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Zurück zur ersten Liebe

16 Dec

Ein Sänger steht im Rampenlicht.

Ein Beitrag von: Samuel Kümmel

Der 1. April 2009 war in meinem Leben ein wegweisendes Datum. Es war der Tag, an dem ich mich entschieden hatte, in die berufliche Fotografie einzusteigen. Ungefähr drei Jahre lange hatte ich zuvor einigermaßen ernsthaft so gut wie alles und jeden um mich herum fotografiert – oder es zumindest versucht.

Dann kam die Anfrage von zwei guten Freunden, ob ich nicht ihre Hochzeit fotografieren möchte. Sie hatten meine Reportage-Fotos von verschiedenen Veranstaltungen auf unserem Campus gesehen und wollten mich als Hochzeitsfotografen buchen.

Was für eine große Ehre! Mich machte die Anfrage zuerst glücklich, dann nachdenklich. Sind meine Fotos wirklich schon so gut, dass Leute mich zum Fotografieren buchen wollen? Bin ich soweit, für Fotos Geld zu nehmen?

Ich war kein Typ für halbe Sachen. Ich wollte ein 100%-Mensch sein. Damals war der Perfektionist in mir noch sehr stark. Wenn ich etwas machte, dann wollte ich es richtig machen. Und so blieb mir nur die Entscheidung: Entweder Du startest jetzt was in Richtung Fotografie oder Du lässt es ganz sein. Ein Dazwischen gab es für mich nicht.

An diesem Tag meldete ich also mein eigenes Gewerbe an. Ich wollte in die Selbstständigkeit starten. Was zunächst nebenberuflich begann, entwickelte sich durch einige berufliche Umwälzungen und nicht zuletzt eine gute Auftragslage im Spätherbst 2010 zu meinem Hauptberuf. Ab November 2010 war ich Berufsfotograf.

Jetzt steht das Jahr 2014 kurz vor seinem Ende. Die Adventszeit hat begonnen, die Zeit der Besinnung. Besinnen tue ich mich aber bereits seit ungefähr drei Monaten. Ich bin mittlerweile Vater geworden und habe im Herbst letzten Jahres eine Teilzeit-Stelle in meinem alten Beruf angenommen.

Bäume, ein Flugzeug und ein Vogel.

Mein Leben beginnt, sich zu verändern und mit der Geburt unserer Tochter ist mir noch einmal neu klar geworden, was mir wirklich wichtig ist im Leben. Ich werde zum Jahresende aus der Berufsfotografie wieder aussteigen.

Wer sich selbstständig macht, geht ein hohes Risiko ein. Und er muss einige Charaktereigenschaften mitbringen oder entwickeln, wenn er wirklich finanziell erfolgreich sein will – denn darum geht es letztendlich in der beruflichen Fotografie.

Ich habe den Eindruck, dass seit einigen Jahren die Fotografen (neben- oder hauptberuflich) wie Pilze aus dem Boden schießen. Allein aus meinem Bekanntenkreis haben sich in den letzten zwei Jahren fünf Personen fotografisch selbstständig gemacht.

Geht ja auch ganz einfach: Man nimmt seinen Namen, setzt ein „Fotografie“ oder „Photography“ dahinter und erstellt eine Facebook-Seite, eine Webseite und/oder einen Account bei einer gängigen Fotoplattform.

Doch ich behaupte, dass die wenigstens wissen, was es bedeutet, sich selbstständig zu machen, wenn sie anfangen. Deswegen hoffe ich, dass meine Ausstiegsgründe aus der Berufsfotografie manchen die Augen öffnen.

1. Ich bin kein Verkäufer

Was mich mit am meisten genervt hat an der beruflichen Fotografie, war das Sich-verkaufen-Müssen. Du stehst permanent mit Deiner Person und mit Deinen Fotos in aller Öffentlichkeit und musst Dich bzw. Deine Fotos irgendwie an den Mann bringen.

Warum bist Du ein_e bessere_r Fotograf_in als andere, die das Gleiche anbieten? Warum sollen Menschen genau Dich buchen? Natürlich ist mir bewusst, dass es verschiedene Wege gibt, sich zu verkaufen.

Eine Kirche im Fluchtpunkt der Straße.

Manche verkaufen sich marktschreierisch, manche sind einfach über Jahre sehr fleißig und andere haben einfach nur Glück. Sie treffen die richtigen Kunden zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich habe über die Jahre gemerkt, dass ich in diese „Rolle“ des Verkäufers nicht passe. Deswegen bin ich doch nicht Fotograf geworden?!

Damit ich mich selbst permanent irgendwie anpreise, anschließend irgendwelche Kunden meine Fotos bewerten und mir dann dafür Geld geben, dass ich genau das gemacht habe, was sie wollten? In der Masterclass bei Steffen „Stilpirat“ Böttcher, die ich im Frühjahr 2013 besuchte, lernte ich, dass es auch anders geht.

