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kwerfeldein diskutiert: Wo fängt Bildbearbeitung an und wo hört sie auf?

04 May

Fehler beseitigen oder Dinge verändern? Die Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung erlauben uns inzwischen weitreichende Veränderungen an dem Material, das unsere Kamera einfängt. Ganze Kunstgenres basieren auf digitaler Bearbeitung von Bild oder Filmmaterial, Fotomanipulationen taugen aber auch immer wieder für politische Skandale oder weitreichende Diskussionen über das konstruierte Schönheitsideal unserer Gesellschaft, dem nicht einmal die Modelle mehr entsprechen.

An welchem Punkt wird aus Retusche eigentlich Manipulation? Gibt es diesen Punkt überhaupt wirklich oder muss ihn jeder für sich finden? Die Grenzen sind seit jeher fließend und jeder hat eine Meinung dazu: Was geht noch? Was geht nicht mehr? Was ist der Unterschied zwischen einer Fotomanipulation und einem retuschierten Foto?

Lügen Fotos nie oder lügen sie im Gegenteil eigentlich immer und nur im manchen Fällen etwas weniger? Die kwerfeldein-Redaktion diskutiert darüber, was eigentlich Fotografie und was schon etwas anderes ist und warum Purismus vielleicht doch auch eine Option ist…

Martin: Fakt ist, dass jedes Genre in der Fotografie eigene – manchmal auch ungeschriebene – Regeln zum Umgang mit der Bildbearbeitung hat. Schauen wir in die Landschaftsfotografie, dann gehören HDRs schon fast zum Inventar, wohingegen die Straßenfotografie als solche weitläufig wesentlich dokumentarischer daherkommt und auch ausbrennende Lichter akzeptiert.

Dass es hier auch Ausnahmen gibt, die die Regel(n) bestätigen, möchte ich jedoch noch hinzufügen, denn es gibt hier keine Gesetze, sondern nur viel und weniger genutzte Möglichkeiten. Auch im Fotojournalismus wird die oben angeführte Diskussion viel energischer betrieben als beispielsweise in der Portraitfotografie, die eigentlich alles erlaubt.

So ist es schwierig, per se zu sagen: „das ist zu viel oder zu wenig nachberbeitet“, sondern meiner Meinung nach muss hier auch immer der fotografische und inhaltliche Kontext mitbeachtet werden.

Sebastian: Also grundsätzlich würde ich dem zustimmen, dann aber gleich mal die Frage stellen, ob man nicht genau diese Prinzipien komplett über den Haufen werden sollte oder sogar muss, wenn man kreativer sein will als der Rest. Du kennst ja auch die Streetportraits von Lee Jeffries, Martin. Stark nachbearbeitet, wenn auch auf eine Art, die das Bild an sich nicht verändert. Und genau mit dem dramatischen Effekt ist er extrem erfolgreich.

Das ist jetzt vielleicht ein Grenzfall, aber ich würde diese Regeln grundsätzlich für komplett wertlos erklären, vielleicht mit Ausnahme des Fotojournalismus, wo „Authentizität“ das wichtigste Merkmal ist. Wobei ich aber auch die Frage stellen würde, ob Fotografie überhaupt jemals authentisch in dem Sinne sein kann oder ob man mit Brennweite, Blende und Perspektive (geschweige denn das Raw fertigstellen, nachschärfen etc.) nicht auch schon die Realität verändert.

Martin: Natürlich. Ich glaube, dass der Realitätsanspruch auch überflüssig ist. Aber das Maß, in dem nach einer Aufnahme an einem Bild gedreht wird, ist für mich hier entscheidend.

Und ja, Lee Jeffries macht großartige Fotos, jedoch würde ich hier die Maxime gern in Richtung Portrait verschieben, denn für mich ist das keine Straßenfotografie, die Lee betreibt. Und im Bereich Portrait gelten ganz andere ungeschriebene Gesetze.

Und gerade bei ihm ist für mich persönlich nicht die Bildbearbeitung das, was heraussticht, sondern seine Nähe und Identifikation mit den Leuten, was auch in den Aufnahmen deutlich wird.

Und ich meine, dass es, um kreativ zu sein nicht zwingend erforderlich ist, Vorgaben zu brechen. Zumindest nicht in erster Linie. Klar ist das ein Teil der Selbstreflexion (was will ich tun, wo will ich hin), aber ich würde hier lieber das Augenmerk auf „was will ich“ legen als auf „was will ich nicht“.

Ich denke, dass die Bildbearbeitung immer ein Teil des fotografischen Prozesses ist – auch, wenn ein Mensch ganz drauf verzichtet. Wie viel Gewichtung dem beigemessen wird, hängt für mich damit zusammen, was ein Fotograf „sagen“ möchte.

Marit: Auf die Frage von Sebastian habe ich gewartet, denn mit ihr beschäftige ich mich schon so lange. Kann Fotografie überhaupt authentisch sein? Wir geben dem Bild ja schon einen Rahmen, blenden andere Menschen oder Begebenheiten bewusst aus. Hier fängt die Manipulation doch schon an.

Martins Frage „Was will ich sagen?“ ist also der Anfang der ganz eigenen Geschichte. Das Beispiel Straßenfotografie finde ich dabei ganz gut. Ich kann beobachten und festhalten, aber ich kann mit dem Bildausschnitt die Aussage auch bewusst verändern. Der Betrachter des Bildes weiß dann nicht, was außerhalb des Bildes noch gewesen ist, um die Realität der Situation zu erfassen. Der Fotograf manipuliert die Situation und somit auch den Betrachter.

Die Bildbearbeitung führt das weiter. Wenn die Frage ist, was erlaubt ist und was nicht, ist die Antwort: Alles ist erlaubt. Brenzlig wird es, wenn wir bewusst in die Irre geführt werden und uns etwas verkauft wird, was nicht so da ist. Als Beispiel führe ich hier die Beauty-Maschinerie an, in der uns eine Realtität verkauft wird, die so nicht existieren kann, aber ganze Generationen einem vernichtenden Selbsturteil überlässt.

Sebastian: Irgendwie lese ich bei Euch raus, dass es ungeschriebene Gesetze zur Bearbeitung für verschiedene Bereiche der Fotografie gibt. Ich beobachte das auch, dass zum Beispiel eine Form von Fotografie möglichst „authentisch“ (was immer das auch ist) gehalten werden soll, bei der anderen darf rumgebastelt werden, was das Zeug hält. Natürlich beobachte ich diese Gesetze auch und habe sie irgendwie „verinnerlicht“, aber die Frage wäre für mich: Woher kommt das eigentlich und was soll das?

Wenn ich mir so angucke, welche Bilder bei mir einen Eindruck hinterlassen, dann sind das oft ganz triviale Szenen. Was sie stark macht, sind Licht, Ausschnitt, Schwarzweißtechniken – also die „Aufhübschung“ der Realität über Komposition und natürlich auch Bearbeitung. Ein flaches Blitzbild von einem Blumengesteck und ein Schwarzweißstillleben mit schönem Schärfeverlauf: Zwei völlig unterschiedliche Welten. Und doch dasselbe Motiv.

Ich würde ableiten, dass eigentlich alles „bearbeitet“ ist. Was macht es also für das Bild für einen Unterschied, ob in einer Straßenszenerie Dinge verändert werden? Wenn ich zum Beispiel eine Person aus einer Mehrpersonenszene rausretuschiere, weil das Bild dann stärker wirkt: Ist das „unethisch“, weil es dann nicht mehr „echt“ ist? Es bleibt ja so oder so ein vom Fotografen konstruiertes Abbild der Realität, nicht die Realität.

Marit: Es ist der Anspruch, den ein Bild für sich beansprucht. Gehen wir doch mal ins Detail. Wer dokumentieren will, sollte eine Szene so belassen wie sie ist, nicht eingreifen. Er darf natürlich entscheiden, welchen Ausschnitt er wählt; er muss sogar entscheiden, welcher Ausschnitt die Situation so wiedergibt, wie er glaubt, sie selbst wahrzunehmen. In der Bearbeitung kann er angreifen, aber es muss im Verhältnis zum dokumentarischen Charakter stehen. Das Rausretuschieren einer Personen aus solch einer Szene wäre für mich ein No-Go.

Aileen: Man muss ja nicht einmal so weit gehen, etwas raus oder hinein zu retuschieren. Aktuell* wird beispielsweise der diesjährige Gewinner des World Press Photo diskutiert.

* Wir haben unsere Diskussion bereits im Februar begonnen.

Dabei geht es wohlgemerkt nur um eine leichte Veränderung der Tonung, die aber als so dramatisch empfunden wird, dass sie vielleicht das Urteil der Jury beeinflusst hat. Und damit überhaupt die allgemeine Wahrnehmung aller Betrachter.

Marit: Die Diskussion um dieses Bild finde ich affig. Da müsste man dann auch darüber diskutieren, ob Schwarzweiß-Fotografie überhaupt für Dokumentarbilder eingesetzt werden darf, denn dort ist die Wirkung und somit die Wahrnehmung eine andere.

Martin: Wir sprechen hier die ganze Zeit von Realität und „echt“ und die Frage geht für mich auch ein wenig darauf zurück: Wie wollen wir Abschattungen oder Variationen der Realität besprechen, wenn immer noch diese Frage im Raum ist? Sie scheint mir ein fester Begriff zu sein, als ob wir die Realität anfassen, malen und definieren könnten. Aber wie wollen wir bestimmen, was näher an oder weiter weg von der Realität ist, wenn diese selbst so abstrakt ist? Schwierig. Denn niemand kann sagen: So war es und nicht anders.

Michael: Ja, die Realität, wie soll man sie überhaupt fotografisch einfangen? Für mich gehört da mehr dazu, als nur das Gesehene zu dokumentieren. Wir erleben unserer Umwelt ja auch mit all unseren Sinnen – wenn wir nicht gerade Schnupfen haben und kaum etwas riechen. Zudem ist die Wahrnehmung von Person zu Person unterschiedlich.

Deshalb finde ich es auch gar nicht verwunderlich, dass bei der Bearbeitung von Fotos die Ergebnisse so stark auseinander gehen. Der eine versucht, mit der Bildbearbeitung etwas von seinen Gefühlen mit einfließen zu lassen, der nächste möchte einfach nur, dass es dramatischer aussieht, weil es ihm so besser gefällt und wieder ein anderer hat sich vor Ort genaue Notizen gemacht und versucht nun in der Bildbearbeitung, seine Realität möglichst genau wiederzugeben. Auch gibt es Fotografen, die Fotos bearbeiten, weil es vom Auftraggeber so erwartet wird.

