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Posts Tagged ‘Blickfang’

Blickfang – Snow, 1960

10 Sep

Ich bin der Meinung, dass man von guten Fotos nie genug bekommen kann. Und deshalb stelle ich Euch heute ein Bild vor, das an anderer Stelle schon einmal gezeigt wurde. Denn es schließt den ersten Teil der Reihe Fantastische Bildbände zur Straßenfotografie ab, nämlich mit dem Bildband „Saul Leiter“ aus der Photofile-Reihe.

Jedoch ist die Abbildung dieses Blickfanges nicht dem kleinen Bändchen entnommen, sondern dem zweisprachigen Band „Saul Leiter: Retrospektive – Haus der Photographie / Deichtorhallen Hamburg“*. Dieser ist mächtige 300 Seiten dick und mit den Maßen 23 x 28 x 2,8 cm auch kein Band, den man so leicht aus den Augen verliert.

Doch nun zu unserem Bild, das mittlerweile als Ikone der Fotografie gepriesen wird und ein Markenzeichen Saul Leiters ist. Hierzu möchte ich Brigitte Woischnik zitieren, die in einem Artikel auf Seite 236 Leiters Art, zu fotografieren so beschreibt:

Doch Saul Leiter ist nicht nur ein nimmermüder Flaneur, er ist auch ein stiller, geduldiger Beobachter. Die Ambivalenz zwischen dem direkten Sehen und dem Verborgenen zeigt sich in seinem gesamten Werk. Er fotografiert nicht nur die Tür und das Fenster eines Cafés oder Ladens, sondern bevorzugt durch dieselben hindurch. Das verborgene, nicht wirklich „sichtbare Innere“, das ist es, was er ergründen, was er sichtbar machen möchte.

Und als Paradebeispiel dient die Aufnahme „Snow“ aus dem Jahre 1960, zu finden auf Seite 42 des Bandes.

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Leiter fotografierte durch eine von Tauwasser beschlagene und stellenweise abgewischte Scheibe, die den Hintergrund unscharf abstrahiert. Hinter – oder vor – der Scheibe steht ein Mann im Schnee und schaut sich irgendetwas an. Er hat eine Mütze auf und trägt grüne (Arbeits-)Kleidung. Im Hintergrund ziert die Aufnahme ein gelber Laster, der dem Bild einen feinen, dezenten Farbkontrast verleiht. Ein zweiter Mensch ist angeschnitten, mit dem der Protagonist jedoch nicht kommuniziert.

Dieses Bild habe ich in den letzten Monaten immer und immer wieder studiert. Und jedes Mal ertappte ich mich dabei, zu denken, dass dieser Herr auf sein Smartphone sieht oder gar ein Postbote ist, der mit seinem PDA die Lieferung überprüft. „Ach nein, stimmt ja gar nicht“, erinnere ich mich. „Herr Gommel, wir schreiben das Jahr 1960 und nicht 2013.“

So hat die Aufnahme etwas Magisches, Ungewohntes. Und obwohl ich eine große Liebe zu den Aufnahmen Martin Parrs hege, der direkt und offensichtlich fotografiert, schätze ich diese abstrakte, nicht direkte und nicht offensichtliche Bildsprache von Saul Leiter mindestens genauso. Sie spricht eine tiefere emotionale Ebene an, fasziniert und begeistert.

Lustigerweise habe ich (sehr wahrscheinlich) einen Fehler im Buch gefunden. Denn auf Seite 239 schreibt Woischnik zur fotografischen Variante, die am selben Ort aufgenommen wurde, folgenden Satz:

Auf die rechte Seite der Scheibe, die Regenstreifen unterbrechend, haben flinke Finger eine Nachricht geschrieben, …

Jedoch können wir, wenn wir uns „Snow“ genauer ansehen, erkennen, dass an der Scheibe braune Überbleibsel eines „L“ sind. Was darauf schließen lässt, dass es sich nicht um eine handgeschriebene Botschaft handelt, sondern viel mehr um eine aufgeklebte Schrift, die bis auf das L abgezogen wurde und deren klebrige Überreste die Feuchtigkeit nicht angenommen haben.

