
Ein Beitrag von: Kate Smuraga
Hallo, mein lieber unbekannter Freund! Oh, es ist schwer, ehrlich zu sich selbst zu sein. Um meine Geschichte zu erzählen, muss ich ganz vorn beginnen.
kwerfeldein – Fotografie Magazin | Fotocommunity

Ein Beitrag von: Kate Smuraga
Hallo, mein lieber unbekannter Freund! Oh, es ist schwer, ehrlich zu sich selbst zu sein. Um meine Geschichte zu erzählen, muss ich ganz vorn beginnen.
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Schaue ich mir Ignat Orazovs Fotografien an, wird mir kalt. Es ist nicht nur die Tristesse seiner Motive oder die alte und raue Architektur der Stadt, es ist nicht nur die Distanziertheit seiner Schwarzweißfotos – es ist dieser kalte Wind, den man durch die Bilder des russischen Fotografen regelrecht rauschen sieht.
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Ein Beitrag von: Hajdu Tamas
Stadtviertel sind sowohl Plätze des dichten Lebens als auch der Verlassenheit. Im Sommer spielen üppige Kultur und Trostlosigkeit zusammen. Man sieht es auf den Flächen zwischen den Häusern, den Häuserwänden, auf den Bürgersteigen, den Balkonen, in den Rissen und auf den grauen Oberflächen.
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Der deutsche Winter nervt Euch? Nach dem Betrachten dieser Bilder von Amos Chapple wird er Euch sehr angenehm vorkommen, denn Amos besuchte für seine Fotoserie den kältesten bewohnten Landstrich der Welt: Jakutsien. Temperaturen von -50 °C sind in der Hauptstadt Jakutsk für die über 250.000 Einwohner im Winter völlig normal.
Unter diesen extremen Bedingungen ist es nicht einfach, zu leben. Automotoren dürfen nicht kurz ausgeschaltet werden, denn sie springen bei der Kälte nicht einfach wieder an. Im 500-Seelen-Dorf Oimjakon, das Amos bei seiner Reise besuchte, wurde 1926 ein Kälterekord von ?71,2 °C gemessen. Das Graben im dauergefrorenen Boden ist so schwierig, dass es Sanitäranlagen meist nur im Freien gibt.
Auch für Amos gab es durch die Kälte einige Herausforderungen zu meistern:
Grundsätzlich bestand die Herausforderung darin, die Kamera warm zu halten. Von dem Moment an, in dem ich das Hotel verließ, verlor sie nach und nach ihre Temperatur und wenn sie einfror, war das Fotografieren erst einmal nicht mehr möglich.
Ich schloss den Reißverschluss meiner Jacke nur halb und verbarg die Kamera darin. Ich holte sie nur heraus, wenn ich ein gutes Bild sah. Bei jeder Aufnahme musste ich den Atem anhalten, denn der Nebel des Atems wirbelt um einen herum wie Zigarettenrauch und wenn er vor das Objektiv gerät, ist das Bild ruiniert.
Wenn man ein Gebäude betritt, gibt es jedes Mal einen Temperaturunterschied von etwa 70 °C, wodurch die Kamera für Stunden beschlägt. Ich trug immer eine Plastiktüte mit einem sauberen Baumwoll-Shirt mit mir herum und bevor ich ein Gebäude betrat, legte ich die Kamera dort hinein, um die Feuchtigkeit aufzusaugen, drückte so viel Luft wie möglich aus der Tüte und drehte sie so eng wie möglich zu.
Selbst nach diesem Prozess zur Verbesserung der Situation dauerte es jedes Mal noch etwa drei Stunden, bis die Kamera warm genug war, um sie sicher aus der Tüte nehmen zu können, ohne dass sie beschlagen würde.





















Mehr Fotos von Amos Chapple findet Ihr auf seiner Webseite. Ihr könnt ihm auch auf Facebook folgen.
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Ein Beitrag von: Ben Kuhlmann
Gewohnheit kommt von Wohnen, Wohnen vom Gewohnten.
Mit diesem Zitat von Gert Selle aus seinem Buch „Die eigenen Vier Wände“ (Form+Zweck Verlag, 2011) begann mein Interesse am Alltäglichen, dem wir in unserem Leben wenig Bedeutung zuschreiben.
Seit Urzeiten wohnen wir Menschen in den unterschiedlichsten Formen. Das Wohnen beschreibt eine gewöhnliche Handlung, der eigentlich schon immer dasselbe Muster zugrunde liegt.



Die eigenen vier Wände dienen uns seit jeher als Rückzugsort und Festung zugleich. Diesem banal anmutenden Schema habe ich in meiner Bachelorarbeit besondere Aufmerksamkeit geschenkt.
Wir alle sind neugierig, wie ein anderer wohnt und versuchen immer wieder Einblicke in verschiedene Wohnformen zu erhaschen. Dazu muss man nur einen Blick auf das Mittagsprogramm im Fernsehen werfen.



Reality-TV spielt oft in Eigenheimen unterschiedlichster Form, sei es Wohngemeinschaft, sozialer Wohnungsbau oder Luxusvilla.
Allen Fernsehformaten ist gemein, dass sie zum einen unseren Voyeurismus befriedigen und uns zum anderen zeigen, wie ein jeder nach Individualität strebt und sich seine „Höhle“ nach den eigenen Wünschen und mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gestaltet.