Wenn man nicht verstanden hat, was der Fotograf mit der jeweiligen Bearbeitung bezwecken möchte, sollte man sie auch nicht kritisieren. Das ist es, was mich am meisten nervt. Immer wieder wird rumgenörgelt an bearbeiteten Fotos. Die meisten Nörgler verstehen nicht einmal, worum es dem Fotografen geht. Für mich ist Fotografie eine Kunstform und somit ist ein Foto erst einmal nicht an irgendeine Realität gebunden. Ich versuche trotzdem, meiner Realität nahezukommen und habe selbst ein paar Richtlinien, was in der Bearbeitung für mich erlaubt ist und was nicht. Aber das gilt für meine Fotos und was ein anderer Fotograf für Richtlinien hat, ist seine Sache.

Was am Ende zählt, ist doch das Ergebnis. Wenn das gefällt, ist mir eigentlich egal, wie stark es bearbeitet wurde. Wenn ich selbst nörgle, dann vielleicht mal an der Qualität der Bearbeitung. Das ist auch ein Bereich, in dem ich selbst für Kritik empfänglich bin.

Um noch einmal auf den Anspruch, den ein Bild für sich beansprucht, zurückzukommen: Möchte man dokumentieren, hat man wohl andere Richtlinien für die Bearbeitung der eigenen Fotos. Erzählt man zudem den Menschen, die Fotos dokumentieren die Wirklichkeit und sind kaum bearbeitet, dann muss man sich wohl auch an allgemeine Regeln halten.

Ein Problem ist hier meiner Meinung nach fehlende Ehrlichkeit. Wenn versucht wird, ein bearbeitetes Foto der Masse als unbearbeitet zu verkaufen, leidet die Glaubwürdigkeit. Bei Fotowettbewerben war das im letzten Jahr leider einige Male der Fall. Meist, weil die Wettbewerbsbedingungen nicht richtig gelesen wurden. Wobei ich die oben angesprochene Diskussion auch etwas lächerlich finde. In diesem Genre gibt es sehr starke Meinungen, was erlaubt ist und was nicht.

Aileen: Mir scheint fast, dass wir uns alle ziemlich einig sind, dass man sehr viel machen kann und in den meisten Genres auch darf. Ich frage mich dann: Warum ist das Thema trotz allem noch so brisant? Wo wird es Eurem Gefühl nach brenzlig und warum eigentlich?

Sebastian: Ich glaube, das Thema ist einfach deswegen so brisant und kommt immer wieder, weil die Fotografie in der Hinsicht so ein besonderes Medium ist. In allen anderen Kunstrichtungen würde diese Frage ja nicht wirklich in der Form auftauchen, da gehört subjektive Wahrnehmung und Darstellung meistens dazu – sogar in journalistischen Textreportagen ist es die Sprache und die Wahrnehmung des Autors, die alles ausmacht. Aber dadurch, dass Fotografie vermeintlich „objektiv“ sein kann, taucht immer wieder auf, ob sie es auch sein muss oder soll. Das macht für mich auch den Reiz aus, darüber in verschiedenen Kontexten nachzudenken.

Was Wettbewerbe angeht, verstehe ich aber, warum es da immer wieder solche Skandälchen gibt. Die Wettbewerbe machen halt ihre Regeln und das hat dann irgendwie mit Chancengleichheit zu tun, um die Bilder besser gegeneinander zu stellen. In dem Fall ist zu starke Manipulation ja ein bisschen wie Doping – zumindest, wenn man sich mal anguckt, was so richtig gute Bildbearbeiter manchmal aus Fotos rausholen können.

Martin: Wir müssen uns eben auch darüber im Klaren sein, dass Fotos nicht nur dort existieren, wo sie von Fotografen als „Fotografie“ diskutiert und definiert werden. Fotos durchziehen die gesamte Print- und Onlinelandschaft und einen nicht wegzudenkenden Teil der journalistischen Berichterstattung. Außerdem sind sämtliche Social-Media-Kanäle durchspült von Bildern.

Die Gesellschaft dokumentiert sich zunehmend selbst und das ganz ohne fotografischen Anspruch. Der einzige Anspruch, der hier gilt, ist: Dokumentieren.

Und somit ist die Fotografie ein Mittel, das in großen Teilen überhaupt keinen künstlerischen, sondern eher einen Wahrheitsanspruch inne hat, auch wenn das so keineswegs artikuliert wird. Ein Titelbild auf Spiegel Online? Wird schon so stimmen.

Hoffen wir’s. Und all das wirkt auch in die Diskussionen unterschwellig hinein, die von Fotografinnen und Fotografen geführt werden. Denn wir schreiben uns schließlich auf die Fahnen, das Mittel Fotografie zu beherrschen.

Marit: Nach all den facettenreichen Ansichten wird klar, dass man das Thema nicht so einfach betrachten kann. Es hängt immer davon ab, in welche Sparte wir ein mit digitalen Sensoren oder auf Film aufgezeichnetes Bild einordnen. Ob, wie Martin sagt, als Dokumentation oder, wie Michael es benennt, als emotionales Landschaftsportrait oder, wie Sebastian es andeutet, das Foto als Ausgangspunkt für Fotomanipulationen.

Aileen: Hattet Ihr selbst denn schon einmal bei eigenen oder fremden Bildern das Gefühl, dass eine Bearbeitungsgrenze überschritten wurde oder Ihr dabei wart, eine zu überschreiten?

Bei mir war es so, dass sich diese Grenzen über die Jahre, in denen ich mich praktisch mit der Fotografie beschäftigt habe, immer weiter ausgeweitet haben. Heute habe ich wenig Skrupel, zum Verflüssiger zu greifen, ganze Objekte aus einem Bild zu retuschieren oder aus mehreren Bildern ein ganz neues zu machen, das dann wieder aussieht, als wäre es genau so aufgenommen – sofern ich diese Maßnahmen als Bereicherung für die Wirkung meines Bildes empfinde. Da es sich dabei aber meistens um Portraits handelt, bin ich mir durchaus der Tatsache bewusst, dass viele Betrachter sich „hinters Licht geführt“ fühlen dürften, wenn sie wüssten, was mit einigen Bildern passiert ist.

Sebastian: Marit, den Punkt finde ich sehr, sehr interessant, auch in Bezug auf das, was Martin vorher gesagt hat. Ein Foto ist dann eine Dokumentation, wenn der Betrachter es so sehen will oder so sieht. Vielleicht entstehen die großen Diskussionen und Missverständnisse oft dann, wenn das nicht übereinstimmt mit dem, was der Fotograf da hineinlegen wollte. So eine überschrittene „Bearbeitungsgrenze“, wie Aileen das sieht, entsteht dann bei jedem irgendwann, der mit einer Erwartung an ein Bild rangeht.

Ich nehme mich da selbst gar nicht aus, ich habe trotzdem selbst so eine Grenze. Gerade bei so super geairbrushten Modelfotos auf Zeitschriftentiteln (am besten noch mit übersättigten Farben) denke ich oft: Uärghs, geht gar nicht. Nicht wegen des moralischen Aspekts (der kommt natürlich auch dazu: falsches Schönheitsideal), sondern weil das einfach meinem eigenen ästhetischen Anspruch an Fotografie total zuwiderläuft.

Martin: Witzigerweise verhält sich meine Entwicklung bezüglich der Bearbeitungsgrenze genau umgekehrt wie die von Aileen – und das hängt nicht nur mit dem Genre zusammen, das ich heute bediene. Früher habe ich mir eigentlich alles erlaubt, heute sind für mich Kontraste, Helligkeit, Sättigung und maximal Farbtemperatur alle Parameter, die ich an meinen Fotos verändern möchte.

Grenzüberschreitungen bei anderen stelle ich natürlich auch fest, klar. Die Frage ist jedoch auch, wie ich damit umgehe. Da es sich nicht um meine eigenen Fotos handelt, wäre ich der Letzte, der daran rumkrittelt, denn es gibt nichts Schlimmeres als ungefragte Kritik (in meinen Augen). Ausnahme: Der von Sebastian angesprochene Fall der Mode(l)fotografie, jedoch bin ich so privilegiert, dass ich mir so etwas nur selten anschauen muss.

Marit, wie ist das denn bei den analogen Fotografen? Gibt es da solche heißgeführten Diskussionen auch oder eher selten? Beabeitet wird da ja schließlich auch…

Marit: Wie es im Allgemeinen bei den Fotografen ist, die auf Film fotografieren, kann ich ebenso wenig sagen wie Ihr. Eine Dunkelkammer ist eben eine Dunkelkammer, ob im Bad mit verdunkelten Fenstern oder am Computer. Verändern kann man ein Bild immer. Das ist und bleibt eine persönliche Grundeinstellung.

Ich versuche lediglich, aus dem Bild das Beste rauszuholen. Ich arbeite mit Gradationsfiltern, wähle den Ausschnitt des Bildes und helle manchmal Stellen im Bild auf. Das ist die einzige Bearbeitung, die ich einem Bild anheim fallen lasse. Das ist aber eine sehr persönliche Sicht, denn ich denke, dass ich während der Aufnahme schon das im Bild habe, was ich gesehen und gefühlt habe.

Hinterher möchte ich daran nichts mehr verändern, nichts hinzufügen, nichts wegnehmen. Ich möchte zeigen, was in der Realität möglich ist, was zeigbar ist. Ich bin wohl so streng gegen nachfolgende Manipulationen am Bild, weil ich etwas Haltbares in dieser Welt brauche und suche. Man könnte sagen, ich bin ein surrealisitscher Realist, was die fotografische Sprache angeht.

Michael: Ich bewege mich mit meiner Bildbearbeitung eigentlich immer an einer Grenze und das ist auch nötig, weil knapp vor dieser Grenze für mich das optimale Bildergebnis liegt. Aber diese Grenze ist einzig durch meinen eigenen Geschmack und meine Erwartungen an das Ergebnis festgelegt. Für andere ist diese Grenze vielleicht woanders, weil sie, wie Sebastian schon sagt, andere Erwartungen an die Fotografie haben.

