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Posts Tagged ‘Blickfang’

Blickfang: Tierpark Berlin

14 Oct

Einige von Euch erinnern sich vielleicht noch an die Schwarzweißbilder von Frank Silberbach, den wir im vergangenen Jahr hier im Interview hatten.

Seine Schwinglinsenkamera immer bei der Hand, sammelt er unentwegt Momente im Panoramaformat von den Berliner Straßen. Kürzlich nun ist sein erster Bildband mit dem Titel „Berlin 140°“* erschienen.

Begonnen hatte er sein Projekt im Jahr 2004 im Auftrag der Berliner Zeitung, der er vier Jahre lang jede Woche eines seiner Bilder lieferte. Nach Auslaufen des Vertrages legte er jedoch nicht etwa die Kamera nieder, sondern führte sein Projekt fort, das, wie er sagt, schon zu einem Teil seines Lebens geworden ist.

Jedes von Silberbachs Fotos erzählt eine oder gar mehrere kleine Geschichten gleichzeitig. Und oft verbirgt sich Skurrilität in den Details. Schön und immer wieder augenscheinlich ist, dass er mit seinen Bildern niemanden zu kategorisieren versucht. Vielmehr beweist er mit ihnen stets aufs Neue seine Neugier für die Menschen der Stadt.

Seine Fotos transportieren eine gehörige Portion Lebensfreude und haben stets einen gewissen Humor. Dieses Siberbachsche Augenzwinkern zieht sich durch alle Bilder des Bandes, doch spiegelt es sich ganz besonders in einem bestimmten Bild wieder.

Berlin 140° © Frank Silberbach

2012 im Tierpark in Berlin aufgenommen, schauen wir hier einer Menge Besuchern beim vermutlich sonn- oder feiertäglichen Zeitvertreib zu. Vergnügte Familien bevölkern den Hintergrund rund um das Schloss Friedrichsfelde.

Weiter vorn links fotografiert einer eine Dogge, die gewissenhaft für ihn zu posieren scheint. Ein anderer vorn rechts studiert Pelikane, die sich für ihn geduldig (und ein wenig eitel) zur Schau zu stellen scheinen.

Das Ganze mutet beinahe wie ein Bühnenstück an. Alle Akteure sind wohl in den Raum hineinsortiert. In diesem Garten, wo sich Pelikan, Hund und Mensch an diesem Tag neugierig aufeinander fröhlich miteinander vermischen, ist auf den zweiten Blick auch gar nicht mehr ganz klar, wer hier eigentlich mit wem oder für wen spielt. Alle scheinen gleichgestellt zu sein und doch erhält jeder, wonach ihm ist, getreu dem Motto „Jedem Tierchen sein Pläsierchen“.

Übrigens haben alle, die bis Anfang November in Berlin sind, gleich zwei Mal die Gelegenheit, die Vorstellung des neuen Bildbandes „Berlin 140°“ zu besuchen: Schon diesen Mittwoch, am 16. Oktober im Hotel Bogota oder am 1. November bei den Fotopionieren in der Karl-Marx-Allee. Die Veranstaltungen sind kostenlos!

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kwerfeldein – Fotografie Magazin

 
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Blickfang: WC im OG

10 Oct

Frank Kunerts Fotografien kleiner Welten haben wir Euch bereits im letzten Jahr präsentiert. Aus seinem ganz neuen Bildband namens „Wunderland“* möchte ich Euch nun mein Lieblingsbild genauer vorstellen.

Im Bild „WC im OG“ findet sich fast jede Facette von Kunerts Arbeiten wieder, die sie so besonders machen. Etwa seine Beobachtungsgabe für eigentümliche und typische Details, die Hand in Hand mit seinen erstaunlichen und fantasievollen Fähigkeiten des realistischen Modellbaus geht.

Graubrauner Putz, der hier und dort schon abgeplatzt ist und notdürftig repariert wurde. Der in vielen öffentlichen Gebäuden typische Wandanstrich mit einer dunkleren Farbe bis auf halbe Höhe. Ein unscheinbar neben dem Durchgang angebrachter, bereits überlaufender Mülleimer. Von Metallgriffen abblätternde Farbschichten.