Den Bildband möchte ich dennoch sehr empfehlen. Denn er zeigt das umfassende Werk Leiters und bildet neben den Fotos seine besonderen Zeichnungen ab, die nicht minder signifikant sind, da Saul Leiter sich als Maler verstand.

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Blickfang: Dalí Atomicus

05 Sep

Das Bild aus dem Band „Photographie des 20. Jahrhunderts“*, das ich heute vorstellen will, ist eines meiner Lieblingsbilder in der Geschichte der Fotografie. Der amerikanische Fotograf Philippe Halsman zeigt den Künstler Salvador Dalí auf einem Bild, das eines seiner eigenen Gemälde sein könnte.

Über Dalís generelles Verhältnis zur Fotografie könnte man selbst ein komplettes Buch schreiben. Belassen wir es an dieser Stelle bei: Er hat mit vielen Fotografen zusammengearbeitet, die sehr viele wunderbare, überraschende, humorvolle Bilder mit ihm in der Protagonistenrolle anfertigten.

Meine Favoritenbilder stammen dabei allesamt von Philippe Halsman, worunter es mir wiederum das Foto mit dem Titel „Dalí Atomicus“ (der Titel bezieht sich auf den Titel eines Gemäldes des Künstlers, das im Hintergrund des Fotos zu sehen ist) von 1948 besonders angetan hat, da es den Künstler meiner Aufassung nach am treffendsten portraitiert.

Das Foto entstand in New York und es ist überliefert, dass es 28 Versuche brauchte, um es in dieser Form aufzunehmen. Es ist keine Bildbearbeitung, man kann bei einer der leicht unterschiedlichen Versionen, die kursieren, die Schnüre sehen, die die verschiedenen Gegenstände tragen.

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Wir sehen zunächst: Extreme Dynamik, eine perfekt choreografierte Einfrierung simultaner Bewegungen völlig unterschiedlicher Elemente. Es sind aber nicht irgendwelche Bewegungen, die hier passieren, es findet ein absurd übertriebener Surrealismus statt, der irre komisch wirkt:

Der Künstler scheint in einer seiner eigenen Zeichnungen gefangen, hängt darin vor der buchstäblich leeren Leinwand, dessen Rahmen nicht bespannt ist, in der Luft; von der anderen Seite springen mitten aus dem Nichts drei schwarze Katzen ins Bild und zu allem Überfluss hängt da auch noch ein Stuhl in der Luft, unter dem sich ein Wasserschwall ins Bild ergießt.

Schaut man genauer hin, erkennt man noch viel mehr Details: Die Staffelei selbst schwebt ebenfalls. Das Gemälde „Leda Atomica“ ist zu sehen, das Gesicht der Figur verdeckt. Wie kann der Wasserstrahl einen solchen Bogen schlagen, was hält Dalí in den Händen und wie funktionieren hier eigentlich die Schatten, die an der Decke und auf dem Boden auftauchen?

Das Foto „Dalí Atomicus“ ist, wie auch die beiden Künstler, die es entstehen ließen, seiner Zeit sehr weit voraus. Es ist ein kompletter David-Lynch-Film, auf einen Moment reduziert, es nimmt die ganze Kategorie surrealer Fotomanipulationen, die seit einigen Jahren sehr populär sind, vorweg, obwohl es keine Bildbearbeitung ist.

„Dalí Atomicus“ verkörpert die Essenz einer Richtung des Surrealismus, die bis heute sehr stark in alle Kunst- und Kulturbereiche wirkt. Es ist ein einflussreiches, ein grandioses, unterhaltsames und nicht zuletzt auch urkomisches Bild – ein echter Klassiker der Fotografie.

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Blickfang: Hitlers Badewanne

03 Sep

Lee Millers wohl eigenartigstes Foto ist das Bild in Hitlers Badewanne. Zusammen mit dem Live-Reporter David Sherman und einigen Soldaten erlebte sie das Kriegsende 1945 in Hitlers Wohnung in München.

