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Posts Tagged ‘Straßenfotografie’

Straßenfotografie im Werden

03 Sep

Schattenspiele mit unterschiedlich großen Menschen.

Ein Beitrag von: Henry Balaszeskul

Seit vier Jahren arbeite ich als freiberuflicher Fotograf in der Schweiz. Schwerpunkt im Bereich der Presse, momentan aber auch viel Auftragsfotografie; von Architektur bis Hochzeiten ist alles dabei. Perso?nlich sehe ich mich aber als Straßenfotograf. Auch wenn ich das Wort nicht besonders scha?tze, beschreibt es doch sehr treffend die Ta?tigkeit. Neben dem Studium und der Arbeit verbringe ich viel Zeit auf der Straße.
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Straßenfotografie im Fokus

08 Apr

Männer an einer Mauer

Ein Beitrag von: Knut Skjærven

Ich kann mir kein anderes Genre in der Fotografie vorstellen, das herausfordernder, anspruchsvoller und lohnender ist als die Straßenfotografie. Mit der New Street Agenda versuche ich, einen neuen Weg zu gehen. Es handelt sich um eine Gemeinschaft der Lernenden. Und ich bin ihr erster Schüler.
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Straßenfotografie und das poetische Bild

21 Jan

alex webb und rebecca webb

Ein Beitrag von: Alex Webb, Rebecca Norris Webb

Straßenfotografie ist ein Genre in der Fotografie, das ich nicht nur praktiziere, sondern ich versuche auch, meine Sammlung an Büchern zum Thema mit interessanten Werken zu erweitern.

Dieses Jahr hatte ich mir daher auch das neu erschienene „Street Photography and the Poetic Image“* des Fotografen-Ehepaars Alex Webb und Rebecca Norris Webb zugelegt. Außerdem habe ich auch den Blog der beiden abonniert.

Auf diesem Weg erfuhr ich dann von einem Workshop, den die beiden Anfang Dezember in Miami abhielten. Zwar war meine Bewerbung um einen ausgeschriebenen kostenlosen Platz in diesem Workshop nicht erfolgreich, aber ich kam mit Alex und Rebecca ins Gespräch und sie waren bereit, mir einige Fragen zu „Street Photography and the Poetic Image“ und zu „Memory City“* zu beantworten.

Während „Street Photography and the Poetic Image“ eine Art Lehrbuch zum Thema Straßenfotografie ist, dokumentiert „Memory City“ symbolisch am Beispiel der Stadt Rochester, Sitz der Kodak-Zentrale, das Ende der analogen Fotografie, wie wir sie kennen.

Mehrere Personen stehen auf der Wiese, hinter ihnen ist das Meer zu sehen.

Eine Straßenszene in einer Kleinstadt in den USA.

Der Magnum-Fotograf Alex Webb und die poetische Fotografin Rebecca Norris Webb, deren künstlerisches Schaffen mit Lyrik ihren Anfang fand, sind für mich ganz unverkennbare Vertreter einer sehr intuitiven Herangehensweise ans Bildermachen.

Die Straßenfotografie von Alex Webb ist mit wenigen Ausnahmen frei von direkt auffälligen Effekten, ironischen Momenten oder geplanten Szenen. Es ist, als ob er im Vorbeigehen Szenen aus dem Augenwinkel beobachtet und genau diese Momente mit der Kamera festhält.

Bei Rebecca Norris Web dagegen ist es nicht der Mensch, der im Zentrum der Geschichte steht, sondern die Wirkung und die poetische Kraft, die ihre Bilder von Objekten und menschenleeren Szenen auszeichnen. Oftmals nutzt sie auch Reflexionen, um mehrere kontrastierende Bildebenen zu erzeugen.

Das nachfolgende Interview nimmt direkten Bezug auf die beiden Bücher, die ersten Fragen beziehen sich schwerpunktmäßig auf „Street Photography and the Poetic Image“, im zweiten Teil geht es um „Memory City“.

Ein Junge schaut an der Kamera vorbei.

Gemalte Gebeine an einer Häuserwand.

Zum Einstieg eine Frage an Alex und Rebecca: Ihr führt sehr erfolgreich Fotografie-Workshops durch und Euer Buch „On Street Photography and the Poetic Image“ ist auf seine Art ein Lehrbuch, aber weit davon entfernt, sich in die Gilde der üblichen Kochrezept-Führer einzureihen, die man auch in der Fotografie so oft sieht. An wen, von Euren Kursteilnehmern einmal abgesehen, habt Ihr gedacht, als Ihr dieses Buch konzipiert habt und was sollte der Leser nach der Lektüre „gelernt“ haben?

Rebecca Norris Webb (RNW): Das sind alles sehr gute Fragen. Wie kann man dieses eher ungewöhnliche Lehrbuch am besten beschreiben? Ich denke, der nigerianisch-amerikanische Schriftsteller, Fotograf und Kunsthistoriker Teju Cole, einer unserer ehemaligen Studenten bei Aperture, hat es in seiner Einleitung zum Buch treffend ausgedrückt:

„On Street Photography and the Poetic Image“ ist ein ungewöhnliches Fotobuch, seine Umrisse definieren sich über die vielen Dinge, die es nicht ist: Keine Monografie, kein Geschichtsbuch, keine Vorgangsanleitung im herkömmlichen Sinn; dankenswerterweise unberührt von Fragen zu verwendeten Gerätschaften oder Technik; welches Objektiv ideal ist oder welche Kamera man kaufen sollte – hier kein Thema; uninteressiert daran, welche Apps dem Lernenden helfen könnten, eine Abkürzung um die Geduld herum zu finden, die die Fotografie verlangt.

Für den ernsthaften Fotografen, gleich mit welcher Erfahrung, ist es gleichermaßen geistreich und freundlich, Einblicke bietend in das Wesen der Fotografie, wie der Fotograf sie denken sollte.

Ein Blick durch eine Tordurchfahrt. Wir sehen einen Mann entlang gehen.

Alex Webb (AW): Seit dem Erscheinen des Buchs überrascht uns, dass nicht nur Fotografen, sondern auch Schriftsteller und andere Kunstschaffende sich für dieses Buch interessieren. Vielleicht, weil es Parallelen gibt zwischen unserem Verständnis des kreativen Prozesses in der Fotografie und dem in anderen Disziplinen.

Zudem beginnt das Buch mit einer Aussage, die poetische Schöpfung betreffend, die der Dichter und Romancier Denis Johnson mir gegenüber einmal gemacht hat und das berührte mich, weil es dem fotografischen Prozess, der Rebecca und mir zueigen ist, so sehr verwandt ist, ein Prozess, der eher intuitiv als rational ist, eher erforschend als festgeschrieben.

RNW: Alex studierte an der Hochschule Literatur, ich verfasste damals Lyrik, als Lehrende und als Fotografen kommen wir daher immer wieder auf die Literatur und andere Künste zurück, die uns helfen, kreative Räume in uns und anderen zu schaffen.

Schlussendlich, der Versuch, Kreativität zu lehren ist ein schon fast mystischer Prozess per se und es gelingt am besten, wenn man Position gegen den Strom bezieht, „at a slant“, um Emily Dickinson zu zitieren, eine meiner Lieblingsdichterinnen.

Fotografie ist zudem eine visuelle Kunst, wir empfinden die 50 Bilder – unsere eigenen wie die anderer Fotografen, die uns beeinflusst oder inspiriert haben, wie Lee Friedlander, Ralph Eugene Mayard, Joseph Koudelka, Andre Kertesz – als genauso instruktiv, wenn nicht mehr, als unsere Texte im Buch. Mit der Kunst verhält es sich oft so: Schweigen ist der beste aller Lehrer.

Menschen in grünen Shirts auf einem Friedhof.

In der Vorbereitung für dieses Interview habe ich „On Street Photography and the Poetic Image“ das zweite Mal von der ersten bis zur letzten Seite gelesen. Das erste Mal schien es so offensichtlich, von wem welches Bild stammte. Beim zweiten Mal habe ich mich immer wieder gefragt, ob es denn wirklich zwingend so sein muss, wie es sich darstellte: Gibt es einen Alex Webb, der diese eindrücklichen Momente, meist ohne die Präsenz von Menschen, einfängt? Und gibt es eine Rebecca Norris Webb, die Szenen auf der Straße dokumentiert, in denen Menschen, Licht und Farbe so perfekt harmonieren?

AW: Unausweichlich, wir sind immerhin 20 Jahre zusammen, gibt es Überlappungen in unseren Arbeiten, schließlich haben wir über diese Zeit auch zu einer immer engeren Zusammenarbeit gefunden. Ich vermute, wenn man die Reflexionen betrachtet, die in meinem Istanbul-Buch zu finden sind, dann könnte man diese als Widerhall zu Rebeccas Buch „The Glass Between Us“ interpretieren.

Und weil die Art der Fotografie, wie wir sie praktizieren, unsere Welt widerspiegelt und wir auf imaginäre, fiktionale Bilder verzichten, kommt es notwendigerweise zu Ähnlichkeiten zwischen unseren Bildern, gerade dann, wenn wir uns am selben Ort befinden.

Ein altes Haus und davor ein altes Sofa.

Dennoch unterscheidet sich unsere Sicht der Dinge oft deutlich. Wenn man sich unsere Bilder zum Thema „The Day of Remembrance“ in „Memory City“ ansieht, ein Jahrestag, der an die Afrikaner erinnert, die auf den Sklavenschiffen auf der Fahrt über den Atlantik zugrundegegangen sind: Mein Bild ist mit vielen Menschen bevölkert, Rebeccas ist ruhiger, ein Baum wie ein Haiku und ein Vogel, dessen Silhouette wie im Traum durch eine rot-schwarze Flagge zu sehen ist, im Wind, der vom Ontariosee herüberweht.

