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Fantastische Bildbände zur Straßenfotografie, Teil 1

13 Mar

Nachdem ich mich 2010 vermehrt von der Landschaftsfotografie ab und der Straßenfotografie zuwendandte, wuchs auch mein Interesse an Bildbänden. How-to-Bücher wollte ich keine mehr lesen, sondern mir direkt die Arbeiten urbaner Fotografen ansehen und mich daran erquicken. Heute stelle ich im Rahmen unserer Buchwoche ein paar davon vor, weitere Vorstellungen werden folgen.

Ich finde es hochspannend, sich einem Genre der Fotografie zu verschreiben und dann auf globale Bewegungen hin zu untersuchen. Was haben andere Fotografen und Fotografinnen bisher erschaffen? In welcher Zeit und Kultur wurde gearbeitet? Welche Stilmittel genutzt?

All das sind Fragen, auf die mir Bildbände in gewisser Weise Antworten geben können. Und das auf ihre ganz langsame, natürliche Art, die sich doch so von der Hektik des Netzes unterscheidet. Außerdem: Ich fahre gern mit den Fingerspitzen über Fotografien und spüre die Schwere eines Buches mit Freude. So möchte ich mit dem ersten Band beginnen, dem ich ganz sicher den Klassiker-Status zusprechen kann:

 

„Streetphotography Now“* | 18,95 € | 27,2 x 23,9 x 2,3 cm

Streetphotography Now

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Wenn es ein Buch gibt, das mich beim ersten Ansehen gleich erschüttert und bewegt hat, war es „Streetphotography Now“. Als ich es zum ersten Mal in Händen durchblätterte, musste ich mehrmals pausieren, denn die massive Dichte der Bilder überforderte meine Aufnahmekapazität um ein Vielfaches. Selten war ich so gezwungen, mir mehrere Wochen Zeit zu nehmen, um einen Fotoband kennenzulernen.

Das Buch wirkt bis heute nach und es wird noch für eine lange Zeit eine Quelle der Inspiration bleiben.

Auf 240 Seiten haben die Autoren Sophie Howarth und Stephen McLaren einen Bildband herausgegeben, der mit dem Wort „umfassend“ betitelt werden kann. Insgesamt 46 zeitgenössische Straßenfotografen werden darin inklusive Kurzbiografie vorgestellt und satte 301 Bilder laden mehr als eindrucksvoll dazu ein, in die Diversität und Leuchtkraft einzutauchen und die Zeit zu vergessen.

Magnum-Größen wie Bruce Gilden, Martin Parr und Alex Webb gehören wie selbstverständlich zum Kanon, jedoch gibt es auch zahlreiche Fotografen und Fotografinnen, die der großen Öffentlichkeit bis zur Erstauflage kaum bekannt waren. Außerdem beschränkt sich „Streetphotography Now“ nicht nur auf europäische und amerikanische Künstler, sondern besucht mit Bruno Quinqet Tokyo, mit dem nicht unbekannten Herren Titarenko St. Petersburg und mit Musem Wasif Dhaka, um nur ein paar herauszustellen.

„Streetphotography Now“ ist in seinem breitgefächerten Umfang ein weiterer Beweis dafür, dass die Straßenfotografie noch lange nicht tot ist, sondern – und das mag im Buch selbst zu kurz kommen – auch durch das Internet eine Renaissance erlebt, global schwierigen Rechtslagen trotzt und Großartiges vollbringt.

Auch heute suche ich mir gern bei einer Tasse Kaffee einen Fotografen heraus und betrachte dessen Bilder. Das reicht auch völlig aus, denn bei Interesse befinde ich mich zehn Minuten später auf einer Erkundungsreise im Netz, um alle anderen publizierten Fotos meiner Entdeckung zu bestaunen.

 

„Stern Fotografie: Bruce Gilden“* | 18 € | 27,8 x 52,7 x 1,4 cm 

Bruce Gilden

Bruce Gilden

Obwohl die Art und Weise, mit der Bruce Gilden bis heute Menschen auf der Straße fotografiert von einem Großteil der Fotografie-Szene (inklusive Straßenfotografen) kritisch beäugt wird, bin ich bekennender Adorator (sic!) des US-Amerikaners. Das klingt pathetisch. Ist es auch. Ich liebe diesen Kerl.

Um mir seine Aufnahmen schön groß zu gönnen, kaufte ich mir Ende des zurückliegenden Jahres die 64. Ausgabe der Reihe „Stern Fotografie“. Diese deckt Gildens Portraits Krimineller, Gangster und Mafiosi ab, die ebenso schonungslos abgebildet werden wie diese ihr Leben wahrscheinlich unterhalten.

Gilden, Soziologe und selbst Sohn eines Kriminellen, kennt das Milieu, in dem er sich aufhält. Und vielleicht hat er auch deshalb den Mut, diese Menschen ohne Vorwarnung direkt anzublitzen und sich in potentielle Gefahr zu bringen. Seine Bilder hingegen erklären die Portraitierten nicht zu Helden, sondern konfrontieren den Betrachter in aller Härte mit Narben, Eigenheiten und Gewaltbereitschaft der Szene.

Nahezu intim wirken die Bilder, die wie ein Ausdruck der Worte Robert Capas – If your pictures aren’t good enough, you’re not close enough – wirken. Und „close enough“ bin ich auch als Betrachter, denn in ihrer Größe von knapp A3 (pro Seite!) kann ich keine sachliche Distanz aufbauen, sondern werde beinahe ins Geschehen hineingezwungen.