Das Nutzen von Hitlers Badewanne ist wohl neben dem rein praktischen Akt vor allem ein symbolischer. Lee Miller selbst kommentierte das Foto später in einem Radiointerview: „Ich nahm ein anderes seltsames Bad, als ich den Schmutz des Konzentrationslagers Dachau in Hitlers eigener Münchner Badewanne abwusch.“

David Sherman machte ein Foto von diesem Bad. Lee Miller sitzt in der Wanne, sieht über den Wannenrand und wäscht sich mit einem Lappen über die Schulter. Die schweren Stiefel stehen vor der Badewanne, die helle Badematte ist schmutzig. Auf dem nebenstehenden Tischchen steht eine nackte Frauenbüste. Das Portrait Hitlers am Badewannenrand ist vermutlich ein Arrangement der beiden Fotografen.

© Lee Miller

Da die eingezogenen Männer ersetzt werden mussten, waren Frauen als Journalistinnen oder Kriegsberichterstatterinnen im Zweiten Weltkrieg keine Seltenheit mehr. Lee Miller wurde vom Verlag Condé Nast bezahlt. Ihre Bilder und Texte wurden sowohl im britischen als auch amerikanischen Frauenmagazin Vogue publiziert. Der Bildband „Lee Miller’s War“*, aus dem dieses Foto stammt, gibt Einblick in ihre Arbeiten 1944 – 1945 mit vielen Begleittexten, Briefen und eigenen Aufzeichnungen.

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Blickfang: Revenge

29 Aug

Der heutige Blickfang ist aus dem Band „Revenge“ von Ellen von Unwerth* und zeigt eindrucksvoll, warum die deutsche Fotografin insbesondere für ihre außergewöhnlichen, erotischen Aufnahmen bekannt ist.

Drei junge, sehr schöne Frauen sitzen auf einer Bank und essen Obst. Sie tragen Sommerkleider und schwarze Strümpfe. Was bis hierhin auch aus einem Rosamunde-Pilcher-Roman sein könnte, wird beim Betrachten der gespreizten Beine und lasziven Blicke in Frage gestellt. Diese Szene ist nicht romantisch. Sie zeigt Sex, ohne zu viel zu zeigen, denn bis auf die Slips sieht man nichts. So mancher Vollakt ist weniger erotisch als dieses Schwarzweißbild.

Revenge © Ellen von Unwerth

Das Bild bricht mit den gängigen Regeln aller Fotostandardwerke. Die Bank, auf der die Mädchen sitzen, kippt nach links und ihre Beine, Füße, sowie eine Hand sind angeschnitten. Und dennoch wirkt das Bild. Ich erinnere mich an einen Fotografen, der mir erklären wollte, dass man Menschen nicht beim Essen fotografieren darf. Dem würde ich jetzt gern dieses wunderbare Bild zeigen.

Das Foto ist Teil einer Bildergeschichte, die sich durch den gesamten Fotoband „Revenge“ zieht. Eine Bildergeschichte für Erwachsene, komplett schwarzweiß gehalten, in schwarzes Leinen eingebunden. Erotik, ohne Porno oder Gewalt.

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Blickfang – State and Lake streets, 1987

27 Aug

Gary Stochl ist als Straßenfotograf noch nicht lange bekannt. Das undenkbare Gegenteil ist der Fall. Stochl fotografierte vom 17. Lebensjahr an sage und schreibe 40 (!) Jahre lange auf den Straßen von Chicago. 2004 entschied er sich, seine Fotos dem Photography Department der Columbia College Chicago zu zeigen. Heute verkauft er Vintage Prints für 1500 $ .

Das Bild, das ich heute vorstelle, stammt von Gary Stochl. Es bekam keinen Namen, wie alle seine Bilder. Nur Ort und Jahr sind bekannt, wie der Titel des Blickfangs beschreibt. Lassen wir erst einmal das Foto auf uns wirken.

State and Lake streets, 1987 © Gary Stochl

Das Foto ist in typischer Stochl-Manier, kein Ausreißer. Es ist düster, dunkel und hat einen faden Beigeschmack. Stochl selbst sagt, er habe nichts gegen Glücklichsein, es wäre nur einfach nicht sein Wesenszug. So sehen wir hier einen echten Stochl, mit viel Schwarz und einer Person.