Letztendlich bin ich durch meine Beziehung zu Rebecca offener geworden für einen sanfteren, freundlicheren Ausdruck, beispielsweise in meinem Bild „St. Patrick’s Day“ in „Memory City“. Vielleicht ist sie, wegen der mit mir verbrachten Zeit, empfänglicher geworden für eine intensive Farbpalette, wie in ihrem Bild „Our Mother of Sorrows Church“ im selben Buch? Mag sein. Aber die fundamentalen Ausrichtungen gehen in der Gesamtansicht unseres Werks doch in unterschiedliche Richtungen.

Eine Brücke und man sieht einen Surfer auf dem Fluss.

Als Münchner hat mich das Bild des Eisbachsurfers, der im Fadenkreuz erscheint, direkt angesprochen. Es erscheint dennoch, verglichen mit den anderen Bildern im Buch, eher als überaus gekonntes Handwerk denn als Kunst. Aufgenommen 1991 ist es auch eines der älteren Bilder und die Frage stellt sich, wie es im Vergleich mit neueren Bildern zu bewerten ist.

Es erscheint unglaublich schwer, bis alle Faktoren zusammentreffen, die das Bild ausmachen, aber lösbar, während die anderen Bilder oftmals einen „sechsten Sinn“ für Komposition, Farbe und Timing erfordern, der schwer zu lernen oder, einfacher gesagt, zu imitieren ist.

AW: Das kann man so sehen. Der Surfer ist ein Foto, das mehr über die visuelle Überraschung als die gefühlsmäßige Komplexität funktioniert. Es fesselt kurzfristig, hinterlässt aber weniger langanhaltenden Widerhall als ich dies von meinen anderen Bildern erhoffe. Die Welt ist manchmal tiefgründig und manchmal ganz leicht. Es scheint, als ob der Moment nur dieses kurze Flackern anbieten konnte.

Viele Männer sitzen an einem Tisch und klatschen. Hinter ihnen ein Bild mit Menschen darauf, die ebenfalls an einem Tisch sitzen.

Beim Betrachten der Bilder von Orten wie Haiti, Kuba oder Mexiko habe ich mich unwillkürlich gefragt, wie lange es dauert, bis man einen neuen Ort wirklich ergründet hat. Es gab ja mehrere Reisen in diese Länder; wie lange dauert es, bis die Neuheit des „Touristischen“ der Essenz des Orts weicht?

Für mich jedenfalls ist das immer eine Herausforderung, weil ich so viele Dinge sehe, die mir erst fremd sind und ich das Gefühl habe, ich müsse das erst überwinden, bevor ich den eigentlichen Charakter einer anderen Kultur, eines anderen Lands oder einer Stadt zu verstehen beginne.

AW: Wenn ich ein Projekt beginne, dann ist das wie der Aufbruch zu einer Reise ohne klares Ziel in Sichtweite. Ich besuche einen Ort, sehe einen Moment und dann setze ich mich in Bewegung, erlaube der Kamera und meinen Erfahrungen, mich dahin zu führen, wohin sie mich ziehen, aufmerksam für das, was vor meinen Augen passiert.

Ich bin nicht frei von Voreingenommenheit und Vorurteilen – wer ist das schon? – aber ich versuche, das von mir wegzuschieben und auf den Moment zu reagieren. Der Prozess kommt ganz aus dem Bauch heraus. Je mehr Zeit ich an einem Ort verbringe, je mehr ich herumschlendere – speziell, nachdem ich mir einige meiner Bilder angesehen habe und zurückgekommen bin – desto eher entwickle ich ein Gespür dafür, wohin ich gehen muss, um mein Projekt abzuschließen. Das mögliche Ende kommt in Sicht und gewinnt an Kontur.

Meine Vorgehensweise auf der Straße bleibt durchgängig intuitiv, nicht rational. Ich treffe spontane visuelle Entscheidungen, getrieben von Wahrnehmung, Instinkt, Drang, nicht durch einen rational gesteuerten Denkprozess.

Ein Mädchen steht hinter einer Fensterscheibe und blickt nach unten.

Die von Rebecca gemachten Kommentare verleiten zur Annahme, dass die Fotografie mit Film in den nächsten Jahren verschwindet. Zwischenzeitlich hat Leica eine neue analoge Kamera vorgestellt und zumindest um mich herum sehe ich eine ganze Reihe von Fotografen zum Film zurückkommen, manchmal sogar für Auftragsarbeiten. Ist das Ende des Films wirklich gekommen oder gab es da inzwischen einen Perspektivwechsel?

RNW: Wim Wenders hat einmal bemerkt, dass Fotografie wie „ein letzer Blick auf die Welt“ ist. Neben anderen Aspekten ist „Memory City“ ein letzter Blick auf die Welt, in der Film als Medium dominierte, für eine Mehrheit, um alles zu dokumentieren von intimen familiären Erinnerungen bis zum Festhalten von Momenten, die Geschichte machten.

„Memory City“ befasst sich unter anderem mit der speziellen Beziehung, die Film und Erinnerung haben. Es wirft Fragen auf, die die breiteren Auswirkungen auf unsere Kultur betreffen, wenn eine wachsende Zahl an Bildern und Dokumenten nicht mehr in stofflicher Form existieren, sondern als rein virtuelle Daten in der Cloud.

Ganz konkret frage ich mich, wie das uns, die Generation Baby Boomer, betrifft, deren Kindheitserinnerungen so eng mit diesem Schuhkarton voller Bilder oder diesem Fotoalbum verknüpft sind, die oftmals ungeschminkt und ungestellt unsere Vergangenheit wiedergeben. Um es mit Keats zu sagen: „Berührungen haben eine Erinnerung.“

Ein blaues Kleid im Wind.

Es gibt Kontaktabzüge kompletter Filme in „Memory City“, die auf jedem Bild nur ein Kleid zeigen. Ich empfand diese Serien als sehr eindringlich, fast schon gruselig, speziell da, wo auf manchen Aufnahmen auf einmal Kinder auftauchen und wieder verschwinden. Als ob man die Bilder einer Überwachungskamera ansieht und von Bild zu Bild merkwürdige Dinge passieren. Mich hat das sehr an „Paranormal Activity“ erinnert. Was war die spezielle Intention, diese Kontaktabzüge ins Buch und seinen Anhang einzubinden?

RNW: Es ist interessant, dass Du das Wort „gruselig“ benutzt, um Kontaktabzüge von festlichen Kleidern zu beschreiben. Während ich an meinem dritten Buch, „My Dakota“, arbeitete, einer Elegie auf meinen Bruder, der sehr unerwartet verstarb, habe ich gelernt, dass Wiederholung ein integraler Teil des Verlusts ist.

In der Dichtung sind es sich wiederholende Textzeilen oder Bilder, die kennzeichnend für Elegien sind und sie stellen ein Echo dar für diesen geheimnisvollen, schmerzlichen und an Obsession grenzenden Vorgang, in dessen Verlauf jemand oder etwas, das einmal ein untrennbarer und körperlicher Bestandteil des Lebens war, in die reine Erinnerung transformiert wird, lebendig nur noch im Herzen des Hinterbliebenen, nur noch für sein geistiges Auge sichtbar.

Eingedenk dessen traf ich die Entscheidung, die festlichen Kleider der Frauen von Rochester als eine Metapher für den Film selbst zu verwenden, diesen dünnen Streifen aus Zelluloid, der mich zu jedem Ereignis begleitet hat, das ich jemals fotografierte. Diese Kontaktabzüge – mit ihren immer wiederkehrenden Ansichten des gleichen Kleidungsstücks – wurden somit zum elegischen Refrain von „Memory City“: Mein Weg, den Film zu verinnerlichen – in die Erinnerung zu überführen – meine lange Beziehung dazu und zur Stadt Rochester selbst.

Kinder in roten Jacken in einem Park.

Im Gegensatz dazu zollt Alex seiner langen Beziehung zu Kodak-Film durch die Verwendung seiner letzten Rollen Kodachrome Anerkennung. Ein Film, den er mehr als 30 Jahre lang benutzt hat und dessen Produktion bei Kodak 2009 zum Ende kam. 2010 wurde dann auch die Entwicklung des Films im traditionellen Prozess eingestellt. Heute kann Kodachrome nur noch schwarzweiß entwickelt werden, was den Bildern einen mitgenommenen, verwitterten Eindruck verleiht, als ob sie lange Zeit gealtert seien.

Ich mag es besonders, wie diese schwarzweißen Kodachromes wie ein visueller Halbreim mit meinen Kontaktabzügen zusammenfallen, denn auch diese Bilder sind manchmal ziemlich eindringlich und verstörend, wie „Mt. Hope Cemetery“, dieses grobkörnige Foto eines Grabsteins an einem düsteren, regnerischen Tag in Rochester, aufgenommen von Alex.

Ein Mann mit Kapuze und ein anderer Mann mit Mütze.

Die Frage kam so schon in ähnlicher Weise in anderen Interviews, ich versuche daher, das aus meinem Blickwinkel zu ergründen: Wie funktioniert Eure Zusammenarbeit als Fotografen, speziell bei der Auswahl der Bilder für dieses Buch? Wie schwer gestaltet sich das, wenn man die Arbeit des Ehepartners auf professioneller Ebene kritisiert? Ist es in der Zusammenarbeit bei beruflichen Projekten eher ein Vorteil oder ein Nachteil, wenn man verheiratet ist?

AW: Unser Auswahlprozess läuft normalerweise so ab: Wenn ich meine eigene Auswahl zu einer Sammlung meiner Bilder getroffen habe, dann ist Rebecca die erste Person, die sie zu Gesicht bekommt – und umgekehrt.