WC im OG © Frank Kunert

Diese Details machen die sonst eher sterile Szene realistisch und tricksen unser Gehirn und seine normalen Wahrnehmungsschemata aus. Evolutionsbedingt sind wir darauf trainiert, nach dem ersten Blick schon eine Einschätzung des Gesehenen abzugeben. Bei Kunerts Arbeiten heißt das erst einmal: Foto einer tatsächlichen Szene.

Auf diese Wahrnehmung folgt – nicht nur bei „WC im OG“ – der Schreck: Was, das gibt es wirklich? Toiletten, die nur über Klettersprossen über Kopf erreichbar sind? Inklusive einer Rampe für Rollstuhlfahrer, die ganz ordentlich bis an die Sprossen heranführt und zusätzlichen, großen Haltegriffen rechts und links der Tür.

Durch diese makabere Übertreibung im Modell werden Parallelen zu tatsächlichen Beschwerlichkeiten deutlich, denen wir im Alltag begegnen. So ganz in unseren Trott versunken, nehmen wir sie aber allzu oft als gegeben hin, leben mit ihnen und um sie herum, ohne ihre unsinnige, eigentlich lebenserschwerende Existenz noch wahrzunehmen.

Spätestens, wenn tatsächlich betroffene Mitmenschen dann einen Schwank von ähnlich absurden, unüberwindbaren, aber real existierenden Arrangements zum Besten geben, wird klar, dass Kunerts Arbeiten nur oberflächlich lustig sind. Darunter liegt eine Ebene ernster Gesellschaftskritik.

In diesem Bildband sind 24 neue Arbeiten zusammengefasst, die auf die eine oder andere Weise um die Ecke gedacht sind, einen doppelten Boden haben, mit Redewendungen oder Formulierungen spielen. Dazu gibt es ein langes und lesenswertes Vorwort, bebildert mit Fotos, die Frank Kunert bei der Arbeit an seinen Modellen im Studio zeigen.

Auch der Titel „Wunderland“ spielt wieder mit den Erwartungen des Betrachters und Lesers. Klingt das nicht nach Schlaraffenland, Paradies, sorgenfreiem Leben? Hier ist es ein Land, in dem man sich über so einiges wundert. Dieses und viele andere Wortspiele zwischen Titel und Bild laden hier ein, Szenen aus immer neuen Winkeln zu betrachten und Gewohntes in Frage zu stellen.

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Informationen zum Band

Gebundene Ausgabe, 72 Seiten, 24 Farbabbildungen, 6 Schwarzweißfotos. Essay von Elizabeth Clarke auf Deutsch und Englisch. Erschienen im Herbst 2013 im Verlag Hatje Cantz. Preis: 16,80 €. Größe: 22,4 x 22,4 x 1,2 cm.

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Blickfang: Thomas Bernhard

08 Oct

„Blickfang“ heißt unsere Serie und etwas eigennützig zeige ich heute keinen rein fotografischen Blickfang. Die Bilder in „Tumbas – Gräber von Dichtern und Denkern“* sind von Simone Sassen. Es sind einfache, meist schwarzweiße, Aufnahmen von Gräbern bekannter Schriftsteller, die dokumentieren, wie sie eben vorgefunden wurden.

Mein Blickfang zeigt das Grab von Thomas Bernhard, weil ich seine Texte gern lese und weil er mir Rätsel aufgibt. Cees Nooteboom, der Mann von Frau Sassen, ist ein anderer großartiger Schriftsteller. Er lebt noch, zum Glück, und besuchte zusammen mit seiner Frau viele Friedhöfe auf der ganzen Welt. Im Buch beschreibt er zu jedem Grab und Bild seine persönliche Beziehung zum Toten, wie dieser den Tod in seinen Werken verarbeitete und wie er das Grab vorfand.

Sein Schreibstil ist klug und emotional und man möchte sich am liebsten zusammen mit ihm auf die Suche nach weiteren Gräbern machen, den Dichtern einen leisen Besuch abstatten, die man so gerne liest und die hoffentlich nie in Vergessenheit geraten.

