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Gedanken zur Unschärfe

06 Jun

Ein Beitrag von: Anne Henning

Seit jeher existiert die Vorstellung, Unschärfe habe etwas mit Fehlerhaftigkeit zu tun. Einerseits geben doch zahlreiche Handbücher standardmäßig Tipps, wie man Unschärfe vermeiden kann, andererseits sind es gerade unscharfe Fotos, die den Betrachter besonders in ihren Bann ziehen. Gibt es also gute und schlechte Unschärfe?

Ich bescha?ftige mich gern historisch und kunstwissenschaftlich mit verschiedensten Dingen, die mir in der Fotografie begegnen und u?ber die ich dann la?nger nachdenken muss. Unscha?rfe ist eines davon. Es ist spannend, wie sich eine vermeintliche Fehlerhaftigkeit, na?mlich, dass einzelne Bildteile nicht zu erkennen sind, in der Kunst etabliert hat, und das in erstaunlich vielen Formen. Und hier daru?ber zu schreiben, ermo?glicht es mir erneut, einige meiner liebsten Unscha?rfefotos anderer Fotografen vorzustellen.

Schon in der fru?hen Landschaftsmalerei war Unscha?rfe ein beliebtes Stilmittel, eine romantische Grundstimmung zu schaffen. Man denke nur an Caspar David Friedrichs abendliche Naturlandschaften, in denen Himmel und Erde scheinbar nahtlos ineinander u?bergehen.

Konturenscha?rfe zeugt von Kontrolle u?ber das Gesehene, ein scharfer Blick impliziert Pra?zision und Unbestechlichkeit, Unscha?rfe hingegen ermo?glicht es dem menschlichen Auge, Dinge miteinander sanft verschmolzen zu sehen, wo sonst vielleicht nur harte Kanten oder schroffe Gegensa?tze zu finden wa?ren.

Ob bei Landschaft oder Architektur, so ko?nnen Gegensa?tze besa?nftigt und malerisch weich gemacht werden. Unscha?rfe hat also eine Funktion und ist nicht nur ein zufa?llig gewa?hlter Pinselstrich oder eben in der Fotografie ein falsch eingestellter Fokus. Im U?brigen sind heutzutage Scha?rfe und Unscha?rfe feste Termini der Fotografie, wa?hrend bei gemalten Bilden eher von Sfumato oder Verblauung gesprochen wird.

Fotograf: Ludwig West

Fotograf: Ludwig West

Fotografin: Snjezana Josipovic

Fotografin: Snjezana Josipovic

Seit der Erfindung der Daguerrotypie und somit der Mo?glichkeit, Fotografien dauerhaft zu fixieren, diente das Foto als Wiedergabe der Wirklichkeit in all ihren Details. Erst 1859, also 20 Jahre nach ihrer Erfindung, wurde die Gleichung Fotografie = Scha?rfe auf einer internationalen Konferenz in London erstmals in Frage gestellt.

Plo?tzlich wurde empfohlen, statt gleichma?ßiger Scha?rfe mal den Hintergrund verschwimmen zu lassen, doch erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die „unscharfe Richtung“ auch Mode im deutschsprachigen Raum. Es wurden in Fachzeitschriften sogar regelma?ßig Tipps gegeben, wie man durch Gelatinefolien, Tu?llschichten oder sogar Damenstru?mpfe zwischen Kamera und Objektiv gespannt, feine Unscha?rfen erzeugen konnte.

Es galt vor allem als schick, gerade Frauen nicht gnadenlos vollscharf abzubilden, sondern sie dezent weichzuzeichnen, um eventuelle kleine Makel so vertuschen zu ko?nnen. Auch heute gibt es eine Tendenz, weibliche Modelle eher unscharf abzulichten, um ihnen eine Zartheit zu verleihen. Doch auch hier variiert der Grad der Unscha?rfe natu?rlich erheblich.

Portrait einer nackten Frau in kalten Farben

Fotograf: Hasse Linden

Portrait einer blonden Frau im BH, vor einem Heizkörper.

Fotografin: Orphin

Ob es nun darum geht, etwas zu vertuschen oder bestimmte Dinge in den Fokus zu ru?cken, um die unscharfen Aspekte zu u?berlagern und somit den Blick des Betrachters gezielt zu lenken, ist letztendlich eine Frage des Wahrheitsanspruches an das Foto und welche Geschichte es erza?hlen soll.

Scharfe Details haben eine besonders blickfangende Wirkung, wenn der Rest des Bildes in partieller Unscha?rfe verschwimmt. Dabei ist es spannend, wie manchmal Vordergrund und manchmal Hintergrund als Blickfa?nger dienen, allein durch die Entscheidung zu Scha?rfe und Unscha?rfe.

Fotografin: Marit Beer

Fotografin: Marit Beer

Fotografin: Nastya Kaletkina

Fotografin: Nastya Kaletkina

Der Fotograf Heinrich Ku?hn war 1897 der Meinung, es sei Aufgabe der Unscha?rfe, innere Bilder sichtbar zu machen. Vorstellungs- und Erinnerungsbilder waren fu?r ihn so fotografisch umsetzbar, denn auch unser echtes Erinnerungsvermo?gen gibt uns keine detaillierte Aufschlu?sselung, wie eine vergangene Szene genau ausgesehen hat.

