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Posts Tagged ‘sein’

Einfach nackt sein

07 Jun

Akt Portrait einer Frau

Ein Beitrag von: Miss Souls

Aktfotografie – Ein Bereich der Fotografie, der schon immer sehr kritisch betrachtet wurde und immer noch mit vielen Vorurteilen behaftet ist. Was bedeutet es, Aktfotograf zu sein? Nackte Menschen abzulichten? Reiz zu erzeugen, um damit Klicks zu generieren? Ich bin mir da nicht sicher. Ebenso wenig, ob ich, trotz meiner Erfahrung im Bereich der Aktfotografie, inzwischen behaupten kann, ich wüsste, worum es wirklich geht. Viel zu sehr schwanke ich selbst zwischen Vorstellung und Wirklichkeit.
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Was es bedeutet, Mensch zu sein

10 May

Ein Beitrag von: Melanie Einzig

Beobachten. Das war schon immer meine Spezialität. Als ich aufwuchs, fühlte ich mich stets ein bisschen distanziert (und außerhalb) von Dingen. Vielleicht war es ein psychologisches Ploblem, vielleicht hatte ich von Geburt an eine Menge Spiegelneuronen und war somit vorherbestimmt, zu beobachten.

Über die Jahre haben die Leute immer wieder kommentiert, dass ich eine ganze Menge „bemerke“. Leute aufmerksam zu betrachten war tatsächlich meine Lieblingsbeschäftigung. Was ich mit meinen Augen aufnahm, war sehr laut. Ich nahm noch nie wirklich viel mit den Ohren auf und war stets schlecht im Zuhören.

© Melanie Einzig

Und so war die Fotografie ein sicherer Weg, näher heranzukommen, ja, mich dem Leben nah zu fühlen. Später wurde das sogar eine Form der Kommunikation für mich. Mittels der Fotografie konnte ich skurril-komplexe Gedanken und Gefühle ausdrücken.

Über die Tradition der Straßenfotografie war ich informiert. Schließlich hatte ich das Buch „Bystander“*, doch ich schien nicht zu realisieren, dass ich in der selben Tradition arbeitete. Das klingt nun etwas komisch, aber so war es wirklich.

Ein Postbote läuft am 11. September die Straße entlang, im Hintergrund brennen die zwei Türme.

Das änderte sich, als ich 2002 Ariel Meyerowitz über meine Freundin und Bildhauerin Zoe Siegel kennenlernte. Ariel zeigte meine Arbeit in einer Ausstellung mit drei weiteren Fotografen, die ebenfalls ungestellte Momente präsentierten.

Das geschah zu einer Zeit, in der inszenierte Narrative in der New Yorker Galerie-Szene besonders populär waren. Kurz darauf lernte ich Ariels Vater, Joel Meyerowitz, kennen. Er und Colin Westerbeck setzten meine Arbeit in die zweite Ausgabe der Bystander Edition. Es war ein Wunder!

Etwas später wurde ich dann eingeladen, Teil von iN-PUBLiC zu werden. Infolgedessen wurde meine Arbeit einem größerem Publikum vorgestellt.

Eine Kassiererin sitzt an der Kasse.

iN-PUBLiC boten mir auch eine Community, da die Form unseres Arbeitens eine einsame ist. Ich bekam zwei neue Freundinnen: Regina Monfort und Genevieve Hafner, mit denen ich ein lustiges Blog betreibe.

Was die Resonanz auf meine Arbeiten betrifft, habe ich Höhen und Tiefen erlebt. Jedoch habe ich nicht mit dem Fotografieren aufgehört, sondern bin unter anderem wie Robert Frank durch die USA gereist. Eines Tages habe ich ihn unterwegs sogar getroffen und ihm erzählt, dass ich wie er einen Road Trip mache. Er küsste meine Hand und wünschte mir Glück.

Einer riesigen Statue steht ein kleiner Mensch gegenüber.

Seither habe ich hart daran gearbeitet, meine Arbeiten von den Trips zu publizieren, hatte jedoch bisher kein Glück. Ich sammle eine ganze Menge Fotos, mit denen ich nichts tue. Digitale Fotografie ist wunderbar und – wie ich glaube – besser für unseren Planeten.

