehende Kunstwerke vervielfältigt werden. Der Akt des Kopierens ist demnach das Konzept. Fälschen ohne Quellenangabe ist hingegen strafbar, wie der relativ aktuelle Fall Wolfgang Beltracchi zeigte.

Auf diese Strömungen der Appropriation Art bezugnehmend, hat Cornelia Sollfranck Netzwerk-Generatoren entworfen. Über die Eingabe eines Suchbegriffs erstellt dieses Programm eine Collage aus verschiedenen Bildern zum gleichen Thema. Damit hinterfragt Sollfranck nicht nur die Wiederverwendung von Themen in der Kunst, sondern auch die Flut der Bilder.

Wir leben in einer Zeit, in der Bilder wie Eintagsfliegen auf dem Bildschirm erscheinen und wieder vergehen. Anders als Eintagsfliegen scheint jedoch die eine oder andere Idee in leicht veränderter Form wiederaufzuerstehen.

Kopie einer Kopie des Originals (Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras, Joseph Nicéphore Niépce, 1926)

Kopie einer Kopie des Originals (Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras, Joseph Nicéphore Niépce, 1926)

Doch worin liegt der Kern einer guten, eigenen Idee?

Grundlegend ist es schlau, wenn man sich Inspiration holt, denn tatsächlich ist das Bestandteil eines Entwicklungsprozesses. Menschen lernen von anderen, indem sie imitieren. Ohne Nachahmung gäbe es keinen Fortschritt. So beginnen Amateurfotografen meist damit, Motive, die ihnen gefallen, zu kopieren. In den wenigsten Fällen wird eine Referenz oder „Inspirationsquelle“ kenntlich gemacht. Dies führt dann dazu, dass wir im Internet die Kopie einer Kopie einer Kopie wiederfinden.

Neben dem Wunsch, sich zu verbessern, steckt darin auch ein Wunsch nach Anerkennung. Mein Fotografielehrer Oliver S. Scholten meinte dazu:

Wenn Euch etwas gefällt, probiert es aus, macht es nach, aber lasst es um Himmels Willen in der Schublade verschwinden und zeigt es bloß niemandem. Der Prozess des Fotografierens ist im Optimalfall Belohnung genug.

Dies zeigt auch das Beispiel von Vivian Maier, die jahrelang fotografiert hat, ohne ihre Bilder zu veröffentlichen. Ihre Arbeiten sind erst nach ihrem Tod durch einen Auktionsverkauf aufgetaucht. Lob hat nicht lange Bestand. Was jedoch überdauert und nicht käuflich ist, ist die Erfahrung einer stetigen Weiterentwicklung. Und eine gute Idee zu entwickeln, braucht Zeit.

Paradigmatisch sind verschiedene Fotografien, die bestimmten Trends zuordenbar sind. Zeitgleich mit Erscheinen der Dokumentation „Die Woodmans“ waren beispielsweise Bilder mit einer Francesca-Woodman-Ästhetik sehr beliebt. Dieses Kopieren ist jedoch keine Kunst, sondern ein Üben von Fotografietechniken. Im Zweifelsfall ist es sogar ratsam, den urhebenden Künstler um Zustimmung zu fragen. Im besten Fall resultiert daraus, worum es in der Kunst eigentlich gehen sollte: Um Austausch und Kooperation.

Kopie einer Kopie einer Kopie des Originals (Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras, Joseph Nicéphore Niépce, 1926)

Kopie einer Kopie einer Kopie des Originals (Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras, Joseph Nicéphore Niépce, 1926)

Worin liegt der Unterschied zwischen Inspiration und Plagiat?

Die Grenze zwischen Inspiration und Plagiat ist nicht klar, sondern die Übergänge zwischen beiden Polen sind fließend (siehe auch der Artikel von Laura Zalenga). Das sieht man in vielen Fotoportalen, die an vielen Stellen vor inspirierten Plagiaten blühen. Solche Fotoportale sind die Schublade des Fotografen, einerseits mit dem Vorteil, andere an der eigenen Entwicklung teilhaben zu lassen, andererseits verführt sie aber auch zum Adaptieren.

Worin der Unterschied zwischen Inspiration und Plagiat liegt, zeigen verschiedene Plagiatsfälle innerhalb der Kunst. So zum Beispiel der Fall Rehberger. Rehberger hatte ein Kunstwerk für die Berliner Staatsbibliothek geschaffen, das so stark an ein Op-Art-Gemälde von Bridget Riley erinnert, dass das Werk nach wenigen Tagen verhüllt wurde. In solchen Fällen greift das Urheberrechtsgesetz. Dazu Robert Walter, Gründer und Geschäftsführer der Panthermedia GmbH in der Profifoto:

Eine Fotografie ist dann ein Plagiat, wenn das fotografierte Objekt nachgestellt und erneut fotografiert wurde. Wird bei dem Nachstellen einer bereits vorhandenen Fotografie die in der Vorlage verkörperte schöpferische Leistung übernommen, handelt es sich um eine Vervielfältigung in Form der Bearbeitung, die der Einwilligung des Urhebers des bearbeiteten Werkes bedarf.