Wie aber sieht das in solchen von außen gesichtslos anmutenden Großwohnsiedlungen an der Peripherie unserer Städte genau aus?
Dieser Frage bin ich in meiner Abschlussarbeit nachgegangen und habe exemplarisch vier deutsche Städte im Norden, Osten, Süden und Westen der Republik besucht, um das Leben und Wohnen dort zu dokumentieren.
Meine Aufnahmen aus Bremen, Jena, München und Köln kombinieren die äußerliche Verdichtung mit dem nüchternen Blick in die Innenräume. Die Monotonie der äußeren Fassaden habe ich in der konsequenten Bildsprache der Innenaufnahmen versucht fortzusetzen. Einzig der Mensch mit seinen Interessen und Geschmäckern ist das Element, das sich in diesem Quadrat jeweils ändert.



Bei meinem Vorhaben erwies sich die Türschwelle auch gleichzeitig als Hemmschwelle. es war nicht einfach, als Fremder mal eben in die angesprochene „Festung“ zu gelangen.
Man möchte sich mit seiner Zimmerdekoration präsentieren, jedoch nur gegenüber Freunden und Bekannten und nicht gegenüber fremden Neugierigen oder gar potentiellen Dieben.
Ähnlich wie die Facebook-Pinnwand, die man vielleicht als modernes Wohnzimmer betrachten kann, so hängen in den realen Wohnzimmern Bilder von Familie und Freunden an der Wand, in den Fotoalben im Wandschrank finden sich Bilder der vergangenen Urlaubsreisen.



Das Wohnzimmer gibt Hinweise auf die Interessen und Persönlichkeit seiner Bewohner. Ähnlich wie die Präsentation also, wie wir sie im Internet sehen – nur eben analog.
Der Titel meiner Arbeit spielt zum einen mit dem gängigen Klischee sozialer Randlage, genauso wie mit der Lage dieser Orte an der städtischen Peripherie.



„Stadt am Rand“ zeigt Menschen und Wohnformen fernab gängiger Klischees wie sie beispielsweise der Rapper Sido in seiner Hymne „Mein Block“ über das märkische Viertel beschreibt.
Für mein Projekt konnte ich einige wunderbare, offene und interessante Menschen begeistern, die einen Einblick in ihre eigenen vier Wände gewährt haben.
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Ein Beitrag von: Arif Asci
Seoul ist ein ganz besonderer Ort auf Erden! Heutzutage hat fast jeder Dritte den Song „Gangnam Style“ auf YouTube gesehen. Ein hypnotisches Stück Musik und Tanz, das allmählich jeden, der es ansieht, dazu zwingt, mitzumachen. Psy ist der populärste Musiker Südkoreas.
„Gangnam“ ist so etwas wie die Avenue des Champs-Élysées in Paris, wo sich das Geld, Fashion- und Marken-Läden für einige der schönsten Mädchen von Asien aneinanderreihen. Was Psy in seiner Musik nun macht, ist, sich über diese versnobten, neureichen Leute lustig zu machen.
Während Korea vor 50 Jahren nur ein armes Bauernland war, genießt es nun, eine der weitentwickeltsten Wirtschaften der Welt zu sein. Und Seoul ist das glänzende Aushängeschild Koreas mit fast 15 Millionen Einwohnern. Während Weltkonzerne wie Samsung, LG und Hyundai High-Tech-Produkte verkaufen, werden koreanische Filme und TV-Serien in vielen Ländern konsumiert.


Als Straßenfotograf habe ich Gangnam tatsächlich nur ein einziges Mal besucht. Es hat mir nicht sehr gefallen und ich habe mich stattdessen gefragt, wo das bescheidenere koreanische Straßenleben zu finden ist, wie in Hungic, Insadong, Myongdong und versteckte schmanische und buddhistische Tempel hier und da, natürlich auch Marktplätze und kleine Gässchen.
Seoul liegt an einem Fluss, sogar einem richtig großen, doch leider verhindert die gierige Stadtplanung lockere Strände, an denen man sich wundern und Leute beobachten könnte. Aber das Stadtzentrum ist sehr dynamisch, besonders abends und sogar nachts, dann liegt ein unglaublicher Rhythmus in der Luft.


Man kann Seoul nicht beherrschen oder gefangen nehmen, dafür nimmt sie dich sofort gefangen. Ich sage absichtlich „sie“, da Seoul ziemlich feminin ist. Die Farben der Stoffe, die koreanische Frauen tragen, sind so eizigartig, dass ich schnell anfing, mit diesen farbenfrohen Motiven zu spielen. Und ich denke, dass die Stadt generell eine besondere Farbe trägt: Jadegrün!
Meine erste Reise nach Seoul war vor vielen Jahren, 1998, und es war nur für ein paar Tage, sodass ich mich nur an die graue, feuchte Luft erinnere und an eine von einem Erdbeben zerstörte Straße. Leider! Ich habe kein einziges Foto von dieser Reise. Es war nur ein kleiner Zwischenstopp auf einer ziemlich billigen Rundreise von Hong Kong nach Taipei, Tokio und Seoul.