Bei Fotografien, die nur einseitig gedruckt wurden, ist die gegenüberliegende Seite schwarz, was den bedrückenden Charakter des Bandes unterstützt. Des Weiteren wurde auf Seitenzahlen und Bildunterschriften gänzlich verzichtet und diese auf die letzten beiden Seiten des Bandes verfrachtet, um den Fotografien ihren Platz einzuräumen.

Es sind sicher keine angenehmen Bilder, die uns Bruce Gilden in diesem Band vor Augen hält. Aber sie erzählen von einem Teil unserer Gesellschaft, der heute gern verdrängt wird und höchstens bei einem Skandal kurz hochstilisiert wird. Ich möchte jedem, der sich mit dieser Realität befassen möchte und ein wenig tolerant gegenüber Gildens Ansatz ist, empfehlen, sich diesen Bildband zuzulegen.

 

„Henri Cartier-Bresson: Meisterwerke“* | 6,95 € | 18,8 x 14,4 x 1,2 cm

Henri Cartier-Bresson: Meisterwerke

Henri Cartier-Bresson: Meisterwerke

Der erste Bildband, den ich zur Straßenfotografie in den Händen hielt, war – so wollte es der Zufall – ein Geschenk. Damals war ich nur flüchtig mit dem Sujet vertraut und das Büchlein staubte lange Zeit im Schrank vor sich hin.

Seitdem mir die Straßenfotografie 2010 vollständig den Kopf verdrehte, zupfte ich es hin und wieder aus der hintersten Buchreihe, um darin zu schmökern. Dass ich ein fotografisches Schmuckkästchen in der Hand hielt, wurde mir sofort bewusst und es scheint, als ob die Fotos mit jedem Ansehen an Attraktivität gewinnen.

Auf 128 Seiten präsentiert der Verlag Schirmer/Mosel insgesamt 52 Schwarzweißaufnahmen des Meisters Cartier-Bresson. In chronologischer Reihenfolge von 1932 bis ’99. Jedoch beginnt die Reise zweimal von vorn: Einmal mit Bressons Straßenfotos und das andere Mal mit dessen Portraits. Diese Fotos sind jeweils „einseitig“ abgebildet: Die Gegenseite bleibt, wie oben zu sehen ist, stets weiß.

Der Bildband startet mit einem zwölfseitigen, lesenswerten Essay des Straßenfotografen selbst, datiert auf 1952 und mit dem Titel – wer hätte es gedacht – „Der entscheidende Augenblick“. Am Ende des Büchleins schließt die Klammer eine kurzbiographische Übersicht.

Bresson war seinerzeit überzeugt davon, dass Fotografen seines Genres Technik soweit wie möglich außen vor lassen und die zu Fotografierenden nicht damit belästigen sollten. Bressons Begeisterung für natürliches Licht und Authentizität schlägt sich – meiner Meinung nach – in sämtlichen Straßenaufnahmen sowie Portraits nieder.

Für bislang mit Bresson Unbekannte wird es eine Überraschung sein, dass der Mitbegründer von Magnum Photos auch Ikonen seiner Zeit ablichtete. So findet der geneigte Bewunderer unter den abgebildeten Aufnahmen des Bandes eingängige Portraits von Monroe, Sartre, Picasso und vielen anderen.

Auch, wenn ich vor Jahren nicht so recht wusste, was nun mit diesem Bändchen anzustellen sei, ist es mir heute doch sehr ans Herz gewachsen. Einziger Wermutstropfen: Der Preis von 6,95 € ist unschlagbar, jedoch hat sich der günstige Einband mit der Zeit recht schnell gelöst.

 

„Saul Leiter (Photofile)“* | 12,55 € | 12,3 x 19 x 1,3 cm

Saul Leiter

Saul Leiter

Die Fotografien von Saul Leiter entdeckte ich, als Jürgen Bürgin hier bei uns im Magazin eine Buchrezension über den Künstler publizierte. Diese Bilder wirkten einige Zeit nach, sodass ich mir ein paar Wochen später den hier vorgestellten Bildband zulegte. Ich traute mich noch nicht, die Retrospektive zu kaufen, denn ich war mir nicht sicher, ob ich mich in diese Fotos tatsächlich verlieben könnte. Eines Besseren belehrt, das wurde ich.

Heute zählt dieser Bildband zu meinen liebsten überhaupt. Leiters Art, zu fotografieren hat mich geprägt und das vor allem deshalb, weil sie mich tief berührt und eigentlich nicht mehr so ganz in Ruhe gelassen hat.

Das Buch „Saul Leiter“ ist Bestandteil der derzeit 24-teiligen Photofile-Reihe von Thames & Hudson, die sich damit schmückt, Fotos der weltbesten Fotografen in guter Qualität für jedermann zu produzieren. Denn nicht selten kosten solche Schmöcker mehr als der Studentengeldbeutel erlaubt. Somit ist die Photofile-Reihe ein wahres Vergnügen für jeden Interessierten.

Doch zurück zum Bildband. 144 Seiten umfassen eine Reihe von insgesamt 64 Fotos. Auf der Coverinnenseite steht, dass 38 davon in Farbe sind, nachgezählt habe ich nicht. Aber vom Gefühl her scheinen es bei jedem Mal mehr zu werden; wahrscheinlich deshalb, weil die Farbfotos etwas ganz Besonderes sind.