Man sollte nur nicht den Fehler machen, die Erwartungen, die man an die eigenen Fotos hat, auch auf die Fotos anderer zu projizieren. An der Stelle entstehen dann oft diese hitzigen Diskussionen. Ich sehe auch oft Fotos, die meine Grenze überschreiten oder so deutlich unterschreiten, dass es mir nicht gefällt. Aber ich halte es da meistens wie Martin und enthalte mich der ungefragten Kritik.

Martin: Was meiner Meinung auch eine gute und respektvolle Haltung anderen gegenüber ist, denn so lasse ich stehen, was mir missfällt und finde dennoch eine eigene Arbeitsweise. Meinung ist wichtig – die Frage ist jedoch, in welchem Rahmen sie geäußert wird.

Sebastian: Vielleicht sollte man sich insgesamt etwas damit zurücknehmen, seinen Geschmack in der Fotografie anderen überzustülpen – das gilt insgesamt und natürlich auch speziell bezüglich der Bearbeitung. Sonst ist man schnell an dem Punkt, dass Leute sich gegenseitig erklären, dass irgendetwas „gar nicht geht“.

Erlaubt ist meiner Meinung nach das, was machbar ist, was ästhetisch oder einfach „gut“ aussieht – was immer das heißt, muss jeder selbst entscheiden – oder das Bild in die Richtung bringt, die ich zeigen mag. Bei Wettbewerben und im journalistischen Kontext gibt es da natürlich Rahmenbedingungen, die man beachten muss – aber in freien Arbeiten? Soll jeder das tun, was er für sich als richtig erachtet, denke ich.


kwerfeldein – Fotografie Magazin

 
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kwerfeldein diskutiert: Über Kopie, Inspiration und Idee

09 Feb

Vor ein paar Wochen trudelte bei uns folgender Kommentar ein, den wir mal ganz mutig aus dem Zusammenhang reißen und lesen:

„Allein die Flut solcher Bilder im Internet verrät, dass es sich hierbei um ein massenkompatibles Sujet handelt. Mir erschließt sich der Sinn solcher Bilder allerdings nicht so ganz. Was will der Fotograf hier zeigen? Der inflationäre Umgang mit dem Graufilter und das beharren auf einer Schwarzweiß-Wiedergabe stempelt die Aufnahmen für mich als reine Effekthascherei ab. Warum wird hier nicht mal mit Farben, Kontrasten und Perspektiven experimentiert? Zugegeben, es gibt wirklich wenige Fotografen, die auf dem Gebiet der Landschaftsfotografie neue Sichtweisen vermitteln können, aber ewig auf den selben Effekten herumzureiten kann es nun auch nicht sein. Dann lieber mal den Deckel auf dem Objektiv lassen, und einfach nur spazieren gehen.“

Martin: Daraus ergeben sich viele Fragen, denen wir uns in den nächsten Zeilen bewusst ausgesetzt haben: Macht es Sinn, ein Foto zu machen, das in dieser Form schon einmal ungefähr so gemacht wurde? Ist es erstrebenswert, immer nach Neuem zu suchen oder auch legitim, Vorhandendes weiterzutragen? Oder sollten wir doch lieber gleich „den Deckel auf dem Objektiv lassen und einfach nur spazieren gehen“?

Robert: Zuerst einmal finde ich es wichtig, zu verstehen, mit welcher Motivation Menschen Fotos machen. Und vielleicht hilft es auch für die Beantwortung dieser Fragen, einmal die zwanghafte Fotografie-ist-Kunst-Projektion auszublenden.

Frei nach Susan Sontag: Die meisten Leute, die ein Aufnahmegerät bedienen können, fotografieren gar nicht mit dem Drang, zwangsläufig Kunst zu machen.

Wie bei jedem Massenphänomen ist es für die meisten einfach ein Vergnügen oder Teil eines sozialen Ritus und vielleicht auch einfach das Bedürfnis, Erinnerungen festzuhalten, zu sammeln und mit anderen zu teilen.

Dass auf diese Weise verschiedene Fotografen bildinhaltliche Dopplungen erzeugen, ob nun absichtlich oder unbewusst, ist einfach Teil des Massenphänomens, sich mit Bildern über Erlebnisse und Erfahrungen auszutauschen.

Jemandem zu sagen „Mach das Foto nicht, das gibt es schon.“ wäre etwa vergleichbar mit „Halt bloß die Klappe. Den Satz, den Du gerade sagen willst, haben schon 3.972 Menschen vor Dir gesagt.“

Martin: Womit Du die Fotografie mit der alltäglichen Kommunikation vergleichst. Was mir sehr gut gefällt, denn zu solchen Zwecken wird sie ja auch eingesetzt. Und in einem Gespräch wird oft das noch einmal unterstrichen, was vorher jemand anderes gesagt hat.

Dass es sich hierbei nie exakt um das Gleiche handelt, hört man schon an der Stimme. Und diese lässt sich, um den Kreis zur Fotografie wieder zu schließen, auch in der Fotografie wiederfinden. Denn 100% kopieren, das will mit Sicherheit niemand, zumindest nicht auf Dauer. Wie sehen das die anderen?

Normen: Ich finde es grundsätzlich in Ordnung, wenn man während der eigenen Entwicklung in der Anfangszeit versucht, andere Fotografen zu „kopieren“, jedoch sollte man in so einem Fall dann so ehrlich sein und die Quelle der Inspiration mit angeben. Damit können die meisten kopierten Fotografen leben und der Kopierende bricht sich dabei nicht wirklich einen Zacken aus der Krone.

Ist es nicht oft sogar gut, ein ähnliches Foto noch einmal zu machen? So gibt es unzählige Fotos der Golden Gate Bridge, viele davon hätten nicht gemacht werden müssen, andere hingegen sind es absolut wert.

Katja: Normen, klar sind es einige absolut wert. Aber sind das nicht genau die wenigen, die aus einer anderen, selteneren Perspektive fotografiert wurden? Oder bei denen zum Motiv der Brücke noch weitere seltenere Gegebenheiten kommen, wie Nebel oder der Sonnenuntergang? Und damit sind diese wenigen doch keine einfachen Kopien mehr.

Den Versuch, ein Foto 1:1 kopieren zu wollen, kann ich zum Teil nachvollzielen. Es ist sicher eine Herausforderung und man kann dabei etwas über Technik, Licht und so weiter lernen. Was ich nicht verstehe, ist, dass diese Motive dann stolz gezeigt werden.

Und das geschieht sehr oft, wenn ich mir die Communities ansehe. Ich denke da gerade an das Motiv mit dem Ring zwischen zwei Buchseiten, dessen Schatten ein Herz wirft. Das habe ich schon so unglaublich oft gesehen und klicke meist direkt weg, egal wie gut es gemacht ist.

Normen: Da hast Du natürlich recht, dass die besseren Fotos irgendwelche Besonderheiten aufweisen.

Aber in mich hineinblickend kann ich sagen, dass ich es mir wohl kaum verkneifen könnte, ein Foto von der in Nebel gehüllten Brücke zu machen, obwohl ich weiß, dass es Fotografen gibt, die dies schon besser gemacht haben als ich. In dem Moment würde es mir auch nicht in den Sinn kommen, jemanden zu kopieren, da ich gar keine Vorlage zur Kopie im Kopf hätte.

Von daher würde ich jetzt erst einmal die Meinung vertreten, dass es in Ordnung ist, wenn man Fotos macht, die es in ähnlicher Weise schon gibt. Gerade in der Entwicklungsphase ist es sicherlich in Ordnung, sich an anderen Fotos zu orientieren, bevor man sich gar nichts mehr traut und lieber zu Hause bleibt.

Wie sehr beschäftigt Euch eigentlich der Gedanke, etwas Neues zu schaffen?

Martin: Aktuell überhaupt nicht. Ich habe einfach genug damit zu tun, viele gute Fotos zu machen und mir ist es letztendlich egal, wer wie wann wo was schon einmal gemacht hat. Der Vergleich mit anderen war bei mir nach den ersten drei Jahren Fotografieren gegessen, davon habe ich mich bewusst getrennt, weil mich das zu sehr unter Druck gesetzt hat.

Beim Fotografieren auf der Straße nehme ich alles auf, was irgendwie toll aussieht. Da schalte ich den Kopf aus und mache einfach, solange die Konzentration reicht. Hinterher suche ich dann die besten aus. Natürlich kann es sein, dass jemand ein Foto dieser Art schon einmal gemacht hat. Damit habe ich aber kein Problem.

Ich denke sowieso, dass niemand einfach aus sich heraus etwas Neues erschaffen kann. Denn wir sind nun einmal von anderen beeinflusst, ob wir das wollen oder nicht. Zu sagen, man mache etwas „ganz Eigenes“ ist für mich etwas naiv, denn jeder ist inspiriert von der Arbeit anderer und das beeinflusst – wenn auch nur unterbewusst. Und das ist auch gut so, ich finde daran nichts Schlechtes.

Wie würdest Du, Robert, die Frage von Normen beantworten?

Robert: Wenn ich ehrlich bin, steht für mich selbst gar nicht im Vordergrund, zwanghaft etwas Neues zu schaffen. Gut zu sampeln, das heißt, Vorbilder* zu sammeln, sie anders zu mischen, über Lücken und Brüche mithilfe der eigenen Vorstellungskraft hinweg zu improvisieren und so insgesamt etwas zu schaffen, womit ich selbst zufrieden bin, ist eigentlich alles. Fotografie ist Jazz. Nebenbei bemerkt ist auch dieser Satz nur geliehen.

* Hier wäre eigentlich „Vorideen“ ein angemessenerer Begriff als Vorbilder. Gerade die Inspiration aus fotofremden Bereichen ist mitunter würziger als die Wurst aus der eigenen Brühe.

Ich finde übrigens Katjas Bildbeispiele für den Ring, der einen herzförmigen Schatten auf die Seiten eines aufgeschlagenen Buches wirft, sehr interessant. Nicht wegen des Bildes selbst, sondern eher, weil Katja hier anhand eines Begriffes (der wiederum als Idee auf einem Bild basiert) relevantes Material aus den Datenbanken (hier: Flickr und Fotocommunity) herausgefiltert hat.