Stochl hat das Bild nicht beschnitten, sonden den Wolkenkratzer im Hintergrund gelassen. So bleibt der urbane Kontext erhalten, jedoch fällt mein Blick unweigerlich auf die linke Hand des Mannes, der in der anderen Hand Bücher und Papier hält.

Ich habe dieses Foto schon einige Male überflogen, doch ich entschied mich, heute mal genauer hinzusehen und das Foto einem längeren Studium zu unterziehen. Und die grundsätzliche Frage, die dieses Bild aufwirft ist:

Hä?

In lang: Was macht dieser Mensch eigentlich? Hält er sich fest? Berührt er gar einen anderen Menschen? Oder drückt er sich nur an die Wand? Schiebt er etwas weg?

Das spannende an der Fotografie ist ja, wie Gary Winogrand (von dem Stochl beeinflusst war) sagte, dass es kein Vorher und kein Nachher gibt. Des Rätsels Lösung liegt in den Sekunden davor oder in denen danach.

Und doch ist es mir das Foto lieber als die Lösung. Denn so behält das Bild eine Magie, etwas Komisches, Unübliches. Und genau das ist es, was ich an Stochls Fotos mag, die ich allesamt im Buch „On City Streets, Chicago 1964-2004“* gefunden habe.

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Blickfang: Alte Schreibmaschine, 1951

22 Aug

Das Bild „Alte Schreibmaschine, 1951“ stammt aus dem Bildband „Wynn Bullock“* aus der Phaidon-Reihe „55“, die in kleinformatigen Fotobüchern verschiedene Fotografen vorstellt. Der US-Amerikaner hat keinen leicht auszumachenden fotografischen Stil, er fotografiert in völlig verschiedenen Genres, viel mehr liegt etwas in seinen Motiven, das zutiefst die menschliche Seele trifft.

© Wynn Bullock

Wynn Bullocks Bilder sind ausnahmslos sehr feinsinnige Beobachtungen, Fundstücke, abstrahierte Dinge, zumeist im Grunde sehr alltäglich, aber in den Bildern hochpsychologisch. Es ist eine extrem poetische und sehr dichte Stimmung, vor allem in seinen Schwarzweißaufnahmen. Ein Zitat auf seiner Webseite sagt, dass er Dinge durch die Kamera „beyond conventional ways“ sehen will und für mich steht dieses „beyond“ hier für ein „tiefer“, für ein sehr genaues Reflektieren statt eines bloßen Wahrnehmens.

Menschliche Gegenstände, die in der Natur gefunden werden können, üben schon sehr lange eine tiefe Faszination auf mich aus. Ich liebe es sehr, wenn man sehen kann, wie die Natur sich über einen langen Zeitraum die Dinge zurückholt, mit menschlichen Dingen interagiert, sogar so etwas scheinbar Stabiles wie eine Schreibmaschine aus Metall und harten Plastikteilen.

Verschiedene pflanzliche und tierische Lebensformen haben sich an und auf dem Gerät angesiedelt, es zu ihrem Zuhause gemacht und verformen nach und nach ohne menschliches Zutun die Gestalt des Objektes. Einzelne Tasten liegen auf dem Gerät, ohne, das klar wäre, wie sie dort hingelangt sind. Man kann in dem Bild sehen, wie der Wald lebt, wie er sich als großer Organismus auf eine Weise bewegt, die wir Menschen genauso wenig beobachten können wie die Bewegung des Stundenzeigers einer Uhr.

Das Bild ist sicherlich kompositorisch nicht herausragend, viel mehr wirkt es zunächst so, als wäre einfach nur mit der Kamera draufgehalten worden, aber für mich gehört genau das wie auch der Titel mit zum Charakter von „Alte Schreibmaschine, 1951“. Ich habe fast das Gefühl, dass die Art der Aufnahme aus der stehenden Position genau vermitteln soll, wie sich jeder Betrachter fühlen würde, der diesen wunderbaren Gegenstand findet und vor ihn tritt. Wir begleiten den Fotografen als Beobachter der Welt.

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Blickfang: Renate Schottelius

20 Aug

Mein heutiger Blickfang zeigt die junge Tänzerin Renate Schottelius. 1954 wohnte sie gemeinsam mit der Fotografin Ellen Auerbach in New York. Hier entstand auch dieses wunderbare Foto aus dem Bildband „All die Neuanfänge…“*.