2007 wurde ich eingeladen, eine Fotoausstellung in Seoul zu eröffnen, die mein Leben für immer verändern sollte. Es war ein Istanbul-Panorama mit Schwarzweißfotos. Während der dreiwöchigen Ausstellung wollte ich die pulsierende Stadt mit meiner sperrigen, mit Schwarzweißfilm geladenen 6×17-Panorama-Kamera festhalten, wie ich es seit vielen Jahren in Istanbul machte. Aber es hat nicht funktioniert!
Koreaner bewegen sich so schnell, die Stadt bebte vor Farbenfreude, ich konnte das so einfach nicht einfangen. In Istanbul konnte ich am Bosporus sitzen, ein Glas Tee trinken, ein paar Fischer, eine Katze und zwei Hunde für fast eine Stunde beobachten, dabei die Kamera bereit in meiner Hand und zum Beispiel, wenn ein Hund und die Katze anfangen zu kämpfen oder wenn eine Frau mit einem Schirm die Szene betritt, den Auslöser drücken.


In Seoul passiert so etwas nicht. Teehäuser und Bier-Bars sind in Obergeschossen gelegen, sodass man nirgendwo draußen sitzen und die Leute beobachten konnte. Und wenn man mit ihnen Schritt halten wollte, müsste man rennen! Man sollte in die bunten Massen also nur mit einer kleineren Kamera eintauchen. Meistens hört man den Ruf: Pali! Pali! Das heißt „Schnell! Schnell!“
Die Digitalkameras waren damals (2007) noch nicht weit genug entwickelt, zumindest für meine Ansprüche. Ich hätte noch nicht einmal gedacht, dass ich mir jemals eine kaufen würde, aber dann weckte eine gebrauchte Kamera meine Aufmerksamkeit: Eine sehr handliche 6×12-Linhof!
Aber ich musste auch meinen verwendeten Film ändern. Nach fast einer ganzen Dekade lud ich meine Kamera mit Farbfilm und streunte durch die liebenswerten Straßen von Seoul. Ich erinnere mich daran, dass ich 20 bis 30 Filme pro Tag füllte, ausgezeichnete Labore meine Filme entwickelten und ich sogar schon am nächsten Tag die Kontaktabzüge sehen konnte. Koreaner sind die am härtesten arbeitenden Menschen auf diesem Planeten!


Innerhalb von nur drei Wochen fühlte ich, dass ich meine fotografische Vision vielleicht auf eine neue Ebene würde heben können. Und es passierte tatsächlich. Als ich nach Istanbul zurückkam, hatte ich schon einen Vertrag mit einem koreanischen Verlag in der Tasche, um bald zurückzukommen, dort noch ein paar Monate zu arbeiten und ein Farb-Portfolio über Seoul zu veröffentlichen.
Als ich dann wieder nach Seoul kam, fühlte ich mich wie zuhause. Die U-Bahn ist die vielleicht leichtverständlichste, obwohl sie eine der größten der Welt ist und die Stadt hatte so viele Vorteile gegenüber Peking, Shanghai, Hong Kong und Tokio. Große Abwechslung beim Essen der Straßenverkäufer, extrem günstig und köstlich!
Die meisten Sehenswürdigkeiten der Stadt lassen sich zu Fuß leicht erreichen, was für einen Straßenfotografen sehr wichtig ist. Und das Wichtigste: Koreaner sind so freundlich, so hilfsbereit Fremden gegenüber, besonders jemandem, der sie mit einer Kamera anschaut.
Dieser Artikel wurde von Aileen Wessely für Euch aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.
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Vor zwei Wochen sprach ich mit Robert Herrmann zufällig über seine Serie, die er „60″ slices of present“ nennt. Ich erinnerte mich an seine Bildvorstellung „Urbi et Orbi“ vom letzten Jahr und hätte nicht gedacht, dass Robert die Serie immer noch verfolgt. Ich war – ganz ehrlich – etwas baff.
So schlug ich vor, die Serie vorzustellen. Nein, nicht nur wegen der Länge des Projektes. Die Bilder lösten etwas in mir aus. Was, war mir noch unklar. So wollte ich mehr darüber wissen. War angefixt von seinen monochromen Langzeitbelichtungen.
Wer nun das Wort Langzeitbelichtungen hört (und „Urbi et Orbi“ verpasst hat), denkt vielleicht an Landschaftsaufnahmen, an milchige Wasserfälle oder Meeresbuchten. Nimmt man noch das Wort „Stadt“ dazu, stellt man sicht vielleicht langgezogene Lichtstreifen von Autos vor, die sich durch buntbeschilderte Großstädte ziehen. Robert Herrmanns „60″ slices of present“ sind alles, nur nicht das.
Millennium Bridge, London, April 2013
Parliament Square, London, April 2013
Via della Conciliazione, Rom, März 2013
Pantheon, Rom, März 2013
Weltzeituhr, Alexanderplatz, Berlin, März 2010
Görlitzer Park, Berlin, Mai 2014
Karaköy Fährhafen, Istanbul, März 2014
Kapali Carsi, Istanbul, März 2014
Pantheon, Rom, März 2013
Mahmutpasa Yokusu Sokak, Istanbul, März 2014
Hagia Sophia, Istanbul, März 2014
Barbaros Bulvari, Istanbul, März 2014
Sabuncu Hani Sokak, Istanbul, März 2014
Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin, September 2013
Potsdamer Platz, Berlin, September 2013
Potsdamer Platz, Berlin, September 2013
Untermainkai, Frankfurt, Juli 2013
Wie breit sind die Straßen einer Stadt? Wie hoch sind ihre Gebäude im Durchschnitt? Hat die Stadt öffentliche Orte, an denen Menschen sich versammeln und gesellschaftlich interagieren können? Wie sehen diese Orte aus? Lässt sich die Stadt gut zu Fuß erschließen? Wie schaffen wir Menschen städtischen Raum und wie wirkt er sich wiederum auf unsere Lebensbedingungen und unser Verhalten aus?
Das sind Fragen, die sich Robert im Laufe der Jahre und der Arbeit am Projekt immer wieder stellte. Sie sind Indiz dafür, dass Robert etwas besitzt, das für die Umsetzung von Serien dieser Länge von grundlegender Bedeutung ist: Neugier.
Ich finde es spannend zu sehen, welche Antworten Robert in Bildform gefunden hat. Sie sind komplex und widersprüchlich, keinesfalls einfach. Jedes Bild wirkt wie ein Film und ist es doch nicht. Menschen sind zu sehen und sind es doch nicht. Die Zeit bleibt stehen und tut es doch nicht.
Millennium Bridge, London, April 2013
Karaköy, Istanbul, März 2014
Petersplatz, Vatikan, März 2013
Des Weiteren erzählt Robert:
Mit der Zeit habe ich eine starke Hingabe für diese Arbeit entwickelt. Es bleibt ein stetig faszinierender Prozess, in dem ich meine eigene Raumwahrnehmung weiter schule und lerne zu verstehen, wie sich Menschen durch die Stadt bewegen. Mein Ziel ist es, noch weit mehr Städte zu besuchen und sie in dieser Form zu fotografieren, damit ich einen Fundus schaffe, der dann einmal spannende Vergleiche ermöglicht.
Wer sehen möchte, wie Roberts Fundus weiter wächst kann dies auf seiner Webseite mitverfolgen. Achja: Heute ist mir klar geworden, was Roberts Bilder in mir auslösten: Es ist Neugier.
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Ich gehe generell gern nah ran in meiner Fotografie. Ich will das Motiv beinahe riechen können, das Gefühl bekommen, mit ihm zu interagieren. In der Straßenfotografie trifft dies auf besondere Weise zu und es wirkt sich in kaum einem Bereich so stark auf meine Arbeitsweise aus.
Mit einem Teleobjektiv ist das Erlebnis Straßenfotografie nicht dasselbe, es macht unflexibel und verführt Dich dazu, an einer bestimmten Stelle herumzulungern, abzuwarten und dann nur auf den Knopf zu drücken. Du wirst dann mehr Voyeur als Fotograf. Für mich müssen es immer 50 oder 85 mm sein.
Meine ersten Versuche in dem Genre waren naturgemäß grottenschlecht: Personengruppen in der Fußgängerzone aus der Hüfte geknipst, kein tieferer Sinn erkennbar, bei jedem einzelnen Auslösegeräusch schoss mir die Angst vor der Enttarnung durch den Kopf. Die Sorge, dass jemand bemerkt, dass ich heimlich Leute fotografiere und mich in aller Öffentlichkeit lautstark zur Rede stellt. „Unerhört, junger Mann!“
Aber gleichzeitig entdeckte ich schon ganz am Anfang auch den unheimlichen Reiz darin, einfach vor die Tür zu gehen und nie zu wissen, wer mir an diesem Tag vor die Linse laufen würde.