Der heute 89-jährige Saul Leiter zog 1946 nach New York, um Maler zu werden. Dieser Absicht folgte er auch, jedoch begann er bald, die Kamera als verlängerten Arm zu nutzen und fotografierte – zur Nachkriegszeit unter Künstlern verpönt – auch auf Farbfilm.

Leiter selbst hatte nicht das geringste Interesse daran, sich selbst als Meister der Straßenfotografie darzustellen, denn er verstand sich nach wie vor als Maler. Dies ist auch der Grund dafür, dass die Entdeckung seiner außergewöhnlichen Bilder noch recht jung ist und dieser Mensch über 40 Jahre lang ohne Rampenlicht auskam. Dies sah er als ein großes Previleg an, wie Jürgen Bürgin berichtete.

Seine ungewöhnliche Art, zu fotografieren wurde nicht minder von seinem Hang zur Malerei und der Freundschaft zu abstrakten Expressionisten, die er in New York kennenlernte, beeinflusst. Wenn ich mir seine Bilder anschaue, dann wundere ich mich jedes Mal, wie Leiter eigentlich seine Motive komponiert. Er hat einen ungemein scharfen Blick für Linien, Menschen und vor allem: Farben.

Leiter präferierte, durch vereiste oder von Kondenswasser beschlagene Scheiben zu fotografieren und mit Spiegelungen den Betrachter zu verwirren. Jedoch sind die Bilder stets so gehalten, dass sie nicht zu sehr abstrahieren, sondern – zumindest mir – stets der Kontext klar bleibt. Außerdem sind im Zentrum seiner Bilder: Menschen im urbanen Kontext.

Desweiteren gefallen mir Leiters Bilder deshalb, weil er sich ständig einen feuchten Kehricht um Fotoregeln scherte und recht häufig Menschen im Bild frech an irgendwelchen Stellen abschnitt. Bestes Beispiel: „Red Umbrella“. Ein Mensch mit rotem Schirm steht an einer zugeschneiten Straße, die sich in einer Rechtskurve um den Menschen schlängelt. Die Person und der Schirm sind jedoch nur angerissen, gut zwei Drittel des Menschen ließ Leiter einfach weg. Und: Lässt mich als Betrachter nach mehr sehnen.

Solche Spielereien sorgen dafür, dass ich diese Bilder nicht vergessen kann. Denn – zwar nicht immer, aber oft – widersetzen sie sich meinen Sehgewohnheiten und verhaken sich tief im Langzeitgedächtnis.

Im Buch werden die Fotos (meist) einseitig gedruckt, auf den Gegenseiten finden sich Titel und Jahr der Aufnahme. Das Büchlein beginnt mit einem erweiterten und wunderbar zu lesenden Essay des Historikers und Fotografen Max Kozloff.

Ich darf sagen, dass ich kein Buch so oft studiert habe wie dieses. Gerade, weil Leiter so einmalig fotografierte, habe ich bis heute nicht die geringste Langeweile beim Betrachten seiner Werke empfunden. Letzte Woche habe ich mir übrigens die Retrospektive bestellt. Jetzt bin ich mir sicher: In Leiters Fotografien habe ich mich verliebt.

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kwerfeldein – Fotografie Magazin

 
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Von Frankreich über Spanien nach Skandinavien – Teil 2

08 Feb

Ein Beitrag von: Ronny Behnert

Die Sonne hatte den Horizont noch nicht erreicht und ich machte mich nach meiner Reise durch Frankreich auf den Weg durch die Dunkelheit zu meinem neuen Ziel: Bilbao. Oder viel mehr dem architektonischen Glanzpunkt dieser Stadt: Dem Guggenheim Museum.

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Bilbao, die größte und wichtigste Stadt im Baskenland genießt leider einen zweifelhaften Ruhm als eine der unattraktivsten Städte Spaniens. Das Guggenheim Museum, das sich mir schon von Weitem zeigte, machte dieses Negativurteil aber nach Erblicken wieder wett.

Die Sonne ging gerade auf, als ich mich an die Arbeit machte und die fast organischen, glänzenden Formen dieses architektonischen Meisterwerkes fotografierte. Frank O. Gehry hat sich, und das behaupte ich ruhigen Gewissens, mit diesem Gebäude selbst übertroffen. Mit etwas Geduld und Umblick habe ich mir weitere interessante Standorte gesucht, um das Museum aus ein paar anderen Blickwinkeln zu portraitieren.

Die lebendigen Formen ließen mich das Gebäude als eine Art „schwarze Königin“ erleben, die sich unter ihrer dunklen Krone mit der Sonne erhebt und im heller werdenden Sonnenlicht erstrahlt, um sich abends dem immerwährenden Zyklus hinzugeben und die Krone im Akt einer architektonischen Inthronisation im Dunkel der Nacht abzulegen.

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Um die Mittagszeit machte ich mich – wieder im strahlenden Sonnenlicht – auf den Weg in den Küstenort Zumaia, nördlich der Stadt Bilbao, kurz vor der französischen Grenze. Zumaia ist bekannt für einen schmalen, kurzen Küstenabschnitt, der so abenteuerlich zerklüftete Felsen aufweist, die sich wie Speere in den Atlantischen Ozean schneiden, dass man meinen könnte, man befände sich auf dem Mond.