Ein ähnlicher Fall wie der von Rehberger wurde vor einiger Zeit in der Presse diskutiert. David Burdney wurde vorgeworfen, dass er das Konzept und die Art der Präsentation seiner Arbeiten von Sze Tsung Leong geklaut hat. Die Ähnlichkeit ist so deutlich, dass man hier nicht von einer eigenen schöpferischen Leistung ausgehen kann.

Kopie einer Kopie einer Kopie einer Kopie des Originals (Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras, Joseph Nicéphore Niépce, 1926)

Kopie einer Kopie einer Kopie einer Kopie des Originals (Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras, Joseph Nicéphore Niépce, 1926)

Aber was versteht man unter schöpferischer Leistung?

Laut Urheberrechtsgesetz muss ein Werk zum Ersten eine wahrnehmbare Formgestalt aufweisen. Zum Zweiten muss es sich um eine persönliche geistige Schöpfung handeln, das heißt, Werke von Tieren zählen nicht als Kunstwerk. Und zum Dritten muss ein Werk individuelle Züge tragen, das heißt, es darf keine Kopie eines anderen Werkes sein. In unklaren Fällen kommt häufig die Frage auf, wer von wem kopiert hat. Das Datum dient häufig als Beleg, wer das jeweilige Kunstwerk erschaffen hat. Ob und wieviel Eigenheit das Werk aufweist, entscheidet ein Gericht.

Welche Konsequenzen das haben kann, zeigt der Fall von Vanessa Beecroft. Sie hat Buchstaben aus nackten Frauenkörpern für Louis Vuitton entworfen. Diese Idee stammte ursprünglich von Anthon Beeke, von dem sie sich, wie die Künstlerin auch zugab, aus einer Zeitschrift aus den 70er Jahren „inspirieren“ ließ.

Vuitton musste nicht nur eine hohe Entschädigung zahlen, sondern das 2007 erschienene Buch der Künstlerin einstampfen lassen. Interessanterweise beschuldigte Vanessa Beecroft erst kürzlich ihren ehemaligen Partner, den italienischen Künstler Maurizio Cattelan, ihre Ideen gestohlen zu haben. Vor dem Hintergrund der Vuitton-Affaire regt dieser Protest zum Schmunzeln an, aber tatsächlich ist es nicht das erste Mal, dass Cattelan Plagiarismus vorgeworfen wird.

Kopie einer Kopie einer Kopie einer Kopie einer Kopie des Originals (Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras, Joseph Nicéphore Niépce, 1926)

Kopie einer Kopie einer Kopie einer Kopie einer Kopie des Originals (Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras, Joseph Nicéphore Niépce, 1926)

Gibt es überhaupt universelle Ideen? Können zwei Menschen nicht doch die gleiche Ideen zu unterschiedlichen Zeitpunkten haben?

Hierzu greift das bekannte Beispiel des Berliner Künstlers Michael Luther, der eine Fotografie aus einer Tageszeitung mit malerischen Mitteln umgesetzt hat. Auf seiner Ausstellung wurde er darauf hingewiesen, dass Damien Hirst an einem exakt gleichen Bild mit exakt der gleichen Idee arbeitet. Motive, Lichtführung, Kontraste und Farbsetzung waren fast identisch. Solche Fälle sind zwar unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.

In letzter Zeit wird daher verstärkt die Notwendigkeit geäußert, dass beim Umgang mit Plagiaten in der Kunst die gleichen Regeln gelten sollten wie in der Wissenschaft. Als guter Wissenschaftler muss man Notizen über das Gelesene machen und einen Überblick haben. Vergleichbar zeichnet sich ein guter Künstler dadurch aus, dass er oder sie über die historische Entwicklung der Fotografie und verschiedene Vor- oder Zeitgleichdenker informiert ist. Ob man sich eine Textpassage merkt oder eine visuelles Bild: Kopie bleibt Kopie. Plagiat bleibt Plagiat.

Als problematisch kann auch ein stetiges mangelndes Unrechtsbewusstsein unserer Generation „Copy-Paste“ gesehen werden. In der Episode „The Chicken Thief“ der Fernsehserie „Die Waltons“ kopiert Ben das „Sommergedicht“ von Jon Boy und gewinnt einen Poesiepreis beim Liberty Magazine. Der anfängliche Neid über die Kreativität von Jon Boy und der Wunsch nach Anerkennung kippt relativ schnell in Schuldgefühle, die dazu führen, dass er sich Jon Boy offenbart. Jon Boy verzeiht und weist darauf hin, dass bei Ben ein kreativer Prozess statt fand, denn er hat ein Wintergedicht („A Winter Mountain“) und kein Sommergedicht geschrieben.

Kopie einer Kopie einer Kopie einer Kopie einer Kopie einer Kopie des Originals (Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras, Joseph Nicéphore Niépce, 1926)

Kopie einer Kopie einer Kopie einer Kopie einer Kopie einer Kopie des Originals (Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras, Joseph Nicéphore Niépce, 1926)

Fazit

Es ist immer einfacher, eine vorhandene gute Idee zu verbessern.
Das ist jedoch keine Kunst. Vielleicht ist das gutes Handwerk.
Vor allem bringt es die Kunst bzw. die Fotografie nur kleinschrittig voran.