Meine Straßenfotos sind in erster Linie Portraits. Sicher bilde ich auch Leute in Situationen ab – hastige Radfahrer, Straßenmusiker bei der Arbeit, Kellner beim Rauchen in der Mittagspause, Touristen am Currywurststand und städtische Arbeiter in ihrem Job – und ich verstehe auch sehr gut die Faszination, die darin liegt, die Geschäftigkeit in der urbanen Umgebung festzuhalten, aber mir geht es wohl eher um die Menschen an sich.
Es war eine sehr frühe konzeptionelle Entscheidung, die Personen als körperliche Erscheinungen in den Fokus zu rücken. Wer sieht irgendwie interessant aus? Wessen Gesicht erzählt eine Geschichte?
Ich habe irgendwann bemerkt, dass ich (ganz unbewusst) viel öfter ältere Menschen als junge fotografiere. Es liegt wohl daran, dass sie viel unterschiedlicher wirken. Sie haben sich selbst schon gefunden und müssen ihre Invidualität nicht dadurch demonstrieren, dass sie alle dieselbe Kleidung und die gleichen Frisuren wie ihre Altersgenossen tragen.

Izwischen habe ich gelernt, dass man erstens kein gutes Straßenfoto macht, wenn man Angst vor seinem Motiv hat und dass man zweitens ein sehr guter Beobachter mit schnellen Reflexen werden muss. Die Straßenfotografie hilft mir wie kein anderes Genre dabei, meine generellen Fähigkeiten als Fotograf zu schulen.
Ich muss mir in wenigen Sekunden bewusst Leute aus der Menge auswählen, die ich gerade sehe, mich richtig positionieren, beobachten, wo die Zielperson hinläuft, die mich interessiert, eine funktionierende Perspektive wählen, das Bild so schnell wie möglich mit den zur Verfügung stehenden Mitteln komponieren, im richtigen Moment die Kamera unauffällig in die richtige Richtung halten und in einem Zeitraum von weniger als einem Wimpernschlag fokussieren und abdrücken.
Es sind Jagdszenen.
Ich habe fast immer nur exakt einen Versuch, das einzufangen, was ich einfangen will und genau darin liegt für mich der große Reiz der Straßenfotografie. Hohe Konzentration und Präzision sind dafür erforderlich:
Du bewegst Dich, Dein Motiv bewegt sich, der Hintergrund verändert sich und Du willst auch noch möglichst subtil dabei vorgehen. In keinem Bereich produziere ich prozentual so viel Ausschuss, aber kein Bereich trainiert mich als Fotograf so gut.