Es wäre grotesk, würde ich noch immer analog fotografieren, weiter massenhaft Chemikalien in die Erde schütten und Plastik anhäufen. Ich bin mir nicht sicher, ob eine Festplatte für die Erde besser ist – aber wenigstens braucht sie weniger Platz in meiner Wohnung. Außerdem hat mir das Digitale viel Geld gespart, obwohl ich gerade so meine Kosten decke.

Ein Mann erklärt einem anderen die Haltung eines Golfschlägers.

Meine Kamera ist immer bei mir, aber ich bin kein Technik- oder Leica-Nerd. Viele meiner Bilder habe ich mit einer Kompaktkamera aufgenommen.

In der Öffentlichkeit zu fotografieren hält mich präsent und aufmerksam. Ich finde menschliche Wesen unendlich geheimnisvoll, manchmal verblüffend und oft witzig.

Ein Mann telefoniert mit der einen und trinkt mit der anderen Hand einen Kaffee, Hände dabei überkreuzt.

Für mich ist Straßenfotografie die Kunst, ziellos herumzuwandern, der eigenen Intuition zu folgen. Intuitiv hier oder dort entlang zu laufen, hier oder da stehen zu bleiben, zusammenzupacken oder weiterzumachen.

Sie steht in enger Relation zu meiner Yoga- und Meditation-Praxis und der Möglichkeit, in das offene Feld der Achtsamkeit einzutreten.

Das Suchen nach Bildern ist oft Teil des Plans, aber meine besten Fotos scheinen mich zu finden. Meistens erscheinen sie auf dem Weg zur Arbeit oder der Post. Wenn ich am liebsten gar michts mehr machen möchte, öffnet sich etwas oder erscheint aus dem Nichts.

Eine Verkäuferin läuft den Strand entlang, ihr Gesicht ist vor lauter Körben nicht zu erkennen.

In Städten herumzuflanieren befreit mich von linearem Denken, eingeschlossenen Gefühlen und den neurotischen Beschäftigungen des modernen Lebens. Meine Hoffnung ist, dass ich ein interessantes Dokument, eine poetische oder historische Aufahme dessen mache, was es bedeutet, Mensch zu sein.

* Das ist ein Affiliate-Link zu Amazon. Wenn Ihr darüber etwas bestellt, erhält kwerfeldein eine kleine Provision, Ihr zahlt aber keinen Cent mehr.

Dieser Artikel wurde für Euch von Martin Gommel aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

© Alle Rechte vorbehalten, Melanie Einzig, New York.


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Stephen Leslie und sein Tagebuch

18 Oct

Ein Beitrag von: Stephen Leslie

Soweit ich es verstanden habe, ist eine der Hauptfunktionen des menschlichen Gehirns, die Menge an Informationen, die wir empfangen, zu filtern. Es ist unmöglich, alle Impulse, die auf uns an einem einzigen Tag einprasseln, zu verarbeiten und deshalb selektiert das Gehirn, was wichtig ist und verwirft den Rest. So ungefähr sehe ich die Fotografie.

Damit filtere ich vom alltäglichen Wirrwarr und Chaos das heraus, was für mich interessant ist. Ich versuche, aufgrund meines Instinktes das zu fotografieren, was nur für kurze Zeit zu sehen ist.

Busted at the bus stop © Stephen Leslie

Wenn das Foto funktioniert – wunderbar. Dann habe ich ein Bild, das ich in den kommenden Jahren studieren und mich daran erfreuen kann. Wenn es missraten ist, bleibt es einfach weiter Teil des üblichen Chaos.

Das ist auch der Grund, warum ich noch immer auf Film fotografiere und ich mag es, darauf zu warten, bis die Bilder entwickelt sind. Digital würde ich dieses nervöse Gefühl der Antizipation vermissen und das könnte dem gesamten Prozess die Magie rauben.

Multiplicity © Stephen Leslie

Vor ungefähr 14 Jahren begann ich, ein visuelles Tagebuch zu führen. Das bedeutete, jeden Tag ein Foto zu machen.

Weil das alles noch vor dem Internet war – oder zumindest vor Massen-Fotoseiten wie Flickr – druckte ich jedes Foto aus und klebte es in ein kleines schwarzes Buch, gespickt mit Aufnahmedatum und ein paar Notizen über das Foto: „Selbstportrait auf der Toilette“ oder „Tollwütige Katze attackiert Schulpicknick“.