Thomas Bernhard © Simone Sassen / Cees Nooteboom

Thomas Bernhard wurde 1989 auf dem Friedhof Grinzing in Wien begraben. Auf dem Grabstein stehen neben seinem noch zwei weitere Namen. Warum, weiß Cees Nooteboom nicht zu sagen: „… immer noch gibt er einem Rätsel auf…“ Das Grab ist dicht bewachsen mit Efeu, ein frischer Blumenstrauß liegt darauf.

Die Fotos von Simone Sassen störten mich anfangs. Sie waren mir zu kühl, zu einfach und standen so im Widerspruch zum Schreibstil von Cees Nooteboom. Mittlerweile habe ich mich mit ihnen angefreundet. Sie sind ein schöner Gegenpol, holen mich wieder in die Realität zurück. Es sind eben nur Gräber. Simone Sassen lässt keine Romantisierung zu, lässt keinen Raum für Melancholie.

Insgesamt finden sich neben Thomas Bernhards noch 82 weitere Bilder von Gräbern, wie zum Beispiel denen von Johann Wolfgang von Goethe, Virginia Woolf, Paul Celan, Thomas Mann, James Joyce und Elias Canetti. Diese Sammlung erschien bereits 2006 und ist ein kleiner Schatz für alle, die nicht nur eine Leidenschaft für Fotografie, sondern auch für Literatur haben.

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Blickfang: Son

02 Oct

Der Magnum-Fotograf Christopher Anderson hat sich über Jahre mit Aufnahmen aus Kriesengebieten einen Namen gemacht. Doch seine neue Publikation „Son“, erschienen im Kehrer-Verlag spricht ganz andere Töne. Leiser, zarter und weniger chaotisch beschreibt er darin seine Perspektive auf das Thema Familie. Und zwar seine eigene.

Der Band selbst ist schlicht gestaltet und beinhaltet neben den Fotos nur ein Nachwort des Fotografen zur Entstehung der Bilder. Diese kommen ganz ohne Titel aus und durch die freie gegenüberliegende Buchseite haben sie ausreichend Raum zur Entfaltung.

Auch auf Seitenzahlen oder ein Inhaltsverzeichnis wurde verzichtet. Alles, was der Band zeigt, sind Fotos, die nach Jahreszeiten geordnet aufeinanderfolgen, beginnend im Herbst.

Und diese lassen uns durch die Brille Andersons sehen und legen offen, was er sieht, wenn er an das Wort Sohn denkt. Denn obwohl der Band durch das Titelbild eindeutig auf den tatsächlichen Sohn mit Namen „Atlas“ deutet, fotografiert Anderson auch seinen an Lungenkrebs erkrankten Vater. Und positioniert sich selbst als Sohn zwischen den Generationen; macht nicht nur das Leben, sondern auch das Sterben zum übergeordneten Leitgedanken.

Anderson gewährt Einblick ins Sensibelste des Familienlebens. Er zeigt seinen Sohn gleich zu Beginn nackt und im Laufe des Buches auch seine Frau, Marion. Ein Bild, das die beiden eng umschlungen zeigt, lässt mich jedes Mal, wenn ich die Seiten durchblättere, innehalten. Es spricht zu mir – vielleicht auch, weil auch ich Vater und Sohn gleichzeitig bin.

Son © Christopher Anderson

Wie bei einem Großteil der Bilder steht die Sonne zum Aufnahmezeitpunkt tief und umzeichnet die Personen in warmem Licht. In dieser Wärme sehe ich Atlas, verkrochen und der Kamera abgewandt, umschlungen festgehalten von Mutter Marion. Sie schaut in Gedanken versunken aus dem Fenster. Ein stiller Moment, doch wie bei allen Fotos wird nicht verraten, was davor oder danach passiert ist.

Vielleicht hatte der Sohn auch gar keine Lust auf ein Bad oder war schlicht und ergreifend noch zu müde. Der Duschvorhang ist noch trocken und so auch die Haut der beiden – vielleicht sollte Atlas vor dem Schlafengehen noch baden oder ist traurig, weil er zuvor sein Spielzeug verloren hatte.

All das bleibt verborgen, doch darum geht es auch nicht, sondern um einen Moment tiefster Vertrautheit, wie sie im sicheren familiären Rahmen erlebt werden kann. Und dieses Bild lässt abschweifen. In meine eigenen Erinnerungen an die Nähe zu meinen Eltern. Und daran, wie sehr ich es genieße, mein eigenes Kind auf dem Arm zu halten.