Die Angst vor der Enttarnung und der dann vermeintlich folgenden Wut der Abgebildeten hat sich derweilen als völlig unbegründet erwiesen. Inzwischen ist sie sogar eher von der Angst verdrängt worden, das Motiv nicht zu erwischen oder das Bild zu versauen, weil die Person plötzlich merkt, dass Du sie fotografierst, denn dann ist der Zauber des Genres kaputt.
In aller Regel nehmen die Menschen zwar wahr, dass da jemand mit einer Kamera am Werk ist, aber sie kommen nur ganz selten auf die Idee, dass Du wirklich sie fotografierst. Dabei ist es fast egal, wie nah Du rangehst, sie glauben immer, Du fotografierst etwas, das hinter ihnen ist.

Als ich vor etwa vier Monaten das erste Mal von einem meiner Motive angesprochen wurde, dachte ich: „Jetzt ist es endlich mal so weit und es gibt Ärger.“ Es war ein großer, stiernackiger Typ und er sagte zu mir: „Sorry, dass ich Dir gerade ins Bild gelaufen bin. Mit was für einer Kamera fotografierst Du denn da?“
Ich lächelte ihn an und beantwortete seine Frage. Wir kamen ins Gespräch und ich erzählte am Ende sogar, dass ich in Wahrheit versucht hatte, ihn abzulichten. Leider ging das Bild schief und ein nachgestelltes Straßenportrait ist für mich kein Straßenpotrait mehr, obwohl er tatsächlich anbot, dass ich ihn auch so fotografieren dürfe.
Er fand das ganze Konzept gut und nahm eine meiner Visitenkarten mit.
kwerfeldein – Fotografie Magazin
Ein Beitrag von: Thomas Graichen
Dieses Interview ruht seit Ende November in meiner Manteltasche. Nun finde ich die Zeit, das Gespräch aufzuschreiben und fühle mich just in dem Moment wieder an diesen Ort, mit all seinen Geräuschen und Gerüchen, zurückversetzt.
Wir befinden uns in Berlin, es ist noch Herbst. Die Gehwege sind leergefegt und ich eile zum Treffpunkt, einem Cafe in Friedrichshain. Extra für diesen Termin habe ich mir ein Diktiergerät gekauft. Ich treffe Thomas Graichen, Fotograf, und Ann-Christin Kumm, Geschichtenerzählerin.
Im Café ist noch keiner der beiden. Ich wähle den Platz nahe der Tür. Ich habe vor mir ein kleines helles Buch mit dem Titel „Die stille Stadt“ liegen, das ich nun schon in- und auswendig kenne.
Immer wieder spähe ich zur Tür.
Und da kommen sie, vielleicht zwei bis vier Teeschlucke voneinander entfernt, durch die Tür gestolpert. Erst Ann-Christin, mit Regentropfen im Haar und dann Thomas. Nach einer herzlichen Begrüßung, Lachen und Aufwärmen an der Heizung stelle ich die erste Frage.

aus: Die stille Stadt
Ihr habt zusammen das Buch „Die stille Stadt“ herausgebracht, mit Bildern von Dir, Thomas, und drei Kurzgeschichten von Dir, Ann-Christin. Wie kam es zur Zusammenarbeit?
Ann-Christin: Es begann mit einem Gespräch über die Selbstzweifel der kunstschaffenden Menschen. Wir redeten darüber, dass man so seine Zweifel hat und ob das, was man macht, eigentlich Sinn ergibt. Und ob man das der Öffentlichkeit preisgeben möchte. Thomas fragte: „Darf ich das mal sehen oder hören, was Du schreibst?“
Thomas: Du bist dann vorbeigekommen, hast einen Stapel Zettel dabei gehabt und ich war der Zuhörer.
Ann-Christin: Und Thomas’ Idee war, meine Geschichten mit seinen Fotografien zu kombinieren.

aus: Die stille Stadt
Und Thomas, Du wusstest schon, welche Fotos Du dafür auswählen würdest?
Thomas: Ja, ich hatte sie im Hinterkopf. Sie sind im langen, kalten und schneereichen Winter 2010/2011 entstanden. In den Kurzgeschichten war etwas, von dem ich dachte, es könnte passen. Es war sehr stimmungsvoll und ich hatte die Idee, weil die Geschichten und Bilder sich nicht explizit gegenseitig illustrieren, dass die Bilder damit eine Art Kulisse bilden und einen Raum schaffen, in dem die Geschichten leben könnten.
Ann-Christin: Ich wollte allerdings keine schon bereits existierenden Texte verwenden, sondern es sollten eigene Geschichten sein, die in der stillen Stadt verortet sind, aber wiederum völlig eigenständig existieren.
Die erste Geschichte, die fertig war, war das Vogelmädchen. Ab dann wusste ich, in welche Richtung es gehen wird.