Alle drei Monate fertigte ich ein neues Buch an und machte weiter. Für ganze zwei Jahre habe ich so mein Leben dokumentiert. Am Ende der Zeit war ich zwar fertig mit dem Projekt, jedoch ganz und gar der Fotografie verfallen – hauptsächlich der Straßenfotografie.

This can only end badly © Stephen Leslie

Obwohl ich mich aktuell nicht mehr diszipliniere, jeden Tag ein Foto zu machen, gehe ich niemals ohne Kamera aus dem Haus und sehe meine Fotos immer noch als Tagebuch. Sie zeichnen mein Leben auf; nichts davon ist gestellt oder geplant und ich fotografiere einfach, was mir begegnet.

Vielleicht ist das auch der Grund dafür, warum ich selten speziell unterwegs bin, um zu fotografieren. Die große Mehrheit meiner „Arbeit“ mache ich, während ich auf dem Weg zur Arbeit bin, einkaufen gehe, reise oder mit meinem Sohn zum Spielplatz gehe.

Almost... © Stephen Leslie

Ich hänge niemals herum oder warte ab, dass irgendwas passiert. Sondern ich halte fest, was ich sehe, während ich unterwegs bin.

Außerdem arbeite ich nicht wirklich an spezifischen Projekten, obwohl sich über die Jahre bestimmte Themen und Besonderheiten aufgetan haben: Große Oberlippenbärte, Dinos, Hunde, alte Menschen, alles Bizarre oder was offensichtlich fehl am Platze ist.

He's in for a long wait © Stephen Leslie

Ich strebe immer an, dass das Foto einen zentralen Bezugspunkt hat und, falls möglich, witzig ist. Auf Flickr gebe ich allen meinen Aufnahmen Titel und manche Leute denken, dass das vom Bild ablenkt, aber ich möchte das Foto aufwerten und eine zusätzliche Bedeutungsebene oder Humor einbauen.

Sobald wir ein Foto aufnehmen, arbeiten wir an der Realität und für mich ist das Hinzufügen eines Titels schlicht die Fortführung dieses Vorgangs.

~

Vor Kurzem habe ich angefangen, Portraits auf der Straße mit einer Mittelformatkamera aufzunehmen. Ich mag diese plötzliche Formalität verglichen mit üblicher Straßenfotografie. Es bringt einen dazu, mit den Menschen zu interagieren und fordert heraus, was immer eine gute Sache ist.

Street Portrait © Stephen Leslie

Obwohl ich das alles nun 14 Jahre lang mache, sehe ich mich immer noch als Einsteiger. Obwohl mein größter Wachstums-Schritt ist, es auch zu schätzen, ein Foto nicht zu machen. Dies ist ein weiterer Vorteil der Arbeit mit Film: Es ist teurer und so denkt man mehr über jedes einzelne Foto nach.

Dieser Artikel wurde von Martin Gommel aus dem Englischen übersetzt.


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Fotografie und Social Media – muss das sein?

02 Sep

Vor Kurzem hatten Sebastian und Martin eine kurze Unterhaltung auf Twitter: Martin fragte, ob er in Zukunft Fotos, die er mit der Fuji macht, auf Instagram posten solle. Sebastian meinte, er solle seinen Instagram-Account löschen. Die Diskussion um Instagram, Social Media-Plattformen, Fotografie (und deren Meta-Ebene) führen sie hier nun fort.

Sebastian: Lösch Deinen Instagram-Account.

Martin: Nein. Warum sollte ich?

Sebastian: Weil Du Fotografie magst. Ich finde, Instagram kann man nicht wirklich benutzen, wenn man Fotografie mag. Es ist eine unendliche Suppe an einheitlich brutal zurechtgefilterten und sehr oft auch belanglosen Fotos.

Martin: Das kommt drauf an, wem man folgt. Wie überall.

Sebastian: Ja, bestimmt. Aber ich rede ja auch nicht von der persönlichen Nutzererfahrung. Sondern vom generellen Problem, dass solche Dienste Fotografie entwerten. Drück auf’s Knöpfchen, mach Dein Bild hübsch mit dem Retro-Style, den jeder mag und lass Deine Bilder wie die von jedem anderen aussehen.