Nach einer längeren Suche hatte ich den kleinen Abschnitt dann entdeckt und wurde nicht enttäuscht. „That’s one small step for mankind, one giant leap for me“, um dabei an Neil Armstrong zu denken.

Die vom Wasser geschliffenen, spitzen und teils merkwürdig geformten Vorsprünge zogen sich weit in den Ozean und es war möglich, auf ihnen zu klettern, um gute, eher seltene Blickwinkel dieses Phänomens zu erhalten. Mit nassen (wirklich sehr nassen) Füßen machte ich mich anschließend auf den Weg zurück nach Biarritz, um mich auf meine Rückreise gen Deutschland vorzubereiten.

~

Ein paar schöne und vor allem eindrucksvolle Tage gingen zu Ende und ich flog trotzdem mit zwei lachenden Augen zurück in die Heimat. Kopenhagen und Malmö standen kurz bevor und ich freute mich auf ein spannendes Äquivalent zu Frankreich.

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So ging es nur kurze Zeit später mit dem Flieger in die dänische Haupt- und Hafenstadt Kopenhagen, die mich in herrlichstem Sonnenschein empfing. Wer meine Arbeiten schon eine Zeit lang verfolgt, wird mittlerweile wissen, dass ich selten bei hartem Sonnenlicht fotografiere und strenge Licht- und Schattenbildungen vermeide, um meinen Arbeiten ein homogenes, weiches Äußeres zu verleihen.

Der Tag verging also, indem ich mir geeignete Orte zum Fotografieren suchte, um bei geeignetem Wetter direkt dort beginnen zu können. Am nächsten Morgen war das Wetter so, wie ich es bestellt hatte! Wolken. Graue, dicke, schnell vorbeiziehende Wolken.

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Mein erstes Ziel, auf das ich mich festgelegt hatte, war die Øresundsbron zwischen Dänemark und Schweden, mit fast 8 Kilometern Länge die weltweit längste Schrägseilbrücke. Die einfachste Möglichkeit, in die schwedische Hafenstadt Malmö zu gelangen, ist die Fahrt mit einem der stündlich abfahrenden Züge vom Kopenhagener Hauptbahnhof oder direkt vom Flughafen Kastrup. Weitere Möglichkeiten bestehen darin, die Brücke mit dem Auto zu überqueren oder eine etwas längere, dafür aber idyllischere Fahrt mit der Fähre über den Øresund.

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Ausgestiegen am ersten Bahnhof auf dem schwedischen Festland und euphorisiert von der Tatsache, dass ich die Brücke in nur wenigen Minuten fotografieren könnte, lief ich flotten Schrittes in Richtung Küste. Der Bus benötigt vom Bahnhof bis zur Brücke etwa acht Minuten. Da kann ein Fußmarsch nicht ewig dauern.

Der Schein trügte, denn nach zwei Stunden Marsch durch die schwedische Einöde war ich noch immer nicht am Ziel und hatte mich trotz GPS im Telefon verlaufen. Die Schweden – und diese Tatsache finde ich ausgesprochen vorbildlich – sprechen ein perfektes Englisch und sind sehr hilfsbereit, so dass man einen zufällig vorbeikommenden Radfahrer oder Fußgänger einfach fragen kann, wie man auf schnellstem Wege zur Brücke kommt.

Nach zweieinhalb Stunden mit kiloweise Gepäck auf dem Rücken, gelangte ich zur Öresundbrücke. Das Wetter war noch immer perfekt. Graue, dicke Wolken zogen sich über den Horizont, der Wind blies mäßig, die See war ruhig. Den Bogen, den die Brücke an der höchsten Stelle bildet, fand ich ausgesprochen fotogen.

Auch hier, wie schon bei der Pont de l’Île de Ré, erinnerte mich das Bauwerk aufgrund der vier Pfeiler in der Mitte der Brücke an ein gigantisches, versteinertes Urgetüm, das sich streckt und spannt, um die Weite der Bucht zu überwinden. Überwältigend! Ein Meisterwerk, das sich vor meiner Linse räkelte und mir die Chance gab, meine Langzeitbelichtungen zu machen.

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Malmö bietet aber auch sonst ein paar absolute Highlights: Der Turning Torso von Calatrava und das westliche Hafengebiet mit vielen Motiven und Objekten, die sich gerade für Langzeitaufnahmen eignen, so dass ich ein paar Tage später beschloss, ein zweites Mal nach Malmö zu fahren.

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In Zentrum Kopenhagens locken Gebäude wie der Rundetårn, der das älteste Observatorium Europas beherbergt. Über einen in Spiralen nach oben gezogenen Gang gelangt man nach siebeneinhalb Drehungen im Zentrum des Turms auf eine Plattform und kann von dort einen wundervollen Blick über Kopenhagen und Umgebung genießen. Erst von oben kann man erkennen, wie weitläufig sich diese Stadt in die Breite zieht und dass zahlreiche interessant verzierte Kirchtürme zwischen den sonst eher flachen Gebäuden aufragen.

Im „runden Turm“ hielt ich mich vergleichsweise lang auf, da Licht und Kontraste in dort schwer zu bewältigen waren. Verfügbares Licht fällt ausschließlich durch winzige Fenster nach innen, so dass der Gang des Turms meist im Dunkeln liegt und teilsweise eine ungünstige Schattenbildung produziert.