Wenn das Projekt umfangreich wird, sei es als Einzelprojekt oder als Gemeinschaftsprojekt, dann hängen wir unsere Selektionen auf. Zeit ist der beste Kritiker: Wenn man mit seinen Bildern tagein, tagaus lebt, wird es relativ schnell klar, welche Bilder funktionieren und welche nicht. Je länger wir an einem Projekt arbeiten, desto mehr Fotografien kommen hinzu und wir beginnen, mit ihnen zu spielen, um zu sehen, wie sie zusammen harmonieren.

Wir bilden Paare. Wir finden erste Abfolgen von Bildern. Häufig sind Anfang und Ende eines Buchs ziemlich offensichtlich, weit vor dem Mittelteil. Besonders wichtig ist, dass wir uns von unseren Bildern wirklich leiten lassen. Die Selektion wird so genauso instinktiv wie das Fotografieren auf der Straße selbst.

RNW: Für mich war immer besonders passend, was die Dichterin C. D. Wright über ihre Zusammenarbeit mit der Fotografin Deborah Luster geäußert hat:

Eine Riss tut sich auf zwischen einem Mitwirkenden und dem anderen – so findet das Licht seinen Weg.

Die Künstlerin Joyce Kozloff sagt, dass der schwierigste Weg, den ihr Werk zurücklegen muss, der vom Studio zur Tür hinaus ist. Denn ihr Ehemann, der Straßenfotograf und Kunstkritiker Max Kozloff begutachtet das Geschaffene immer, bevor es der Welt präsentiert wird.

Glücklicherweise ist es bei uns eherne Regel, dass der Künstler immer das letzte Wort hat.

Vielleicht ist das mit der Grund, wieso unsere Ehe schon 15 Jahre überdauert. Aber das führt auch dazu, dass unsere gemeinsamen Projekte, wie „Violet Isle“* und „Memory City“ sich komplizierter gestalten als unsere Monografien.

* Das ist ein Affiliate-Link zu Amazon. Wenn Ihr darüber etwas bestellt, erhält kwerfeldein eine kleine Provision, Ihr zahlt aber keinen Cent mehr.

Alle hier gezeigten Bilder sind aus dem Buch: Memory City, von Alex Webb and Rebecca Norris Webb, publiziert bei Thames & Hudson 30th June 2014. All photographs © 2014 Alex Webb and Rebecca Norris Webb.

Das Interview wurde von Tilman Haerdle auf Englisch geführt und anschließend von ihm für Euch ins Deutsche übersetzt.


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Gründe für die Straßenfotografie

02 Sep

Ein Beitrag von: Larry Hallegua

Ich habe versucht, zu ergründen, warum ich Fotos von Fremden mache, anstatt von meiner Familie oder Freunden. Von Menschen, zu denen ich keinerlei persönliche Beziehung habe, die die Bilder wahrscheinlich nie sehen werden und möglicherweise noch nicht einmal gutheißen würden, wenn sie sie zu Gesicht bekämen.

Ich erinnere mich an das erste Mal, ich war noch ein Teenager, meine Mutter war irritiert und fragte mich: „Warum verschwendest Du Dein Geld für Filmentwicklungen, wenn auf den Bildern niemand zu sehen ist, den Du kennst?“

Darauf hatte ich keine befriedigende Antwort, ich hatte mir darüber nicht mal Gedanken gemacht. Eigentlich ging es nur darum, Bilder von Leuten zu machen, ohne dass sie das merkten, um mehr ging es mir nicht. Am Ende war das aber auch nur eine Phase, die schnell verging, für lange Jahre schlummernd.

Ein Mann steht vor einem Geschäft, die Kabel seiner Kopfhörer laufen aus seinem Mund.

Eine Frau sitzt in einem Fotoautomaten, im nächsten Automat hinter ihr steht ein Mann, der auf sie zu schauen scheint.

Die Mützen zweier Piloten hängen auf den Ausziehgriffen zweier Koffer, hinter denen die zwei Männer sitzen.

2012 fühlte ich mich gelangweilt von den immer gleichen Bildern von Familie und Freunden und den üblichen Urlaubsschnappschüssen und ich erinnerte mich an den Bildband von Henry Cartier-Bresson, den ich von meinen Kollegen zum Abschied geschenkt bekommen hatte, als ich den Job wechselte.

Das Buch weckte diese schlafende Leidenschaft und ich war Feuer und Flamme. Das dringende Bedürfnis, wieder auszugraben, was an künstlerischem Ehrgeiz vielleicht noch in mir verborgen war, brachte mich wieder zu dieser speziellen Obsession, der „heimlichen Fotografie“.

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Eine Frau mit langen rosa Haaren in Rückansicht.

Ein Mann in Rückansicht liegt auf dem Brautkleid einer Frau.

Jetzt, nachdem ich über Jahre hinweg in vier verschiedenen Ländern fotografiert habe, finde ich mich wieder auf einer harten, ziemlich dünnen Matratze in einem kleinen Hochhaus-Appartement in Chengdu und ich frage mich: Hat sich irgendetwas geändert? Warum Bilder von fremden Menschen?

Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass es zur Sucht geworden ist. Oft ist das Befriedigen des Dranges wichtiger, als die Ergebnisse zu sehen, die sehr enttäuschend sein können, speziell, wenn ich mich mit den herausragenden Werken anderer Fotografen in dieser Disziplin vergleiche.

Aber Droge ist Droge, egal wie gut oder schlecht ich mich am Ende fühle. Ich wache mit der Sucht auf, gehe mit ihr zu Bett und ich bin dankbar dafür! Du kommst in diesen Rhythmus: Gehst raus, um das Bild zu machen, kommst heim, ziehst Dir das Ergebnis rein und wenn die Droge wirkt, dann wirkt sie richtig, das Ergebnis macht Dich sehr zufrieden, zumindest für eine Weile, dann lässt die Euphorie langsam nach und dann musst Du wieder raus, versuchst, es besser zu machen, versuchst aus der Vergangenheit zu lernen, etwas Neues zu schaffen, aufregend, andersartig, etwas, das wirklich aus Dir kommt.

Eine Frau hält ein Kleinkind auf dem Arm und spiegelt sich im Lack eines Autos.

Personen greifen um eine Ecke und ein buntes Plakat mit weiteren Menschen ragt ins Bild.

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Warum also Fremde? Die einleuchtendste Antwort ist, dass ich fasziniert bin von Menschen und ihren Lebensumständen. Also, warum sollte man sich nicht auf die konzentrieren, die man nicht kennt, schließlich können sie genauso interessant, lustig, verrückt, schön, vorhersehbar (oder auch nicht) sein, wie all meine Freunde oder meine Familie, wenn nicht sogar mehr!

Mich interessieren auch Verhaltensmuster, speziell über verschiedene Kulturen hinweg, genauso wie die Unterschiede, die man finden kann. Humor, Ironie, das Absurde, Tragödien und alles, was man für skurril halten könnte, berührt mich stark. Ich mag dieses Wort: skurril, das bringt es auf den Punkt.

Ein Mann unter einer Folie.

Ein Mann hängt hinter einer Fensterscheibe ein Poster auf.

Aus einem Führerhäuschen lugt eine Hand mit Zigarette.

Farbe ist wichtig, schwarzweiß habe ich begonnen, aber ich habe die Farbe lieben gelernt, die Möglichkeiten, die sie mir bietet, eine ansprechende Ästhetik in meinem Werk zu entwickeln.

Eine wirklich schlüssige Antwort, warum ich all das mache, kann ich nicht bieten. Der Gedanke, die Kamera nicht zur Hand zu nehmen und zu fotografieren, ist mir unbequem, das würde eine große Leere in mir hinterlassen. Vielleicht ist das der wahre Grund für diese, für meine Obsession.

Dieser Artikel wurde von Tilman Haerdle für Euch aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.


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Fantastische Bände zur Straßenfotografie, Teil 4

04 Jul

Nachdem die letzte Ausgabe dieser Serie ein komplettes Jahr her ist, wird es dringend Zeit für einen Folgeartikel. Bildbände sind nach wie vor mein persönlicher „Schatzzzz“ und vier von denen stelle ich heute vor. Dabei werden ich auf das Blabla (und die Vorgeschichte des Fotografen) verzichten und mich nur auf die Bände konzentrieren.

Michael Wolf: Tokyo Compression*
112 Seiten | 25,2 x 21 x 2 cm | Vergriffen; derzeit gebraucht ab 32 €

Menschen, die ihre Gesichter an eine beschlagene Scheibe drücken.

So wie es da liegt, macht der Band „Tokyo Compression“ einen stabilen und kompakten Eindruck. Ich nehme es gern in die Hand und ertaste das aufgeprägte Titelfoto. Der inhaltliche Beginn von „Tokyo Compression“ ist schlicht und kommt schnell zur Sache. Kein nervendes Vorwort und auch kein Inhaltsverzeichnis. Der Titel reicht, basta.

Die Seiten selbst sind schwer und dick genug, um nicht billig wie eine Aldi-Einwurf-Werbung daherzukommen und stets beidseitig und formatfüllend mit ein bisschen Platz zum Seitenrand bedruckt. So machen mir Fotobände Spaß.

Kommen wir zur Hauptsache: Die Fotos. Michael Wolf hat in Tokyo Menschen fotografiert, die in der U-Bahn aneinandergequetscht und schwitzend von A nach B transportiert werden. Mit dem Teleobjektiv ist er stets nah dran und die and die Scheibe gedrückten, müden Gesichter füllen oft das gesamte Bild aus.