aus: Die stille Stadt
Wie habt Ihr die Bilder und Geschichten dann zusammen gebracht, so dass sie miteinander funktionieren?
Thomas: Die Bilder existierten schon und da es ein herausragender Winter war, konnte ich danach nicht einfach weitermachen. Es gab diese Stimmung nicht mehr. Ich hatte die Bilder Ann-Christin in der Anfangsphase gezeigt und fand es gut, es sich so von da an selbst entwickeln zu lassen. Ich fand es schön, dass die Texte eigenständig waren und eine sanfte Verbindung zu den Bildern existierte. Das war auch meine Idee: Es eher lose zu koppeln.
Ann-Christin: Ich habe die Bildauswahl abgegeben. Habe gesagt: „Du bist der Fotograf, Du entscheidest das.“ Wir haben dann nur hin- und hergemailt und ich habe meine Meinung kund getan, wo die ausgewählten Bilder dann letztendlich stehen sollen. Uns war klar, dass es eben keine Illustration sein soll.
Thomas: Peter Gebert, der für das Layout des Buches verantwortlich ist, hat dabei dann auch noch einige Ideen im Bezug auf das Zusammenspiel von Bildern und Texten mit eingebracht, die wir gemeinsam diskutiert und zum Teil auch übernommen haben.

aus der Serie: entrance to paradise
Fotos können Geschichten erzählen, Geschichten erzeugen Bilder …
Ann-Christin: Mir fiel auch auf, dass Fotografie und Kurzgeschichten viel gemeinsam haben, weil sie beide einen Moment festhalten, nicht wie bei einem Roman, in dem eine lange Handlung entwickelt wird.
Ein Bild oder eine Kurzgeschichte, das ist ein völlig subjektiver Blickwinkel: Kommt jetzt die Laterne mit ins Bild, kommt der Satz rein oder nicht, was gebe ich von meinen Figuren preis und was nicht? Und jeder kann etwas ganz anderes wahrnehmen. Deswegen passt das auch so gut zusammen.
„Ich gehe zu Fuß, mit knirschenden Schritten, ich mag die Jahreszeit. Ich mag es, wenn alles zugedeckt ist. Das hat sie nie verstehen wollen. Ich will deine Verstecktheiten nicht, sagte sie. Schrie sie. Warum sagst du nicht einfach, was in dir vorgeht. Einfach, dachte ich. Wenn überhaupt ein Wort nicht auf uns zutrifft, dann: Einfach.
aus: Die stille Stadt, Ann-Christin-Kumm
Die stille Seite der Stadt …
Ann-Christin: Die Bilder von Thomas haben etwas tief Einsames, Verlassenes. Die Bilder sind menschenlos.

aus der Serie: entrance to paradise
Thomas: Ja, und das passt ja auch wieder zu den Geschichten. Die Menschen darin sind ja auch verlassen.
Ann-Christin: Deswegen finde ich es wichtig, von verlassen zu reden und nicht von leer – da ist klar, da geht es um Menschen, aber die sind gerade nicht da, sie sind nicht fassbar.
Deswegen passen sie auch so zum Übergang von Winter zu Frühling. Man sieht eine verlassene Bushaltestelle und weiß, da kommt gleich ein Bus und Menschen steigen aus; oder man schaut auf einen zugefrorenen See und weiß, wenn der Frühling kommt, dann ist die Eisschicht weg.
Thomas: Ich versuche ein anderes Bild der Stadt zu finden, die Rückseite, nicht die spektakuläre, sondern eine sehr stille Seite. Ich gehe sehr viel durch die Stadt und nehme dabei viel wahr. Ich sehe einfach nur und versuche, diese Orte oder Dinge festzuhalten, an denen die Leute in der Hektik des Alltags vorübergehen.
Hast Du Deine Kamera immer dabei, Thomas?
Ich hab zwar fast immer eine dabei, aber ich benutze sie oft nicht. Ich bin nicht der typische Straßenfotograf. Ich fotografiere auch sehr wenig, weil ich die meisten Bilder schon gar nicht mehr mache. Wenn ich etwas sehe, sortiere ich schon stark aus, bevor ich den Auslöser drücke oder eben nicht drücke.
Ansonsten nehme ich unterwegs das Mobiltelefon als ein Art Notizbuch für Orte, um später noch einmal wiederzukommen. Das Telefon als Kamera selbst ist für mich übrigens kein adäquates Medium. Ich gehe dann ein andermal gezielt los, muss Zeit haben, in der Stimmung sein, eine Idee haben. Ich brauche meistens sehr lange, bis ich ein erstes Foto mache und wenn ich es gemacht habe, dann komme ich oft in einen Fluss, ergründe den Ort Stück für Stück.

aus der Serie: entrance to paradise
Machst Du das auch so mit Geschichten, Ann-Christin?
Ich überlege gerade, ob es da eine Verbindung gibt. Ich habe auch ein Notizbuch, in dem ich mir Sätze aufschreibe, die ich vielleicht mal verwenden will. Geschichten bilden immer auch ein Stück der Wirklichkeit ab, das ist wie bei einem Bild.
Oft denke ich aber, was ich mache ist nicht gut, da schlage ich wieder den Bogen zum Anfang unseres Gesprächs. Was ich mache, ist schon so oft gemacht worden, dass es nicht den Aufwand wert ist, das überhaupt zu machen.
Was überwiegt dann, dass Du es doch machst?
Das Bedürfnis, etwas zu verarbeiten oder auszudrücken. So wie Du ein Grundthema hast, Thomas, habe ich ja auch ein Grundthema. Es geht immer um Beziehungen und Kommunikation.
Meine Figuren reden so, wie ich finde, dass sie nicht miteinander reden sollten. Die Geschichten und auch die Figuren sind so lakonisch. Oft isoliert. Sie interagieren mit anderen, sind aber eigentlich isoliert.
Das klingt jetzt so traurig.
lacht
Ich schreibe gern über die Gedankenwelt der Figuren.
Ich habe gar nicht so viel mit Orten zu tun in meinen Geschichten und denke, dass es deswegen so gut mit den Bildern von Thomas zusammenpasst.