Martin: Ich finde nicht, dass diese Dienste entwerten. Denn das Ziel von Instagram ist nicht in erster Linie, großartige Fotografie zu unterstützen, sondern es ist in erster Linie sozial. Das heißt: Wir teilen unser Leben. Und somit all die Dinge, die unser Leben betrifft. Und das posiert nicht. Es ist nicht technisch perfekt. Es ist, wie es ist. Und das mag ich daran.

Sebastian: Lustigerweise würde ich genau das als Argument gegen Instagram ins Feld führen. Die Plattform und ihre Nutzer haben überhaupt kein Interesse an Fotografie, sondern nur daran, sich gegenseitig Bildchen von ihrem Essen und ihren Haustieren zu zeigen. Deswegen kann ich im Gegenzug Plattformen wie 500px und Behance gar nicht hoch genug schätzen. Was benutzt Du denn überhaupt für Internetplattformen und Tools, um Deine Bilder zu zeigen, zu bearbeiten und so weiter?

Martin: Bisher habe ich mit dem iPhone auf der Straße fotografiert. Diese Bilder habe ich in meine „Zentrale“ Tumblr eingestellt und von dort zu Flickr (da bin ich seit 2005), Facebook, 500px und auch Instagram geleitet. Bearbeitet habe ich meine Fotos kaum, nur ein wenig mit Snapseed geradegerückt, Helligkeit und Kontraste angepasst. Fertig.

Sebastian: Bei Facebook und Twitter poste ich inzwischen auch öfter mal Bilder (meist mit Links auf die kompletten Serien anderswo) und bei Tumblr so übrig gebliebenes Zeug. Aber recht widerwillig, wie ich zugeben muss. Ich empfinde es als entwertend, wenn man seine Sachen x Mal in verschiedene Streams irgendwie reinkippt, um da Leute zu erreichen. Ein eigenes Blog oder eine Galerie auf einer Plattform hat doch irgendwie mehr Stil. Ein Bild bei Facebook ist in fünf Minuten untergangen in einem endlosen Stream aus Kram.

Martin: Wieder „nein“. Auf Flickr bin ich, seitdem ich fotografiere und es gibt einige Leute, die dort meinem fotografischen Prozess folgen. Auf Facebook sind einige Freunde und Künstler, deren Meinung ich sehr schätze – und die auch hin und wieder kommentieren. Bei Instagram gibt es eine wachsende Zahl ambitionierter Straßenfotografen, die mit dem iPhone versuchen, das Beste herauszuholen.

Absolute Augenweiden sind da dabei und die sehe ich sonst nirgendwo. Würden wir alle unser eigenen Süppchen kochen, wäre es vielleicht origineller, aber das ist mir nicht in erster Linie wichtig. Ich möchte dort sein, wo die Leute sind, die mir wichtig ist. Deswegen poste ich eher selten auf Google+. Dort kenne ich von den 15.000 Followern vielleicht 10.

Sebastian: Aber das heißt im Endeffekt: „Ich gehe dahin, wo die Leute sind und reibe ihnen permanent meine Bilder unter die Nase.“ Ich könnte mir das niemals antun. Dazu kommen dann noch diese ekelhaften Bewertungsfunktionen auf allen Plattformen und die Tatsache, dass künstlerische Sachen nun einmal von der Masse deutlich weniger geschätzt werden als derber Kitsch (ganz normales Phänomen).

Wenn ich bei Facebook ein sinnloses Katzenbild poste, das ich mal so nebenbei gemacht habe und es 200 Likes bekommt und das aufwändige Naturfoto dann unbeachtet durchflutscht, dann merke ich immer, dass das eigentlich nicht die richtige Herangehensweise für mich ist. Ich finde, da ist das eigene Süppchen, das auch dann genau die Leute anzieht, die sich wirklich genug interessieren, um aktiv danach zu suchen, deutlich lohnender.

Martin: Für mich gibt es hier keinen Endeffekt – dafür ist das Thema zu fluide und verändert sich ständig. „Unter die Nase reiben“ finde ich eine interessante Definition, jedoch führt mich das wieder an den Beginn: Wer meine Fotos mag, darf mir folgen. Wer das Gefühl hat, Fotos unter die Nase gerieben zu bekommen, geht von allein. Finde ich gut und okay.

