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Vier Jahre, ein Motiv

04 Oct

Ein Beitrag von: Stefan Weber

Für ein richtiges Langzeitfotoprojekt mögen vier Jahre nicht sonderlich lang sein, doch sind sie ein gutes Stück Zeit, um so einiges über Perspektive sowie Licht und seine Wirkung zu lernen. Eigentlich war es nie meine Absicht, ein Langzeitfotoprojekt zu starten. Doch wie heißt es manchmal so trefflich: „Es war nicht so gewollt, es hat sich so ergeben.“

Ein Fotomotiv, das mich schon seit einigen Jahren begleitet, ist die Theodor-Heuss-Brücke. Sie verbindet nicht nur die zwei Landeshauptstädte Mainz und Wiesbaden, sondern auch die beiden Bundesländer Rheinland-Pfalz und Hessen, die an dieser Stelle durch den Rhein voneinander getrennt sind, miteinander.

Ich überquere die Theodor-Heuss-Brücke nahezu täglich auf meinem Weg zur Arbeit. So war es für mich schon fast naheliegend, sie als Fotomotiv abzulichten. Anfangs war sie für mich, wie für andere sicherlich auch, gar nicht so interessant. Das änderte sich jedoch an einem Herbstmorgen vor fast genau vier Jahren.

Theodor-Heuss-Brücke © Stefan Weber

An besagtem Herbstmorgen zog wolkenartiger Nebel den Rhein flussaufwärts und umhüllte die Brücke, so dass sie sich scheinbar darin auflöste und das Rheinufer auf der anderen Seite nicht mal mehr zu erahnen war. Auf diese Art bewirkte der Nebel eine Freistellung der Brücke von ihrer sonstigen Umgebung und ihrem Hintergrund.

Damit wurde sie mir damals mit einem Mal präsent und zwängte sich mir als Motiv quasi auf. Sie hatte damit mein Interesse geweckt, das bis heute anhält. Nach diesem ersten Foto folgten sehr viele weitere, nicht nur bei Nebel. Dabei waren die wenigsten Fotos zu meiner Zufriedenheit.

Theodor-Heuss-Brücke © Stefan Weber

Durch die zahlreichen Versuche näherte ich mich der Brücke jedoch immer mehr und lernte auf diese Weise einige ihrer Facetten kennen. Über die Jahre lernte ich, wie sehr beispielsweise die Farbe des Wassers vom Stand der Sonne abhängt, wie Reflexionen an der Wasseroberfläche teilweise zur Beleuchtung der Unterseite der Brücke beitragen und welche Bereiche zu welcher Tageszeit im Schatten liegen und welche im Licht.

Ich lernte, in welchen Farbnuancen die rötlichen Sandsteinpfeiler erscheinen können und das Metall der Tragkonstruktion, welche Aufnahmestandpunkte am Rheinufer ich bei niedrigen und welche bei hohem Wasserpegelstand nutzen kann und wie und wo ich das Ufer und seinen Bewuchs abhängig von der Jahreszeit mit einbeziehen kann oder wo es störend wirken könnte.

Theodor-Heuss-Brücke © Stefan Weber

Theodor-Heuss-Brücke © Stefan Weber

Man könnte somit auch sagen, dass ich in dieser Zeit gelernt habe, das Gesehene auch wahrzunehmen. Diese Wahrnehmung ist für mich mittlerweile ein sehr wichtiger Bestandteil in meiner Art der Fotografie.

Diese eben exemplarisch genannten Erfahrungen und Eindrücke führten zu einem sehr guten Gesamteindruck der Brücke. Ich kann inzwischen recht gut einschätzen, bei welchem Licht und von welchem Standort aus ich ein für mich interessantes Foto bekomme.

Theodor-Heuss-Brücke © Stefan Weber

Das bedeutet natürlich nicht, dass ich mir alle Lichtsituationen und Perspektiven der Theodor-Heuss-Brücke hundertprozentig vorstellen kann. Ganz im Gegenteil, ich finde, dass die eigentliche Herausforderung gerade erst beginnt.