Das Licht der Fenster reflektierte an den weißen Wänden allerdings so stark, dass eine harmonische Belichtung viel Zeit in Anspruch nahm. Hat man den perfekten Standpunkt gefunden, hieß es nur noch, auf den passenden Moment zu warten, um Architektur und Leben in Form einer sich im Bild bewegenden Person miteinander in Verbindung zu bringen. Ein Statist, der die sonst eher statische Dynamik des Turm aufhebt, aber nicht unterwirft.

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Ein eher ungeplantes Motiv befindet sich ständig vor den Augen vieler Nutzer der öffentlichen Verkehrsmittel, wird aber wohl eher unbemerkt hingenommen: Die Kopenhagener Metro hat den Vorteil einer führerlosen Fahrt, so dass es dem Fahrgast ermöglicht wird, von vorn nach hinten durch die Bahn zu schauen und den Transport durch die Tunnelsysteme unterhalb der Stadt – nur durch eine Front- und Heckcheibe getrennt – zu genießen.

Mit etwas Geschick und Geduld schafft man es, freihand so nah an die Scheibe zu gelangen, dass die Spiegelung der Beleuchtung im Sucher verschwindet und eine Aufnahme von 1/5 oder 1/6 s möglich wird, die eine spannende Dynamik mit scharfen Linien im Foto zeigt und den Tunnel, der hinter einem verschwindet, zusätzlich in die Länge zieht.

Man hat schnell den Dreh raus und ist meist ungestört, da ein Großteil der Kopenhagener Bevölkerung eher auf das Fahrrad als allgemeines Transportmittel zurückgreift und die Metro somit zum Glück mäßig besetzt ist.

Mein Fazit des fünftägigen skandinavischen Besuchs, dessen Fotos in der Werkgruppe Øresund zusammengefasst wurden: Lohnenswert! Weitere Fotostrecken und Werkgruppen befinden sich gerade in Planung, also haltet Ausschau nach weiteren Håggards, die Euch hoffentlich genauso gefallen.


kwerfeldein – Fotografie Magazin

 
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Von Frankreich über Spanien nach Skandinavien – Teil 1

06 Dec

Ein Beitrag von: Ronny Behnert

„Auch die Verzweiflung hat ihre Ekstase.“
(Victor Hugo, Französischer Schriftsteller)

Kurzerhand entschloss ich mich, mich auf die Französische Atlantikküste mit ihren vom Wasser zerklüfteten Felsen und ihren romantischen Fischerhütten einzulassen. Also flog ich über Paris nach Nantes, um von dort, unterhalb der Bretagne, meine Reise zu starten.

Das Wetter war perfekt. Dicke, graue Wolken, die mich seit Paris begleiteten und den ersten Wunschort „Saint Michel Chef Chef“ in ein fabelhaftes Licht tauchten. Die Besonderheit dieses Ortes besteht darin, dass sich die urtypischen Cabanes, die französischen Fischerhütten, mitten auf dem Meer befinden und nicht über Stege direkt vom Festland erreichbar sind. Sie wirken wie verwunschene Schlösser, die dort auf ihre Erlösung warten. Auf ihren Prinzen, der sie wachküsst…

Die abenteuerlichen Strukturen der Felsen taten ihr Übriges und ich war verzaubert von dieser wunderbaren Landschaft. Das Stativ wurde aufgebaut und ich verbrachte Stunden damit, die Wellen, das Wasser und die Wolken im Foto festzuhalten, bis die Sonne unterging und die Fischerhütten langsam in der Dämmerung verschwanden.

Am nächsten Tag ging es mit dem Auto weiter Richtung La Rochelle zu einem beeindruckenden Monument, wie ich es so noch nicht gesehen habe. Die Île de Ré ist mit dem Festland durch eine 2,9 km lange, sehr interessant gewölbte Brücke, der Pont de l’Île de Ré verbunden, die sich wie ein riesiger Dinosaurier über den Atlantik streckt.

Beide Seiten des Bauwerks sind ausgesprochen fotogen und so beschloss ich, aufgrund des Sonnenstandes die Brücke morgens von der einen und abends von der anderen Seite zu fotografieren, was perfekt gelang. Das Wetter war ideal, um den Dichtefilter zu nutzen und die langen Belichtungszeiten auszunutzen. Gerade abends stand die Sonne gut im Rücken und warf ein tolles Licht auf dieses architektonische Meisterwerk.

Im Laufe des Tages verfolgte ich das Ziel, die berühmten Muschelbänke des Bassin d’Arcachon zu fotografieren. Das Wetter machte mir jedoch einen dicken Strich durch die Rechnung. Sonne, Sonne und nochmals Sonne und dazu kam, dass bereits Ebbe herrschte als ich ankam und die Muschelbänke somit trocken lagen und von den Fischern und Arbeitern geleert wurden.

An sich sind diese Bänke ein wunderschönes Motiv, nur im grellen Sonnenlicht verliert der Ort seine Ausstrahlung. Ich beschloss, die Kamera nicht aufzubauen und fuhr enttäuscht zurück. Manchmal muss man nachgeben und wissen, wann es sich lohnt, Fotos zu erstellen – und wann nicht.