Dies belegt auch das Beispiel meines Freundes, den ich am Anfang erwähnte. Er erhielt eine Absage von der Kunsthochschule, mit dem Argument, dass man solche oder ähnliche Arbeiten bereits zu oft gesehen habe. Das sei wohl gerade „in“, sagte man ihm in einem persönlichen Gespräch. Exakt kopiert, wie hier, wird zwar selten, aber ein gutes Kunstwerk zeichnet sich durch ein Alleinstellungsmerkmal aus, das nicht nur aus guter Technik, sondern auch aus eigenem Inhalt besteht.

Am Ende steht immer die Frage im Raum, wozu man ein Bild macht. Wer primär Anerkennung sucht, sollte vielleicht kurz innehalten und den Finger leise vom Auslöser heben. Wenn man weiß, was man mit seinen Fotografien aussagen möchte, hat man hingegen schon einen großen Schritt in Richtung Kunst gemacht.

 

Bildnachweis

Das Titelbild stammt von Joseph Nicéphore Niépce aus dem Jahre 1926. Es ist vermutlich das erste dauerhafte Foto weltweit und stellt einen Blick aus dem Arbeitszimmer des Fotografen dar. (Linzenzfrei gekennzeichnet von Creative Commons)

Danksagung

Bei der Erstellung dieses Artikels haben einige Personen mitgewirkt. Dank geht an den Fotografen Jens Pepper und den Wissenschaftler Christian Kaufmann für Vorschläge für weiterführende Links und Literaturhinweise. Meinem Fotolehrer Oliver S. Scholten, sowie Marit Beer und Schall & Schnabel sei für die bereichernden abendfüllenden Diskussionen gedankt.


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27. August 2014

27 Aug

Ein Beitrag von: Tatum Wulff

Eine Frau hinter einer verregneten Scheibe.


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Vertrautes Licht

27 Aug

Jeder, der viel reist, kennt vermutlich das Gefühl, das sich beim Betreten eines Hotelzimmers einstellt. Der Ort ist vielleicht noch fremd, doch das Zimmer erscheint irgendwie vertraut. Standen Tisch und Stuhl im letzten Zimmer nicht sogar an der gleichen Stelle?

Ach nein, nicht ganz; das Bett stand anders herum und das Fenster war auf der anderen Seite, vielleicht war es auch ein bisschen größer. Egal, eigentlich ist doch alles immer gleich und der obligatorische Fernseher fällt auch nur auf, wenn er fehlt.

Steffen Walter fotografiert diese Unterkünfte auf Zeit, immer wenn er auf Reisen ist. Jedes Zimmer löse zunächst ein leichtes Unbehagen in ihm aus, so der Fotograf, und er frage sich stets, wer wohl vorher schon hier übernachtet und in diesem Bett geschlafen hat. Und er schalte dann den Fernseher ein, denn das vertraute Licht lenke ihn ab.

Der Fernseher ist dann auch die einzige Lichtquelle, die seine Bilder beleuchtet. Je nach Zimmergröße und Helligkeit des Fernsehprogramms seien Belichtungszeiten von wenigen Sekunden bis mehreren Minuten notwendig, so der Autor.

Eine beträchtliche Zahl an Bildern hat Steffen Walter mittlerweile zusammengetragen. Bilder, die in ihrem seriellen Ansatz und dem ähnlichen Konzept an Sugimotos Filmtheater erinnern. Strahlen jene Bilder hingegen das Erhabene dieser Orte aus, so vermittelt die Serie „Familiar Light“ das Gefühl des Eingesperrtseins.

Innenperspektive eines Hotelzimmers.

Innenperspektive eines Hotelzimmers.

Innenperspektive eines Hotelzimmers.

Innenperspektive eines Hotelzimmers.

Innenperspektive eines Hotelzimmers.

Innenperspektive eines Hotelzimmers.

Innenperspektive eines Hotelzimmers.

Innenperspektive eines Hotelzimmers.

Innenperspektive eines Hotelzimmers.

Innenperspektive eines Hotelzimmers.

Innenperspektive eines Hotelzimmers.

Innenperspektive eines Hotelzimmers.

Jenes eingangs erwähnte Unbehagen überträgt sich auf mich, wenn ich diese Bilder betrachte. Ich sehe neben der Enge auch Einsamkeit und – vor allem – Ortlosigkeit. Ich starre auf diese Bildschirme, einen nach dem anderen, und wünsche mir am Ende, sie ausschalten zu können und die sterile Stille des Zimmers zu durchschreiten, die steifen Vorhänge beiseite zu schieben und zu schauen, was sich in der Welt draußen vor dem Fenster verbirgt.


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Ein Bild, hundert Möglichkeiten

27 Aug

Dies soll ein kleines Plädoyer dafür sein, sich über einen längeren Zeitraum mit ein und demselben Foto zu beschäftigen. Zu experimentieren, zu kombinieren, zu schauen, was alles aus einem Foto rauszuholen ist.

Denkt man an „ein Bild, hundert Möglichkeiten“ kommt einem vielleicht erst einmal Photoshop in den Sinn. Digitale Bildbearbeitung kann aus einem Ursprungsfoto so viele neue Versionen schaffen, man braucht nur genügend Ideen und ein bisschen Handwerk. Doch ich glaube, das funktioniert auch analog.