Diese „Persönlichkeitsschulung“ hat mir damals die Augen geöffnet. Und sie hatte große Auswirkungen auf meine Entscheidung heute, mit der ganzen Sache aufzuhören. Genau das, was wir dort lernten – nämlich, dass Fotografie zu 75% aus Psychologie im Kontakt mit den Kunden besteht – hat mir gezeigt, was ich nicht gut kann.

Hätte ich diese Masterclass doch vor meiner Selbstständigkeit besucht. Es wäre sicher einiges anders gelaufen.

2. Ich kann nicht kalkulieren

Wer beruflich fotografiert, muss Preise machen. Ich hatte am Anfang keine Ahnung davon. Die ersten zwei Jahre habe ich für unterirdische Preise gearbeitet. Meine Hochzeitsreportage (ganztägig) kostete damals wenige hundert Euro.

Inklusive allem. Erst als ich gemerkt habe, dass man von diesen Preisen nicht leben kann und dass meine Fotos qualitativ viel besser waren, erhöhte ich sie. Teilweise um 100 oder mehr Prozent im darauffolgenden Jahr.

Ein Elch im Wald.

3. Ich will eigentlich etwas ganz anderes

Leider hatte ich da schon einen „falschen“ Kundenkreis aufgebaut, nämlich hauptsächlich gemeinnützige Vereine und Kunden, die auf der Suche nach einem „günstigen“ Fotografen waren. Jetzt den Kundenkreis komplett zu wechseln, war sehr schwierig und ich habe es bis heute nicht richtig hinbekommen.

Es ist ein Wunder (und ich danke Gott dafür), dass ich in der Zwischenzeit nicht insolvent gegangen bin. Meine anfangs zu niedrigen Preise sind auch dafür verantwortlich, dass ich bis heute noch nicht das Equipment habe, was ich eigentlich zum Fotografieren immer haben wollte.

Wenn ich hier aufzählen würde, womit ich heute teilweise noch arbeite, werden mich einige Berufsfotografen sicherlich belächeln. Aber das ist mir egal. Ich habe gelernt, damit zufrieden zu sein, dass ich nicht die neueste Technik und die besten Objektive habe.

Ich bewundere Berufsfotografen, die einfach nur „ihr Ding“ durchziehen und anscheinend (von außen wahrnehmbar) nur die Projekte machen, auf die sie wirklich Bock haben. Ich habe großen Respekt für alle, die ihre Bildsprache gefunden haben, die sich durch alle ihre Fotos zieht.

Und ich bin irritiert über alle, die anscheinend mit den größten Scheißfotos (subjektiv, ich weiß!) in der Lage sind, soviel Geld zu verdienen, dass sie davon gut leben können.

Ich habe nach fast fünf Jahren beruflicher Fotografie entdeckt, dass ich das alles nicht will. Hätte ich es doch mal vorher entdeckt – vieles wäre mir erspart geblieben. Ich bin schlecht darin, mich für meinen eigenen künstlerischen Ausdruck gegen fixe Kundenideen durchzusetzen.

Eine Frau läuft dem Sonnenuntergang entgegen.

Ich brauche noch einige Zeit, um meine Bildsprache zu finden. Und ich will eigentlich nur Fotos und Projekte machen, die mir selbst gefallen. Ich habe mich jahrelang verbogen – aus dem Gedanken und der Angst heraus, mit meinen Fotos genügend Geld verdienen zu müssen, dass ich davon meine Familie ernähren kann. Aber eigentlich will ich etwas anderes.

Ich will ohne Druck fotografieren. Ich will Fotos machen, die ich mir aufgrund ihrer Ästhetik und persönlichen Bedeutung selbst an die Wand hängen würde.

Und ich bin von Technik fasziniert. Letzteres war der eigentliche Grund, warum ich vor ca. 13 Jahren zum ersten Mal eine digitale Kamera in die Hand genommen habe. Nennt mich einen selbstbezogenen Technik-Nerd. Aber zur Zeit fühle ich mich so „selbst-bewusst“ wie schon seit Jahren nicht mehr.

Vermutlich ist alles, was ich will, auch mit der beruflichen Fotografie möglich. Ich kann es aber nicht. Vielleicht in ein paar Jahren mit deutlich mehr Coaching und Mentoring. Aber in der Zwischenzeit will ich meine Familie ernähren und für die Zukunft vorsorgen.

Deswegen wechsle ich in meinen alten Beruf – für den ich nach wie vor viel Leidenschaft habe, die jahrelang unter der Oberfläche geschlummert hat. Mein Appell an alle, die gerade in die fotografische Selbstständigkeit starten wollen, lautet: Überlegt Euch lange und genau, was Ihr eigentlich wollt und könnt.

Und zwar bevor Ihr in die berufliche Fotografie einsteigt. Und wenn Ihr zu einem Ergebnis kommt: Folgt Eurem Herzen. Macht nichts aus Angst oder Druck. Ein anderer Weg ist immer möglich. Es geht weiter – auch für mich. Nur anders.


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