aus der Serie: entrance to paradise
Thomas: Mit den Bildern werden die Orte in Deinen Geschichten dann auch konkreter.
Ann-Christin: Die Orte werden zwar kurz umrissen. Aber beim Schreiben denke ich dann, das passiert in einem Jugendstilgebäude und die Leser und Leserinnen bringen es mit einem Hochhaus in Verbindung.
Ich bleibe daher gerne unkonkret. Ich beschreibe auch meine Figuren nicht so ausführlich.
Thomas: Das verbindet uns dann auch wieder. Ich will nicht alles vorgeben. Ich will eigentlich eher den Leuten einen Impuls geben. Dann sollen die sich da selbst reinfinden. Es soll klar eine Richtung vorgegeben sein, aber eben nicht die Antwort.
Ann-Christin: Die Rezipienten sollen gefälligst ihren eigenen Kopf verwenden und nicht nur konsumieren.
Das ist ein schöner Satz, den lassen wir jetzt erst einmal wirken.

aus der Serie: absence | presence
Gibt man mit Worten mehr preis als mit einem Bild?
Thomas: Man kann auch in Bildern sehr viel preisgeben.
Ann-Christin: Man gibt ja in beiden Fällen einen subjektiven Blick preis. Ich habe auch nicht Angst davor, dass jemand weiß, wer ich bin. Ich habe da eher in die Richtung Angst, dass es schlecht bewertet wird. Eher in die Richtung: Es ist nichts Besonderes. Wie bei Dir, Thomas, wenn Du sagst, Du machst ein Bild nicht, weil es das ja eh schon gibt. Aber irgendwie ist die Motivation doch da, trotzdem was zu machen. Wie ein Musiker, der trotzdem wieder was schreibt obwohl alle Akkorde, die es gibt, schon verarbeitet wurden.
Thomas: Ich glaube ja auch, dass die Erstellung des Buches ein neuer Prozess war – quasi einen Dialog zu haben.
Ann-Christin: Ja, und die Balance zu finden, zwischen „es ist ein Gemeinschaftsprojekt“ und „es ist meine Geschichte”. Ich habe die Zusammenarbeit als sehr konstruktiv gesehen und bin Thomas auch dankbar für die Idee, zusammen ein Buch zu machen.
Thomas: Wir wollten es im letzten Winter fertig bekommen und es hat nicht geklappt. Aber als es trotzdem ein Jahr später mit genau der gleichen Energie weiterging, zeigte sich, dass es nicht nur eine fixe Idee war, sondern dass alle drei Beteiligten voll und ganz dabei waren. Und nun ist das Buch da.
Ann-Christin: Das war auch ein großartiger Moment, das Buch in den Händen zu halten. Eben war es noch eine Spinnerei von „wir könnten mal und sollten mal“, und dann ist es plötzlich da. Also, ein gefühltes Plötzlich.

aus der Serie: absence | presence
Fotografie soll anfassbar sein?
Thomas: Für mich hat Fotografie immer etwas Haptisches. Bilder an der Wand, in Büchern.
Ann-Christin: Eine Veröffentlichung exisitiert nur, wenn ein anderer noch mit darüber entschieden hat. Ich könnte meine Texte jetzt auch in einem Webblog veröffentlichen, aber das wäre für mich dann nicht wirklich veröffentlicht. Ich brauche noch ein Gegenüber, der das freigibt. Deswegen war die Erstellung des Buchs auch so wichtig für mich.
Thomas: Das ist ja auch bei einer Ausstellung so. Es sind einfach mehrere Leute daran beteiligt und der Prozess, wie etwas entsteht, ist gut. Man erarbeitet sich dabei auch etwas. Beim Fotografieren ist es genauso: Wenn ich im Fluss bin, dann bin ich ganz dabei und vergesse alles um mich herum. Das hast Du beim Schreiben bestimmt auch?
Ann-Christin: Ja, geht mir genauso. Ich muss aber immer diesen Moment überwinden, der davor kommt, bevor ich da sitze und schreibe. Ich denke oft: Dann mach ich das halt morgen. Und dann mache ich es doch nicht.
Thomas: Ich glaube, alles hat einfach auch seine Zeit.