Menschen, die ihre Gesichter an eine beschlagene Scheibe drücken.

Hände werden an die Scheiben gedrückt und die zugefallenen Augen der Fahrgäste erinnern mich an meditierende, wartende Menschen, die nur einem Gedanken folgend im Moment verharren: „Ich. Will. Hier. Raus.“

Das Kondenswasser an den Scheiben ist die natürliche Folge der vielen Menschen in einem geschlossenen Raum. Kombiniert mit der Kompression Wolfscher Perspektive abstrahieren die nassen Scheiben oft auch das, was dahinter zu sehen ist.

Die Bilder wirken echt, natürlich und glaubwürdig. Ob und wie Michael Wolf die Bilder im Nachhinein justiert hat, weiß ich nicht, jedoch gibt es keinen störenden Hinweis auf eine übertriebe Tätigkeit desgleichen.

All das erzeugt eine Nähe zu den Leuten, die ebenfalls bedrückend ist und auf die man sich einlassen muss. Michael Wolf hat genau gewusst, was er wollte und das passende Werkzeug benutzt, um seine Idee zu verwirklichen.

Auch, wenn es sich in diesem Buch nicht um konventionelle Straßenfotografie handelt, ist es dennoch ein Konzept-Buch, das in sich schlüssig ist und die Grenzen des Genres wieder einmal neu definiert – anders gesagt: Nach außen öffnet.

 

Bruce Davidson: Subway *
135 Seiten |  29,4 x 30 x 1,8 cm | 45 €

Menschen in der U-Bahn von New York City

Bleiben wir in der U-Bahn, doch wir wandern in die 80er und nach New York City. Bruce Davidson, Magnum-Fotograf, schuf hier eines seiner wichtigsten Bücher: „Subway“.

Ich weiß noch genau, wie es mir erging, als ich dieses Buch öffnete. Ich zeigte es stolze meinen Bürokollegen, raufte mir die Haare und sagte ständig: „Oh fuck. Nein, nein, wie geil ist das denn? Fuck! FUCK!!!“

Derart emotionale Ausbrüche gibt es bei mir nur dann, wenn mich ein Buch so richtig vom Hocker reißt. Bei „Subway“ hält die Begeisterung bis zum heutigen Tage an und ich frage mich immer noch, wie krass Bruce Davidson eigentlich ist.

Bleiben wir beim Buch. Es ist ein Hardcover, mit Schutzeinband aus Papier. Es ist groß, aber nicht schwer. Definitiv nichts, was ich einen fetten Schinken nennen würde, aber auch nicht zu klein für einen Fotoband im quadratischen Format.

Das erste Vorwort überspringe ich, doch dann folgen sieben Seiten Text von Davidson selbst, an denen ich nicht vorbeikomme. Ich bin zu neugierig. Der Fotograf beschreibt darin, wie er hart dafür trainierte, in den Subways zu fotografieren, da er einiges an Kraft brauchte, um sein Equipment mehrere Stunden mit sich herumzutragen.

Menschen in der U-Bahn von New York City

Wie er zunächst Angst hatte, ausgeraubt zu werden, sich dann aber als Polizei-Detektiv ausgab, Menschen vor dem Fotografieren ansprach – oder gar nichts sagte. Wie er seinen Magenta-Filter in die Gleise rollen sah und irgendwann tatsächlich ausgeraubt wurde. Geschichten, die ich beim Durchblättern im Kopf habe und versuche, die erwähnten Menschen darin zu finden.

Die Bilder selbst stellen mich immer wieder vor ein neues Rätsel. Selbst, wenn Davidson eine Vielzahl der Fahrgäste vor dem Fotografieren fragte, sehen einige Bilder nicht danach aus. Dazu kommt eine Ästethik, die ich bis heute nur sehr, sehr selten zu sehen bekomme.

Der Fotograf blitzte nämlich nicht an die Decke, sondern richtete das Licht direkt auf die Menschen und das erinnert bezüglich der Farbästhetik an Tiefseeaufnahmen von Fischen. Da Davidson selten Anzugträger, sonder eher die untere Schicht der Gesellschaft fotografiert, bekommt die Gesamtwirkung der Bilder jedoch eine sehr raue und direkte Art.

Die Fotos zeigen zudem die New Yorker U-Bahn in einem sehr schlechten Zustand. Zugetaggte Scheiben und Wände, zersplittertes Glas und mitten drin Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Manch abstrakte Aufnahme erinnert leicht an einen Saul Leiter und hätte sich Davidson nicht gegen schwarzweiß entschieden, wäre der der Vergleich mit Bruce Gilden nicht zu verhindern. Doch so ist „Subway“ ein Unikat, das für mich zu den wichtigsten in meiner Sammlung gehört. Defintiv ein Buch, das ich mit auf die obligatorische Insel nehmen würde.

 

August Sander: (Aperture Masters Of Photography)*
94 Seiten | 21,2 x 20,6 x 1,6 cm | 5,95 €

Ein Konditormeister mit großer Schüssel von vorne fotografiert.

Bei August Sander läuft es mir manchmal kalt den Rücken herunter, wenn ich etwas über ihn schreiben soll. Warum? Weil ich verdammt großen Respek vor ihm und seiner Leistung habe und mir recht unscheinbar dabei vorkomme, irgend etwas Bedeutungsvolles zu äußern.

Doch auch Herr Sander hat nur mit Wasser gekocht und schließlich stelle ich hier Bände vor, die ich essentiell für die Straßenfotografie finde. Ja, manchmal muss man sich selbst erklären, warum das, was man macht, eine Berechtigung hat.

Den vorliegenden Band habe ich im Winter des letzten Jahres gekauft, als mir klar wurde, dass ich so rein gar nichts von und über den Chronisten Sander habe. Bei einem Preis von knapp 5 € für dieses Werk wurde nicht lange nachgedacht, sondern zugeschlagen.

Der Fotoband ist mit seinen knappen 20 cm Breite kein Brecher, aber das soll er auch nicht sein. Im Schutzeinband (ich hasse diese Erfindung, denn meist ist das, was drunter ist, wesentlich besser gestaltet, wenn auch unscheinbarer) mit den abgebildeten Werkstudenten wirkt das Buch ehrlich gesagt etwas billig, doch der Blick ins Buch lässt vom Gegenteil überzeugen.

Ein katholischer Geistlicher.

Meine Ausgabe ist aus dem Jahre 1997 und die Zeit hat ihr schon einiges angetan, denn die Seiten sind zum Rande hin vergilbt. Witzigerweise passt das sogar zum umfangreichen Werk des Fotografen, das in den 00er bis in die 30er Jahren des 20. Jahrhunderts erstellt wurde.

Da ich ein Faible für Zeitgeschichte, insbesondere des vergangenen Jahrhunderts habe, sind die Portraits des Fotografen für mich von beachtlichem Wert. Diese bilden einen Querschnitt durch die Arbeit eines Menschen, der jede Gesellschaftsschicht fotografiert hat (und dessen Bilder später von Nazis verboten wurden).

So finden sich Berufe, die sich damals in der deutschen Gesellschaft durchgesetzt hatten, in ikonischen Portraits und durch ihre Einzigartigkeit erreichen sie stellvertretenden Charakter für den benannten Professions-Strang. Vom Konditormeister über Bauern bis hin zum Schriftsteller ist alles dabei.

Nun stellen sich manche Hardliner sicher die Frage, was August Sander im Rahmen der Straßenfotografie überhaupt zu suchen hat. Die Frage ist berechtigt, lässt sich jedoch problemlos klären: Originale, Originale, Originale.

Durch den Querschnitt des Lebenswerks Sanders erreicht der Band eine sehr hohe fotografische Dichte, die sich – aus heutiger Sicht – in der Selektion einzigartiger Portraits niederschlägt. Menschen mit originell anmutendem Äußerden zu sehen und zu dokumentieren, ist eine Kunst, die der Straßenfotografie ihren Atem verleiht und eine der Haupttugenden eines Fotografen im Genre ist.

Ich empfehle jedem, der unter einem schmalen Geldbeutel leidet, aber von den präsentierten Bildern angetan ist, des Buches habhaft zu werden.

 

Eamonn Doyle: i*
74 Seiten | 34 x 24,5 cm | Vergriffen, derzeit Angebote ab 129 €

Eine Person, zwei Mal aus unterschiedlichen Perspektiven fotografiert.

Das letzte Buch, das ich hier vorstelle, kann man nur noch in Glücksfällen irgendwo erstehen. Dennoch stelle ich es vor, weil die Geschichte dahinter zu cool und der Band kurz gesagt der Hammer ist. Geschichte?

Am 1. April schrieb Martin Parr einen Kommentar ins Internet, und zwar in der Flickr-Gruppe HCSP. Allein diese Tatsache ist schon außergewöhnlich, doch wie betitelt Parr seinen Kommentar? So: „The best new street photo book, I have seen for a decade.“

Nun, der Herr Parr ist nicht irgendjemand und erst recht nicht in der Szene der Straßenfotografie. Wenn er sagt, ein Buch sei gut, dann ist das definitiv ein Tipp, den man sich zu Herzen nehmen sollte.

Das wissen wir spätestens seit der Buchreihe The Photobook, A History*, die mittlerweile in der dritten Ausgabe vorliegt und den Buchmarkt regelmäßig auf den Kopf stellt.

Ohne lange nachzudenken, bestellte ich das Buch. Ich wusste, dass es jetzt schnell gehen musste, da der Band auf 750 Stück limitiert war. Als ich ein paar Tage später das Buch in den Händen hielt, war ich… ja, was war ich denn? Überrascht, irritiert und begeistert zugleich.