Abends ging es trotz des unfotogenen Wetters zur Wharf de la Salie, einer überdimensionalen Rohrkonstruktion, die weit ins Meer ragt. Dort genoss ich den Sonnenuntergang und wartete, bis die Sonne hinter dem Horizont verschwand, um mit dem Fotografieren zu beginnen. Das war Entspannung pur – und für mich die schönste Art zu fotografieren. Erst beim Erstellen von Langzeitbelichtungen lerne ich, was Ruhe wirklich bedeutet und fühle mich mit meiner Umgebung verbunden. Verschmolzen mit Mutter Natur.

Fortgesetzt wurde die Reise über die romantischen kleine Fischerorte Port des Barques und Saint Palais sur Mer nach Bordeaux, das mich stark überraschte. Die Mischung alter Bausubstanz mit modernen Elementen macht Bordeaux zu einem tollen Reiseziel.

Der absolute Höhepunkt war der Miroir d’Eau gegenüber des Place de la Bourse. Die Sonne kam auch hier immer wieder zwischen den wenigen Wolken hervor, was mir aber bei diesem Motiv wenig ausmachte, da sie mir im Rücken stand und somit die Gebäude des Place de la Bourse wunderschön beleuchtete.

Der Miroir d’Eau (übersetzt: „Wasserspiegel“) erstreckt sich auf einer Fläche von 3.450 m² und ist somit der momentan größte Wasserspiegel der Erde. Er wird von einem 2 cm hohen Wasserfilm gebildet, der auf Granitplatten von Pumpen aufgebaut wird, die das Wasser aus einem unterirdischen, 800 m³ fassenden Reservoir holen. Nach einer computergesteuerten Zeit werden elektrische Ventile geöffnet und das Wasser läuft wieder ab in den Untergrund, wo es wieder abgekühlt wird. Dann kann ein feiner Nebel entstehen, dessen Intensität abhängig ist von der Lufttemperatur.

Dieser Nebel tritt dann aus 900 Öffnungen aus. Er kann bis zu zwei Meter hoch aufsteigen, auch das abhängig von der Temperaturdifferenz zwischen dem Wasser und der Luft. Ein leichter Wind herrschte, der es dem feinen Nebel ermöglichte, höher in die Luft zu steigen und den Menschen, die augenscheinlich extra deshalb kamen, viel Freude bereitete. Die Luft war sehr warm, so dass das Wasser den Besuchern eine willkommene Abkühlung bot.

Zirka zwei Stunden verbrachte ich damit, auf den immer wiederkehrenden Nebel zu warten und die Personen beim Spaß in dem Dunst zu fotografieren. Auch hier galt es, einen tollen Moment zu erwischen und ich konzentrierte mich vor allem auf die Kinder, die sich im Nebel vor Freude fast überschlugen. Was für ein tolles Bauwerk.

Das nächste Ziel war Biarritz, im Süden der Französischen Republik. Biarritz ist ein sehr beliebtes Reiseziel für alle Franzosen und auch hier stand die Sonne fast wolkenlos hoch am Himmel, was das Fotografieren und das Erstellen von Langzeitbelichtungen stark erschwerte. Dazu kam eine unerwartete Hitzewelle, die den eigentlichen Beweggrund der Reise, das Fotografieren, zusätzlich behinderte.

Da ich drei Tage in Biarritz verbrachte, nahm ich mir vor, gerade morgens und abends auf die Pirsch zu gehen, da der Wetterbericht für die Tageszeiten herrlichstes Sommerwetter versprach. „Auch die Verzweiflung hat ihre Ekstase“ – dieses Zitat Victor Hugos schoss mir bei diesem Wetter immer wieder durch den Kopf. Ich wollte brauchbare Fotos produzieren, doch die Sonne war in diesen Tagen nicht meine Freundin.

Gerade morgens funktionierte das Fotosschießen jedoch sehr gut. Das Licht und der Dunst über dem Atlantischen Ozean bildeten eine tolle Kulisse, der man sich schwer widersetzen konnte.
Da es trotz fotountauglichen Wetters funktionierte und ein paar gute Aufnahmen erstellt wurden, beschloss ich, mich weiter gen Süden nach Spanien zu bewegen.

Von Spanien und wie es mich von dort nach Skandinavien verschlagen hat, erzähle ich Euch im zweiten Teil meines Reiseberichts.


kwerfeldein – Fotografie Magazin

 
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Das New York Bulletin. Teil 1: Be Inspired.

20 May

Be Inspired

Wie ihr wisst, bin ich mit Martin Wolf für/mit/durch Kodak eine Woche lang in New York zum Fotografieren. Wir genießen die Zeit und haben sehr viele Gelegenheiten, unsere Kamera(s), auch die von Kodak, einzusetzen.

Heute möchte ich erste Fotos zeigen und ein wenig ins Plaudern kommen – so, wie ich einem guten Freund von meiner Reise berichten würde.

Erstens bin ich mit Martin Wolf hier. Martin und ich verstehen uns prächtig. Das macht nicht nur die Zeit angenehmen, sondern bringt auch noch mehr Spaß, zu knipsen und postfotografierend Aufnahmen und Momente zu reflektieren.

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Und dann ist da diese imposante, sagenumwobene Stadt New York. Natürlich ist mir bewusst, dass ich in meiner Wahrnehmung nicht neutral bin, will ich auch gar nicht sein. Ich habe mich hier von der ersten Minute an pudelwohl gefühlt. Warum, kann ich gar nicht genau sagen.