Beim Betrachten des Bildes fühle ich mich angeregt, mit dem Band aufzustehen und ans Fenster zu laufen, in das gerade ebenfalls die Sonne scheint. Wie warm das ist. Ich muss ein wenig blinzeln, denn die Sonne blendet ein bisschen. So prägt sich das Bild ganz anders ein und ich kann erahnen, wie es vielleicht war, als das Bild aus dem Buch „Son“* aufgenommen wurde.

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Informationen zum Band

Gebundene Ausgabe, 96 Seiten, 44 Farbabbildungen, Englisch. Erschienen am 28. August 2013 im Kehrer-Verlag, Heidelberg. Preis: 39,90 €. Größe: 24,8 x 20,2 x 1,4 cm.

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Blickfang: Ashes and Snow

01 Oct

In the beginning of time, the skies were filled with flying elephants. Too heavy for their wings, they sometimes crashed through the trees and frightened other animals.

In „Ashes and Snow“ eröffnen mehrere Serien mit Elefanten das Buch. Es folgen Wale, mit denen Gregory Colbert taucht, sowie verschiedene Vogelarten, Giraffen, Zebras, Großkatzen und Affen. Manchmal allein, manchmal mit Menschen. Auf Dünen, Bäumen, im Wasser oder tempelartigen Gebäuden.

Kein Bild hat einen eigenen Titel, die Serien fließen, gehen ineinander über, wechseln sich ab. Es war nicht leicht, ein Bild auszuwählen, das für mich das Bild dieses Buches ist. Vielleicht ist das das hier gezeigte, es vereint fast alles, was mich an Gregory Colberts Arbeiten berührt: Tiere, Menschen, Natur gehören zusammen, passen genau ineinander, sind ein Ganzes.

Die Fotos sind klar und gleichzeitig surreal. Warm und erdfarben, trotzdem mit einem Hauch von Blau. Sie wecken die Sehnsucht nach ursprünglicher, sicherlich aber auch romantisch verklärter Ursprünglichkeit in mir (wieder).

Ashes and Snow © Gregory Colbert

Gregory Colbert wurde 1960 in Toronto, Kanada geboren. Seine Karriere begann 1983 in Paris, wo er Dokumentarfilme über gesellschaftliche Probleme drehte. Über die Filmemacherei kam er zur Fotografie und stellte erstmals 1992 aus.

In den folgenden zehn Jahren stellte er nicht aus, sondern startete über vierzig Expeditionen in entlegene und exotische Ecken der Welt, um dort die wundersamen Beziehungen zwischen Mensch und Tier zu fotografieren.

2002 präsentierte er seine Arbeit der zurückliegenden Dekade unter dem Titel „Ashes and Snow“ in Venedig als eine der größten Einzelausstellungen Europas. Diese wird seitdem ständig erweitert, während Colbert die Welt bereist, neue Länder, Menschen und Tiere fotografiert.

Seine Ausstellung „Ashes and Snow“, die neben Fotos auch Filme zeigt, ist als reisende Ausstellung angelegt. Die Räume, in denen sie präsentiert wird, werden „Nomadic Museum“ genannt, dessen Architektur als das Äquivalent offener Arme konzipiert ist. Das Museum kann zerlegt und einfach andere Orte der Welt gebracht werden, um dort präsentiert zu werden.

Ashes and Snow © Gregory Colbert

Überhaupt ist dieses Buch eines der schönsten, die es gibt. Ein haptisches Erlebnis. Dickes, weiches Papier in einem warmen Weiß, groben Schnittkanten, eingebettet in einen stark strukturierten braunen Umschlag. Mit einem Band verschlossen.

„Ashes and Snow“* in die Hand zu nehmen, das Band zu lösen, den unvergleichlichen Umschlag aufzublättern, mich nach einiger Zeit der Kontemplation wieder aus den beruhigenden Serien zu lösen und das Band wieder ums Buch zu wickeln, ist jedes Mal wieder etwas Besonderes.

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Blickfang: The Two Virginias

26 Sep

Das heutige Bild trägt den Titel „The Two Virginias #4, 1991“ und stammt aus dem Bildband „Immediate Family“* von Sally Mann. Ihre Bilder sind unlängst bekannt und zieren die Wände diverser Museen wie dem Metropolitan Museum of Modern Art oder dem Whitney Museum of American Art in New York.