Deshalb begebe ich mich immer wieder zum Rheinufer, auf der Suche nach einer neuen Perspektive oder versuche, eine schon bekannte zu verbessern. Ganz einfach, um meine gesammelten Erfahrungen zu erweitern und das Gesamtbild der Brücke in meinem Kopf immer weiter zu vervollkommnen.

Theodor-Heuss-Brücke © Stefan Weber

Manchmal reicht es dafür schon, die Kamera einige Meter neben einem bekannten Standort zu positionieren, um beispielsweise mehr Dynamik im Bild zu erzielen. Zudem habe ich so auch die Möglichkeit, die oben erwähnte Wahrnehmung weiter zu schulen.

Rückblickend habe ich festgestellt, wie viel mir die Schulung meiner Wahrnehmung inzwischen auch bei anderen Motiven und in anderen Bereichen der Fotografie hilft. Ich finde es immer wieder faszinierend, verschiedene Lichtsituationen beziehungsweise Tageszeiten und mögliche Aufnahmestandpunkte und die daraus resultierende Bildwirkung im Kopf durchzuspielen.

Theodor-Heuss-Brücke © Stefan Weber

Theodor-Heuss-Brücke © Stefan Weber

Diese neue Fähigkeit gibt mir eine gewisse Ruhe und Gelassenheit beim Fotografieren selbst. Ich bin weniger in Eile, weil ich nicht mehr im Hinterkopf habe: „Wenn ich mit dem Foto fertig bin, dann noch schnell da rüber und hoffentlich reicht die Zeit dann doch für ein Foto von da oben.“ Ich schaue heute öfter in den Himmel, um zu sehen, wo die Sonne steht und wo entlang sie sich weiter am Himmel bewegen wird.

Eine weitere Sache, die mir mit der Zeit auffiel, ist, wie unterschiedlich Bilder ein und desselben Motivs wirken können. Welche Vielfalt an Stimmungen sich doch in einem einzigen Motiv verbirgt. Es zeigt meiner Meinung nach, dass man – genau wie bei Portraits auch – das Wesen oder den Charakter seines Motivs eben nicht mit nur einem Foto einfangen kann.

Theodor-Heuss-Brücke © Stefan Weber

Ich denke, das zeigen meine Fotos – in diesem Fall am Motivbeispiel der Theodor-Heuss-Brücke – ganz gut. Für mich hat es mittlerweile einen gewissen Reiz, immer wieder neue Stimmungen und Blickwinkel eines bekannten Motivs zu entdecken.

Ich kann anderen nur empfehlen, neben dem, was sie sonst fotografieren, sich einen längeren Zeitraum mal nur auf ein einziges Motiv zu konzentrieren, um alle seine unterschiedlichen Facetten kennenzulernen.

Theodor-Heuss-Brücke © Stefan Weber

Dabei ist es meiner Meinung nach völlig irrelevant, ob es sich bei dem Motiv um eine Brücke, einen Baum, eine Büroklammer, eine Person oder beispielsweise ein Haustier handelt. Ich denke, viel wichtiger ist Beharrlichkeit beim Ablichten und die Reflexion über das Aufgenommene. Mich jedenfalls hat dieser Ansatz in der Fotografie ein gutes Stück weiter gebracht.


kwerfeldein – Fotografie Magazin

 
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kwerfeldein diskutiert: Ein gutes Foto braucht ein gutes Motiv! Oder?

09 Jul

Ich (Normen) erlebte vor einiger Zeit eine Situation, in der eine Großmutter beim Betrachten eines Fotos ihres Enkels Folgendes äußerte: „Das ist aber ein schönes Foto!“ In diesem Moment wurde mir klar, dass die Großmutter nicht das Foto schön fand, sondern nur das Motiv. Aus dem schönen Motiv wurde ein schönes Foto.

Mir stellte sich dann die Frage: Kann man eigentlich in der Beurteilung von Fotografien eine Grenze zwischen dem Foto als Endprodukt und dem Motiv ziehen? Sicherlich, denn nicht jedes gute Motiv führt am Ende zu einem guten Foto. Wenn es so etwas wie ein gutes Motiv geben sollte, können dann dennoch gute Fotos aus einem scheinbar schlechten Motiv entstehen?