Photoshop habe ich nicht. Ich habe einen Scanner, ein einfaches Umsonstbearbeitungsprogramm, das meine gescannten Vorlagen beschneiden und ein bisschen an den Kontrasten drehen kann, und eine Dunkelkammer. Das reicht mir, um aus einem Foto das Beste rauszuholen und verschiedene Versionen durchspielen zu können.

Auch der Drogeriemarkt an der Ecke tut mit seinem Fotoservice ungewollt sein Möglichstes. Denn – analog Fotografierende werden es kennen – egal wie oft man sein Negativ dort abgibt, man bekommt stets eine andere Version des Abzugs zurück: Mal sind die Ränder beschnitten, mal sind es gesättigtere Farben, mal andere Kontraste. Und manchmal ist das Foto sogar spiegelverkehrt abgezogen worden. Unwissend leistet CEWE schon den ersten Schritt für meine hundert Möglichkeiten. Trotzdem ist das Selberscannen das Erste, was ich zuhause mache, denn den Abzügen traue ich nie so wirklich.

Eines meiner absoluten Lieblingsbilder ist vor sechs Jahren in einer Lagerhalle entstanden. Ich habe mit einer befreundeten Fotografin eine Tour gemacht, meine Kiev hat schnell aufgegeben, ihre Canon hat den Tag über alleine durchgehalten, später haben wir die Negative geteilt. Eines dieser Bilder zeigt mich schräg und von hinten im Licht stehen. Und obwohl es unspektakulär ist: Ich mag dieses Bild sehr.

In den letzten Jahren habe ich es immer wieder für verschiedene Ideen verwendet, habe es in der Dunkelkammer benutzt, um Chemie oder Einstellungen zu testen und im Laufe der sechs Jahre sind, ohne es geplant zu haben, viele Versionen des selben Ursprungsnegativs entstanden.

Und auch, wenn es keine hundert geworden sind, ist es für mich dennoch ein schönes Beispiel, wie sich dieses Foto als roter Faden durch meine fotografische Entwicklung zieht. Ich zeige Euch meine liebsten Versionen dieses Fotos, ohne Wertung oder Reihenfolge, welches nun die beste ist, denn eine „richtige Version“ hat dieses Foto für mich nicht.

Zuerst zeige ich Euch die einfache gescannte Version. Kleinbild, Farbfilm. Welcher, weiß ich nicht mehr, aber ISO 200 steht auf den Streifen. Da ich im Fotolabor bisher nur schwarzweiß abziehe, ist es auch die einzige Version in Farbe. Alles, was ich fortan mit den Abzügen angestellt habe, ist schwarzweiß.

Die Rückenansicht eines Mädchens mit wirren Haaren.

Eine meiner liebsten Möglichkeiten in der Dunkelkammer ist das Abwedeln. Ich habe mir einen kleinen Fächer gebastelt, mit dem ich ab und an Ecken von Bildern verwische und schöne weiß zerfließende Übergänge schaffe. Auch dieses Selbstportrait braucht für mich zerfließende Ränder. Ich lese viel und lasse mich dabei auch in meiner künstlerischen Denkweise oft von Litartur leiten, inspirieren und beeinflussen.

Literatur ist neben der Kunst meine zweite Quelle der Inspiration, der Ruhe, der Gedanken und ziemlich oft kreuzen sich diese Wege und treten in Symbiose. Ich habe mal ein wundervolles Zitat in Günter Grass’ „Der Butt“ gelesen, was mich seither beschäftigt und mich direkt an diesen Handabzug erinnert hat:

Jetzt zerfaser ich von den Rändern her.

Diese Botschaft, am äußersten Punkt angreifbar zu sein, sich dort aufzulösen, dieses Gefühl habe ich, wenn ich das Foto ansehe. Auch, wenn es für Außenstehende natürlich schwer nachvollziehbar ist, aber sechs Jahre sind eine lange Zeit, seitdem ist viel passiert und all das projiziere ich in dieses Bild mit seinen zerfasernden Rändern.

Die Rückenansicht eines Mädchens in schwarzweiß.

Das gleiche Gefühl hatte ich, als ich vor zwei Jahren meine Examensarbeit schreiben sollte. Verwirrt, unklar, wo es hinführen soll, ein großes Thema auf kleinen Schultern. Am Ende ist alles nochmal gut gegangen, ich habe das Thema zu fassen gekriegt und mich intensiv mit Schrift und Bild auseinander setzen können.

Aber ein Foto aus dieser im Zuge des Schreibens entstandenen Reihe spiegelt passend mein Gefühl wider: Das Selbstportrait in der Fabrik. Ich habe damals angefangen, mit Folien in der Dunkelkammer zu experimentieren, um auf ganz analoge Art und Weise Schriftzüge in das Foto zu bringen. Es ist ein Zitat von Finn-Ole Heinrich aus seinem „Räuberhände“-Roman geworden, mit der prägnanten Zeile „Nur ich irre umher“.