Das Amerika, das ich aus Serien, Nachrichten oder Kinofilmen kenne, ist zwar in manchen Punkten ähnlich, aber in der Tiefe überhaupt nicht deckungsgleich mit dem, wie ich es dieser Tage erlebe.

Und nun kommt der Part, vor dem viele Schreiberlinge Respekt haben, denn die eigenen Gefühle bezüglich neuer Erfahrungen präzise zu beschreiben, ist ein wirres Unterfangen. Ich werde es dennoch versuchen.

 

U-Bahn

Als wir das erste Mal in Manhattan aus der U-Bahn maulwurfartig das Licht erblickten, wurde mir beim Anblick der Wolkenkratzer sofort schwindelig – und das ist keine rhetorische Übertreibung. Diese kolossalen Massen Beton schienen im nächsten Moment auf uns herunterzuprasseln und gnadenlos zu erdrücken. Das wiederum war nur eine Metapher.

Wolkenkratzer

Und die Menschen! Die Menschen! Die! Menschen! New York ist wie ein bunter Cocktail unterschiedlichster Kulturen, in den wir geworfen wurden. Und der „schmeckt sehr gut“. Vom ersten Moment an war ich in das mannigfaltige Spektrum der Nationalitäten und somit Slangs und Sprachen verliebt. Und es gibt – wie in Europa auch – so viele schöne Menschen. (Ich zeige hier nur eine kleine Auswahl der Fotos, die ich am Wichtigsten finde, um den ersten Artikel nicht gleich zu überladen).

Nach dem Gottesdienst

Hach. Für uns ist es natürlich traumhaft, hier Zeit zu haben und nur für eine Sache da zu sein: Fotografieren. Und somit möchte ich es mal bei diesem Eindruck belassen. Fortsetzung folgt.


KWERFELDEIN | Fotografie Magazin

 
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Mittelformat für Alle (Teil 3/3)!

29 Jan
Dies ist ein Artikel von Nicolas Henri. Nach seinem Film-Studium in Toronto, hat er sich der Fotografie verschrieben. Seither fotografiert er für schweizer Fashion Labels und Bands, arbeitet an Ausstellungsprojekten und übt sich in der Portrait-Fotografie. Daneben bloggt und twittert er und ist auch auf Facebook zu finden.

In Teil 2  zum Thema Mittelformat für Alle haben wir uns mit der Belichtung und Handhabung von Mittelformat-Film beschäftigt. Einige von Euch sind vielleicht in der Zwischenzeit das Wagnis eingegangen und haben jetzt eine belichtete Rolle, die sehnlichst auf ein Chemie-Bad wartet! Ganz davon abgesehen, dass ihr jetzt auch endlich sehen wollt, was ihr da produziert habt.

Entwicklung

Ich nehme es gleich vorweg: Ich bin nicht der Dunkelkammer-Typ. Wer S/W-Film belichtet, mag sich mit etwas Aufwand und Know-How im heimischen Badezimmer einrichten und seine Filme selbst entwickeln. Bei Farbnegativen ist der Aufwand für eine Einzelperson aber nicht mehr verhältnismässig. Ich trage meine Filme zum lokalen Fachlabor. In Basel, wo ich wohne, gibt es momentan 3 Labore, die die Entwicklung von 120er Farbnegativ anbieten. Beim Günstigsten und meines Erachtens Besten kostet das dann um die €4.- pro Rolle.

Schaut Euch in Eurer Region um, geht mal in ein Fachgeschäft und fragt, ob sie 120er entwickeln. Wenn nein, kann man Euch bestimmt nen Tipp geben wer das in der Nähe noch macht. Und sonst hilft Google weiter oder schaut Euch mal diese nach Postleitzahlen sortierte Liste von photonews.de an.

Bei der Entwicklung kann eigentlich wenig schief gehen. Im Gegensatz zur Entwicklung von Kleinbildfilm via dem lokalen Supermarkt werden Eure Bilder im Fachlabor nicht interpretiert. D.h. kein indifferenter Operator, der am Entwickler sitzt und mal eben überall den Kontrast hochschraubt und irgendeinen Sonnenschein-Weissabgleich macht, damit Otto-Normalverbraucher mit seinen Ferienfotos ja zufrieden ist. Im Fachlabor, wenn man Mittelformat-Negative abgibt, wird davon ausgegangen, dass Ihr wisst was Ihr tut; Eure Negative werden wirklich “nur” gemäss einem Standard-Prozedere entwickelt – so, wie sie eben sind.

Ihr könnt natürlich auch Abzüge anfordern, aber in aller Regel wird man erstmal nur die entwickelten Negative zwecks späterem Scannen und Bearbeiten haben wollen. Bei der Abgabe könnt Ihr sagen, dass Ihr nur “Entwickeln und Schneiden” wollt. Das bedeutet, dass der lange Streifen des 120er-Negativs im Labor in sinnvoll grosse Stücke geschnitten wird (meistens 3 Bilder pro Segment). So können sie dann später in den Scanner eingespannt werden.

Geschnittene Negativstreifen

Geschnittene Negativstreifen

Auswertung: Scannen

Jetzt kommt der Moment der Wahrheit. Entwickelte Negative nach der Arbeit noch schnell beim Labor geholt… und nun? Spätestens jetzt braucht man einen Negativscanner. Zwar kann auch das Scannen im Fachlabor mitbestellt werden, ist aber auf Dauer zu teuer. Im sinnvollen Preissegment gibt es momentan 2 Varianten.