Und zu einem reifen Interpretationsprozess gehört auch, dass ich einschätzen kann, was ein Like bedeutet. Meine Fotos sind weder auf Instagram noch in anderen Netzwerken großartig erfolgreich. Ich bin es gewohnt, dass Katzenfotos mehr Likes bekommen. Doch die Bedeutung eines Likes ist abhängig davon, vom wem er kommt. Wenn mein Bürokollege Egon von Euwensz ein Foto mag, ist das für mich sehr wertvoll. Der würde meine Fotos gar nicht sehen, wenn ich sie bloggen würde. Weil er keine Blogs liest. Ist auch kein Problem für mich.

Sebastian: Zum ersten Punkt: Da müssen wir wohl zwei Sachen unterschieden – so reine Portfolio-Plattformen oder Facebook-Pages, bei denen der Nutzer selbst entscheidet im Sinne von „Ich abonniere das mal, weil es mir gefällt“, da stimme ich absolut Deiner Meinung zu.

Schwierig wird es bei richtigen Social-Media-Plattformen, bei denen eben das „social“ im Vordergrund steht. Dort ist man ja grundsätzlich mit Leuten aus völlig verschiedenen Kontexten als Privatperson verbunden, die eben teilweise auch gar nichts mit Fotografie zu tun haben. Und genau dort wird es irgendwann penetrante Eigenwerbung, wenn man so agiert.

Zu einem reifen Interpretationsprozess bezüglich Favs, Likes und dem Kram gehört anders herum meiner Meinung nach aber auch, dass man akzeptiert, dass man sich Feedback grundsätzlich schwer entziehen kann. Wenn Dir jemand dumme Kommentare unter Deine Bilder schreibt, kannst Du das nicht „unlesen“, genausowenig wie Du Dich dem entziehen kannst, wenn eines Deiner Bilder auf solchen Plattformen plötzlich „viral“ ist.

Ich glaube, das ist auf Dauer sehr fatal für den eigenen Schaffenprozess, jedes einzelne Bild immer sofort einer Öffentlichkeit zur Bewertung hinzuwerfen. Und das ist auf Facebook, Twitter und Instagram ein viel größeres Thema als auf dem eigenen Blog, wo es solche Mechanismen eben nicht gibt.

Martin: Das mit der Bewertung sehe ich anders. Ich zeige meine Fotos nicht, damit sie bewertet werden. Das war mir zu Beginn sehr wichtig, heute ist mir das nahezu egal. Ich zeige, was ich tue. Wenn das jemandem gefällt, schön. Wenn nicht, auch okay. Und wenn jemand sagt BUUUUUH, sehr gut. Dann habe ich einen Nerv getroffen. Passt für mich. Und in einem Netzwerk, bei dem mich jemand mit Eigenwerbung zuballert, kann ich ohne Probleme entfolgen, entfreunden, was auch immer. Das mache überhall. Kein Problem.

Sebastian: Ich zeige meine Bilder auch nicht, damit sie bewertet werden, ganz im Gegenteil, ich will sie im Netz ganz neutral ausstellen. So sind Facebook, Instagram und Konsorten aber nicht konstruiert. Die gewichten Inhalte nach Bewertung und heben sie hervor oder blenden sie entsprechend aus, denn die wollen ja, dass die Masse massenkompatibles Zeug anguckt und klickt und entsprechend wiederkommt, weil sie dort gut unterhalten wird. Und dann wird das noch extrem mit Dir als Person verknüpft, das heißt, das Bild an sich steht in keiner Weise irgendwo im Fokus.

Die Wirkung nach außen kommt zuletzt noch obendrauf und ist vielleicht sogar das größte Problem. Stell Dir vor, Du liest ein Buch oder gehst in eine Ausstellung und auf jeder Buchseite stehen irgendwelche Leserkommentare von Freunden des Autors unter dem Text oder neben den Bildern hängen Like- und Dislike-Anzeigen von den Arbeitskollegen des Künstlers. Etwas Scheußlicheres kann ich mir überhaupt nicht vorstellen; das macht jede eigene Interpretation und Beschäftigung mit Kunst kaputt. Deswegen deaktiviere ich überall dort, wo es geht, diese Sachen.