Überrascht deshalb, weil das Buch ohne ein einziges Wort auf den Seiten daherkam. Der Titel, Metainformationen auf der letzten Seite und die Signatur von Eamonn Doyle sind alles, was es zu lesen gibt.

Irritiert, weil ich viel erwartet hatte, aber nicht ein solch in sich schlüssiges, durchdachtes Buch, das fotografisch auf allerhöchstem Niveau spielt.

Ein älterer Herr, der sich eine Zigarette anzündet

Und begeistert deshalb, weil ich mit jedem weiteren Betrachten der Bilder langsam zu verstehen begann, was Martin Parr gemeint hatte, als er vom besten neuen Fotobuch gesprochen hatte.

Ich möchte auch ausführen, warum: Die Straßenfotografie ist – im Kontext aller Genres – ein chaotisches Intermezzo. Sie lebt davon, komplexe Situationen einzufangen und ist meist an die Stadt als Lokalität gebunden. Kurz gesagt: Es ist immer viel los.

Nun kommt „i“ ganz anders daher. Eine einzige Person pro Bild wird gezeigt, ohne viel drumrum und sogar der Schnitt des Fotografen ist fast durchgängig gleich. Das ist noch nicht alles, denn es sind immer alte Menschen, die Eamonn Doyle auf der Straße und durchgehend aus dem gleichen Abstand zur Person fotografiert.

All das ergibt beim Betrachten ein Gefühl der Ruhe und Ordnung, ohne langweilig zu werden. Nein, es ist ein Konzept, das mir zu denken gibt. Denn Doyle schafft es, innerhalb sehr enger Grenzen eine Serie vorzulegen, die es in dieser Form noch nicht gegeben hat.

Er widerlegt auf seine Art und Weise, dass es eben doch möglich ist, etwas Neues zu erschaffen. Und dazu noch, dass es nicht unmöglich ist, im Eigenverlag ein Buch zu publizieren, ganz ohne Riesenverlag, ohne fette PR. Wobei er natürlich die fetteste PR hatte, die man als Straßenfotograf haben kann: Eine Empfehlung von Martin Parr im Internet.

 

Abschließend fällt mir gerade auf, dass ich folgende Frage noch nie gestellt habe: Welche Bücher und Bildbänder im Bereich der Straßenfotografie sind für Euch unverzichtbar? Erzählt doch mal.

* Das ist ein Affiliate-Link zu Amazon. Wenn Ihr darüber etwas bestellt, erhält kwerfeldein eine kleine Provision, Ihr zahlt aber keinen Cent mehr.


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New York City: Straßenfotografie von Todd Gross

24 Apr

Den Namen Todd Gross lernte ich kennen, als ich ein Video-Interview mit Eric Kim zu sehen bekam. Ich mochte den Typen und seine Bilder sofort, verlor ihn jedoch aus den Augen. Kurze Zeit später wurden seine Bilder in der TIME Lightbox vorgestellt, ich schaute seine Bilder noch einmal etwas genauer an und bin seither restlos begeistert von ihnen.

Ein halbes Jahr später trafen wir uns persönlich. Und ich war aufgeregt. Doch Todd und ich, wir verstanden uns auf Anhieb und hatten einen ausführlichen Plausch über Leben, Jobs und natürlich die Straßenfotografie. Er erzählte mir, dass er seit den 90ern fotografiere und zeigte mir seine Kamera.

Ihr Anblick ließ mich zuerst die Augenbrauen hochziehen und dann die Kinnlade herunterfallen. Ich sah eine analoge Kamera, an nichts einzustellen war. Nichts. Auslöser, Sucherlöchlein und Blitz. Das war förmlich alles. Ich konnte es gar nicht glauben. Ich fragte Todd, ob das sein Ernst oder ein Witz sei. Es war sein Ernst.

Ich versuchte, in Gedanken seine grandiosen Bilder mit dem unscheinbaren Kästchen in Einklang zu bringen, das er sorgfältig betrachtend in Händen hielt.

Straßenfotografie von Todd Gross: Ein Mann in gelbem T-Shirt schaut in einen Dohlen. New York City.

Straßenfotografie von Todd Gross: Ein Mann mit Hut schaut in die Kamera – angeblitzt. New York City.

Straßenfotografie von Todd Gross: Eine bedrohlich schauende Frau, fotografiert in einem Zimmer. New York City.

Ein Mann sitzt am Boden und hat die Beine weit gespreizt. New York City.

Straßenfotografie von Todd Gross: ein ausgelaufener Becher unter Bänken in der Bahn. New York City.

Straßenfotografie von Todd Gross: Ein Mann hält sich an einem LKW fest und fliegt durch die Luft. New York City.

Straßenfotografie von Todd Gross: Eine Frau beißt in ihren Geburtstagskuchen. New York City.

Straßenfotografie von Todd Gross: an einer Scheibe steht "DESTINY" geschrieben und die Silhouette eines Mannes ist zu sehen. New York City.

Straßenfotografie: Ein Mann in rotem T-Shirt und mit roter Kappe läuft um eine Ecke, an der ein roter Pfeil auf den Mann zeigt. New York City.

Straßenfotografie von Todd Gross: Ein Mann sitzt neben einem Ghettoblaster am Strand. New York City.

Eine Straßenfotografie von Todd Gross: Ein Autofahrer schaut aus dem Fenster, hinter ihm ist eine Welle zu sehen. New York City.

Straßenfotografie von Todd Gross: Ein älterer Herr zeigt auf einen vorbeilaufenden Mann mit Hut und an der Wand hängt ein Poster, auf dem "What Is Sexy" steht. New York City.

Straßenfotografie von Todd Gross: Das Portrait eines Mannes, der auf einer roten Banke sitzt, durch ein Fenster fotografiert. New York City.

Was ich an Todds Bildern mag, ist diese kuriose Mischung aus schwarzem Humor und kongruierenden Farben.

Etliche Aufnahmen scheinen mir zu gut, um wahr zu sein. Beispielsweise das Foto mit dem roten Pfeil oder dem gelben Telefon. Ich erinnere mich noch gut, als ich meinen Bürokollegen breit grinsend das „WHAT IS SEXY“-Foto unter die Nase hielt und wir vor lachen fast zusammengebrochen wären.

Wenn ich diese Bilder sehe, weiß ich, dass Todd nicht nur Glück hatte, sondern unzählige Meilen aufmerksam gelaufen ist, um zu diesen Fotos zu kommen. Denn – und das vergisst man bei Todds Aufnahmen zu gern – originelle Straßenfotografie ist harte Arbeit. Als ich ihn irgendwann fragte, was ihn eigentlich motiviert, antwortete er:

Ich habe so viel Zeug in meinem Kopf. Um das loszuwerden, ist die Kameraarbeit auf der Straße für mich die beste Lösung. Ein Bild führt zum nächsten.

Und wie das nunmal so ist, wenn man jemanden persönlich kennt: Heute verbinde ich sehr viel mit den Bildern von Todd. Und deshalb folge ich ihm auf Twitter, Flickr und Tumblr.

Und das könnt Ihr natürlich auch. Sucht Euch etwas aus, sagt hallo und erfreut Euch an seinen Updates. Ihr werdet merken, dass er kein Freund vieler Worte ist, aber seine Bilder wären es wert, ihm zehn Mal zu folgen.


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Anregungen für Einsteiger in die Straßenfotografie

22 Apr

Seitdem ich versuche, mich aktiv als Straßenfotograf in Deutschland zu betätigen, bekomme ich regelmäßig E-Mails oder Replies zu meinen Bildern. Immer wieder fragen mich Leute, wie ich meine Angst überwinde, welche Kamera ich benutze oder was ich sage, wenn sich jemand beschwert.

Auf viele dieser Fragen möchte ich heute versuchen einzugehen. Ich wähle bewusst das Wort „Anregungen“ im Titel, weil ich keine Ratschläge von oben herab erteile.

Diese Anregungen, Ideen oder Handlungsvorschläge sind auf meinem ganz persönlichen Weg entstanden. Und ich glaube, dass sie dem einen oder anderen helfen können – aber nicht müssen. Legen wir also los.

Straßenfotografie: Ein Arbeiter mit Maske und blauem Anzug.

Werde Dir der Gesetzeslage bewusst

In Deutschland ist es vom Gesetzgeber nicht erlaubt, Menschen erkennbar in der Öffentlichkeit zu fotografieren. Wenn Du dieses Gesetz übertrittst, kann das bedeuten, dass Du Post von einem Rechtsanwalt bekommst, angezeigt wirst oder jemand sauer auf Dich wird.

Die Wahrscheinlichkeit ist zwar nicht besonders hoch (ich habe es noch nie erlebt), doch es kann theoretisch immer passieren. Wer falsch parkt, bekommt irgendwann einen Strafzettel. So einfach ist das. Und diesen Wikipedia-Eintrag solltest Du im Schlaf können.

Wäge ab, Menschen unerkannt zu fotografieren

Um in die Straßenfotografie einzusteigen, musst Du nicht gleich aus 30 cm Abstand und mit Blitz fotografieren. Du kannst Dich auch langsam ans Sujet herantasten und so der juristisch-misslichen Lage vorerst aus dem Weg gehen. Wie? Mit Abstand. Menschen von hinten, als Silhouette – oder den Kopf abschneiden. Letzteres ist rein fotografisch zu verstehen.

Lasse Deine Schuldgefühle und Ängste hinter Dir

Solange Du eine Phobie davor hast, „ertappt“ zu werden, solltest Du mit der Kamera keine Sekunde auf der Straße verbringen. Menschen merken Deine Befürchtungen sofort und werden Dich wesentlich schneller als verdächtig einstufen, als Dir lieb ist. Wenn Du aber voller Selbstvertrauen und Freundlichkeit unterwegs bist, strahlt das nach außen und die Menschen werden Dir ebenfalls freundlicher begegnen.