Die auf verfügbare Daten anwendbare Suchfunktion ist also das technische Hilfsmittel, das uns überhaupt erst zu erkennen ermöglicht, dass es viele solche sich ähnelnde Bilder gibt. Ich finde die Überlegung interessant, ob wir uns die eingangs gestellte Frage auch gestellt hätten, wenn es dieses technische Hilfsmittel nicht geben würde. Vielleicht führt das jetzt aber auch zu weit…

Normen: Vermutlich hätten wir anders argumentiert. Überlegt doch mal, wie lange das Internet erst als Instrument der Verbreitung genutzt wird. 15 Jahre? 20 Jahre? Weitergedacht werden in den kommenden 50 Jahren noch unfassbar viele Fotos gemacht werden und man wird immer mehr den Eindruck gewinnen, dass es alles schon gegeben hat und man nichts Neues mehr macht.

Ich denke auch, dass es oftmals auch eine Sache des Geldes ist, vorhandene (neue) Ideen umzusetzen. So würden sicherlich viele Fotografen gern Fotos mit einem Aufwand ähnlich wie bei Gregory Crewdson machen und so mancher Landschaftsfotograf würde sicherlich gern einen Helikopter haben, um andere Perspektiven zu bekommen.

Ich denke, dass man in seinem Sujet die Fotos einfach mit Liebe und Leidenschaft machen sollte. Diese Herangehensweise führt dann dazu, dass man eine eigene Bildsprache entwickelt und möglicherweise dann auch als Vorbild für andere dient.

Katja: Das klingt, als wären wir uns alle einig. Jeder soll fotografieren, was er möchte, auch gern dasselbe Motiv. Und wenn die „Inspiration“ einverstanden ist, darf man das Bild auch veröffentlichen. Warum auch immer man das möchte. Dieser Teil erschließt sich mir nach wie vor nicht.

Wurde denn schon einmal jemand von Euch auf irgendeine Art und Weise kopiert?

Robert: Naja, Katja, ich verstehe schon, dass es Dich verwundert, wenn mehrere Autoren das augenscheinlich gleiche Bild machen und dann stolz das Resultat auch (mit)teilen, womöglich noch so als wäre es auf ihrem eigenen Mist gewachsen. Die Motivation dafür steht, denke ich, kaum in irgendeinem nachvollziehbaren Zusammenhang mit dem Bild selbst.

Wenn man das Kopieren als legitim akzeptieren möchte, kommt es, finde ich, entscheidend darauf an, was eigentlich kopiert wird – ein Bild oder eine Idee?

Der massenhaft wiederholten Kopie eines Bildes kann man schnell überdrüssig werden, wie wir am Beispiel des Herzschattens schon festgestellt haben. Hingegen eine Idee zu kopieren, ist schwieriger und im direkten Vergleich mitunter weniger offensichtlich.

Und um nun endlich den Bogen mit einer Antwort auf Deine Frage zu schließen, Katja: Ja, es kam schon vor, dass Bilder, die ich gemacht habe, in technischer Weise imitiert wurden, wobei ich allerdings merke, dass meine Idee dahinter gar nicht verstanden wurde. Der „Look“ ist ähnlich, aber das „Warum“ fehlt. Respekt zolle ich Bildern, die mit einem Verständnis für das Warum ihrer Vorbilder diese kreativ nutzen und neu interpretieren.

Martin: Ja, auch von mir wurden schon Bildideen übernommen, ein und dasselbe Bild „kopiert“ hat aber noch niemand – und das geht technisch auch nicht, außer jemand klaut das Foto und setzt es bei sich in den Stream – was auch schon passiert ist.

In gewisser Weise bin ich jedoch davon überzeugt, dass wir alle kopieren, wenn auch nicht bewusst. Wir übernehmen einen Stil, eine Idee, eine Pose, eine Art, zu sehen und und und. Ich glaube, niemand kann von sich behaupten, etwas gänzlich Neues zu schaffen – denn wir alle sind in einem Netz (Web) von Menschen, die uns inspirieren.

Der Herzschatten ist ein gutes Beispiel dafür, wie Menschen imitieren. Bücher und Ringe sehen eben fast alle gleich aus, aber mit offener Blende Menschen auf der Straße fotografieren, da unterscheiden sich auch nur die Menschen und der Hintergrund – auch, wenn jedes Bild anders aussieht.

Wie gesagt: Ich finde es schwierig, hier von „klauen“ oder „kopieren“ zu sprechen, denn keiner ist eine Insel, wie schon Thomas Merton sagte.

Normen: Wenn man sich nun einmal umschaut, gibt es eigentlich in allen Richtungen, in denen etwas geschaffen wird, eine Art Epoche, also einen Stil, der für einen bestimmten Zeitraum besonders bevorzugt wurde. Sei es in der Architektur, der Malerei oder in der Musik; überall finden wir ähnliche Werke, die unweigerlich durch Inspirationen entstanden sind. Ich kann Martin also nur Recht geben. Es ist nicht möglich, sich nicht inspirieren zu lassen, selbst wenn man es nicht möchte.

Martin: Ich kenne ganz gut von mir selbst, dass mir das Streben nach Originalität manchmal sogar im Wege stand. Früher habe ich dann manchmal lieber gar kein Foto gemacht, als eines, das ich in dieser Form schon einmal gesehen hatte. Daraus entstand dann ein destruktiver Druck, der, zumindest was die Kreativität anbelangt, ein Schuss in den Ofen war. Kennt Ihr das auch? Oder läuft es bei Euch einfach?

Katja: Ich habe mir bisher keinen Druck bezüglich der Originalität gemacht, aber einige Ideen verworfen, wenn ich sie ähnlich öfter gesehen habe. Zum Beispiel gab es vor Kurzem viele kreative Portraitbilder, bei denen Mehl oder farbiges Pulver verwendet wurden.

Nachdem ich das erste Foto damit gesehen hatte, fand ich es großartig und überlegte, wie man dieses Pulver noch verwenden könnte. Die Tage darauf sah ich aber immer mehr dieser Bilder und verlor die Lust an dieser Idee; ja, sogar die Lust an den Fotos, die mich zu Beginn so faszinierten.

Versteht mich nicht falsch, ich finde Wiederholungen nicht an sich schlecht. Dass „I follow rivers“ von Triggerfinger gecovert wurde, ist großartig, denn die „Kopie“ ist viel besser als das Original. Aus „Covern“ kann auch in der Fotografie etwas Anderes und für mich Besseres, Interessanteres entstehen.

Vielleicht nimmt man sich mit dem Originalitätsdenken doch mehr Möglichkeiten als man manchmal denkt.

Robert: Ja, das sehe ich auch so. Wobei das Streben nach Authentizität und Originalität an sich erst einmal nichts Schlechtes ist. Es sollte nur nicht die oberste Direktive für das eigene Schaffen sein. Zu leicht baut man sich sonst einen Turm aus den Erwartungen eines ausgedachten Publikums und immer wieder Ausreden, um der eigentlichen Arbeit auszuweichen.

Und Martin, um auf Deine Frage einzugehen: Abgesehen davon, dass ich solche Situationen nur selten erlebe, gibt es, finde ich, überhaupt keinen Grund, ein Foto nicht zu machen, weil ich mich in diesem Moment an ein bereits existierendes Bild erinnere. Es kann ja auch sehr reizvoll sein, bewusst und unbefangen ein schönes Zitat zu erstellen, ohne sich zu ängstlich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob eine Kopie nun legitim ist oder nicht.

Man lernt auch nicht beim Nachdenken über seine Möglichkeiten, sondern beim Machen. Und virtuelle Ausreden zu konstruieren, weshalb man jetzt gerade nicht fotografieren sollte, ist nichts als hinderlich.

Martin: Da stimme ich Dir zu, Robert.

Und an dieser Stelle übergeben wir das Wort an unsere Leser. Wie seht Ihr das? Könnt Ihr unseren Gedanken folgen? Wo habt Ihr eine anderen Standpunkt? Wir sind gespannt und lesen mit.


kwerfeldein – Fotografie Magazin

 
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kwerfeldein diskutiert: Wie man (k)ein guter Fotograf wird

11 Jan

Liebe Leser, nachdem wir nun unsere erste Diskussion erfolgreich – ich würde schon fast sagen: – überstanden haben, wollen wir gleich ansetzen und die nächste nachschieben. Heute befassen wir uns mit den Mitteln und Wegen, um ein guter Fotograf zu werden – oder auch nicht. Darüber zerbrechen sich wohl seit Existenz der Fotografie Fotografen den Kopf. Und so auch wir.

Martin:
Na, dann wollen wir mal. Es gibt tonnenweise Bücher von und mit Fotografen, die ihre Theorien und Ansichten darüber präsentieren, was eine gute Entwicklung an der Kamera unterstützt. Was findet Ihr dahingehend essentiell?

Sebastian:
Es gibt ja nicht nur die ganzen Bücher. Sondern auch Tonnen von Foren, Webseiten, Blogs und so weiter und so fort, die alle dasselbe Ziel ausgeben: Wir erklären Dir, wie Du ein besserer Fotograf wirst. Ich würde das in drei Ebenen trennen. Einmal die technische Seite in der Theorie, die kann man sicherlich irgendwie aus Texten lernen. Aber eben nur theoretisch.

Dann die technische Seite in der Praxis, die kann man nur lernen, indem man so viel fotografiert wie möglich und zwar nicht nur irgendwelche Testbilder. Und das dritte, was ich eigentlich noch viel wichtiger finde, ist Bildaufbau, Komposition, Motivfindung. Das lernt man nicht aus Büchern, denke ich. Sondern, indem man sich einfach sehr viele Fotografien genau anguckt.

Aileen:
Punkt vier würde ich ergänzen bzw. aus Deinem Punkt drei noch erweitern: Das ist die Findung von Ideen und Konzepten für Fotos. Man muss meiner Meinung nach auch das lernen bzw. sein Gehirn, seine Wahrnehmung, seine unterbewusste Inspirationsmaschine auf die Fotografie einstellen. Das greift sicherlich in das technische und kompositorische Lernen hinein, weil man dann Erfahrungswerte hat, was als Foto gut aussehen wird und was nicht.

Aber noch grundsätzlicher ist das Finden einer Idee an sich, die mit Fotos (gut) umsetz- und transportierbar ist oder nicht. An den Grenzen gibt es dann Übergänge zu Fotomanipulation, Collagen, Mixed Media, Illustration, Malerei, Video, Text und so weiter.