Abgetippt mit der Schreibmaschine auf weißes Papier, kopiert auf eine Folien, aufgelegt in der Dunmkelkammer auf das Fotopapier, steht es nun im Bild. Auch, wenn die Lesbarkeit ein bisschen gelitten hat, ist es in die Mappe zur Abschlussarbeit gewandert und gefällt mir auch zwei Jahre später noch.

Beschriftete Folien mit einem Zitat.

Die Rückenansicht eines Mädchens mit einem Zitat.

Dann kam eine Zeit, in der ich mich intensiver mit der Möglichkeit des Kombinierens auseinandergesetzt habe. Kombinierte Bilder als Sammlung von Geschichten.

Das Selbstportrait in der Fabrik hat in der Dunkelkammer und Zuhause auf dem Schreibtisch viele andere Fotos kennenlernen dürfen. Am Ende habe ich mich für die Konbination mit einem Knallerbsenstrauch entschieden. Das Foto hat an der linken unteren Ecke eine helle Überbelichtung, der Deckel der Kamera war etwas lichtdurchlässig.

Zusammengeschoben ergeben die beiden Fotos eine ganz neue Geschichte, jedes für seinen Teil, aber in der Mitte ist der helle Fluchtpunkt, in dem alles zerfließt. Auch das Format habe ich geändert. Da die Knallerbsen im Mittelformat fotografiert sind, habe ich das Kleinbild beschnitten und angepasst. So ist ein bisschen mehr weiße Wand und ein bisschen weniger Ich im Mittelpunkt.

Ein Knallerbsenstrauch mit Knallerbsen und Ästen.

Eine Kombination aus der Rückenansicht eines Mädchens und dem Knallerbsenstrauch.

Neben all diesen Versionen existieren noch viele weitere, die in meinem Fotokoffer liegen. Nur ein Abzug des Selbstportraits in der Fabrik hat es neben meinem Schreibtisch an die Wand geschafft und das nicht, weil er der schönste ist, ganz im Gegenteil: Eigentlich ausrangiert ist in der Dunkelkammer ein unfixierter Testreifen auf ihm gelandet und hat seine Säure überall verteilt.

Eine Rückenansicht eines Mädchens auf einem Handabzug der fleckig ist.

Aber gerade das macht ihn für mich zur persönlichsten Version, weil es zeigt, wie kleine Fehler, Unaufmerksamkeiten und Zufälle Einfluss auf die Arbeit nehmen, wenn man nicht damit rechnet. Und mit den kaffeeähnlichen Flecken mag ich ihn fast noch lieber als ohne.


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Die Realität als Traum

26 Aug

Ein Beitrag von: Tilman Haerdle

Ilya Shtutsa ist einer von zwei Straßenfotografen aus dem Observe Collective, die wir Euch in den nächsten Tagen im Vollbild vorstellen wollen. Über sich selbst sagt er:

Tja, was soll ich über mich groß erzählen? Ich lebe seit drei Jahren in Sankt Petersburg, ich fotografiere auf der Straße, manchmal auch Reportagen für eine Lokalzeitung. Ich bin Mitglied des Fotografenkollektivs Observe Collective. Ich denke, so wie Arnold Mindell und die australischen Aborigines, dass unsere Wahrnehmung eine Art von Traum ist. In meinen Bildern versuche ich diesen Traumzustand unserer persönlichen sogenannten „Realität“ wiederzugeben. Das ist alles.

Shtutsa wurde 1972 im Osten der damaligen Sowjetunion geboren. Zur Fotografie, wie er sie heute betreibt, kam er erst vor sechs Jahren, als er die Kamera seines neuen Smartphones für sich entdeckte. Nachdem er auf ein Buch mit Bildern von Nick Turpin, Matt Stuart und David Solomons stieß, war sein Interesse für die Straßenfotografie erwacht.

Die Wahrnehmung der Realität als Traum wird in seinen Bildern sehr gut deutlich. Er hält Momente fest, die in seinen Bildern oft wie eingefroren wirken, als ob die Bewegung auch im Realen innehält. Ähnlich wie beispielsweise Matt Stuart hat er einen sehr guten Blick für Details, für surreale Konstellationen, die manchmal erst auf den zweiten Blick erkennbar sind.

Drei Menschen in Badebekleidung am Strand.

Junge Männer spielen Fußball, betrachtet durch eine Scheibe.

Einige Menschen vor einem Wandbild.

Eine Person hält sich Zeitung auf den Kopf, im Hintergrund rote Fahnen.

Eine Person und ein Hund auf der Straße im Gegenlicht.

Ein Mädchen mit gelber Mütze schaut aus einem Dachfenster.

Person steht in einem Raum zwischen zwei Skulpturen an einem Fenster.

Leerer Kinderwagen vor nebliger, trister Landschaft.

Menschen mit Jesusbildern und bunten Luftballons auf einem Umzug.

Menschen in Badebekleidung am Strand.

Straßenszene.

Eine Person greift sich in ihr lockiges Haar.

Eine Menschenmenge an einem öffentlichen Springbrunnen.

Obwohl man an manchen Details erkennt, dass Ilya Shtutsa wohl in Russland fotografiert, sind seine Bilder universal. Seine Motive beschränken sich auch nicht alleine auf die Straße, er findet lohnenswerte Szenen auch am Strand oder in fast menschenleeren Gegenden außerhalb der Städte.