Ich möchte einfach mal die Runde eröffnen und frage Euch: Welche Voraussetzungen muss ein gutes Motiv erfüllen?

Martin: Ich finde es persönlich sehr schwer, ein gutes Motiv als solches zu definieren, denn so löse ich es zu sehr aus dem Kontext, in dem es steht. Ein Würfel mit einem Meter Kantenlänge wirkt vor einem großen Wasserfall ganz anders als in einem weißen Raum – und das ganz ohne Wertung. Außerdem spielen hier vor allem unsere kulturell und familiär geprägten Präferenzen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Und wie im obigen Beispiel zu erkennen, kann das einfach nur auf der Beziehungsebene passieren. So viel zur Theorie.

In der fotografischen Praxis auf der Straße erlebe ich jedoch täglich, wie ich aktiv selektiere. Wen fotografiere ich und wen nicht? Für mich sind meistens die Menschen am interessantesten (= ein gutes Motiv), die aus der Masse herausstechen und ungewöhnlich im Rahmen des Gewöhnlichen auf meine Sehgewohnheiten wirken.

Robert: Ein Foto kann technisch gut umgesetzt, aber inhaltlich banal sein und umgekehrt ist natürlich ein auffälliges Motiv allein noch kein Garant für ein gutes Foto.

Darüber, was ein Motiv sein kann, entscheidet zunächst einmal der Fotograf. Seine Motivation mag ein persönlicher Bezug zu dem sein, was er fotografieren möchte. Wer das Foto anschließend betrachtet, kann allerdings eine ganz andere Sichtweise haben, weil er eine andere oder vielleicht gar keine Beziehung zum Motiv hat. Insofern stelle auch ich es mir sehr schwierig vor, ein Foto und sein Motiv nach objektiven Gesichtspunkten als gut zu beurteilen.

Sebastian: Mit dieser allzu subjektiven Ebene wäre ich vorsichtig, Robert. Ein gutes Foto ist ein gutes Foto, ich glaube schon, dass man das halbwegs objektiv bewerten kann. Das Motiv ist einerseits eine ganz andere Ebene, andererseits aber auch nicht vom Bild zu lösen.

Ich denke da immer an Literatur bei dem Kontext. Die besten Bücher sind oft die, in denen oberflächlich gar nicht viel passiert und sich die Handlung eher in Gedanken und Assoziationen abspielt und sich um Dinge dreht, die jeder kennt wie etwa Liebe und Tod.

Soll heißen: Ich denke, das Motiv muss gar nicht spektakulär oder außergewöhnlich sein, um es in einem überraschenden und neuen Kontext zu zeigen, der beim Betrachter viel mehr auslöst als ein totales Actionsuperdupermotiv, das langweilig fotografiert ist. Insofern würde ich fast sagen: Eher banale Motive ergeben oft die stärksten Bilder, wenn sie gut fotografiert sind.

Normen: Da fällt mir sofort Andreas Gursky und seine Fotografie „99 cent“ ein. Vollgepackte Regale in einem Supermarkt würden die meisten Fotografen vermutlich nicht als lohnenswertes Motiv in Betracht ziehen. Gursky tat es und es entstand eine der berühmtesten Fotografien der Welt.

Ich würde deshalb sagen, dass, wenn in der Fotografie vom Motiv gesprochen wird, allein der Fotograf entscheiden kann, ob es gut ist oder nicht. Ohne eine positive Abwägung des Fotografen ist die Entstehung eines guten Fotos nicht möglich.

Martin: Moment mal. Im Falle des reinen Fotoliebhabers, der aus reiner Zuneigung zu seinem Sujet fotografiert, mag das stimmen. Steigen wir jedoch mal in die professionelle Ebene ein, in der Kunden ein ganz bestimmtes Motiv in einem ganz bestimmten Kontext haben. Dann entscheidet eben nicht mehr der Fotograf allein, was gut ist und was nicht. Und im Ernstfall gibt es eben keine Kohle.