Martin: Instagram hebt meine Fotos nicht hervor, wenn sie mehr Likes haben als sonst. Und falls das irgendwann mal kommen sollte (mit „popular“ war es schonmal da), freut es mich, wenn es vorkommt, genauso wie Explore auf Flickr. Was für Dich hier ein Problem ist, ist für mich keines.

Außerdem: Wenn auf instagramm nur Bullshit-Bilder landen (was wie gesagt schwer davon abhängt, wem Du folgst), dann ist das nur noch mehr ein Grund, gute Fotos zu zeigen. Außerdem sage ich da frei nach Martin Parr: Du kannst nur wissen, was gut ist, wenn Du genügend Scheiße gesehen hast. Durch das ansehen schlechter Fotos kann man jede Menge lernen.

Sebastian: Den letzten Satz würde ich direkt umdrehen: Du kannst nur besser werden, wenn um Dich herum Leute und Bilder sind, die besser (vielleicht ist „erfahrener“ das bessere Wort, ich mag bei Fotografie nicht so gern von besser und schlechter reden) als Du selbst sind.

Wenn Du hingegen ständig Lob bekommst, weißt Du gar nicht, ob Du vielleicht der Einäugige unter den Blinden bist. Soziale Netzwerke, die Bilder berurteilen, sind mir jedenfalls höchst suspekt. Kunst ist ja nun keine Demokratie, in der eine Abstimmung funktioniert, die anzeigt, was die meisten Leute mögen. Oder siehst Du das anders?

Martin: Auf gar keinen Fall. Und Likes sagen nichts darüber aus, ob ein Foto gut oder schlecht ist. Sie sagen nur aus, dass es ganz vielen oder vielleicht nur einer Person gefällt. Die Gewichtung, was man dem beimisst, ist wohl das Entscheidende. Aber das pure Zeigen an sich finde ich nicht falsch, sondern wichtig. Warum bist Du eigentlich noch auf Facebook?

Sebastian: Kommunikation, auch Gruppen zu Fotografie und schlussendlich wohl auch das pure Zeigen der eigenen Arbeit. Darauf können wir uns ja offenbar einigen, auch wenn das so ein Sisyphos-Ding ist, das direkt wieder ins Niemandsland ruscht, weil niemand alte Facebookpostings liest.

Nochmal: Es ist ja egal, wie viel Gewichtung man Kommentaren und Likes beimisst. Spätestens durch andere lesende Personen und nach außen durch das System bekommt es Gewichtung. Gerade Facebook zeigt Dir ja oft nur „important posts“ von Deinen Kontakten überhaupt erst an, die durch diese Zahlen bestimmt werden. Und Du kannst ja nicht leugnen, dass Klickzahlen sogar auf vermeintlich seriösen Nachrichtenseiten die Messgröße sind, sich das fortsetzt auf alle diese Plattformen und inbesondere auch Bilder stark betrifft.

Martin: Das stimmt. Jedoch zeigt mir Instagram nicht nur „important posts“ an, sondern alle, denen ich folge. Zurück zum Thema: Die Demokratisierung der Fotografie hat eine Seite, die nicht allen Fotografen gefällt. Leute fotografieren ihr Essen, ihr Essen und … ihr Essen. Dass das vom anspruchsvollen Standpunkt gesehen nicht besonders wertvoll ist, will ich gar nicht widerlegen.

Jedoch das ganze Netzwerk dafür zu verteufeln, ist für mich keine besonders effektive Strategie. Da zeige ich lieber Fotos, die ich aus dem iPhone herausholen kann – und bewege vielleicht auch andere, es mir gleich zu tun. Übrigens gibt es viele Leute (und Freunde), über die ich auf Instagram viel mitbekomme. Das schätze ich sehr. Mit und ohne Anspruch. Allein deshalb würde ich nie auf die Idee kommen, meinen Account zu löschen.

Sebastian: Ich will ja auch gar nicht das ganze Netzwerk verteufeln, sondern eher diese „Ich geh da als ernsthafter Fotograf hin und zeige meine Bilder“-Seite hinterfragen bzw. fragen, ob sie wirklich sinnhaft ist. Als Portal für Katzenbilder und Fotos von Essen kann ich Instagram bequem ignorieren. Aber wie gehst Du mit der Vermischung um? Da stehen dann Deine Fotos neben verwackelten Urlaubsbildern, verschwinden im Stream, weil keiner zurückscrollt und alte Postings anguckt und Du weißt auch nie, ob Du jetzt für Freunde ein Privatbild oder für Follower ein ernsthaftes Foto einstellen sollst oder ob das nicht alles eh dasselbe ist. Es entwertet doch ein bisschen das eigene Tun.