Die Arbeiten von Ilya könnt Ihr nicht nur auf seiner Webseite, sondern auch auf Flickr, Facebook, in seinem Blog und natürlich beim Observe Collective finden.


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26. August 2014

26 Aug

Ein Beitrag von: Grunpfnul

Dunkles Treppenhaus von oben, in schwarzweiß


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Dianna

26 Aug

Léonard fühlt sich unwohl unter Menschen, wirkt schüchtern und fühlt sich oft einsam. Dianna hingegen ist lebendig, im Umgang mit anderen Menschen offen und warmherzig. Dianna hat 55 Jahre als Léonard gelebt, bis sie sich dazu entschloss, die Person zu sein, die sie wirklich ist. Ein dokumentarisches Projekt des Fotografen Sander Marsman.

Sander Marsman habe ich über einen gemeinsamen Freund kennengelernt und eher durch Zufall sind wir auf das Thema Fotografie zu sprechen gekommen. Sander erzählte mir, dass ihn vor allem die fotografische Auseinandersetzung zu Themen der Identitätskonstruktion, als Antworten auf die Frage „Wer bin ich?“, interessieren.

An einem Abend drückte er mir dann ein Buch in die Hand, das seine Abschlussarbeit an der Kunsthochschule an der Royal Academy of Art in Den Haag darstellte und die bewegende Geschichte von Dianna erzählt.

Ein Selbstpotrait einer Frau mit weißen Haaren in einem schwarzen enganliegenden Rock.Eine Frau mit blondem Bob, im Wohnzimmer stehend.

Dianna ist heute 79 Jahre alt und wirkt auf den Fotografien einige Jahre jünger. Das mag daran liegen, dass Dianna rein rechnerisch in ihren Zwanzigern steckt, denn Dianna hieß bis zum 55. Lebensjahr Léonard. Das Fotobuch von Sander Marsman beinhaltet Fotografien, die Dianna über Jahrzehnte von sich selbst gemacht hat:

Dianna im roten Top und schwarzen Rock.
Dianna im schwarzen, schulterfreien Kleid.
Dianna im hellblauen Kleid.
Dianna in der Öffentlichkeit.

Dianna sitzt in einem blauen Kleid auf dem Boden und schaut zur Kamera.Dianna sitzt auf einer Wiese und um sie herum eine ganze Menge Menschen.

Diese Fotos hat sie in einem Album aufbewahrt und unter Verschluss gehalten. Dianna existierte nur auf diesen Fotos, denn im realen Leben hatte Léonard eine Familie zu versorgen und konnte Dianna keinen Platz einräumen.

Besonders daran ist, dass Dianna in einer Zeit „Selfies“ von sich selbst angefertigt hat, in der man noch analog fotografierte. Die richtige Position im Bild zu finden, war nicht immer einfach (und im Zweifelsfall teuer). Die Selbstportraits könnte man als Möglichkeit verstehen, dass Dianna sich davon überzeugen wollte, dass sie tatsächlich existiert; auch dann, wenn Léonard den Alltag bestreiten musste.

Dianna schminkt sich.

In einem zweiten Teil des Buches befinden sich dokumentarische Fotos von Sander Marsman, in denen er Dianna beim Morgenritual begleitet. „Every day is dressed up“ lautet der Titel des Buches (ein Zitat von Dianna), der diesen Prozess treffend beschreibt.

Die Fotografien beschreiben die Rituale zur Unterstreichung der zu diesem Zeitpunkt bereits eroberten eigenen Identität. Diese dokumentarischen Fotos sind anders als die Selbstportraits von Dianna. Sie sind nicht gestellt, drapiert oder geschönt. Man sieht alternde Haut, aber auch lebendige Augen. Starke Farben, die betont Weiblichkeit nachzeichnen, lassen nachvollziehen, wie schwer es Léonard gefallen sein muss, seine Tage „schauspielernd“ zu bestreiten.

Dianna zeigt ihren Oberkörper.

Bereichert wird das Buch durch eine Aufzählung der 220 Kleidungsstücke, die Dianna besitzt, sowie Tagebuchaufzeichungen aus dem Jahr 2012. Ein Auszug:

Dress 23in 060cm Blue-black strapless
Dress 24in 061cm Black Rosie
Dress 24in 061cm White-blue with belt
Dress 25in 064cm Spring off shoulder with slip and belt
Dress 25in 064cm Green
Dress 25in 064cm Mauve
Dress 26in 066cm Blue pinafore§

Die Haut am Unterarm wird mit zwei Fingern zusammen geschoben.

Aus den Tagebuchaufzeichnungen geht hervor, dass Kleidung eine ganz besondere Rolle bei der Manifestierung der eigenen Identität von Dianna spielt. Dianna schreibt nicht nur nieder, wo sie wann war, sondern auch, was sie an den jeweiligen Tagen trug. Diese Aufzählungen haben einen obsessiven Charakter, die wahrscheinlich nur ein Mensch nachvollziehen kann, der jahrelang gesellschaftliche Rollen ausfüllen musste, die zu eng und unbequem sind.