An dem Punkt wird es aber genau genommen auch speziell, denn nicht für jedes Genre der Fotografie braucht man ausgefallene Ideen. Einige haben an dieser Stelle andere besondere Anforderungen wie die Recherche über besondere Orte und Wetterverhältnisse oder Erkundung von Lebensräumen und Gewohnheiten von Pflanzen und Tieren, um nur einige zu nennen.

Andererseits stellt sich dabei die grundlegende Frage: Wenn ich ein guter Fotograf werden will – welches Ziel habe ich? Star-, Berufs-, Hobby- oder künstlerischer Fotograf? Nur für mich, auch für andere oder möchte ich damit Geld verdienen? Je nachdem entstehen andere Schwerpunkte.

Martin:
Dazu kommt auch noch, dass Fremd- und Eigenwahrnehmung selten übereinstimmen, sondern weitklaffend auseinanderliegen. Fotografen großartiger Portfolios finden sich so lala und so mancher Einsteiger sieht sich schon neben Karl Lagerfeld in „Wetten dass…“. Ach ja, ganz oft werden manche Fotografen wie die liebe Vivian Maier erst lange nach ihrem Tod bekannt. Und das ist nur eines von vielen Beispielen.

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Wir für uns könnten „guter Fotograf“ ja so definieren: Maximum der eigenen Leistungsfähigkeit. Nun stellt sich die Frage: Wie komme ich da hin? Eins haben wir ja schon festgehalten, nämlich die Praxis hinter der Kamera. Ausnahme: Menschen, die sich selbst portraitieren, die sind nämlich auch davor. Doch es gibt noch viele andere Punkte, die hinzukommen, wie die folgende Frage, die generell im Unterbewusstsein viele Einsteiger eher Steine in den Weg wirft, als dass sie behilflich ist:

Denkt Ihr, dass Talent in diesem Kontext eine (große oder kleine) Rolle spielt?

Sebastian:
Ich glaube generell nicht so sonderlich an dieses ominöse Konzept Talent – auch wenn ich bei Fotografen, Musikern oder Künstlern, die ich bewundere, immer mal wieder dieser Idee vom Originalgenie, dem alles in die Wiege gelegt wurde, verfalle und mir vorstelle, wie genial derjenige sein Zeug einfach leichthändig umsetzt. In der Realität ist es wohl endloses Training und Training und Wiederholung.

Anders gesagt: Wenn ein Fotograf einer breiteren Öffentlichkeit das erste Mal auffällt, dann hat der meistens schon X Jahre Lern- und Übungszeit auf dem Buckel, in der er sicherlich auch viel Mist gebaut hat, das darf man nie vergessen, wenn man dann wieder über so ein Portfolio stolpert, bei dem man ein Bild besser als das andere findet.

So etwas wie absolute Naturtalente gibt es wohl in keinem Bereich, Säuglinge kommen ja nicht auf die Welt und fangen direkt instinktiv das Fotografieren an. Was ich aber schon glaube, ist, dass man in die falsche Richtung üben kann. Wer nur die Technik übt, aber nicht den Rest, der wird wohl eher kein guter Fotograf.

Marit:
Ich möchte den „guten Fotografen“ nicht nur so definieren wie Martin es beschreibt, sondern auch: Maximum der eigenen Leidensfähigkeit. Denn die gehört für mich dazu. Ich sehe das eher aus der emotionalen Ecke. Technik ist dann eher zweitrangig, man muss sie lediglich beherrschen. Eine Fotografie muss ja fesseln, den Betrachter anhalten, etwas zu fühlen.

Somit muss ein guter Fotograf auch mit Talent gesegnet sein. Talent definiere ich aber nicht damit, von Geburt an mit einer bestimmten Gabe ausgestattet zu sein, sondern eher über die Jahre dazuzulernen, in welcher Sparte auch immer. Im fotografischen Sinne setze ich da emotionale Intelligenz mit voraus, Situationen also richtig einzuschätzen, im richtigen Moment abzudrücken.

Oder auch Kommunikation mit Menschen, wenn es sich um Portraitfotografen handelt. Ich denke da vor allem gerade an Sally Mann. Der Fotograf ist mehr als die Summe seiner Teile, um mal mit Phrasen um mich zu werfen.

Aileen:
Ich denke, Talent spielt eine enorme Rolle. Ich habe sowohl schon Bilder gesehen, die gefesselt haben, obwohl die Technik nicht beherrscht wurde oder die Bildidee ganz einfach die technischen Möglichkeiten der verwendeten Kamera gesprengt hat und Fotografen, die unfassbar schnell unfassbar geniale Bilder gemacht haben.

Allerdings auch Bilder von Menschen, die schreiben, dass sie z.B. seit zehn Jahren intensiv fotografieren, die Ergebnisse sahen aber eher aus wie erste Versuche. Gut möglich, dass letztere solche sind, die Sebastian damit meint, dass man in die falsche Richtung üben kann, aber ich habe das bisher immer fehlendem Talent zugeschrieben.

Man kann auch hier mal andere Disziplinen als Vergleich betrachten: Kann man es lernen oder üben, gute Romane zu schreiben, Bilder zu malen oder Comics zu zeichnen? Auch da kann man die beschriebenen Phänomene finden und sich überlegen, ob man es Talent, Üben oder Lernen zuschreiben würde.

Martin:
Würdest Du, Aileen, dann sagen, dass Talent allein ausreicht und die Ausführung nur der Herstellung der Fotografie dient?

Aileen:
An der Frage selbst erkennt man ja eigentlich schon, dass Talent allein nicht (immer) ausreicht, denn erst durch die Herstellung der Fotografie kann man das Bild aus dem eigenen Kopf der Welt zugänglich machen. Es mag auch Menschen geben, die sogar das Talent für die Technik haben und sie spielend bedienen, aber ich schätze, dass die meisten nur das Talent für Ideen oder das Talent zum Lernen haben.

Marit:
Was ich noch interessant finde ist, inwieweit das äußere Umfeld mit dem Ausbilden von Fähigkeiten zu tun hat. Oder ganz anders gefragt: Was nimmt unsere Gesellschaft als Talent wahr und fördert diese? Ich sehe oft viele Bilder, da sage ich mir, der oder die könnte diese Bilder ebenfalls präsentieren, würde aber niemals in einer Ausstellung hängen. Ist das Prädikat „Talent“ also eher eine Feststellung von außen als von einem selbst?

Sebastian:
Aileen, kennst Du diese These von dem Psychologen Dr. K. Anders Ericsson, dass man so ungefähr 10.000 Stunden Übung braucht, um auf einem Gebiet wirklich gut zu werden? Ich finde das ziemlich einleuchtend und wenn ich es so denke, dann fällt der Punkt „Talent“ für mich eher raus. Talent ist dann vielleicht eher die Fertigkeit auf anderen Gebieten, die auch dazugehören, Vorstellungskraft zum Beispiel.

Oder Talent ist die Vorliebe, sich mit einer Sache auseinander zu setzen, so dass man auch wirklich mit Leidenschaft übt. Aber dieses von irgendwoher zum Himmel hereingefallene Talent mag ich bezweifeln. Wenn, dann kommt es meiner Meinung nach, wie Marit auch sagt, auf das Umfeld und die entsprechende Förderung an. Wenn Eltern oder Freunde fotografieren, dann entwickle ich möglicherweise eher ein Interesse daran.

Aileen:
Ich meine, von der These schon einmal gehört zu haben. Damit müsste ich mich jetzt tiefergehender beschäftigen. Vielleicht würde es meine bisherige Einschätzung zum Thema Talent ändern – diese ist ja auch nur eine persönliche Theorie ohne Rückhalt durch eine wissenschaftliche Untersuchung.

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Martin:
Schön, dass hier auch eigene Standpunkte überdacht werden. Gibt es für Euch denn Fotografen, von denen Ihr sagen würdet: „Der hat es geschafft und ist mir ein Vorbild“?

Marit:
Einen Namen habe ich ja schon genannt – Sally Mann. Mit ihrer Arbeit über ihre Familie hat sie es geschafft, sichtbar zu werden, indem sie eine alte Technik verwendet, um die Dichte von Nähe und Vertrauen zu verbildlichen. In einer Gesellschaft, in der es um Zeitersparnis geht und familiäre Kälte leider zum Dasein gehört, war das für mich ein fotografischer Urknall.

Aileen:
In meinem Sichtfeld sind unglaublich viele Vorbilder, ich könnte mich da nicht auf einen oder auch nur wenige Namen festlegen. Auf verschiedenen Plattformen folge ich einer fast unüberschaubaren Anzahl von Fotografen und Künstlern, die meisten von ihnen haben es in meinen Augen geschafft, einen sehr eigenen Stil zu entwickeln, der mich auf die eine oder andere Art fesselt. Immer wieder schade zu sehen ist leider, dass natürlich nur wenige davon es „geschafft“ haben im Sinne eines größeren Durchbruchs.

Martin:
Immer wieder spannend ist für mich auch die Frage des Systems oder Umfeldes, in das die Person hineingeboren wird. Ein Mensch, dessen Vorfahren künstlerischen Interessen folgten, wird viel früher mit diversen Elementen aufwachsen, als andere. Nicht selten wachsen aus Musikerfamilien auch Musiker heran, die einen Durchbruch schaffen. Dazu kommt natürlich auch die Zeit, in der jemand lebt. All das mitzubedenken finde ich signifikant, auch wenn klar ist, dass bisher kein Meister vom Himmel gefallen ist.

Mir wurde erst Jahre nach seinem Tod bekannt, dass mein Vater früher leidenschaftlich fotografiert hat und ich fand Kinderaufnahmen von mir, die mich ins Staunen gebracht haben. Weiter war er in jungen Jahren bis ins Alter Organist, Pianist und hatte eine große Liebe zur Klassik.

Sind Eure Eltern oder Großeltern künstlerisch unterwegs? Könnt Ihr da einen Zusammenhang sehen?

Sebastian:
Meine Eltern haben früher sehr viel fotografiert und sind beide auch in künstlerischen Berufen unterwegs. Mein Vater macht sehr viele handwerkliche Sachen, meine Mutter schreibt beruflich und privat.

Das spricht wohl ein bisschen gegen die vorherige Ansicht, dass es kein Talent gibt, allerdings erkläre ich mir das damit, dass ich halt von früh an irgendwie mit Dingen wie Schreiben und photographieren zu tun hatte. Man wächst da natürlich viel leichter rein, wenn die Tätigkeit schon im eigenen Umfeld etabliert ist, wohl gerade in der Kindheit.