Martin: Ehrlich gesagt habe ich darüber noch nie nachgedacht, egal in welchem Netzwerk. Denn selbiges findest Du auf Flickr, Deviantart, egal wo. Es gibt immer Tendenzen, zu denen ein Netzwerk neigt, aber nie 100% gleiche Fotos. Und wenn Du mein Blog abonnierst, verschwinden meine Postings genauso im Feed-Stream wie sonstwo auch. Ich sehe hier einfach keinen Unterschied.

Dazu kommt: Das iPhone als Kamera wird von immer mehr Menschen ernsthaft benutzt. Und das Netzwerk, das für diese Fotos gemacht ist, heißt instagram. Denn da werden zu 98% Smartphone-Bilder gepostet. Was auch der Grund ist, warum ich meine Fotos von der Fuji nicht dort zeigen werde. Dafür ist das Netzwerk nicht gemacht.

Sebastian: Also siehst Du ja offenbar doch einen Unterschied, wenn Du sagst, dass Du Deine Bilder von der Fuji nicht bei Instagram reinstellen würdest. Das Netzwerk sagt ja nirgendwo ausdrücklich „hier nur Smartphone-Bilder posten“. Instagram, Facebook und Twitter sind meiner Ansicht nach einfach mehr Social Networks, die für Unterhaltung und Kommuikation gemacht wurden. Dazu gehören dann natürlich auch Fotos, aber man sollte sich fragen, ob man Teil dieser sich endlos drehenden Unterhaltungsmaschine sein will.

Flickr, Deviantart und 500px sind für mich eher Netzwerke, auf denen Bilder ausgestellt werden. In ersteren geht es mehr um die Personen und ihre Verbinungen, in der zweiten Kategorie eher um die Bilder. Ich würde sagen, dass es von Vorteil ist, wenn man sich diese Unterschiede klar macht und genau überlegt, wo man seine Bilder überall reinwirft.

Martin: Den Unterschied mache ich deshalb, weil Instagram explizit aus dem Mobilen geboren und für’s Mobile gemacht ist. Das ist der Rahmen. Und Fotos vom iPhone sind für mich dort auch gut aufgehoben. Das ist auch der Grund, warum ich die Fuji-Fotos dort nicht poste. Ich respektiere das ungeschriebene Gesetz, dass dort nur Handy-Fotos gepostet werden. Außerdem glaube ich, dass es völlig egal ist, wo ein Foto zu sehen ist, wichtig ist, dass es überhaupt sichtbar gemacht wird. Ob das nun in einem Café, einer Kneipe oder einem Hochglanzmuseum ist. Das ist nur der Rahmen. Der Inhalt ist, was zählt.

Sebastian: Vor nicht allzu langer Zeit war mein Gedanke auch immer: Vergiss das Medium, nur der Inhalt zählt und das, was Du daraus machst. In Bezug auf verschiedene Netzplattformen würde ich inzwischen aber hinzufügen: Aber manche Kanäle begünstigen sehr stark bestimmte Inhalte und man muss gucken, wo man wirklich reinpasst. Also lösch endlich Deinen Instagram-Account.

Martin: Nein. Warum sollte ich?


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Darf’s ein bisschen mehr sein?

05 Nov

Ein Beitrag von: Antje Egbert

Vor ein paar Jahren ersuchte ich eine erneute Zusammenarbeit mit einem Modell. Wir hatten zuvor bereits eine schöne, freie Strecke miteinander umgesetzt und für eine neue Idee fragte ich noch einmal an. Modell C. freute sich, sagte zu, zögerte kurz und berichtete dann, dass sie nicht mehr ganz so dünn sei wie im Jahr zuvor, sie hatte ein wenig zugenommen und meinte, „du stehst doch so auf dürr, Antje.“

Aber ja! Genau das tue ich! Ich mag mager beim Fotografieren und Betrachten anderer Leute Bilder. Ich gebe zu, ich hatte sogar lange große Vorurteile den sehr weiblichen und offiziell dicken Modellen gegenüber – wenn man sich lange genug auf den üblichen deutschen Foto- und Modellseiten herumtreibt, drängt sich einem ja praktisch der Gedanke auf, dicke Frauen könnten ausschließlich clownesk, barock, gruselig, peinlich crazy oder gar auf sehr unschöne Art erotisch fotografiert werden. Ich nahm das so hin und machte mir ehrlicherweise keine weiteren Gedanken zum Wahrheitsgehalt dieses Eindrucks.