Im Verlauf des Projekts hat Sander Marsman auch ein Video gedreht, das Dianna beim Rasieren zeigt. Ähnlich wie die Tagebuchaufzeichnungen, ist das Rasieren für sie ein tägliches Ritual. Jeden Tag zählt sie exakt achzig Rasierbewegungen, die vielleicht als eine Möglichkeit zur zwanghaften Kontrolle gesehen werden könnten, wo lange keine Kontrolle über das eigene Leben möglich war.

Wenn man auf die letzte Seite des Buches blättert, entdeckt man ein Foto von einem grau wirkenden alten Mann in Uniform. Die Haare wirken wild und der Gesichtsausdruck leer. Man muss tatsächlich zwei Mal hinschauen, um Züge von Dianna darin zu erkennen.

Daneben ist ein herausnehmbares Foto von Léonard in jungen Jahren. Ein schöner Mann, der gleichfalls traurig und abwesend wirkt. Dass man dieses Foto herausnehmen kann, war Dianna wichtig, erzählt Marsman, weil sie sich heute mit der dort abgebildeten Person nicht mehr identifizieren kann und ungern an diese Zeit erinnert werden möchte.1

Ein weißer Fön liegt auf dem Schoß einer Frau.

Wenn Sander Marsman versucht, Dianna als Mensch zu beschreiben, zeichnet sich auf seinem Gesicht immer noch ein waghalsiger Versuch des Enträtselns und ein Moment der Faszination ab. Er berichtet, wie lebendig, charmant und präsent Dianna ihm erschien und auch, was sich während dieser Zeit bei ihm bewegte.

Er erzählt, dass er mit seinem Projekt die Frage diskutieren wollte, wer wir fernab von sozialen Konventionen sind und ob Gesellschaft „echte“ Individualität, also ein Anderssein, zulässt. Der Wunsch nach Individualität und der Wunsch nach Zugehörigkeit sind bei den meisten Menschen beiderseits stark ausgeprägt. Das heißt, dass jeder Mensch sein Äußeres frei gestalten kann.

Wenn bestimmte Merkmale jedoch mit einer starken Abweichung von der Norm einhergehen, die ggf. sogar zum sozialen Ausschluss führen, kann das für das Individuum als sehr schmerzhaft erlebt werden. Wir können uns verrückt kleiden, tätowieren oder mit Schmuck behängen. Wiegt man jedoch einige Kilo zu viel, überschreitet die 2-Meter-Körpergrößengrenze oder steckt im falschen Körper fest, eckt man mit erhöhter Wahrscheinlichkeit bei anderen an.

Dianna beim schminken.

Tatsächlich zeigen Studien, dass normkonforme (z.B. beispielsweise „schöne“) Menschen leichter in bestimmte Berufsfelder gelangen oder in gewisser Hinsicht auch mehr Erfolg bei der Partnerfindung haben. Transgender-Personen haben es hier besonders schwer, im Konformitätswahn zu bestehen.2

Insbesondere dann, wenn die eigentliche Identität sehr spät vollkommen angenommen wird, ist es schwieriger, das biologisch ausgeprägte Geschlecht gekonnt zu maskieren.

Dianna beim anziehen, sie sitzt auf einem Stuhl und hat eine Strumpfhose an.

Geschlecht, so erzählt Marsman, wird in unserer Gesellschaft immer noch als Dichotomie gesehen. Zwischen den Polen männlich und weiblich existiert jedoch eine Grauzone, die häufig den Stempel „außerhalb des Normbereichs“ erhält und weitestgehend auf wenig Akzeptanz stößt.

Sander Marsman berichtet weiter, dass das Denken in Dichotomien, also in männlichen und weiblichen Geschlechtern, das Leben auf den ersten Blick vereinfacht, denn die darin verankerten Rollenmuster und Verhaltensweisen strukturieren das Zusammenleben.

Andererseits lässt es jedoch außer Acht, dass eine „Aufweichung“ solcher Zuschreibungen enorme Freiheiten mit sich bringt. Vor allem birgt es die Möglichkeit, genau so zu leben, wie man es möchte und so zu sein, wie man sich fühlt. In diesem Sinne kann man sagen, dass Menschen, die sich gegen ihr biologisch bestimmtes Geschlecht entscheiden, eine Vorreiterrolle bei der Aufweichung (auch anderer) festgesetzter, gesellschaftlich tradierter Konventionen, einnehmen. Oder, wie Sander Marsman es beschreibt:

Jeder lebt in gewissem Sinne in einem Käfig. Nur ist dieser nicht immer für alle sichtbar.

Dianna fönt sich die Haare und sitzt vor einem Tisch, auf dem ihr Geschmeide liegt.

Dass Geschlecht eher auf einem weiteren Spektrum beschreibbar ist, belegen auch Aufzeichnungen aus verschiedenen anderen Kulturen. In indianischen Kulturen hatten die „Two-Spirits“ (Menschen, deren Erleben und Verhalten dem anderen Geschlecht zuzuordnen ist) beispielsweise eine besondere Stellung.