Es zeigt die Tänzerin auf einem New Yorker Dach. Ellen Aucherbach hat sie während eines Luftsprungs fotografiert. Mindestens einen halben Meter schwebt sie über dem Boden, den Blick hat sie dabei nach unten gerichtet und lacht.

Es ist kein einfacher Sprung. Nur ein geübter Tänzer kann so hoch und so grazil springen, den einen Fuß nach oben, den anderen nach unten. Eingerahmt wird sie von Wolkenkratzern links und rechts.

Renate Schottelius, New York 1954 © Ellen Auerbach

Das Schwarzweiß-Bild zeigt für mich Lebensfreude, trotz oder gerade durch diese enge und graue Großstadt. Der Sprung wirkt so befreiend und leicht, dass auch mir als Betrachter gleich leichter wird und ich lächeln muss.

Den Bildband habe ich nach einer Ausstellung von Ellen Auerbachs Werken in Köln gekauft. Er zeigt eine Auswahl ihrer frühen Aufnahmen aus dem Werbestudio „ringl + pit“ bis hin zu ihren späteren Reisebildern. Das erste Drittel des Buches enthält Texte über Ellen Auerbach. Zwischen den Bildern befinden sich schöne Zitate der Fotografin. Mit einem solchen möchte ich auch gern schließen:

Man denkt, man sucht sich das Objekt aus […] und dann stellt sich nachher raus, dass da noch was anderes mitspielt, eine andere Kraft in einem, die bestimmt, wie und wo und wann man irgendetwas photographiert.

 

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Blickfang – 7 Novembre, Paris

15 Aug

Durch das Bild „7 Novembre, Paris“ aus der Serie „Chambre Close“ wurde ich auf die französische Fotografin Bettina Rheims aufmerksam. Ich mag provozierende Bilder, die nicht an der Würde der Abgebildeten rütteln, sondern sie eher stärken. Dieses Bild ist für mich ein wunderbares Beispiel dafür.

Die Frau stellt sich dar, sie ist nackt bis auf einen halbgeöffneten Mantel, doch sie schämt sich nicht. Ihre Nacktheit ist scheinbar das Natürlichste der Welt, denn ihr Gesichtsausdruck ist entspannt, freundlich und schön.

© Bettina Rheims, 7 Novembre, Paris, Juin 1991 Paris

Sie zeigt eine ihrer Brüste, hält sie mit beiden Händen, als würde sie sie der Kamera präsentieren. Die andere Brust ist durch den Mantel verdeckt. Die scheinbar fehlende Brust gibt dem Bild etwas Rätselhaftes, Unperfektes. Das Sexuelle tritt zurück und das Bild zeigt mehr als nur eine schöne, halbnackte Frau.

Ich muss beim Anblick der mittig plazierten Brust an eine Amazone denken und die Frau wird zu einer mythischen Figur in meinem Kopf. Eine Kriegerin, die sich die Brust abschlug, um ihren Bogen besser halten zu können. Eine stolze Frau, die sich nicht zu schämen braucht. Für nichts.

Das Bild stammt aus dem Bildband „Can you find Happiness“* von Bettina Rheims.

 

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Blickfang – Mostro im Garten des Palazzo Orsini

13 Aug

Als ich „Das Gesamtwerk. Photographien 1930 – 1972“* von Herbert List im Buchladen für nur 9,95 € entdeckte, musste ich nicht lange überlegen. Manchmal sind Bildbände einfach unverschämt günstig. Und zu Hause konnte ich das Buch gar nicht mehr weglegen. Die Schwarzweiß-Bilder, besonders die frühen surrealen Fotografien, hatten es mir angetan.

Vorstellen möchte ich Euch aus diesem Band das Bild „Mostro im Garten des Palazzo Orsini“ von 1952. Zu sehen ist ein Schafhirte mit etwa zwei Dutzend Schafen. Der Schafhirte – der Titel lässt mich vermuten, er heißt Mostro – steht im Maul einer großen, steinernen Statue, wodurch die Szenerie sehr surreal, ja geradezu grotesk wirkt. Aber sie ist real.