Farbe und Muster einer Tapete, die Form eines Mo?belstu?cks oder Details der Kleidung, an Einzelheiten ko?nnen wir uns oft nur unscharf erinnern. Verblasste Erinnerung hat A?hnlichkeiten mit unscharfen Fotografien, auch wenn Wissenschaftler bestreiten, dass es u?berhaupt so etwas wie ein „inneres Bild“ gebe und dieses Denken lediglich inspiriert sei durch Filme.1

Und wirklich: Unscha?rfe fungiert in Filmen gleichsam als Code, denn man hat gelernt, dass es sich entweder um eine Ru?ckblende oder einen Traum handeln muss, wenn die Bilder verschwimmen oder weichgezeichnet sind. Denkt mal dru?ber nach, es ist faszinierend, wie stark wir filmisch gepra?gt sind!

Dennoch ist es spannend, wie ein unscharfes Foto uns Verschwinden suggeriert, einen U?bergang zwischen Realita?t und Nichts, ein indefinites vertra?umtes Dazwischen und der Betrachter zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit hin- und hergeschoben wird.

Fotografin: Snjezana Josipovic

Fotografin: Snjezana Josipovic

Fotografin: Celeste Ortiz

Fotografin: Celeste Ortiz

Im Bildjournalismus hingegen haben unscharfe Fotos eine genau entgegengesetzte Wirkung auf den Betrachter: Sie zeugen von Authentizita?t. Selbst ein verwackeltes Foto hat einen Sensationscharakter, man vermutet den ehrlichen Schnappschuss eines Fotografen, der frei von Kalku?l oder Verwertungsinteresse zufa?llig Zeuge einer bestimmten Szene wurde.

Ob Geisterfotografie oder andere mystische Begebenheiten – je unglaubwu?rdiger eine Begebenheit, desto ho?her die Wahrscheinlichkeit, dass das Beweisfoto unscharf ist. Dass auch hier der Betrachter geschickt manipuliert wird, ist offensichtlich.

Fotograf: Moune Drah

Fotograf: Moune Drah

1907 heißt es in einer Rezension zu einer Fotoausstellung dann liebevoll ausgedru?ckt:

Der Apparat nimmt die Gegensta?nde nicht mehr wie fru?her mechanisch auf, sondern sieht sie durch ein Temperament. Er kann blinzeln und fixieren, kann u?ber Kleinigkeiten hinwegsehen und bei Bedeutendem verweilen, kann auch verzeichnen und schrullenhaft sein, mit einem Wort: Er hat eine Seele bekommen.2

Und auch ich habe bei manchen Fotografien genau dieses Gefu?hl, dass die alte Kamera eine Seele hat und unscharfe Bilder erzeugen in mir oft die Illusion, mit meinem Blick alles und doch nichts greifen und begreifen zu ko?nnen. Fu?r mich ist es manchmal befreiend, den Blick nicht auf vorgegebene scharfe Punkte fixieren zu mu?ssen, sondern den Gedanken freien Lauf zu lassen. Eine Nassplatte auf sich wirken lassen, mit all ihren Unscha?rfen dank — aus heutiger Sicht — la?ngst u?berholter Technik.

Fotograf: Jan Eric Euler

Fotograf: Jan Eric Euler

Ein Bild, das seinem Betrachter Details vorentha?lt, gibt sich auch selbst nicht preis. Viel mehr zelebriert es eine gewisse Distanz und Ra?tselhaftigkeit, was wiederum unser Interesse weckt.

Oder: „Das Bild besitzt auf einmal die Autorita?t, auch schweigen zu du?rfen und sich nicht verho?ren lassen zu mu?ssen“, wie es Wolfgang Ullrich in seiner „Geschichte der Unscha?rfe“ sehr passend ausdru?ckt.3 Atmospha?re, Stimmung und die eigene Fantasie des Betrachters ru?cken in den Mittelpunkt und er muss selbst die Leerstellen fu?llen, die das Foto ihm vorgibt.

Fotografin: Marina Jerkovic / Zimmer117

Fotografin: Marina Jerkovic / Zimmer117

Ich bin ein großer Bewunderer von Unscha?rfe, ist sie auch manchmal Mittel zum Zweck, uns auf etwas aufmerksam zu machen oder etwas vor unserem Auge verschwimmen zu lassen. Trotzdem glaube ich, ist es oft genug Zufall, dass genau im Moment des Abdru?ckens der Fokus falsch justiert war. Und gerade diese Fotos sind es, die zeigen, dass es keine unpassende oder falsche Unscha?rfe geben kann, wenn das Foto eine eigene Poesie, A?sthetik und Geschichte besitzt.

Fotografin: Anne Henning

Fotografin: Anne Henning

Fotograf: Rüdiger Beckmann

Fotograf: Rüdiger Beckmann

Oder, wie es die großartige britische Fotografin Julia Margaret Cameron, die im 19. Jahrhundert fu?r ihre unscharfen Portraits beru?hmt war, aber auch vielerorts kritisiert wurde, schon 1864 ausgedru?ckt hat:

What is focus – and who has a right to say what focus is the legitimate focus?

 

Quellen und Literatur

1 Wolfgang Ullrich, Die Geschichte der Unschärfe, S. 75
2 Fritz Matthies-Masuren, Künstlerische Photographie, S. 94
3 Wolfgang Ullrich, Die Geschichte der Unschärfe, S. 15


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