Ich habe mich hier für ein Bild entschieden, das wohl weniger bekannt ist. Oft machte mir dieses Bild Angst. Ich hinterfragte diese Angst. Die schlohweißen Haare der Frau, deren Gesicht völlig verborgen ist, ihre spitz zulaufenden Finger sind wohl Hinweis auf diese Angst. Denn in diversen Märchen und Gruselfilme meiner jugendlichen Vergangenheit waren es immer die Alten mit diesen Attributen, die für das Angsteinflößende (Hexen, Geister) in der Welt standen.

The Two Virginias © Sally Mann

Natürlich ist das plakativ, pauschal und ziemlich idiotisch. Aber ist man erst einmal „gepolt“, ist es schwer, hinter diverse Verhaltensmuser zu schauen.

Aber auch andere Gefühle vermischen sich bei der Betrachtung, denn ich denke auch an die Hände meines Großvaters. Lang waren sie, ich nannte sie später immer Künstlerhände. Auch seine Fingerspitzen liefen krallenartig spitz zusammen und wenn er mich ärgern wollte, dann drückte er seine Finger immer in meinen Arm, so dass ich aufjauchzte mit: „Och Opa, Du weißt, dass das weh tut“, und er schmunzelte.

Nachdem ich also mein anfängliches Gefühl begriff, öffnete sich das Bild für mich und ich kann Wärme, Verbundenheit und den Lebenszyklus darin entdecken. Es ist spannend, sich immer und immer wieder einmal mit einem einzigen Bild auseinander zu setzen und hilft mir oft auch dabei, mich selbst zu begreifen.

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Blickfang: Ruine der Kirche von El Carmen Antigue

24 Sep

Eadweard Muybridge war ein Pioner der Fotografie und der fotografischen Technik: Schon in den 70er und 80er Jahren des 19. Jahrhunderts machte er Aufnahmen, die bis in die heutige Zeit als richtungsweisend gelten können und zwar in den unterschiedlichsten Genres.

Portraits, Studien von Bewegungsabläufen von Tieren und Menschen, die er später mit einem sogenannten Zoopraxiskop in kleine, auf Leinwände projizierte Filme verwandelte. Die zum Teil auch als in Endlosschleifen abspielbare Serien konzipiert waren – man könnte fast behaupten, er habe die moderne GIF-Datei erfunden, die heute überall im Internet zum Einsatz kommt – vor allem aber auch viele Landschafts- und Stadtaufnahmen, mit und ohne Menschen. Einige der Bilder dürfen gar als frühe Straßenfotografie betrachtet werden.

Ruine der Kirche von El Carmen Antigue © Eadweard Muybridge

Viele seiner Bilder zeigen dabei auch, was wir heute „Making Of“ nennen würden. Es ist die Präzision und Leidenschaft zu erkennen, mit der er zu Werke geht, wenn er etwa in einer kleinen Felshöhle im Yosemite Valley ein „fliegendes Studio“ einrichtet und dort in verschiedenen Kisten unter anderem die Chemikalien zu sehen sind, mit denen er arbeitet.

Das Foto „Ruine der Kirche von El Carmen Antigue“ von 1875 aus dem Band „Eadweard Muybridge“* des Verlags Phaidon ist Teil einer Serie, für die der Fotograf ein halbes Jahr in Mittelamerika verbracht hat. Sein besonderer Fokus galt dabei verfallenen Kirchen aus der spanischen Kolonialzeit.

Es ist unter den Bildern, die ich von Eadweard Muybridge kenne, eher ein ungewöhnliches Motiv: Einzelne Gebäude fotografierte er sonst öfter in Kombination mit Menschen, an Bauwerken scheinen ihn eher die Strukturen zu interessieren. So sieht man oft etwa Hausdächer und Städte von oben.

Das Bauwerk ist fotografisch nicht sonderlich subtil oder gar originell in Szene gesetzt: Quadratische Aufnahme, wenig Platz an den Rändern, eine Perspektive von schräg vorn. Der Betrachter scheint fast vollständig durch die Augen des Fotografen auf die Szene zu blicken und sieht dennoch alles.