Und irgendwann guckt man sich um, wer sonst so photographiert und findet “Vorbilder” oder eher Bilder, die einen sehr beeindrucken. Was ist spannend finde, ist die Rolle des Internets in dem Zusammenhang. Früher konntest Du Dich eben nur mit Eltern, Freunden vergleichen oder mit Photographen aus Büchern und Zeitschriften, aber die waren irgendwie gefühlt ganz weit weg. Heute ist man auf Plattformen mit sehr, sehr vielen sehr guten Photographen unterwegs. Ist natürlich die Frage, ob das ein Fluch oder Segen ist.

Aileen:
Meine Eltern waren auch beide als Kinder und Jugendliche kreativ, meine Mutter hat gemalt und gezeichnet und mein Vater hat dazu auch noch fotografiert. Die Frage, ob etwas durch Erziehung bzw. Gewöhnung durch Umgang im Alltag oder Vererbung beeinflusst wird, ist eine sehr interessante, ganz allgemeine Frage, die nicht nur in der Kreativität, sondern auch bei so explosiven Themen wie Intelligenz, Gewalt und Geschlecht eine Rolle spielt.

Das führt jetzt eventuell zu weit, aber ich lese gerade ein Buch („Das unbeschriebene Blatt“ von Steven Pinker) dazu, nachdem ich über eine kurze TV-Serie aus Norwegen (hier der erste Teil) gestolpert bin, die die inzwischen weit verbreitete These in Frage stellt, nach der wir alle mit den gleichen Möglichkeiten auf die Welt kommen und vor allem die Erziehung bestimmt, was aus uns wird.

Martin hat ja auch gesagt, dass er von den Fotografien seines Vaters erst spät erfahren hat. Meine Eltern habe ich auch nie selbst bei der kreativen Arbeit erlebt. Jetzt kann man sich auf so etwas zurückziehen wie ein ominöses Mitschwingen von Kreativität im Alltag, aber ein einfacher nachzuvollziehender Mechanismus ist die Vererbung von künstlerischen Tendenzen via der Gene.

Abgesehen davon, dass es einen vielleicht etwas beruhigt, dass man selbst und sein Umfeld weniger Einfluss als gedacht auf die eigene Kreativität haben, ist es für die Praxis als Fotograf aber wohl eher von untergeordneter Wichtigkeit, ob das vorhandene Talent durch Vererbung oder Erziehung entstanden ist. Außer, man wirft deswegen die Flinte ins Korn, weil man denkt, dass dadurch alles bereits vorbestimmt und keine Verbesserung mehr möglich sei – so ist es ja auch nicht.

Martin:
Oder man fällt darauf herein, zu glauben, man selbst hätte das alle ganz alleine geschafft – was ich in so manchem Unterton von denen, die sich gern als Profis profilieren. heraushören kann.

Interessant finde ich in diesem Kontext auch die Frage, ob ein guter Fotograf zwangsweise als ein solcher erkannt werden muss. Es gibt in der Geschichte der Kunst und Musik unzählige Fälle, in denen die Brillanz und das Können eines Kreativen zu Lebzeiten nicht wahrgenommen oder als solche in der Öffentlichkeit diskutiert wurde. Und dann gibt und gab es Menschen, denen die Öffentlichkeitsmeinung völlig egal ist, wie das wohl derzeit bekannteste Beispiel Vivian Maier zeigt.

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Zu guter Letzt haben wir in unserer Diskussion die Frage nach der Technik interessanterweise ausgespart. Zufall? Welche Rolle messt Ihr der technischen Qualität einer Ausrüstung bei?

Marit:
Ganz ehrlich? Keine besonders große. Der Geist hinter eine Sache ist entscheidend. Ob der Genius mit einer Plattenkamera, dem iPhone oder einer digitalen Spiegelreflexkamera unterwegs ist, hängt dann eben von den jeweiligen Vorlieben oder Möglichkeiten ab.

Aileen:
Oder eben dem Zufall, in welcher Situation und Stimmung jemandem etwas in die Hand gefallen ist. Dann bleibt man vielleicht dabei, obwohl man auch mit anderen Mitteln könnte. Völlig egal, solange man damit funktioniert.

Sebastian:
Die Technikfrage finde ich auch nicht wichtig, aber auch nicht ganz irrelevant. Natürlich kann man mit jeder Kamera richtig gute Bilder machen, aber die Technik zu beherrschen, ist schon wichtig, das ist wie mit den Regeln, die man kennen sollte, damit man sie brechen kann. Selbst wenn man nur mit dem iPhone fotografiert, wie Du bei Deinem letzten Projekt, Martin, dann muss man ja wissen, was man damit anstellen kann und was nicht. Das ist ein Lernprozess, der geht wieder über Übung.

Martin:
Welche Mittel und Wege habt Ihr eigentlich genutzt, um Euch fotografisch weiterzubilden? Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich zu Beginn unzählige Bildbearbeitungsvideos verschlungen, Podcasts gehört und Blogs gelesen habe. Außerdem habe ich fotografiert wie blöd (haha). Wie war das bei Euch?

Marit:
Ich war ganz egoistisch und habe mir einen Freund geangelt, der selbst Filme entwickelt hat. Von dem habe ich so gut wie alles gelernt, was ich heute über’s Entwickeln, Belichten und Komponieren weiß. Im Gedächtnis ist mir da vor allem das dunkle Bad und die Entwicklerdose geblieben, vor der ich einen riesigen Respekt hatte. Ich hatte Angst, etwas falsch zu machen, aber mit der richtigen Hilfestellung und der Möglichkeit, selbst zu hantieren, habe ich sehr viel mitgenommen.

Sebastian:
Bei mir waren das am Anfang ein bisschen meine Eltern, vor allem aber endlos viele Tutorials, Zeitschriften und vor allem auch diese schrecklichen Fotoforen, in die ich heute keinen digitalen Fuß mehr setzen würde. Was technische Sachen angeht, erzählen die Dir alles, was Du über jedes x-beliebige Objektiv wissen kannst.

Auf 300 Seiten Threads mit unzähligen nutzlosen Streitgesprächen dazwischen. Das hilft Dir dann zwar auch nicht weiter, weil Du dann immer noch keine Bilder gemacht hast, aber Du hast wenigstens das Gefühl, etwas gelernt zu haben. Fotografieren wie blöd, wie Martin das sagt, war und ist bei mir auch das Einzige, was wirklich funktioniert hat.

Aileen:
Ich denke, ich habe mich nie aktiv fotografisch weitergebildet. Ich habe einfach Fotos gemacht, Fotos von anderen angeschaut und eigentlich auch immer Fotos überall gezeigt, da bekommt man ja automatisch eine Rückmeldung der Betrachter. Irgendwann habe ich mal ein oder zwei Bücher über Fotografie (also Anleitungen) gekauft, aber die stehen ungelesen im Schrank.

Da hat ein guter Bildband mehr Chancen, angeschaut zu werden. Vielleicht fehlte mir da der Ehrgeiz, die technische Seite sofort vollständig zu beherrschen. Ich wollte eigentlich nur kreativ sein, mich ausdrücken, schöne Bilder machen. Dass ich das am besten machen kann, indem ich es einfach mache, war für mich selbstverständlich.

Martin:
So geht es mir heute auch. Ich kaufe mir zehn Mal lieber einen guten Bildband und denke darüber nach, wie das Bild wohl entstanden ist, anstatt mir zig Erklärungen durchzulesen. Jedoch war ich früher sehr dankbar über Fotografen, die alles bis ins kleinste Detail erklärten, da kam ich mir nicht ganz so doof vor.

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Diese Fotografen waren für mich im wahrsten Sinne des Wortes „Vorbilder“ und ich habe eine lange Zeit versucht, so zu fotografieren, wie sie bzw. ist die Inspirationsdichte anderer Fotografen auch heute noch sehr hoch bei mir. Kennt Ihr das auch oder habt Ihr schon immer frei Schnauze drauflos fotografiert?

Sebastian:
Ich hatte das auch. Unendlich viele Bildbände geguckt, wirklich viel im Netz gesurft und irgendwann wurde mir dann zumindest klar, welcher Stil mich interessiert oder wirklich reizt. Da sind auch einige ganz konkrete Fotografen dabei, die in diese Richtung gehen, deren Arbeiten ich auch heute noch verfolge.

Ich denke, das gehört aber auch dazu, wenn man langsam einen eigenen Stil entwickeln will: Verstehen, was einem gut gefällt, was man gerne machen will (das können ja durchaus auch unterschiedliche Sachen sein) und dann erst einmal langsam lernen, da hinzukommen, auch durch Vorbilder. Aber natürlich nicht irgendwen kopieren, sondern sich davon ausgehend selbst finden.

Aileen:
Bei mir habe ich eher den umgekehrten Effekt beobachtet, dass meine Bilder den Arbeiten von anderen Fotografen stilistisch viel zu ähnlich sind. Da schlägt bei mir immer wieder der Anspruch durch, etwas Eigenes zu machen. Das war schon kurze Zeit, nachdem ich mit dem Fotografieren angefangen hatte so und ist auch jetzt noch so.

Zwischendurch fotografiere ich dann, habe Ideen oder denke auch mal wieder, dass es mir eigentlich egal ist, solange es mir Spaß macht. Aber diese innere Rebellion hat mich immer wieder vorangebracht, auch wenn ich nicht von heute auf morgen vollkommen eigenständige Arbeiten auf die Beine stelle.

Und wie seht Ihr das?


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Die besten Fotos auf kwerfeldein 2012

07 Jan

Das neue Jahr ist noch gar nicht so alt, da erlauben wir uns einen Rückblick. Wir haben uns gefragt: Was waren 2012 die besten, wichtigsten und interessantesten Fotos auf kwerfeldein? Dass diese Frage beinahe unmöglich zu beantworten ist, liegt auf der Hand. Denn schließlich finden wir gefallen an allen Bildern, sonst würden wir sie ja nicht zeigen. Wir haben es dennoch einmal gewagt.

Die Redakteure Aileen, Holger, Robert und Herausgeber Martin suchten aus allen Artikeln die Bilder heraus, die sie persönlich am meisten beeindruckt haben. Ausgeklammert waren alle Ausblicke und die eigenen Publikationen der gesamten Redaktion. Um Euch nicht mit einem Wust an Bildern zu überfordern, haben wir uns auf 30 Bilder beschränkt. Wir empfehlen diese mit etwas Zeit zu betrachten. Neugierige finden unter den Bildern den Link zum jeweiligen Artikel, aus dem das Bild stammt.