Warnung: Viele Menschen freuen sich darüber, fotografiert zu werden, fühlen sich dadurch geschmeichelt und werden mit einem hübschen Lächeln reagieren. Diesen wichtigen Moment wirst Du verpassen, wenn Du mit panisch-verzerrtem Gesicht um die Häuser schleichst.

Eine Frau sieht in die Kamera.

Prüfe Deine Absichten

Warum willst Du überhaupt auf der Straße fotografieren? Um was geht es Dir dabei? Kläre diese Frage, bevor Du losziehst und es wird Dir leichter fallen, mit Mut und Bestimmtheit aufzutreten. Und – das ist wirklich wichtig – Deine Stilmittel zu wählen. Mehr dazu weiter unten.

Die Kamera ist scheißegal

Du solltest keine Sekunde darüber nachdenken, ob Deine Kamera straßentauglich ist. Du kannst sogar mit dem Smartphone anfangen, Leute in der Öffentlichkeit zu fotografieren. Ich habe das ein Jahr lang gemacht.

Selbst, wenn Deine Kamera eine fette DSLR und super laut ist: Das kann Dir wiederum dabei helfen, offen mit Deinem Vorhaben umzugehen. Fang einfach an und vergiss den Schwachsinn, dass Du eine Leica brauchst.

Lächle

Brust raus, Rücken gerade, einmal kräftig durchatmen und los geht’s. Sprich mit den Menschen, lächle sie an oder zwinkere ihnen zu. Zeige ihnen, dass Du nicht gegen, sondern für sie bist.

Wenn Dir ein schöner Hut auffällt, dann sage das der Person – auch, wenn Du sie gar nicht fotografierst. Verbreite gute Laune, so oft es geht. Menschen werden Dich wiedererkennen und Du bestimmst, wie Du in Erinnerung bleibst.

Blick auf einen Sonderzug der Bahn.

Such nicht nach Bestätigung

Wenn Du eine Person fotografiert hast und nicht sicher bist, ob sie Dich bemerkt hat, dann schau sie um Gottes Willen nicht fragend an. Warte nicht auf eine positive Reaktion. Ziehe gemütlich weiter und suche Dein nächstes Motiv.

Die Menschen auf der Straße sind die letzten, von denen Du Bestätigung suchen solltest. Wenn Du von ihnen erwartest, Deine Aktion „in Ordnung“ zu finden, wirst Du a) enttäuscht werden und b) Dich auf eine zu niedrige Stufe stellen. Dein Auftreten wird dadurch nicht selbstbewusster, sondern eher das Gegenteil.

Keine Option: Lange Brennweiten

Zumindest zu Beginn nicht. Wenn Du Dir in die Hosen machst, vor Leuten die Kamera zu heben und sie zu fotografieren, dann ist ein Teleobjektiv doppelt hinderlich. Zum Einen wirst Du Deine Angst nicht überwinden (und das kannst Du nur mit Übung) und Dich zum Anderen auf ein Stilmittel begrenzen. Vor allem eines, das furchtbar schwer zu beherrschen ist.

Straßenfotografen wie Saul Leiter oder W. Eugene Smith, die Teleobjektive gekonnt einsetzten, wussten genau, was sie taten und was sie erreichen wollten.

Nimm ein Weitwinkel. Niemand sagt, dass Du den Leuten mit dem Glas vor der Nase herumtanzen sollst. Außerdem hast Du so stets die Möglichkeit, im Nachhinein zu croppen, weil Du (zu Beginn) eher zu viel auf dem Bild haben wirst, als zu wenig.

Frag Menschen vor dem Fotografieren

Nein, das muss nicht die Regel sein (siehe Punkt 2). Und Du musst keine 100-Leute-Serie machen, auf denen die Leute scharf sind und der Rest im Bokeh verschwindet. Das ist zwar hip, aber auch nur eines von vielen Stilmitteln.

Außerdem gibt es aktuell nur einen Straßenfotografen, der dies meiner Meinung nach innovativ beherrscht: Khalik Allah. Ich möchte mich hier aber nicht verzetteln.

Wenn ich jemanden mit einem tollen Bart sehe, dann verzichte ich manchmal auf den ungestellten Moment und frage freundlich.

Die meisten Männer tragen ihren Bart wie andere einen fetten SUV fahren und freuen sich über das Kompliment, für ein Foto posieren zu dürfen. Tipp: Animiere sie dazu, nicht zu lachen oder in die Kamera zu gucken – das sieht meist künstlich aus.

Vergiss jedoch die Option, die Dir die Persönlichkeitsrechts-Taliban nahelegen: Jede Person nach dem Klick zu fragen, ob sie mit dem Bild einverstanden ist.

Warum? Stell Dir vor, Du hast fünf Personen auf einem Bild, von denen zwei auf die Bahn warten und drei in unterschiedliche Richtungen laufen. Es ist schlicht unmöglich, diesem Ratschlag nachzukommen. Es geht einfach nicht.

Eine Frau schaut auf den Fahrplan.

Umgang mit negativem Feedback

Wenn jemand nicht fotografiert werden möchte, dann ist das sein oder ihr gutes Recht. Von so einer Person angesprochen zu werden, sollte nicht ignoriert und schon gar nicht frech beantwortet werden.

Schau der Person ins Gesicht, stelle Dich vor und entschuldige Dich für die Unannehmlichkeiten. Biete von Dir aus an, das gemachte Foto unverzüglich zu löschen. Weder lohnt es sich, sich mit fotografierten Menschen anzulegen, noch musst Du schamrot mit gesenktem Kopf im Boden versinken.

Wünsche einen angenehmen Tag und ziehe weiter Deines Weges.

Unsichtbar werden

Der große Traum vieler Fotografen, die auf die Straße ziehen, ist es, unsichtbar zu werden. Unbesorgt zu fotografieren, ohne bemerkt zu werden. Das wär’s. Doch darunter versteckt sich meist nichts anderes als Angst. Und die ist ein schlechter Ratgeber.

Du musst Dich ja nicht bunt wie ein Clown anziehen. Ich bevorzuge schwarze Kleidung, weil sie kein Licht reflektiert. Aber zwanghaft zu versuchen, unentdeckt zu bleiben und im peinlichen Agenten-Modus (Kopf nach vorn, Blick zur fotografierten Person) aus der Hüfte zu fotografieren, bringt gar nichts.

Warum? Weil Du so keine Kontrolle über Bildausschnitt und Perspektive hast. Natürlich gibt es Leute wie Mark Cohen, die das Fotografieren ohne Sucherblick perfektioniert haben, jedoch würde ich davon erst einmal abraten.

Halte die Kamera vor’s Gesicht, komponiere und drücke ab. So gibst Du Menschen auch die Chance, zu reagieren und sich Dir bemerkbar zu machen, wenn sie das nicht wollen.

Schneller!

Auf der Straße hast Du eines nicht: Zeit. Du kannst nicht ewig rumzoomen, denn währenddessen ist die fantastische Szene längst vorbei.

Von daher bietet es sich an, eines zu üben: Fokussieren. Der Amerikaner John Free empfiehlt, sich vor eine Wand zu stellen und zu stoppen, wie lange man brauchst, um aus der Hüfte die Kamera zu heben und die Wand anzufokussieren. Je schneller Du bist, desto einfacher wirst Du es später auf der Straße haben. Außerdem lernst Du so die tatsächliche Schnelligkeit Deines Autofokus kennen und im Vorhinein einzuschätzen.

Andere Fotografen wie Matt Stuart fokussieren bei geschlossener Blende vor und wissen so, welcher Schärfebereich immer abgedeckt ist. Das Problem: Wenn Dir wider Erwarten jemand näher kommt, musst Du reagieren. Das kann schon einmal hektisch werden und meist vergeigt man dann das ganze Bild. Auch hier ist Übung angesagt.

Joel Meyerowitz rät, ein guter Beobachter zu werden und das Vorhersehen von akzentuierten Bewegungen zu erlernen. Wie das geht? Ein Beispiel: Du siehst von Weitem, wie eine Frau die Arme irgendwie komisch verschränkt und sie dann wieder fallen lässt.

Warte. Warte. Warte. Warte ab, ob die Frau diese Bewegung noch einmal macht. In der Zwischenzeit kannst Du einen guten Bildausschnitt suchen und bist dann bereit, wenn es wieder passiert.

Weitere Anregungen sind meiner Meinung nach überflüssig. Klar, man könnte Bücher darüber schreiben, was wie wo wann am besten funktioniert. Doch das Beste an der Fotografie ist immer noch das Learning By Doing. Je öfter Du unterwegs bist, desto schneller wirst Du auch.

Ein Mann kurz vor dem Zigaretteanzünden.

Lass nicht den Profi raushängen

Niemand ist interessiert daran, welche Profession Du hast (oder denkst, zu haben). Viele Menschen reagieren sogar aggressiv, wenn sie merken, dass Du Fotograf bist. Warum? Weil sie Dich für einen Pressefotografen von der BILD halten.

Pressefotografen sind in ihren Augen das Schlimmste und wenn Du irgendwie profihaft rüberkommst, dann drückst Du bei ihnen den „Angreifen, JETZT!!!“-Knopf.

Wenn Du eine Rolle spielen willst, dann nimm lieber die des ahnungslosen, schrullig lächelnden Touristen, der seine Kamera ausprobiert. Das passt vielleicht Deinem Ego nicht, aber es hilft Dir garantiert, keine Paniken auszulösen.