Und wenn wir jetzt mal einen Schritt zurück gehen und noch einmal den Fotoliebhaber ansehen, dann hat auch er einen Kunden, denn niemand (bis auf ein paar Ausnahmen) fotografiert nur für sich. Jede und jeder hat eine Absicht und jeder möchte irgendetwas erreichen. Und sei es selbst eine schockierte Ablehnung seitens der Betrachter. Wenn der Fotograf oder die Fotografin exakt das erreichen wollte, dann war das Foto – und somit auch das Motiv – gut.

Sebastian: Sehe ich überhaupt nicht so. Da kommen wir aber jetzt schnell an die Trennung von künstlerischer und kommerzieller Fotografie und wie (wenn überhaupt) das am Ende wirklich gut zusammengeht. Im Gegenteil ist es meiner Meinung nach gerade in der künstlerischen Fotografie so, dass man den „Kunden“ (in dem Fall das Publikum oder die Galerie oder den Sammler) beim Machen des Bildes so weit wie möglich außen vor lassen sollte. Wenn Du Dein Publikum schon im Entstehungsprozess mit reinrechnest, dann geht das leider oft übelst daneben.

Bei der kommerziellen Fotografie ist es dann genau anders herum. Du kriegst Dein Motiv vorgegeben (oder hast ein Motiv, das Du immer fotografierst und von dem Du weißt, dass es das Publikum kauft) und tobst Dich eben anderweitig kreativ aus. Aber braucht ein gutes Foto jetzt eigentlich auch ein gutes Motiv? Ich denke das immer noch nicht, für mich kann man aus jedem Motiv ein gutes Foto machen.

Normen: Ich fasse das mal kurz zusammen: Wir müssen in unserer Diskussion zwischen verschiedenen Grundlagen der Beurteilung unterscheiden. Zum Einen gibt es einen Unterschied zwischen künstlerischer und kommerzieller Fotografie und zum Anderen die unterschiedliche Beurteilung des Motivs durch Fotograf und Betrachter.

Deshalb könnte man jetzt wieder den Geschmackshammer rausholen und die Diskussion an dieser Stelle beenden. Machen wir aber nicht, denn in der Beurteilung eines Fotos kann es meiner Meinung nach eigentlich immer nur eine Person geben: Den Betrachter, unabhängig davon, ob er Kunde, Fotograf oder was auch immer ist. Es kann ja schließlich nicht das Ziel sein, ein Foto für allgemeingültig gut zu erklären.

Wie ist das bei mir? Wenn ich ein Motiv nicht mag, dann kann die Fotografie zwar technisch sehr gut sein und ich kann auch der Allgemeinheit zugestehen, es gut zu finden, persönlich lasse ich es aber nicht an mich heran und demnach würde es bei mir auch nicht in die Kategorie „gut“ fallen.

Robert: Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, weshalb man fotografieren sollte, was man nicht mag. Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn.

Selbst, wenn es sich um einen schwierigen Auftrag handelt, muss man sich auf irgendeiner Ebene einen Zugang verschaffen, sonst produziert man doch für die Mülltonne und zur eigenen genauso wie zur Unzufriedenheit des Kunden.

Um mal auf die Beurteilung der Fotos zurückzukommen: Ich denke, man sollte im Blick haben, welchen Zweck das Bild erfüllen soll. Irgendeine Referenz braucht es für die Beurteilung doch immer, denn genauso wie ein Mensch ist auch ein Foto keine Insel.

Was mich sehr interessiert, ist, zu betrachten, wie und warum manche Bilder sich medial rapide ausbreiten und kollektiv anklingen.

Sebastian, was in Bezug darauf Deinen Standpunkt einer möglichen objektiven Bewertbarkeit angeht, möchte ich gern ein Beispiel für ein kollektiv als gut befundenes Bild herbeiziehen.

Manch einer kennt es sicher, die Rede ist von der Vogelperspektive von Iwan Baan hinunter auf das nächtliche Manhattan nach dem großen Sturm im vergangenen Jahr. Während die umliegenden Teile der Stadt noch aufleuchten, liegt der vordere Teil der Halbinsel aufgrund eines massiven Stromausfalls im Dunkeln.