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Aus dem Artikel „Die Antwort ist: Inspiration“


Aus dem Artikel „Im Gespräch mit Charles le Brigand“


Aus dem Artikel „Im Gespräch mit Zoran Milutinovic“


Aus dem Artikel „Bestandsaufnahme“


Aus dem Artikel „Im Gespräch mit Yann Faucher“


Aus dem Artikel „Fokussieren auf Haaresbreite“


Aus dem Artikel „Die Gestalt des Moments“


Aus dem Artikel „Ísland“


Aus dem Artikel „Fassaden im Blickpunkt“


Aus dem Artikel „Im Gespräch mit Brandon C. Long“


Aus dem Artikel „Frank Kunert: Fotografien kleiner Welten“


Aus dem Artikel „Die Selbstportraits des David Talley“


Aus dem Artikel „Noell Oszvalds Traum vom Fliegen“


Aus dem Artikel „Die Frau in Schwarz“


Aus dem Artikel „Das Tütü-Projekt“


Aus dem Artikel „Mordor“


Aus dem Artikel „Als Fotograf beim Castor-Transport“


Aus dem Artikel „Meine Reise nach Bangladesh“


Aus dem Artikel „Nach Norden, immer wieder“


Aus dem Artikel „Sommersprossen“


Aus dem Artikel „Der Wandel der Zeit“


Aus dem Artikel „Von Enten, Nassplatten und einem krummen See“


Aus dem Artikel „Urban Elements“


Aus dem Artikel „Kunstvolle Inszenierung von Flüssigkeiten“


Aus dem Artikel „Michael G. Magin“


Aus dem Artikel „Serienvorstellung: I Feel Space“


Aus dem Artikel „Im Gespräch mit Lee Jeffries“


Aus dem Artikel: „Im Gespräch mit Marwane Pallas“


Aus dem Artikel „Im Gespräch mit Jan Hinkel“


Aus dem Artikel „Psyche“

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Wir hoffen, dass Euch die Auswahl gefallen hat. Mit Sicherheit werden manchen Lesern ein bestimmtes oder mehrere Bilder fehlen, logisch. Dieses Risiko besteht immer, denn Geschmäcker sind nun einmal verschieden. Ihr könnt natürlich gern in den Kommentaren auf Eure persönlichen Lieblingsbilder hinweisen und damit unsere Sammlung erweitern.


kwerfeldein – Fotografie Magazin

 
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kwerfeldein diskutiert: Bildkritik

24 Oct

Liebe Leser, wir haben uns mal wieder etwas Neues ausgedacht. Im Folgenden werdet Ihr eine Dikussion zu lesen bekommen, die vier Redakteure – Martin, Holger, Aileen und Sebastian – untereinander zum Thema Bildkritik geführt haben.

Nun ist die Sache mit der Bildkritik nicht so leicht abzuhandeln, wie Euch zu erklären, wie die Blende funktioniert. Bildkritik ist komplex und es gibt viele Einflüsse, die darauf einwirken, ob und wie die Kritik angenommen wird und zu einer positiven Veränderung seitens des Kritisierten führt, wie Ihr in den folgenden Zeilen erfahren werdet.

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Holger: Ja die Sache mit der Kritik. Mich nervt eigentlich eine Sache am meisten: Viele Leute meinen, dass sie aufgefordert sind, eine Kritik abzugeben, nur weil ein Foto veröffentlicht worden ist. Wenn ich mal von mir ausgehe, frage ich Leute direkt nach Kritik. Ich schicke beispielsweise einen Link an Aileen und frage direkt, ob sie etwas anders machen würde. Dann ist Kritik natürlich erwünscht und in solchen Fällen kommt eigentlich auch immer vernünftige, konstruktive Kritik zurück. Was bei anonymer Kritik leider selten der Fall ist.

Martin: Da würde ich Dir gleich mal widersprechen. Denn: Wenn Du keine Kritik möchtest, kannst Du ja die Kommentarfunktion ausschalten. Ein Stück weit provoziert eine Publikation im Netz die Rückmeldung. Ob und wie die ausfällt, kommt darauf an, wer sie formuliert und wo sie formuliert wird.

Auf einigen Plattformen wirst Du fast keine Kritik finden (zum Beispiel bei Instagram und Flickr), wohingegen Blogs einen wesentlich persönlicheren Bezug schaffen, worauf auch Leser persönlicher reagieren. Dass die Qualität der Feedbacks oft sehr unterschiedlich und nicht gewinnbringend formuliert ist, da stimme ich Dir zu.

Sebastian: Das mit der Kommentarfunktion sehe ich genau so. Will ich keine Kritik, dann schalte ich sie ab. Ich würde aber sogar noch einen Schritt weiter gehen: Für mich selbst finde ich sogar die negativste Kritik immer am besten – denn daraus kann man in vielen Fällen tatsächlich etwas lernen und mitnehmen, solange es nicht nur Pöbelei ist.

Das kommt natürlich darauf an, wie sensibel man selbst im Bezug auf seine Arbeit ist, aber am Ende geht es ja meist nur um ein einzelnes Foto, da kann man schon mal verkraften, wenn einem jemand klar macht, dass das jetzt eigentlich nur ein gewöhnliches Urlaubsbildchen oder Haustierfoto ist. Jedenfalls ist es mir tausend Mal lieber, jemand findet ein Bild mit Begründung richtig scheiße, als dass jemand nur „Tolles Foto!!1“ drunterschreibt.

Martin: Du sprichst einen guten Punkt an, Sebastian: Distanz und Nähe zum Geschaffenen. Beides ist meiner Meinung nach wichtig – und zwar in einem ausgewogenen Verhältnis. Wer jede Kritik als persönlichen Angriff wertet, wird es schwer haben, Kritik gewinnbringend verwerten zu können.

Wen es im Gegensatz dazu gar nicht interessiert, was das Gegenüber kommentiert, hat einfach nichts davon. Auch das macht die Kommunikationsschleife überflüssig. Und das sagt einer (ich), der Kritik jahrelang sehr persönlich genommen hat und heute eher auf der anderen Seite vom Pferde fällt.

Aileen: Ich finde es schwer, alle Menschen und Fotos bei dem Thema über einen Kamm zu scheren und so allgemeine Aussagen wie „wer Kommentare zulässt, der muss auch die Kritik annehmen“ zu treffen. Ob ich Kommentare möchte, welcher Art sie sein dürfen und welche Distanz ich zu einem veröffentlichten Foto habe, ist doch oft eine sehr vielschichtige Frage meiner grundlegenden Persönlichkeit, meiner allgemeinen Stimmungslage, den Faktoren, unter denen ein Foto entstanden ist und nicht zuletzt, in welcher Phase meiner fotografischen Entwicklung ich mich befinde.

Meiner Meinung nach ist es zu engstirnig, zu sagen: Kommentare offen = Kritik erwünscht. Teilweise können Kommentare nicht einmal abgeschaltet werden. Darf ich meine Fotos auf Facebook nicht veröffentlichen, wenn ich sie nur zeigen möchte? Warum sollte ich nur die Wahl haben zwischen gar keinen Kommentaren oder allen, die ich gar nicht will? Das ist mir zu schwarzweiß.

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Martin: Was ist eigentlich eine gute Kritik? Was meint Ihr? Oder lässt sich das so gar nicht festlegen?

Aileen: Meistens wird darunter ja konstruktive Kritik verstanden, also Stärken der Aufnahme benennen, aber auch Verbesserungsmöglichkeiten aufzeigen, wo man sie sieht. Das kann sich auf die technische, aber auch auf die konzeptionelle Seite beziehen. Es wird nur, wie ich angedeutet hatte, zu oft vernachlässigt, was der Fotograf überhaupt möchte. Gut möglich, dass man gar keine für beide Seiten „gute“ Kritik abgeben kann, weil der Fotograf gar keine möchte.

Holger: Genau das meine ich ja. Ich bin eigentlich in den meisten Fällen von den Fotos, die ich veröffentliche, überzeugt. Das soll allerdings nicht heißen, dass ich mich für den tollsten Fotografen halte. Aber mich interessiert es eigentlich nicht besonders, was XY anders oder in seinen/ihren Augen besser machen würde. Wenn ich mir bei einem Foto nicht sicher bin, dann frage ich, wie gesagt, jemanden. Von daher ist für mich eine gute Kritik nur möglich, wenn auch darum gebeten wurde.

Sebastian: Eine gute Kritik ist für mich immer eine, die mir eine neue Perspektive auf meine eigene Arbeit bringt, würde ich sagen. Deswegen denke ich auch, dass eine Kritik, die von einer Person kommt, die etwas ganz anderes macht als ich und die ich gar nicht kenne, durchaus ein Gewinn sein kann. Weil ich dadurch eventuell einen ganz neuen Blick auf meine eigenen Sachen bekomme, den ich selbst vielleicht gar nicht bekommen kann, selbst wenn ich mich anstrenge.

Ob und wie man diese Kritik dann annimmt und umsetzt, ist ja dann wieder noch mal eine ganz andere Geschichte. Ganz persönlich eher langweilig finde ich rein technische Kritik, aber auch aus der kann man durchaus oft etwas lernen.

Martin: Das mit der neuen Perspektive gefällt mir, Sebastian. Rückblickend darf ich sagen, das die härtesten Kritiker meiner Bilder im Netz mich auch am weitesten gebracht haben. Auch, wenn der Moment erstmal schmerzhaft und komisch ist und ich (fast jedes Mal) dachte: „Was für ein Penner.“ So mancher Kotzbrocken verhalf mir dazu, mich dann dennoch insgeheim zu fragen, ob vielleicht doch etwas dran ist.

Zwar macht ein harter Kommentar nicht gleich einen guten aus, aber irgendwann habe ich angefangen, drüber nachzudenken. Doch auch der polemischste Kommentar hatte meist ein Argument und wenn das bei mir ins Schwarze traf, habe ich mich hinterfragt. Und das verhalf mir zu neuen Sichtweisen. Mittlerweile nehme ich Kommentare nur noch sehr selten persönlich und das hilft mir ungemein, den verwertbaren Inhalt herauszufiltern und den Rest einfach stehenzulassen.