Und trotzdem ist es ein majestätisches, ein mächtiges Bild, was natürlich nicht nur für das atemberaubende Motiv gilt, sondern gerade auch dann, wenn man die Präzision und Leidenschaft bedenkt, mit der dieser Fotograf mit Hilfe der begrenzten Mittel seiner Zeit gearbeitet hat.

Auch 138 Jahre und viele, viele Generationen von technischen, konzeptuellen und kulturgeschichtlichen Revolutionen im Bereich der Fotografie später, kann man eigentlich nicht mit Überzeugung behaupten, dass heute jemand ein besseres Bild von dieser Kirche machen würde. Vielleicht ein experimentelleres, aber kein zeitloseres und gerade das beeindruckt mich an dieser Aufnahme sehr: Sie ist ein sehr altes Stück Fotografiegeschichte und wirkt trotzdem in keiner Weise veraltet.

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Blickfang: Der rote Bulli

19 Sep

Stephen Shore ist der Urvater der unaufgeregten Abbildung amerikanischer Gewöhnlichkeit. Er war seinerzeit einer der Pioniere, die mit ihren dokumentarischen Arbeiten die Farbfotografie jenseits von Mode und Werbung etablierten.

Kristallklar ist sein Blick auf die müde Realität amerikanischer Zwischenstädte, die zerfransten Vororte, die versiegelten Landschaften einer Zeit, in der das Automobil noch unumstrittenes Vehikel für den amerikanischen Traum war.

Wir stehen auf der linken Seite einer von roten Backsteinhäusern gesäumten Straße und schauen auf die Kreuzung einer – die vergleichsweise niedrige Bebauung deutet darauf hin – Kleinstadt in der amerikanischen Provinz. Ein ungewöhnlich gewöhnlicher Ort. Laut Bildunterschrift handelt es sich um den Ort Easton im US-Bundesstaat Pennsylvania, aufgenommen vor fast 40 Jahren am 20. Juni 1974.

Die Perspektive ist unaufgeregt und klar. Der Fluchtpunkt liegt in etwa auf dem unteren linken Kreuzungspunkt des Bilddrittelrasters. Dadurch wirkt der Bildaufbau simpel und ausgewogen, fern von jeglicher Effekthascherei.

Der rote Bulli © Stephen Shore

Ins Auge springt das auf der gegenüberliegenden Seite der Kreuzung geparkte Auto – ein roter Bulli. Auf den ersten Blick scheint das Bild menschenleer, doch bei genauerer Betrachtung entdeckt man den Jungen am Fenster hinter dem Bulli. Mit dem Rücken zum Fenster sendet er seine Aufmerksamkeit über die Schulter nach draußen. Sein Atem kondensiert an der Scheibe und verschleiert seinen skeptischen Blick auf den Fotografen.

Überhaupt wird der eigene Blick hier regelrecht durch den Raum des Bildes spazieren geführt, vorbei an all den fabelhaften Details und ihren kleinen Geschichten. „Das Foto ist eine Welt für sich, in der der Betrachter herumwandern und sie für sich entdecken kann“, so Shore.

Der Detailreichtum des Bildes rührt vom Aufnahmeformat her. Shores eigener Aussage zufolge ist dies das erste Bild, das er mit einer 8×10-Großformatkamera machte und justament festellte, dass er damit schließlich das richtige Werkzeug für seine Art der Fotografie gefunden hatte.

Das Bild ist „Uncommon Places“* entnommen – einem Bildband, der Shores komplettes Werk in sich vereint und empfehlenswert ist für alle, die gern ins Weite blinzeln, sich dabei an eine alte Gegenwart erinnern und von einer längst vergangenen Zukunft träumen.

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Blickfang: Sibylle Bergemann – ein Polaroid

17 Sep

Seit Sibylle Bergemanns Polaroids an den damals noch wunderschönen alten Wänden des C/O in Berlin-Mitte hingen, war ich angetan von der stillen Farbigkeit verblasster Erinnerungen. Ein Bild, vor dem ich lange stand, war dieses. Es trägt keinen Titel, keine Bildunterschrift, rein gar nichts.