Warum hat dieses Bild solch eine Durchschlagkraft entwickelt? Die Ursache liegt sicherlich darin, dass sich diejenigen, die es gesehen haben, sofort in irgendeiner Weise damit identifizieren konnten. Sagen wir, es ist vielleicht die natürliche Angst von uns Menschen vor dem Untergang oder vor etwas, das stärker ist als wir.

Das Foto hat also einen unverkennbaren Symbolcharakter, vielleicht auch, weil es schon vielmals vorher fotografiert wurde. Aber eben noch nie so und in diesem Zusammenhang.

Es ist unbestreitbar ein gutes Foto, weil es etwas anklingen lässt, was im kollektiven Gedächtnis steckt. Ich wäre hier dennoch vorsichtig, denn Konsens im kollektiven Gedächtnis lässt sich allzu leicht mit Objektivität verwechseln.

Genauso wie die Entscheidung für ein Motiv höchst subjektiv ist, bleibt meiner Meinung nach auch die Betrachtung und Beurteilung des Fotos eine höchst subjektive Angelegenheit.

Martin: Und ist genau diese Spannung nicht das, was es heute so schwer macht, zu beurteilen, was ein gutes Foto ist? Dieses Alles-oder-nichts? Die vielen verschiedenen Faktoren? In diesem Chaos wird es immer schwer bleiben, ein Foto und auch ein Motiv nach gut oder schlecht zu kategorisieren. Ich denke, wir sind in diesem Gedankenkarussell nicht allein, denn es wird sicher vielen anderen, die fotografieren so gehen wie uns.

Ein wichtiger Maßstab ist jedenfalls – und daran hat sicher niemand einen Zweifel – der eigene Geschmack. Doch mit jedem weiteren Maßstab, der unvermeidlich dazukommt – sei es nun ein Kunde, die Verwandtschaft oder die Community des Internets – wird es um ein Vielfaches komplexer.

Jedoch ist meiner Meinung nach ein einziger dieser Maßstäbe nicht per se als der entscheidende zu betrachten, denn immer dann fallen wir vom Pferd in die Drecksgrube namens Pauschalisierung, die stets ein Stück Kuchen für das ganze Ding hält.

Es kommen stets viele Faktoren zusammen und dazu gehört eben auch (nicht nur) das Motiv. Das Motiv entscheidet, was im Bild zu sehen sein wird und der Fotograf entscheidet, wie es zu sehen sein wird.

Robert: Aber machst Du denn ein Foto immer erst dann, wenn Du vorher abgewogen hast, ob es gut sein könnte? Da wirste ja verrückt! Ich denke, man muss einfach Lust auf das haben, was man fotografiert, das reicht schon völlig aus.

In sofern gebe ich Dir mit dem Geschmack ein bisschen recht, Martin, obwohl ich es lieber Interesse nennen möchte. Ob das eigene Interesse dann mit Bildern des kollektiven Gedächtnisses deckungsgleich ist (vorausgesetzt, dass einem das überhaupt wichtig ist), ist eine andere Frage – eine der richtigen Intuition.

Sebastian: Ich mache eigentlich auch die Bilder immer erst, wenn ich vorher abgewogen habe, ob es gut werden könnte, Robert. Ich verstehe aber auch die andere Richtung. Aber rumlaufen und Motive „entdecken“ und dann erst einmal überlegen und werten, ob und wie das ein gutes Bild sein könnte, egal, ob man einen persönlichen Bezug dazu hat oder nicht, gehört für mich auf jeden Fall zum Fotografieren dazu.

Vielleicht ist diese Motivauswahl auch eine gute Art, um der Ausgangsfrage näherzukommen: Vielleicht braucht ein gutes Foto ja nicht unbedingt ein gutes Motiv, aber einen Fotografen, der sein Motiv sehr gut aussucht.

Da kann man natürlich so Konsensmotive nehmen, die immer gehen (Katzenbabies!) und hat dann sicher ein populäres Foto, das sich weit verbreitet, aber ein gutes Foto ist es deswegen ja noch lange nicht, um auf dieses Manhattan-Bild zurückzukommen.