Mostro im Garten des Palazzo Orsini © Herbert List

Nahe der italienischen Gemeinde Bomarzo in Italien liegt der von Vicino Orsini angelegte Garten mit seinen skurillen Skulpturen. Warum der Schafhirte sich dort 1952 aufhielt, ob er für den Fotografen posierte oder zufällig dort stand, bleibt offen. Herbert List erfasste die ungewöhnliche Szenerie und drückte im richtigen Moment auf den Auslöser.

Wenn man im Internet nach diesem Garten sucht, sieht man mehrere Bilder anderer Fotografen von dieser Skulptur. Auf vielen stehen Menschen im Maul, weil genau das befremdlich wirkt. Die Schafe machen für mich aber Herbert Lists Foto zu etwas Besonderem. Sie wirken so absurd, dass das gesamte Foto schon etwas Komisches bekommt.

Das Bild könnte auch Teil eines Märchens sein. Aber diese Gedanken führen sehr weit und bevor ich Euch verrate, warum die Schafe in meiner Fantasie eigentlich verzauberte Jünglinge sind, seht Euch das Bild lieber selbst an und spinnt Euch Eure eigenen Geschichten.

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Blickfang: Sunday 07/03/2010 – 03:22

08 Aug

Sunday 07/03/2010 - 03:22 © Maciej Dakowicz

Dieses Bild stammt aus dem Bildband „Cardiff after dark“* von Maciej Dakowicz. Dieser machte sich nach Dämmerung auf und fotografierte Menschen beim Party machen – und zwar in der gutbevölkerten Hauptstadt von Wales. Im Rahmen vieler Aufnahmen, die übrigens auf Flickr als ganzes Set zu betrachten sind, fand ich dieses Bild, das laut Bildunterschrift nachts um 3:22 Uhr aufgenommen wurde.

Ich sehe einen Mann, der sich gerade so etwas wie Pommes bestellt hatte und – vielleicht, weil er wie viele andere Protagonisten im Band – etwas alkoholisiert war, die Hälfte davon auf den Boden verschüttet hatte. Den Rest der Speise versuchte er mit seiner Plastikgabel zu retten. Den EXIFs des Bildes entnehme ich, dass das Foto mit einer 5D Mark II aufgenommen wurde.

Das Foto sagt mir deshalb so zu, weil das Bild es mir leicht macht, mich in die Person hineinzuversetzen. Ich kann mir gut vorstellen, nach einer durchzechten Nacht mit verzehrendem Bährenhunger an einem Kiosk aufzuschlagen und mein letztes Geld für eine Portion Pommes auszugeben. Endlich habe ich diese in der Hand, spüre schon die Hitze des Essens, jedoch bin ich noch so betrunken, dass im Moment des Hitzeschmerzes der Pappteller außer Kontrolle gerät und ich die Hälfte davon verschütte.

Ich schaue mir kurz den Boden an, der – durch meine getrübten Augen – eigentlich ganz anständig aussieht und denke „Ach, scheiß drauf“ und kratze den Rest der Pommes zusammen. Doch weil ich mich bücken muss, fällt auch der letzte Rest herunter und der Abend ist somit vollständig gelaufen. Den letzten Satz habe ich hinzugedichtet, doch ein Bild, dass es mir leicht macht, eine eigene Interpretation zu finden, ist für mich ein gutes Bild.

~

Die Fotografie an sich betrachte ich als sehr gelungen. Denn das Bild ist in zwei Teile geteilt – links sehe ich den gebeugten Mann und rechts erkenne ich, dass noch viele Menschen in Partystimmung auf der Straße sind. Weil der Kiosk beleuchtet ist, wandern meine Augen unweigerlich dorthin und der gebeugte Mann wird so zum Eyecatcher.

Das Foto wurde – meines Erachtens nach – nicht sonderlich nachbearbeitet und sieht relativ nach „out of cam“ aus. Nichts wird übertrieben oder verstärkt, denn der Moment an sich wirkt. Und das reicht. Ich mag es, wenn ich einem Bild abnehmen kann, dass die Situation so war, wie ich es sehe.

Cardiff after dark. Ein Bild, das den Titel des Fotobandes sehr gut symbolisiert.

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