Kauf Dir Fotobücher (statt einer neuen Kamera)

Der Terminus Straßenfotografie wird historisch gesehen noch nicht allzu lange als solcher gebraucht. Menschen haben schon immer fotografiert und wo sonst, wenn nicht zuhause? Auf der Straße. Im Park. Überall.

So gibt es millionenfach Literatur und Fotobücher, die Dir allesamt zeigen, wie Menschen andere Menschen fotografiert haben, ohne Fotos zu stellen. Das müssen nicht einmal Fotos aus der Stadt sein, wie der Band „Magnum Landscapes“* unterstreicht.

Der gesamte Bereich der Dokumentarfotografie* (ja, auch Reportagen aus Krisengebieten) sind daher von höchstem Interesse, wobei es selbstverständlich Unterschiede gibt.

Als Einstieg (und um einen Überblick zu bekommen), empfehle ich Dir das Buch „Street Photography Now“*. Du wirst darin nicht nur eine Menge Informationen darüber finden, welche Fotografen (und wessen Bücher) Du weiter verfolgen kannst, sondern bekommst auch einen gefühlten Container voller Inspiration.

Ignoriere

Finde Dich damit ab, dass Du in dem Moment, in dem Du offen Menschen auf der Straße fotografierst und die Bilder ins Netz stellst, vielen Leuten einen Grund gibst, Dich zu testen und Deine Position infrage zu stellen. Das ist gut so.

Denn Du musst lernen, Verantwortung für Dein Tun zu übernehmen und zu Dir zu stehen. Bleibe freundlich und akzeptiere die Positionen anderer. Du musst sie ja nicht übernehmen.

Wenn Menschen dennoch fies werden (und das werden sie), dann brauchst Du eine Strategie. Ich habe Leute in allen Netzwerken (und auch deren E-Mails) geblockt, weil sie nicht aufhörten, mich monatelang aufs Bitterste zu attackieren.

Es gibt Menschen, die reiten sich derart rein, dass sie nicht aufhören werden, Dich zu beleidigen. Jedoch ist es dann klug, eines zu wissen: Diese Menschen offenbaren dadurch ihre Persönlichkeit. Wer Dir vorwirft, ein Arschloch zu sein und das mit den Mitteln des eben benutzten Fäkalwortes tut, den brauchst Du keine Sekunde ernst zu nehmen.

Meine Devise: So lange wie nur möglich respektvoll und freundlich bleiben. Versuche, die Meinung der anderen zu verstehen und nachzuvollziehen. Wenn Leute aber erwarten, dass Du deshalb mit der Straßenfotografie aufhörst, wirst Du sie enttäuschen. Da müssen sie durch und das werden sie.

Mach einen Ausflug nach London

Nein, Du sollst nicht nach England ziehen (kleiner Insider). Jedoch kann es Dir gut tun, mal in einem Land zu fotografieren, in dem das Fotografieren von Menschen in der Öffentlichkeit vom Gesetzgeber erlaubt und gestattet ist.

Wenn Du dann wieder in Deutschland fotografierst, kann es sein, dass Dir das wesentlich leichter fällt. Und Leichtigkeit kann man immer brauchen, vor allem auf der Straße.

Ein Mann mit roter Brille.

Puh. Jetzt fallen mir noch 180 weitere Sachen ein, die ich aufführen könnte, wie Belichtungszeiten und ISO-Einstellungen, Bildkomposition, Bildbearbeitung in Lightroom und und und. Dennoch möchte es den ohnehin schon langen Artikel erst einmal so stehen lassen. Vielleicht komme ich ein anderes Mal drauf zurück.

~

Abschließend möchte ich sagen, dass ich sehr gern auf der Straße fotografiere. Ich habe seither viele nette Menschen kennengelernt, die mein Leben um vieles bereichert haben.

Meine persönliche Motivation ist die der Dokumentation. Ich möchte, dass in 30 oder 40 Jahren meine Bilder an ein Karlsruhe erinnern, wie ich es heute erlebe. Ich möchte Abertausende von Aufnahmen weitergeben, die zum Schmunzeln, Lachen und Erinnern anregen.

Hierzu habe ich einen künstlerischen Anspruch. Ich möchte, dass meine Bilder bewegen und einen gewissen visuellen Reiz haben. Nein, sie müssen nicht „schön“ im konventionellen Sinne sein, aber Betrachtern das Gefühl der Straße geben. Das ist rau, hektisch und schnell. So mag ich das.

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Straßenfotografie in Japan

05 Dec

Ein Beitrag von: Shin Noguchi

Es war das Buch „A L’est De Magnum 1945-1990“ von Magnum Fotos. Ich sah es in meiner Jugend und es machte mich zum ersten Mal auf die Straßenfotografie aufmerksam.

© Shin Noguchi

Bevor ich das Buch kannte, dachte ich, dass Kunst und Dokumentation das jeweilige Gegenteil voneinander wären.

Als ich jedoch diese Bilder sah, überraschte mich, dass die Fotografen meisterhaft ihre künstlerische Meinung als Straßenfotografen äußerten, indem sie Elemente wie Komposition und den richtigen Augenblick sowie Licht und Schatten dafür benutzten.

© Shin Noguchi

Und das, während sie über unser alltägliches Leben mit seinen vielen überbordenden Emotionen wie Freude und Leid reflektierten. Ich selbst versuche heute so oft wie möglich, Farben als Hauptelement zu benutzen, um die Straße zu zeigen, wie sie ist.

© Shin Noguchi

Meine Bilder erklären oberflächlich, dass dies unser Leben und nicht irgendein spezieller Ort ist. Damit möchte ich Folgendes erreichen:

Und zwar, dass Betrachter meiner Bilder die Schönheit der lebenden Menschen, der Elemente wie Licht und Schatten und die Verbindung all dieser Komponenten sehen und zu schätzen lernen. Durch verschiedene Ebenen im Bild kann das erreicht werden.

© Shin Noguchi

Ich vermute, dass es unter Straßenenfotografen weltweit üblich ist, umherzuwandern und ein besonderes Licht, Schatten, spannende Momente und fotogene Charaktäre zu suchen.

Ich habe jedoch andere Prioritäten. Ich baue in meine Aufnahmen die Merkmale ein, durch die Japan als Nation und Zusammenschluss vieler Charaktäre gesehenen werden kann.

© Shin Noguchi

Und obwohl es sich hier um besonders spezielle Komponenten handelt, die in anderen Ländern in dieser Form nicht vorhanden sind, ist es gefährlich, den Charme eines Bildes nur aufgrund der subjektiven Perspektive zu beurteilen.

Wenn wir zu viel von uns selbst ausdrücken, können wir den Betrachtern aus anderen Ländern diese Eigenheiten nicht vermitteln. Was zur Folge hat, dass ihre Anziehungskraft in den Bildern (und die faszinierenden Verbindungen der Elemente) aus globaler Perspektive nicht verstanden wird.

© Shin Noguchi

Durch das Aufnehmen der Straßenszenen vom objektiven und zugleich subjektiven Standpunkt kann ich Fotografien anfertigen, die leichter zu interpretieren sind. Das ist mir wichtig. 

Dieser Artikel wurde von Martin Gommel aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.


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Straßenfotografie und Präsenz

01 Nov

Ein Beitrag von: Peter Kool

Mit der Geburt meines Sohnes fing ich an, zu fotografieren. Ich kaufte eine billige Kamera und der Verkäufer legte den Film ein. Voller Enthusiasmus machte ich Bilder, bis der Zähler bei 36 angekommen war. Zurück im Laden wurde klar, dass der Film nicht richtig eingelegt war. Also keine Bilder von meinem Nachfahren.

Von da an legte ich den Film selbst ein. Machte Fotos von meiner Familie und die Kodak-Aktien gingen in die Höhe. Die gleiche Firma wollte mir durch Beispielfotos den Weg zur Fotografie zeigen. Also machte ich Fotos von Sonnenblumen, Sonnenaufgängen und Sonnenuntergängen.

Recht schnell entdeckte ich, dass die Fotos meiner Familie viel interessanter waren.

© Peter Kool

Meine Frau malte und zeichnete an der Kunstakademie. Sie wies mich darauf hin, dass dort auch Fotografie unterrichtet wurde und so war ich wieder einmal fünf Jahre lang in der Schule.

Dort entdeckte ich berühmte Fotografen und war fasziniert von deren Arbeit. So wollte ich auch fotografieren und es fühlte (und fühlt) sich gut an, kreativ zu sein.

Ich wanderte durch die Straßen und erkannte, dass es nicht so einfach ist, ein gutes Foto zu machen. Das Leben auf den Straßen sieht so gewöhnlich aus – doch um ein gutes Foto zu machen, muss man in der Lage sein, das Ungewöhnliche vom Gewöhnlichen zu trennen.

 

Ein gutes Bild

Es gibt keine Regeln, wie man ein gutes Bild macht, es muss nur auf irgendeine Art berühren.

Ein gutes Foto sollte eine Art Erstaunen bewirken, was bei dem einen anders ausfällt als beim anderen. Das hat mit elektrischen Verbindingen im Gehirn zu tun, die durch Lebenserfahrungen wachsen. Und dann gibt es Menschen, die neue Sprossen mögen und solche, die nicht.

Fotos entstehen auf unterschiedlichsten Wegen. Man kann durch die eigene Präsenz eine Situation beeinflussen, aber auch ganz unbeachtet ein Foto machen.

Zum Beispiel wollte ich ein Foto von einem Mann mit schwarzem Auge und Augenklappe machen. Zur gleichen Zeit sah ich ein Mädchen die Straße überqueren und fand es interessant, sie auch im Bild zu haben.