Mir sagt das irgendwie nicht viel, mal davon abgesehen, dass es natürlich ‘ne tolle Perspektive ist und es auf dem Cover mit der Typografie schick aussieht und journalistisch sicher eindrucksvoll ist. Aber ist das ein gutes Foto? Ich weiß nicht. Es ist eher so ein Kleinster-gemeinsamster-Nenner-Foto der Zeitgeschichte.

Normen: Mich haut das Manhattan-Foto auch nicht aus den Latschen, aber in dem Bewusstsein des ereignisreichen Zusammenhangs ist es durchaus ein gutes Foto. Das unterstreicht, dass ein gutes Foto oftmals mehrere Dinge braucht. Manchmal sagt uns das Motiv nichts oder es erscheint auf den ersten Blick trivial, sobald aber eine Entstehungsgeschichte bekannt ist, kann das Motiv eine interessante Wirkung auf den Betrachter haben.

Auf die gleiche Weise kann sich die Beurteilung eines Fotos auch im Laufe der Zeit verändern. Ein Foto, welches heute eher unbedeutend erscheint, kann für nachfolgende Generationen ein wichtiges Foto sein.

Am Ende steht auch hier der Betrachter und dieser kann im Laufe der Zeit ein und dasselbe Foto unterschiedlich bewerten. In meinen Augen zeigt das, wie schwierig es ist, ein Foto oder Motiv für gut oder schlecht zu halten.

Robert: Ganz genau.

Martin: Werden wir doch mal praktisch: Was ist für Euch ein schlechtes Motiv? Der Titel unserer Diskussion baut ja ein wenig darauf auf, was ein gutes Motiv ist.

Sebastian: Ich würde spontan sofort antworten: Jedes Motiv kann ein schlechtes Motiv sein, sofern der Fotograf keinen eigenen Bezug dazu hat. Das widerspricht natürlich erst einmal total der „Fotografie ist Handwerk“-These, aber ich denke wirklich, dass sich Gleichgültigkeit oder gar Widerwillen gegenüber einem Motiv auch in der Qualität der Arbeit widerspiegeln. Das ist die emotionale Seite.

Objektiv schlechte Motive sind meiner Meinung nach dagegen die, die schon eine Milliarde mal von allen Ecken und Enden abfotografiert wurden und eben die, bei denen das Motiv selbst eher der Star ist, weil es eben so geformt ist, wie es geformt ist oder an sich toll aussieht. Das objektiv schlechteste Motiv überhaupt ist für mich zuerst einmal ein anderes Foto ohne jeden Kontext, danach ein anderes Kunstwerk, das neutral abgelichtet wurde, dann irgendein Bauwerk, bei dem das Bauwerk der Eyecatcher ist. Generell vielleicht Dinge, in die der Fotograf selbst nichts reinlegt.

Robert: Damit, dass sich emotionale Gleichgültigkeit gegenüber dem Fotografierten auch im Ergebnis abbildet, gehe ich sofort mit, Sebastian.

Verbundenheit zum Fotografierten ist bei einem künstlerischen Ansatz vielleicht besonders wesentlich (weil es eben um die eigene Vision von etwas geht), aber sie ist auch für eine gute kommerzielle Arbeit essentiell.

Auf Deine Frage, Martin, antworte ich: Ein Motiv kann nicht an sich gut oder schlecht sein. Ich würde eher weiter gehen und sagen, dass es entweder eins ist oder eben keins, je nachdem, ob man für sich (aus der Perspektive des Fotografen bei der Aufnahme) in der Lage ist, einen Bezug herzustellen.

Ich denke, die Grundbedeutung des Begriffs Motiv in Malerei und Fotografie als dem Gegenstand des Bildes ist zudem ein wenig zu stark auf das fertige Bild und die Perspektive des Betrachters eingestellt und zu wenig auf die des Bildschöpfers.

Nicht zuletzt sind der Bezug des Fotografen zum Fotografierten und das Warum grundlegend für das Bild. Der Fotograf ist gewissermaßen Täter und weil die Entscheidung, das Foto zu machen stattgefunden hat, existiert es.

Nicht nur was abgebildet ist, sondern auch warum, ist eigentlich das Motiv.

Und ob es gut oder schlecht ist, wer soll das glaubwürdig beurteilen?


kwerfeldein – Fotografie Magazin

 
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