Dem „dritten Geschlecht“ wurden sogar besondere Kräfte und Eigenschaften zugesprochen. Dieses Beispiel unterstreicht, dass der Umgang mit Geschlechtern innerhalb verschiedener Gesellschaften und über Zeiträume hinweg sehr unterschiedlich sein kann. Das heißt auch, dass gängige Definitionen von Norm stetigen Veränderungen unterworfen sind.

Sander Marsman berichtet:

Die Akzeptanz von Transgender-Personen ist heute auf dem gleichen Stand, auf dem sich die Homosexuellenbewegung in den 70er Jahren befand.

Es bleibt daher zu hoffen, dass sich die Akzeptanz von Transgender-Personen langfristig wandelt. Transsexualität ist heute stärker enttabuisiert als zu Léonards Zeiten.

Vielerorts ist es heute möglich, die Pubertät von Heranwachsenden zu stoppen und eine Hormontherapie dann einzuleiten, wenn transidente Gefühle über einen längeren Zeitraum benannt werden. Unter Diskriminierung leiden jedoch auch heute noch viele Menschen, deren biologisches dem psychologischen Geschlecht widerspricht. Schon allein die Tatsache, dass im ICD-10 (einem Klassifikationssystem für psychische Störungen) Transsexualität als „Störung“ aufgeführt wird, ist bezeichnend.

Wir sehen das Buch und auf dem Cover das Profil von Dianna.

Dass Dianna und andere diesen Mut gefunden haben, sich von äußeren und inneren Zwängen zu lösen, verdient eine große Portion Respekt. Die Art und Weise, wie Sander Marsman uns die Geschichte von Dianna erzählt, auch.

Wer sich näher mit der Geschichte von Dianna auseinandersetzen möchte, kann eines der Fotobücher direkt beim Fotografen bestellen (30 €, Auflage von 250, handsigniert von Dianna).

Anmerkungen:

1 Wir verzichten aus diesem Grund auf das Zeigen von Bildern von Léonard. Wer sich mit dem kompletten Bildband beschäftigen möchte, kann bei Sander Marsman ein Exemplar bestellen.

2 Im vorliegenden Artikel werden die Begriffe Transsexualität, Transgender, Transvesititismus aus Platzgründen nicht definiert. Interessierte Leser können unter Transsexuell nachlesen.


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25. August 2014

26 Aug

Ein Beitrag von: Maik Irmscher

Eine Rikscha wird angeschoben


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Sneaky Ways to Avoid Camera Theft

26 Aug
Extra photos for bloggers: 1, 2, 3

The greatest days are full of fun photo ops, not bad guys creepin’ on your turf. Protect your gear!

Cover your phonecam in junky camouflage and trick those thieves into stealing something else less cool, like a stack of old CDs.

Go “normcore” and try carrying your fancy camera in a something less fancy, like a tote bag covered in cats.

Sometimes all you need are confusion tactics … like a picture of a bright pink donut on your fancy camera lens.

Learn Three Tricks For Outsmarting Camera Snatchers

(…)
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© Britta for Photojojo, 2014. |
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Laura Stevens Another November

25 Aug

Die gebürtige Engländerin Laura Stevens lebt und arbeitet in Paris, nachdem sie in Brighton Kunst und Design studiert und einen Master in Fotografie abgeschlossen hat. In ihren Bildern bedient sie sich Elementen der Ästhetik aus Film und Malerei, um intime, persönliche Situationen zu visualisieren.

„Another November“ ist ihre Auseinandersetzung mit dem Verlust einer Beziehung, dem Alleinsein und der Herausforderung, nach dem Verlust einer Liebe mit dem Leben klar zu kommen, der Anpassung an ein Leben als Single. Jedes der Bilder repräsentiert eine Phase dieser emotionalen Entwicklung.

In dieser Serie von inszenierten Szenen mit verschiedenen Frauen, Freunden und Fremden, zu denen es mich auf der Straße hin zog, wurden die Darstellerinnen dazu aufgefordert, einen intimen Moment der Anpassung zu zeigen. Sie werden isoliert gezeigt, umgeben von Struktur, Farbe und leerem Raum, jeweils in ihrem Zuhause in Paris.

Eine Frau liegt auf einem Bett

Eine Frau steht rauchend in einer Tür

Eine Frau steht nackt in einem Zimmer

Eine Frau trinkt ein Glas Wein

Eine Frau liegt auf einem Sofa

Eine Frau sitzt auf einem Bett

© Laura Stevens

© Laura Stevens

© Laura Stevens

Eine Frau sitzt an einem Tisch

Eine Frau steht in einer Eingangstür

Eine Frau sitzt in einem Badezimmer

Eine Frau rauchend in einem Hausflur

Eine Frau sitzt in einer Badewanne

Eine Frau sitzt auf einem Bett

Eine Frau liegt in einem Pelzmantel auf dem Boden

Another November zeigt eine nostalgische Gegenwart, in der Erinnerungen entstehen und unweigerlich verblassen. Auf Vergangenes zurückblickend, ohne mit dem Verlust einer Liebe vertraut geworden zu sein. Es ist eine Erinnerung daran, dass Zeit nur in eine Richtung fließt.

Ihre Arbeiten sind neben ihrer Webseite auch auf ihrem Blog und auf Facebook zu finden.


kwerfeldein – Fotografie Magazin | Fotocommunity

 
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