© Peter Kool

Im gleichen Moment, in dem ich abdrückte, machte der Herr eine „Erdbeere mit Senf“-Miene und weil das Mädchen merkte, dass sie fotografiert wurde, machte sie eine schüchterne Geste und berührte ihr Auge. Meine Anwesenheit hatte also Auswirkungen.

Im Gegensatz dazu waren da mal diese vorbeiziehende Wolke, die mich komplett ignorierte und die Reste eines Baumes, die keinen einzigen hölzernen Muskel regten, als ich das Foto machte. Zwei alltägliche Dinge, die schon außergewöhnlich wirken, wenn man sie verbindet.

© Peter Kool

Die Wolke und der Baum könnten natürlich auch Menschen sein, die mich ignorieren und gar nicht wahrnehmen, während ich sie fotografiere.

~

Hinter jedem Bild steckt eine Geschichte, die ist aber nicht wichtig. Mein einziges Ziel ist es, dieses eine Bild zu machen, das dem Auge gefällt. Um das zu erreichen, ist Glück ein wichtiger Faktor in der Straßenfotografie.

Im Gegensatz zu Malern, Schriftstellern oder Musikern muss ein Fotograf das Glück haben, diese Situationen zu erleben und er muss jedes Mal seine Kreativität daraufhin anpassen.

Ich interessiere mich jedoch nicht ausschließlich für die Straßenfotografie; ich mag viele Fotogenres. Ein gutes Portrait zu machen ist ebenfalls herausfordernd. Und die schönsten Fotos kann man von der Familie oder Freunden machen.

© Peter Kool

Wenn man Du sie hunderte Male fotografierst, ignorieren sie Dich irgendwann und denken „die Pappnase macht schon wieder ein Foto“. Dann kannst Du einen Treffer landen.

Ich bewundere Fotografen, die für ein Magazin arbeiten und es schaffen, jede Woche immer wieder gute Portraits abzuliefern. Im Kontext eines früheren Projektes ging ich zu bekannten Leuten im Ort (wie dem Bürgermeister und dem Pfarrer) und fragte sie, ob ich sie fotografieren dürfte. Und das war gar nicht so einfach.

 

Film und digital

Früher fotografierte ich auf Film und entwickelte die Fotos in der Dunkelkammer, jedoch bin ich froh darüber, dass uns schlaue Köpfe die digitale Fotografie gaben.

Von den Chemikalien bekam ich Ekzeme, ich fluchte oft über das versaute Papier und hatte weniger Zeit für das Fotografieren an sich. Um meine Ziele zu erreichen, ziehe ich ein Auto dem eleganten Pferd und der Eisenbahn vor. Ich bin mir recht sicher, dass es auch Leute gab, die froh waren, als die Glasplatten-Zeit vorbei war.

Wie auch immer, das Konzept ist immer noch das gleiche: Eine Linse und eine empfindliche Platte. Ich hoffe, dass wir in naher Zukunft Bilder speichern können, die auf unserer Netzhaut reflektiert werden. Das wäre mal revolutionär.

© Peter Kool

 

Internet und Ausstellungen

Eine andere fantastische Revolution ist die Ankunft des Internets. Fotos können mit Menschen in aller Welt geteilt werden, hunderte Leute können Deine Fotos ansehen und Du kannst täglich neue Juwelen entdecken, wenn Du willst.

Das Gegenteil davon ist, eine lokale Ausstellung zu besuchen. Ich bin immer allein in diesen Galerien, außer an Eröffnungsabenden. Das muss irgendwie mit den freien Getränken zusammenhängen.

Jedoch gibt es Wege, die Bilder zurück in die Öffentlichkeit zu bringen. Beispielsweise war in einem Antwerpener Fußgänger-Tunnel eine Ausstellung, während eine Straße umgebaut wurde. Dort wurden Fotos vom Leben vor hundert Jahren in der selben Straße gezeigt.

Städte sollten mehr in diese Dinge investieren, was für die Straßenfotografie generell gut wäre.

Gut wäre es auch, wenn ich nicht immer diese Zitronenblicke beim Fotografieren bekäme. Meine Frau meint, dass das von meinen haarigen Beinen kommt, die unter der Regenjacke zu sehen sind.

Kein Witz: Kürzlich wurde ich in Antwerpen von einem Typen angeschrieben und als Pädophiler beschimpft. Glücklicherweise passieren mir auch noch angenehmere Dinge.

© Peter Kool

 

Unterwegs

Antwerpen ist die nächste Stadt für mich und einmal die Woche gehe ich dort auf Fotojagd. Jedoch verkrampft mein Auslösefinger oft, weil ich hunderte Male ein und dieselbe Straße ablaufe. Als ob es nichts mehr zu fotografieren gäbe.

Deswegen gehe ich öfter mal woanders hin, um neue Inspirationen zu finden. Meistens in Nachbarländer wie Frankreich, Deutschland oder Spanien. Oder ich besuche Touristen-Plätze wie Benidorm in Spanien. Ein verrückter, lebendiger Ort, an dem ich nicht der Einzige mit einer Kamera bin. Was es für mich ein wenig angenehmer macht.

Jedoch bin ich meistens aus einer Unruhe heraus ziellos unterwegs. Ich kann nicht lange an einem Platz bleiben. Und ich hoffe, meine Knochen schaffen es, in den nächsten Jahren mit dem Kopf mitzuhalten.

Say cheese!!!

Dieser Artikel wurde von Martin Gommel aus dem Englischen übersetzt.


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Mit der Straßenfotografie Geschichten erzählen

20 Sep

Ein Beitrag von: Justin Vogel

Vor fünf, sechs Jahren habe ich damit begonnen, auf der Straße zu fotografieren. Ich denke, dass mein Interesse daran von meiner Begeisterung fürs Geschichtenerzählen herrührt. Ich habe es immer sehr genossen, beim Erzählen Fakten bis ins Extreme zu ziehen, Unfälle einzubauen und sie in den größeren Lebensbegriff zu setzen.

Dinge, die ich gesehen hatte, so unterhaltsam wie möglich zu beschreiben, beizeiten ins Erfundene abzudriften. Und irgendwie bietet mir die Fotografie den besten Weg, das zu tun.

Jesus Died © Justin Vogel

Grundsätzlich arbeite ich immer daran, bessere Straßenfotos zu machen. Ich betrachte die Straßenfotografie als eine Übung im Problemlösen.

Ich liebe Puzzle. Und die Straßenfotografie stellt mich immer wieder vor neue zu lösende Probleme – und die Lösung für sie zu finden, ist unglaublich herausfordernd. Jeder Fotoausflug liefert mir daher die Möglichkeit, ein Problem zu adressieren, das mir zuvor entging.

Outlier © Justin Vogel

Mein Interesse an dieser Form von Fotos wurde geweckt, als ich über die Flickr-Gruppe HCSP (Hardcore Street Photography) stolperte und das hat in der Tat mein Leben verändert.

Von Bryan Formhals, Jared Lorio, John Goldsmith und James Dodd zu lernen, die schon eine ganze Weile länger unterwegs waren, war für mich eine massive Schatztruhe voller Wissen und Erfahrung und für meine Straßenfotografie-Bildung unverzichtbar.

In dieser Gruppe zu partizipieren, verlieh mir eine Disziplin, die ich wahrscheinlich ohne die Gruppe nicht erzielt hätte. Eine Sache, die ich lernte, war, die Variablen so stark wie möglich zu reduzieren, um die Resultate beim Fotografieren zu kontrollieren. Ich benutze meistens nur zwei Kameras.

Snake Lady © Justin Vogel

Eine Leica M2 und eine Olympus XA4. Beide mit einer 28mm-Linse und beide nur mit Farbnegativen. Gewöhnlich fotografiere ich mit natürlichem Licht und bevorzuge die langen Schatten am Spätnachmittag.

Nachdem ich mich bei HCSP ein paar Jahre lang eingebracht hatte, wurde ich schließlich zum Administrator der Gruppe ernannt. Seither fühle ich mich dazu verpflichtet, dort mein Wissen und meine Erfahrung mit den jüngeren, weniger erfahrenen Straßenfotografen zu teilen. Auch das ist sehr lohnenswert.

Weiter hatte ich das Glück, anderen Fotografen-Kollektiven beizutreten: Strang.rs und Burn My Eye. Mit solch vielfältigen Gruppen von Fotografen zu arbeiten, hat mir geholfen, bezogen auf das, was ich sehen will und das, was ich kreieren möchte, meinen Blick zu schärfen.

100 yards from september ground zero © Justin Vogel

Ich kann es daher jedem nur empfehlen, gleichgesinnte Fotografen zu suchen, um Ideen zu entwickeln und Achtsamkeit zu sensibilisieren.

Ganz zu Beginn, als ich anfing, mit diesen Fotografen zu arbeiten, war ich wirklich sehr konservativ bezüglich den „Regeln“ der Straßenfotografie. Doch einem so weiten Spektrum von Ansätzen und Techniken ausgesetzt zu sein, hat mein Empfindungsvermögen enorm erweitert.

Ich habe keine rigiden Überzeugungen mehr, insbesondere dazu, was erlaubt ist oder was zu weit geht. Für mich ist die Idee der Straßenfotografie durch die Intentionen des Fotografen definiert. Ich hänge nicht mehr daran, ein Purist zu sein. Weder auf Inhalte bezogen, noch bezüglich des Arbeitsansatzes.

Lingering Doubts © Justin Vogel

Mein Ansatz ist konsistent, egal, was oder wen ich fotografiere. Ich überlasse es anderen, zu kategorisieren. Viel mehr bin ich bemüht, die Geschichten, das Leben, den Humor und die Traurigkeit des Alltags so effektiv wie möglich zu vermitteln.

* Dieser Artikel wurde aus dem Englischen von Martin Gommel übersetzt.


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