aus der Serie: absence | presence
Ann-Christin, fotografierst Du auch?
Ich finde das spannend, aber es ist nicht mein Medium. Ich habe nicht den Zugang, den ich gern hätte und benutze das lieber, um bestimmte Momente für mich festzuhalten.
Thomas: Ich glaube, man hat nur eine bestimmte Energie, um bestimmte Sachen richtig gut zu machen. Daher konzentriere ich mich inzwischen lieber auf wenige Sachen; versuche, sie wirklich gut zu machen und mit Tiefe auszufüllen. Andere Dinge, die ich auch gern machen würde, lasse ich dann eher und erfreue mich daran, dass sie andere richtig gut können. Dies so zu sehen, entspannt unglaublich.
Vielen Dank für das mutmachende Gespräch, vielleicht selbst einmal solch ein Gemeinschaftsprojekt zu wagen und danke für Eure Zeit und Eure Gedanken.
Das Taschenbuch „Die Stille Stadt“ mit drei Kurzgeschichten von Ann-Christin Kumm und 13 Fotografien von Thomas Graichen ist für 9,50€ hier oder direkt in der aff Galerie in Berlin zu erwerben.
Und wer noch mehr über den Fotografen Thomas Graichen erfahren möchte, der schaut sich am besten seine Webseite in aller Ruhe an.
alle Fotos © Thomas Graichen
kwerfeldein – Fotografie Magazin
Ein Beitrag von: Diego León-Müller
Literaturfotografie muss nicht zwingend die Handlung eines Werkes widerspiegeln; die Atmosphäre eines Buches einzufangen war mir in der folgenden Serie wichtiger.
In seinem Roman „Die Stadt der Blinden“ beschreibt der Literatur-Nobelpreisträger José Saramago eine durch eine Epidemie wie in ein weißes Meer gehüllte, erblindete Stadt.
Die Erblindeten werden in die Quarantäne einer verlassenen Irrenanstalt geschickt und als das Chaos ausbricht, stellt sich eine Frau, die sehen kann, der Anarchie entgegen. Als das System in der Abschottung auseinanderbricht und kein Soldat mehr da ist, der die wehrlosen Blinden zurückhalten kann, brechen die Blinden aus in eine blinde Welt, metaphorisch für eine Welt, die unfähig ist, Gut und Böse zu unterscheiden.
Die Bildserie zur „Stadt der Blinden“ wird, mit den vorliegenden, teilweise gekürzten Zitaten aus selbigem Buch, im Sommer auf einer Gruppenausstellung der Hochschule Hannover gezeigt.

Sollte es je dazu kommen, dass ein Soldat die verschossenen Kugeln zu rechtfertigen hat, dann wird er sicher bei der Fahne schwören, er habe aus Notwehr gehandelt, und hinzufügen, auch zur Verteidigung seiner unbewaffneten Kameraden, die in einer humanitären Mission unterwegs gewesen seien und sich plötzlich von einer Gruppe von Blinden bedroht sahen, die ihnen zahlenmäßig überlegen war. Am besten wäre es, die verhungern zu lassen, mit dem Tier stirbt auch das Gift.
Es gibt viele Arten, zum Tier zu werden, das ist nur der Anfang.

Sie klopfte diskret an die Tür, zehn Minuten später war sie nackt, nach fünfzehn stöhnte sie, nach achtzehn flüsterte sie Liebesworte, die sie nicht mehr vorzutäuschen brauchte, nach zwanzig geriet sie ausser sich, nach einundzwanzig fühlte sie, wie ihr Körper vor Lust zerbarst, nach zweiundzwanzig schrie sie,
Jetzt, jetzt,
und als sie wieder zu Bewusstsein gelangte, sagte sie, erschöpft und glücklich,
Ich sehe noch immer alles weiß.

Wie geht es Ihnen, Herr Doktor,
wir sagen dann
Gut,
dabei liegen wir im Sterben, das nennt man im Volksmund,
aus dem Herzen eine Mördergrube machen.
Wenn wir nicht in der Lage sind, ganz wie Menschen zu leben, dann sollten wir wenigstens versuchen, nicht ganz wie Tiere zu leben.

Blind sein bedeutet nicht tot sein, aber tot sein bedeutet blind sein.
Wir würden uns schon beim ersten Gedanken kaum vom Fleck rühren, könnten wir immer alle Folgen unseres Handelns voraussehen, würden wir ernsthaft darüber nachdenken. Gute und Schlechte Ergebnisse unserer Worte und Werke verteilen sich über alle Tage der Zukunft, eingeschlossen auch jene endlosen, an denen wir schon nicht mehr hier sein werden.

Dann drehte er sich zum Spiegel um, diesmal fragte er nicht,
Wie kann das sein,
er sagte nicht,
Es gibt tausend Gründe dafür, dass das menschliche Gehirn sich verschliesst,
er streckte nur die Hände aus, bis er das Glas berührte, er wusste, dass sein Abbild dort war und ihn anschaute, das Abbild sah ihn, doch er sah sein Abbild nicht.

Die Augenlider aufgerissen, das Gesicht in Falten, die Augenbrauen jäh zusammengezogen, alles, jeder kann es sehen, durch Angst verzerrt. Mit einer plötzlichen Bewegung wird all das, was zu sehen war, hinter den beiden geballten Fäusten des Mannes verborgen, als wollte er noch im Innersten seines Hirns das letzte Bild festhalten, ein rotes, rundes Licht an einer Ampel.
Ich bin blind, ich bin blind.
Nichts, als wäre ich mitten in einem Nebel, als wäre ich in ein milchiges Meer gefallen.

Da kommt der Nachbar am Arm geführt, aber keine kam darauf zu fragen,
ist Ihnen etwas ins Auge gekommen, das fiel ihnen nicht ein, und so konnte er auch nicht antworten,
Ja, ein milchiges Meer.
In dieser Nacht träumte der Blinde, er sei blind.
Ich hörte, dass es Menschen gibt, die erblindeten, da dachte ich darüber nach, wie es wohl wäre, wenn auch ich erblindete, ich schloss die Augen und probierte es aus, und als ich sie öffnete, war ich blind.

Er versuchte sich vorzustellen, wie der Ort, an dem er sich befand, aussah, für ihn war alles weiß, leuchtend, strahlend, die Wände waren es und der Boden, den er nicht sehen konnte, und er ertappte sich bei dem absurden Gedanken, dass das Licht und das Weiß dort stanken.
Wir werden hier noch vor Entsetzen verrückt.
Er wusste, dass er schmutzig war, schmutzig wie wohl noch nie in seinem Leben.
Die Welt ist ganz hier drin.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Nachfahren von José Saramago.
kwerfeldein – Fotografie Magazin
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