Vor einem Jahr startete ich mein freie Serie „the bare project“. Ich hatte eine Idee von nackten Frauenkörpern, von natürlichem Licht, einem dunklen Stoffhintergrund und dem einen oder anderen künstlerischen und modischen Zusatz.

Ich berichtete meiner Freundin Jessica davon, sie fand Gefallen an der Idee und noch mehr daran, sich selbst zur Verfügung zu stellen. Wir planten. An einem Tag im Oktober reiste sie an und wir fuhren in den Wald, wo ich meinen Hintergrund in den Wald stellte und Jessica sich auszog.

Ich wiederhole an dieser Stelle noch einmal, dass ich wirklich auf dünn, dünner, am dünnsten stehe, wenn es um die Fotografie geht. Doch es war dieser Oktober 2011 und wir standen im Wald und verzeih, wenn ich es so sage, liebe Freundin: Es war ganz und gar nicht mager dort.

Dann begann etwas, was ich nicht vermutet hätte: Ich löste aus, betrachtete das erste Bild und war dermaßen begeistert, angefixt und überrascht, dass ich schnell weitermachen musste, um noch mehr begeistert zu sein und dann weiter zu schauen und auszulösen und wieder völlig begeistert zu sein – kurz gesagt: Ich hatte eine nackte Frau fotografiert, die rund und gesund vor mir stand und sich so wunderbar präsentierte und strahlte und ich hatte eine ganz neue Inspiration gefunden.

Beim späteren Sichten der Bilder, während der ersten Bearbeitungsversuche, bestätigte sich das gute Gefühl, eine besondere Serie gestartet zu haben mit einer besonderen Frau, die mir Möglichkeiten eröffnet.

Ich fotografierte weiter, auch an „the bare project“. Wenige Monate später zeigte ich Bilder der Serie in einer Ausstellung. Meine anderen Modelle sorgten für Staunen, Menschen unterhielten sich, schauten, lächelten. Jessicas Bilder sorgten für Begeisterungsstürme. Auch in meinem Portfolio der italienischen Vogue finden ihre Bilder bis heute besten Anklang. Ich bin immer wieder erfreut und ein bisschen überrascht von mir selbst.

Nach der Ausstellung fotografierte ich weiter. Ein sommerliches Blumenshooting. Und dann: Marion. Mit größter Lässigkeit und Freude posierte sie im Wald und fühlte sich sichtlich wohl. Ganz fraulich. Lieblingsbilder mal wieder, die mich überraschen, die mich die Bilder in meinem Kopf überdenken lassen.

Ich will nicht behaupten, dass ich die Seiten gewechselt habe. Im Gegenteil, ich behaupte jetzt, dass es gar keine Seiten gibt. Ich bin mittlerweile so frei, dass ich ein Bild betrachten und entstehen lassen kann, ohne dass ich in festen Bahnen denke. Ich lasse mehr geschehen und der Situation ihren Lauf. Meine Modelle sagen, dass sie sich mit meiner Art des „Laufenlassens“ und gleichzeitigem Vermitteln meiner Vorstellungen sehr wohl fühlen. An diesem Punkt sehe ich mich sehr gern und empfehle diesen Weg auch gern weiter.

Fotografie, der eigene Bildstil und die Vorstellungen über die Art des Arbeitens verändern sich im Laufe der Jahre. Einiges ist harten äußeren Umständen geschuldet, den Zeiten, in denen man einen bestimmten Kundenstamm bedient, Zeiten, in denen man weniger nach Lust arbeitet, sondern nach Stechuhr.

Ich bin dankbar, dass es mehr als diese äußeren – aber auch diese! – Umstände gibt, die mich beeinflussen. Das freie Arbeiten, die Projekte, die nur meinem Kopf entspringen und nicht aus einem Auftrag, die machen aus mir die Fotografin, die ich bin.


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