Es hängt seitdem an meiner Wand, natürlich nicht das Original, wie wäre das denkbar. Aber eine Kopie prangt über meinen Schreibtisch, zieht immer wieder meinen Blick an. Viele, die mich besuchten, zeigten auf das Bild, wollten wissen, wer es ist.

Es ist ein leises Bild. Das Gesicht der Frau ist ebenmäßig, zart und ein leichtes, fast nicht sichtbares Lächeln umspielt die Klarheit ihrer Augen. Hingezogen fühle ich mich auch zu dem Rot ihrer Wangen, als hätte jemand noch schnell mit einem Pinsel ein paar Pigmente darüber verteilt.

Das Bild macht mich still, wühlt nichts auf, stellt keine Fragen. Es schaut mich an und ich schaue zurück.

Polaroid © Sibylle Bergemann

Das Bild stammt aus dem Katalog „Die Polaroids – The Polaroids“*, der anlässlich der Ausstellung Sibylle Bergemanns im C/O erschienen ist. Die Polaroids darin zeigen, was Sibylle Bergemann sah, ihre Welt aufgezeichnet auf ein Medium, vom dem man behauptet, es verblasst, sobald es das Licht der Welt erblickt.

Kinder, verkleidet, das Meer und zwei verlassene Stühle, Treppenaufgänge, ein Hof aus gelben Sand und Ziegen, die in die Kamera blicken, Licht, das sich durch Glas windet – in jedem Bild die Stille, das Anhalten von Zeit, die Ewigkeit.

Ich bin mir sicher, in diesem Buch findet sich für jeden ein Lieblingsbild, das aufgeschlagen auf dem Nachttisch ruht und einen am Morgen begrüßt, wenn man die Augen öffnet.

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Blickfang: Aparición – Erscheinung

12 Sep

Das Bild „Aparición“ (Erscheinung) stammt aus dem Bildband „Flor“* (Blume) der mexikanischen Fotografin Flor Garduño. Darin sind die Arbeiten eines Jahrzehnts enthalten, in dem sie sich nach ihrer Schwangerschaft mit den Themen Nacktheit und Stillleben auseinandergesetzt hat.

Ihre Bilder sind von einer starken Poesie durchzogen und so ist jedes einzelne wie ein Gedicht zu lesen. Formen verleihen den Bildern eine stumme Melodie, der Kontrast verspricht die ewige Dualität der Geschlechter.

Pflanzen und Pflanzenteile symbolisieren Fruchtbarkeit und erinnern in ihrer Form und Darstellung entweder an eine Vulva (eine aufgeschnittene Birne) oder Brüste (Granatäpfel). Gegenstände wie ein menschengroßes Schwert symbolisieren Macht oder Übernahme durch einen anderen. Ein Vogelkäfig zeigt die Gefangenschaft, die das menschliche Dasein oft mit sich bringt.

Ihre Bilder strotzen nur so vor Symbolik, so dass man sich ihnen länger widmen muss als nur ein Augenaufschlag lang. Jedes Bild ist Geheimnis und Offenbarung zugleich.

Flor © Flor Garduno

Mein Lieblingsbild ist „Aparicón“, weil es für mich, trotz seiner Klarheit, Fragen aufwirft. Der mit einem schwarzen Tuch verborgene Kopf, die schwarz gefärbten Hände und der weiße, aufgefächerte Rock lassen mich instinktiv die Bedeutung erahnen.

So erinnert mich der Rock an eine weiße Blüte, die aber nicht die Scham verdeckt, sondern den Blick darauf fokussiert und somit die Fruchtbarkeit symolisiert. Doch bleiben die schwarzen Hände und der verdeckte Kopf für mich ein Geheimnis.

Ihre Arbeiten inspirieren mich immer wieder. Ich mag die Einfachheit, die Stille, das Nicht-Aufgeregte, die es darin zu entdecken gibt. Ihre Bilder benötigen keine aufregenden Effekte, um Aufmerksamkeit zu erhalten. In ihrer Schlichtheit zeigen sie die Schönheit unserer Existenz und verbildichen gleichzeitig die immer wiederkehrenden Fragen unseres Seins.

Ich kann diesen Bildband von Flor Garduño also uneingeschränkt empfehlen. Er gehört zu den Schätzen in meinem Bücherregal.

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