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Posts Tagged ‘Zweifeln’

Von Liebe und Zweifeln

15 May

Ein Beitrag von: Ines Rehberger

Ich wollte seit Langem Fotografin werden. Richtig professionell zusammen mit Modellen arbeiten und etwas Großes erschaffen, so wie es einige meiner Vorbilder machten. Also beschloss ich, nach der Realschule auf mein Abitur zu verzichten und mir meinen damaligen Traum zu erfüllen: Fotografin werden.

Ich entschied mich dafür, ein Jahr lang auf eine freie Fotografie-Schule zu gehen. Die Zeit dort war wunderschön und ich fühlte mich so wohl, dass ich beschloss, das Ganze auf den nächsten Level zu heben. Mit Anfang 17 packte ich meine Sachen, verließ die Wohnung und das Dorf, in dem ich groß geworden war und zog in ein weiteres Dorf neben der Stadt, in der ich meine Ausbildung absolvieren würde.

© Ines Rehberger

Es war ein kleines Pass- und Bewerbungsstudio mit viel Fotografie-Zubehör zum Kaufen. Klar, es war nicht das, was ich mir erhofft hatte, aber damals dachte ich, es würde mich eines Tages dorthin bringen. Ich hatte dieses eine Ziel vor Augen und so nahm ich es hin, dass die Ausbildung sich immer mehr zur Fehlentscheidung entwickelte.

Technische Dinge lernte ich im Blockunterricht, für den ich alle paar Monate in einem Internat leben musste, im Geschäft lernte ich wie man mit Kunden umgeht und wie man jeden Tag mit ein und derselben Kameraeinstellung Pass- und Bewerbungsfotos macht, mit denen die Kunden am Ende sowieso nicht zufrieden waren.

© Ines Rehberger

Der Alltagstrott kam schnell und dass ich den halben Samstag arbeiten musste, während ich unglaubliches Heimweh hatte und die Bahnfahrt nach Hause mich einiges an Geld und Zeit kostete, machte es nicht einfacher. Zudem schien ich mit meiner blassen Haut und meinem Hang zur Farbe Schwarz einfach nicht dazu passen zu wollen. Mein Chef und ich waren – untertrieben gesagt – auch nicht gerade auf einer Wellenlänge. Hier war Fotografie ein Handwerk und keine Kunst.

Die Lust am Fotografieren verschwand schnell, aber ich zwang mich, privat zu fotografieren, um mein liebstes Hobby weiterhin an mich zu binden.

© Ines Rehberger

Ich zähle den Tag, an dem ich meine Ausbildung beendet habe, zu einem der schönsten Ereignisse, die ich je erleben durfte. Dass Fotografie nicht das war, was ich beruflich mein Leben lang machen wollte, war mir bereits nach einem Jahr bewusst geworden. Aber ich hatte für diese Ausbildung alles stehen und liegen gelassen und so zog ich es bis zum Ende durch.

Letztendlich war ich froh, einen fertigen Abschluss zu haben, auch wenn ich den Titel „professionelle Fotografin“ nicht besonders mochte. Denn ich wusste nun, dass es eben nur ein Status war und nichts, was etwas über die Person an sich oder ihre Kunst aussagt.

© Ines Rehberger

Seitdem sage ich von mir, dass ich Hobby-Fotografin bin und es auch bleiben werde. Fotografie bedeutet mir sehr viel und ich stecke in meine Bilder all mein Herzblut, viele Gedanken und Gefühle. Und in diesem einen ganz besonderen Hobby möchte ich frei sein. Ich will von niemandem in eine Schublade gesteckt werden oder mich unter Druck setzen lassen. Das mag bei anderen Menschen, die eine solche Ausbildung machen, ganz anders sein.

Diese Zeit war jedoch in einer Hinsicht sehr wertvoll: Ich hatte nun viele neue Emotionen, die ich in meinen Bildern verarbeiten konnte. Bis heute versuche ich, eben diese Gefühle wie Einsamkeit, Heimweh, Fernweh, Sehnsucht, Melancholie und so weiter mit Hilfe von Modellen und meinen Anweisungen in bildlicher Form auszudrücken. Fotografie ist mittlerweile kein Hobby mehr, sondern ein fester, sehr wichtiger und starker Teil von mir.