Gut und günstig ist der CanoScan 9000F* von Canon. Das Teil ist neu so um die €200.- zu haben und besitzt Durchlichteinheiten für 35mm- und 120er-Film. Für die meisten Anwender reicht dieses Gerät völlig aus. Als ich damals vor der Entscheidung stand, hab ich mich für eine leicht teurere Variante, den Epson Perfection V700 Photo entschieden.

Für ca. €600.- bekommt man einen qualitativ hochwertigen Scanner, der sogar mit Grossformat-Negativen klarkommt und ein umfassendes Softwarepaket inkl. automatischer Staub- und Kratzerentfernung mitgeliefert. Wie immer sind auch beim Scannen keine Grenzen nach oben gesetzt. Wer nach mehr sucht landet bald beim Flextight X5 von Hasselblad (Kostenpunkt um die €15’000 !!!)

Aber wie gesagt, der CanoScan ist völlig ausreichend um sinnvolle Scans anzufertigen. Wer etwas mehr rauskitzeln will ist mit dem Epson V700* schon sehr gut bedient. Ich habe von den Espon-Scans schon wunderschöne Fine Art Prints im Format 1m x 1m drucken lassen. Ausserdem hat man immer noch die Möglichkeit, nach der Sichtung der Negative ins Fachlabor zu gehen und sich einen High-End-Scan seines Lieblingsbildes anfertigen zu lassen.

Auf das Scannen im Einzelnen wollen wir hier nicht gross eingehen – vielleicht ist das auch einen extra Artikel wert (bei Bedarf bitte per Kommentar melden – d. Red.). Mit den Automatik-Einstellungen des Scanners kommt man schonmal ohne grosses Vorwissen zu akzeptablen Resultaten. Der Rest ist Fine Tuning, je nachdem was man mit den Bildern später noch machen will. Einige Eckpfeiler möchte ich Euch aber trotzdem auf den Weg geben:

Die geschnittenen Filmstreifen werden in eine Halterung montiert, die den optimalen Abstand zum Scanner, sowie eine gerade Ausrichtung gewährleistet. Das sieht dann etwas so aus:

Negative im Filmhalter

Negative im Filmhalter des EPSON V700 montiert

In der Software stellen wir ein, dass es sich um Negative handelt, womit die Durchlichteinheit aktiviert wird. Ein solcher Scanner hat nämlich im Deckel auch noch mal eine Lampe, die Licht durch das Negativ schickt und es quasi auf den Scan-Kopf darunter belichtet. In Sachen Auflösung bieten die meisten Geräte immens hohe Auflösungswerte.

In der Realität ist aber eine Auflösung von ca. 3200 dpi sinnvoll. Bis zu dieser Auflösung werden zusätzliche Details im Negativ erfasst. Geht man über diesen Wert erzeugt man nur noch mehr Pixel ohne dabei tatsächlich mehr Details aus dem Negativ zu kitzeln. Mit 3200dpi erhält man so bei einem 6×6 Negativ (z.B. aus einer Hasselblad) ein etwa 50 MegaPixel grosses Bild! Die Scans speichert man am besten als 16-Bit Tiffs und importiert sie anschliessend in Lightroom oder Photoshop für die weitere Bearbeitung…

Englischer Garten

Englischer Garten, München – Hasselblad 500c/m auf Fuji Pro H 400 – unbearbeitet

Das Wichtigste dabei

Nachdem das jetzt alles eher technisch war, möchte ich nochmal auf das Wichtigste zurückkommen: Neben oder gerade wegen des grösseren Aufwands gegenüber der Digitalfotografie im Kleinbildformat, wird man immer wieder belohnt. An einem schönen Herbstmorgen in der Natur sitzen, sich in aller Ruhe Gedanken über die Belichtung machen und sich fragen wie der Nebel wohl vom Film eingefangen wird, der erwartungsvolle Gang zum Labor um die Negative abzuholen, der verstohlene Blick auf den Filmstreifen im Gegenlicht der Neonbeleuchtung in der S-Bahn auf dem Heimweg sind solche Momente.

Testshot mit der Mamiya RZ67

Test Shot mit der Mamyia RZ67 – fälschlicherweise zu lang belichtet. Hat aber trotzdem seinen Reiz…

Und dann mit einem Glas Rotwein vor dem Rechner – während man wartet, dass der Scanner sich Zeile für Zeile an den Negativen abarbeitet – bis dann Bild für Bild endlich am Bildschirm sichtbar wird. Manchmal wird man enttäuscht, bekommt seine Fehlüberlegungen vorgeführt. Manchmal freut einen, dass alles genauso rausgekommen ist, wie erwartet; manchmal wird man überrascht, weil alles ganz anders kam als man dachte – nicht besser oder schlechter einfach anders und irgendwie wunderbar!

Dyptych

Diptych aus der Serie “Urban Vampire” – links Mamyia RZ67, rechts Hasselblad 500c/m mit Blitzlicht.

Ich hoffe, ich habe beim einen oder anderen die Lust geweckt, sich auf das Mittelformat einzulassen. Und behaltet Eure digitalen Kameras, es ist kein Ersatz, sondern eine poetische Erweiterung, die einen zwischendurch die Fotografie mit anderen Augen sehen lässt!

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KWERFELDEIN | Fotografie Magazin

 
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