© Ines Rehberger

Es ist mir wichtig, dass ein fertiges Bild am Ende so ist, dass ich selbst davor verweilen möchte und mir Gedanken dazu mache. Umso glücklicher macht es mich, wenn andere Menschen genauso über meine Fotografie denken und die Emotionen bei ihnen ankommen. Einfacher wäre es wohl, mich selbst zu fotografieren, da ich die Person bin, deren Gefühle ich ausdrücken möchte.

Jedoch liebe ich es, neue Menschen kennen zu lernen und meine Emotionen durch ihre eigenen zu verstärken. Zudem ist es immer wieder eine kleine Herausforderung eine andere Person in meine Gefühlswelt einzuschließen. Da die meisten meine Geschichte nicht kennen, versuche ich, den Betrachtern meiner Bilder Interpretationsfreiheit zu geben und trotzdem dafür zu sorgen, dass eine Serie im Grunde Sinn ergibt. Daher bestücke ich jede mit einem Titel, der alle Bilder miteinander vereint.

© Ines Rehberger

Ich fotografiere mittlerweile ausschließlich bei natürlichem Licht und am liebsten draußen in der Natur. Dort gibt es einfach nichts, was großartig vom Modell ablenken könnte und ich bewege mich gern frei. Während des Fotografierens achte ich sehr darauf, den Bildausschnitt schon so zu legen, dass ich in der Nachbearbeitung nichts daran machen muss.

Wie ich ein fertiges Bild bearbeite, hängt vom Thema des Shootings ab. Farben mag ich in meinen Bildern im Allgemeinen eher gedeckt und meist entweder in bläulichen oder rötlichen Tönen. Mit den Farben versuche ich, die Geschichte der Serie zu intensivieren.

Anfangs machte ich Bilder für mich selbst, um mich auszudrücken und schwierige oder auch besonders schöne Zeiten in Bilderform ablegen und archivieren zu können. Mittlerweile, da ich weiß, dass ich Menschen mit meiner Fotografie emotional erreiche, fotografiere ich auch für sie. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, dass ich nicht mehr missen möchte. Je mehr Menschen es werden, desto mehr scheint der Druck zu steigen.

© Ines Rehberger

Aber ich versuche, stets mir klar zu machen, woher ich komme und wieso ich fotografiere. Und dann weiß ich wieder, dass ich gar nicht mehr brauche als mich, meine Kamera, meine eigene Zufriedenheit, eine Menge Spaß und ein paar Menschen, die mich unterstützen. Und zwar in dieser einen Sache, die ich an meinem Leben und Dasein am meisten liebe: Der Fotografie.


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Vom Davonfliegen und Zweifeln

08 Apr

Ich war noch nie vom Typ Künstler, der viel skizziert hat und wenn ich überhaupt mal etwas skizziere, dann eigentlich nur, weil meine Vorstellungskraft nicht ausreicht, es mir gedanklich auszumalen. Und wenn Skizze, dann ist das bitte auch die direkt Vorstufe zu einem Endprodukt.

Ich experimentiere nicht so viel, nehme nur selten einfach mal so die Kamera in die Hand. Was andere tun, indem sie skizzieren und experimentieren, läuft bei mir im Kopf ab. Ideen kommen, wollen Aufmerksamkeit in Form von Ausarbeitung und Konzeptfindung. Ich überlege mir genau, wie alles aussehen und funktionieren soll, bevor ich einen Finger dafür krumm mache.

© Aileen Wessely; Modell: Luna Leung© Aileen Wessely; Modell: Luna Leung

Dementsprechend habe ich das letzte Jahr, in dem es irgendwie immer zu wenig Zeit zum Fotografieren gab, nicht mit vielen kleinen Versuchen gefüllt, die mich auf dem Weg der Stilfindung voranbringen könnten, sondern mit Nachdenken. Was möchte ich fotografieren, was sollen meine Bilder transportieren und vor allem welche formalen Rahmenbedingungen verwende ich?

Die Antworten auf diese Fragen: Ich möchte weiterhin Portraits in oder mit Natur machen, aber ihr Konzept soll weniger austauschbar sein als bisher, also nicht nur wechselnde Gesichter in wechselnden Gebüschen, festgehalten in den altbewährten Bildschnitten. Aber weiterhin Offenblende und mittlere Festbrennweiten.

© Aileen Wessely; Modell: Luna Leung

Die Stimmung gern düster, seltsam, surreal, aber bitte nicht offensichtlich in den bekannten Schubladen wie etwa Gothic, verletzliches Mädchen in Wald und Wind oder „Conceptual“ mit irgendwelchen schwebenden Gegenständen, wahlweise der Protagonistin. Eher fantastisch, mit der Andeutung einer eigenen Welt. Skizzen von Träumen der letzten Nacht, die nur noch halb fassbar sind.

Diese Wirkung möchte ich mit Effekten unterstreichen, die sich gern an allen verfügbaren Möglichkeiten bedienen: Linseneffekte, Spiegelungen, Entwicklungsfehler, analoge oder digitale Mehrfachbelichtungen, Collagen, gezeichnete Elemente, Animation. Mein Kopf sprudelt ohnehin über, wenn ich diese Büchse nur einmal öffne.

© Aileen Wessely; Modell: Luna Leung

Ich merkte, es ist gar nicht so leicht, Rahmenbedingungen für meine Bilder festzulegen, wenn der Prozess der Stilfindung im Wesentlichen darin besteht, alle anderen Fotos auf der Welt in die Kategorien „Finde ich blöd“, „Finde ich toll, macht aber schon jemand anders“ und „Falsches Genre“ einzuordnen.

Am Ende inspirieren mich ja zum größten Teil doch die Bilder aus der zweiten Kategorie. Es gilt also, diese in ihre Bestandteile zu zerlegen und die Stückchen von verschiedenen Urhebern zu meinen eigenen Präferenzen neu zusammenzusetzen. Ohne aber in das Fettnäpfchen zu treten, dass schon jemand in etwa diese Kombination bedient.

© Aileen Wessely; Modell: Luna Leung

Anfang März hatte ich dann die nötige Motivation, viele Pläne, ein vielversprechendes Modell sowie Katja als Assistentin beisammen. Ich sammelte Stöcker im Wald, baute daraus Papierflügel sowie einen etwas seltsamen Schild. Letzteres für meine Bilder, erstere eigentlich nur für Katjas Bilder, weil mir Flügel schon zu oft gebraucht wurden. Jeder kennt Fotos mit Flügeln.

Vor Ort musste ich aber feststellen, was ich nicht gut kann, egal wie viele Gedanken ich mir mache: Meine Pläne auch konsequent umsetzen, selbst wenn sie vielleicht die Modelle auch mal an ihre Grenzen bringen. Ich lege sogar Ideen vorauseilend ad acta, selbst wenn zum Beispiel noch niemand über die Kälte gejammert hat.

© Aileen Wessely; Modell: Luna Leung

So gibt es lediglich einen Hauch von Seltsamkeit, die üblichen Gesichtsausdrücke und drei von vier Kameras sind die ganze Zeit über im Rucksack geblieben. Kein Kurzfilm, keine Polaroids, kein digitales Material für experimentelle Collagen. Kaum Mehrwert zu den bekannten verträumten Portraits in der Natur.

Das ärgert mich und vergällt mir die fertigen Bilder, obwohl sie – mit abgehakter Checkliste betrachtet – schon ein ganzes Stück weiter an meinem definierten Ziel liegen als die älteren Serien. Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass sie ein legitimer Schritt auf einem Weg sind, den ich nicht mit einem großen Sprung gehen kann, weil er zu weit ist.

© Aileen Wessely; Modell: Luna Leung

Ich überlege mir also, wie ich die nächste Etappe zurücklegen kann und nehme mir ein paar Dinge vor: Das nächste Modell mit dem Ziel suchen, zu experimentieren, Material für Versuche zu sammeln und keine gefälligen Bilder versprechen. Die Effekte, die erst hinterher dazu kommen können, gezielt mitdenken, ihnen beim Komponieren Raum geben.

Zum Fotografieren eine genaue Liste machen: Mit welcher Kamera und ggf. welchem Film möchte ich arbeiten? Welche Accessoires und welche Kleidung werden dabei eingesetzt? Welchen Ablauf gebe ich dem Modell für die Szene vor und welchen Anteil fremder Ideen erwarte ich? Welche Effekte kommen hinterher dazu? An eine vollkommen freie Session denken, um Material für offene Experimente zu sammeln.

© Aileen Wessely; Modell: Luna Leung

Planen ist ja meine Stärke, wie gesagt. Solche Listen erstellen kann ich im Schlaf. Aber die Umsetzung wird jetzt wieder spannend. Vielleicht scheitere ich an einem anderen psychischen Stolperstein, der mich davon abhält. Solange denke ich weiter nach, statt Skizzen zu machen.


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