Aileen: Was können wir nun eigentlich mitnehmen, außer der Erkenntnis, dass es ganz unterschiedliche Erwartungshaltungen an Kritik gibt, die noch dazu meistens nicht ersichtlich sind, weil weder der ausstellende Fotograf noch der kritisierende Leser eine Gebrauchsanweisung mitgeben?

Sebastian: Das ist ein ganz guter Punkt, Aileen, den ich bisher auch noch nicht so gesehen habe. Da jede Community und jedes Blog andere Regeln für die Bildkritik hat, jeder einzelne Fotograf und jeder einzelne Kritiker ganz andere Erwartungen und Interpretationen, ist es vielleicht wirklich so, dass man am Ende nur mitnehmen kann: „Feste Regeln gibt es nicht.“

Für mich ist jede Kritik eine gute Kritik, danach und davon abgelöst kommt dann erst die Frage: Nehme ich das an, was der Kritiker schreibt oder geht es an meiner eigenen Intention für dieses Bild total vorbei? Wenn man die zwei Sachen trennt, dann ist man vielleicht auch nicht persönlich angegriffen von einer eher negativen Kritik.

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Martin: Drehen wir den Spieß doch mal um: Habt Ihr schon einmal eine Bildkritik im Netz geschrieben? Und wenn ja: (Wie) wurde diese angenommen?

Holger: Gute Frage! Wenn ich es mir so recht überlege, kommentiere ich meistens nur, wenn mir ein Bild gut gefällt und meist auch nur bei Leuten, die ich kenne und bei denen ich mir ungefähr denken kann, wo sie mit dem Bild hin wollten. Ich kritisiere eigentlich nur, wenn ich auch gefragt werde.

Das könnte man jetzt natürlich so auslegen, dass ich damit nur meinen Standpunkt untermauern möchte. Mir ist das aber erst jetzt gerade bewusst geworden. Frei nach: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die Du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Martin: Ich antworte mir mal selbst: Bisher habe ich nur bei Leuten ihre Bilder kritisiert, wenn ich wie Du, Holger, darum gebeten wurde oder wusste, dass es in Ordnung geht. Für mich ist es wichtig, dass die Zeit, die ich mir nehme, auch wirklich lohnenswert ist. Meist wurde die Kritik positiv aufgenommen oder auch nicht darauf reagiert.

Hier ist es auch interessant, wo ich das getan habe: Auf Instgram noch nie, auf Flickr ab und an und auf Blogs des Öfteren. Dazu kommt: Die Fotografen, die ich doof finde (und die ich eigentlich kritisierenswert finde), habe ich nicht wirklich in Sichtweite.

Die Fotos von einem sehr bekannten Fotografen gefallen mir beispielsweise (inhaltlich und vom Stil her) gar nicht, aber exakt aus diesem Grund verfolge ich seine Arbeiten auch nicht, was wiederum verhindert, dass ich eine Beziehung zu ihm aufbaue, in der Kritik von meiner Seite erwünscht oder respektiert würde. Ein Teufelkreis. Wen kritisierst Du, Aileen?

Aileen: Als ich vor ein paar Jahren anfing, mich mit Fotografie zu beschäftigen, war ich in einer kleinen deutschen Community für Fotografie unterwegs, in der ausgiebig jeder jedem konstruktive Kritik schrieb. Um die Grundregeln zu lernen, war das super, wenn einen jemand darauf hinwies, dass das Wasser gleich aus dem Bild fließt, weil der Horizont schief ist und was man sonst so am Anfang falsch macht, weil man den Blick dafür noch nicht entwickelt hat.

Da habe ich später selbst auch sehr viele ausführliche Kritiken geschrieben, weil der Rahmen dort stimmte. Leider kam aber vermehrt zurück, dass konstruktive Kritik nicht gewünscht ist – „Ich wollte das so.“ – und auch ich selbst habe immer mehr Bilder gemacht, bei denen oft Dinge beinahe reflexartig kritisiert wurden, die ich aber absichtlich eingesetzt habe oder die ich als Geschmackssache bezeichnen würde. Man wollte unbedingt etwas kritisieren und hat dadurch Bilder auch mal „totgeschaut“ und kaputt-analysiert.

Inzwischen kritisiere ich kaum noch so ausführlich. Nur, wenn ich das Gefühl habe, dass die Kritik auch ankommt oder jemand explizit welche wünscht. Und ich sehe auch immer weniger Bilder, die einer Kritik bedürfen, weil ich – wie du schon sagtest, Martin – heute viel stärker filtere, was ich überhaupt zu sehen bekomme.

Sebastian: Die Frage finde ich superwichtig, um zu gucken, wie und wo man Schwerpunkte bei der Bildkritik setzt. Einfach mal bei seinen eigenen Kritiken anfangen. Wie viele andere war ich auch einige Zeit in einem großen Fotoforum unterwegs, als ich anfing, mich mit ernsthafterer (Digital-)Fotografie auseinanderzusetzen. Und ich habe viel kritisiert und viele ausführliche Kritiken an den Stellen geschrieben, an denen die auch „eigentlich“ gewünscht wurde.

Aber ich habe relativ schnell gemerkt, dass zwar andere Leute, die mitgelesen haben, meine Kritiken sehr gut fanden, aber selten der jeweilige Fotograf. Der fühlte sich direkt angegriffen und stellte auf „Verteidigungsmodus“, wenn man tatsächlich etwas anderes sagte, als dass man die Fotos richtig super findet. Deswegen habe ich es dann irgendwann komplett gelassen, was ich eigentlich schade fand, weil es doch interessant ist, sich mit Fotografien in verschieden Aspekten tiefer auseinanderzusetzen.

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Martin: Gehen wir mal davon aus, dass der Rahmen stimmt. Jemand schreibt mir oder Dir, dass er gern eine Meinung zu einem Bild haben möchte und auch bereit ist, jegliche Kritik über sich ergehen zu lassen. Wie geht Ihr vor?

Holger: Ich glaube, vernünftig kritisieren kann man eigentlich nur, wenn man sich auch mit dem Fotografen ernsthaft beschäftigt. Am besten im Dialog. Was nützt es, wenn ich Dinge kritisiere, die der Fotograf exakt so gewollt hat? Ich muss die Intention und das Umfeld des Fotografen kennen.

Ein gutes Beispiel ist der Kommentar von Brigitte zu meinem Artikel „Am Ende des Sommers“. Im Prinzip hätte ich gar nicht darauf antworten müssen, aber ich fand es dermaßen daneben, dass sie sich Dinge über mich ausgedacht und daraus eine Kritik abgeleitet hat, mich am Ende sogar belehren wollte, dass ich einfach etwas dazu schreiben musste.

Um auf Deine Frage zu antworten: Es erfordert natürlich etwas Mühe, aber man sollte mit dem Fotografen, der kritisiert werden möchte, in einen Dialog treten und erst einmal herausfinden, was er denn überhaupt wollte. Dann kann man gemeinsam darüber sprechen, ob sein Ziel erreicht wurde oder nicht.

Aileen: Ich gehe meistens nicht vor, wie Holger es vorschlägt, sondern finde es oft genug auch spannend, eine Kritik von einem außenstehenden Standpunkt zu verfassen. Diese ist beileibe nicht neutral, kann dem Fotografen aber auch interessante Einblicke darin geben, wie seine Arbeit von jemandem gesehen wird, der sich nicht in seine anderen Bilder reingefühlt hat.

Ich sehe das aber eindeutig nur als Puzzleteil neben Meinungen von persönlich bekannten Menschen und anderen, die mit der restlichen Arbeit vertraut sind. Und nicht immer ist so eine Art Kritik sinnvoll, das ist mir bewusst, kann aber Impulse geben.

Bei der inhaltlichen Seite der Kritik schreibe ich erst einmal alles auf, was mir auffällt, formuliere es dann aus, ordne gegebenenfalls nach verschiedenen Gesichtspunkten wie Komposition/Konzept oder der Wichtigkeit. Beim Schreiben fällt mir dann oft noch etwas auf oder mir werden Zusammenhänge im Bild klar, dann formuliere ich wieder um. Wichtig finde ich, sich ernsthaft länger mit einem Bild zu beschäftigen und sorgfältig zu formulieren, um möglichst umfassend zu sein und nicht nur einen Aspekt „hinzurotzen“, der einem als erstes auffällt.

Holger: Ja, das ernsthafte und ordentliche Auseinandersetzten mit einem Bild finde ich ganz besonders wichtig. Natürlich hat man einen ersten Impuls: Gefällt mir. Gefällt mir nicht. Aber darum geht es ja bei Kritik eigentlich überhaupt nicht. Und ich denke, durch das längere Auseinandersetzten mit einem Bild kann man auch besser über den eigenen Geschmack hinwegsehen.

Sebastian: Sehe ich genauso, auch wenn ich den ersten Impuls nicht unter den Tisch kehren würde. Der kann ein Hinweis auf den eigenen, subjektiven Geschmack sein. Wenn man das Bilder aber „objektiv“ bewerten will (falls es so etwas in der Kritik denn überhaupt gibt), dann sollte man sich ein bisschen mit dem Fotografen auseinandersetzen, sofern die Möglichkeit dazu da ist.

Also gucken: Was macht der denn sonst für Bilder? Ist das ein Bild, das in einer Reihe auftaucht? Was ist sein sonstiger Stil? Welchen Ansatz der Fotografie verfolgt er? Je nach Kontext kann eine Arbeit schon eine ganz andere Wirkung oder Ästhetik haben, das sieht man ja auch in der Kunstgeschichte: Ich nenne nur mal das bekannte Stichwort „Ready-mades“, bei denen eher der Kontext und der theoretische Hintergrund die Kunst ausmacht.

Das ist natürlich ein Extrembeispiel, aber ich finde schon, dass der konzeptuelle Ansatz mindestens die Hälfte eines guten Bildes ausmacht. Die andere Hälfte ist dann die technische Umsetzung. Wobei sich die beiden natürlich aufeinander auswirken, also nicht wirklich 50/50. Ein billiges Tittenfoto bleibt ein billiges Tittenfoto, auch wenn es technisch herausragend ist und ein super Konzept wird leider doch nichts, wenn die technische Umsetzung richtig unterirdisch ist.

Was ich mich aber manchmal frage: Beeinflusst die Kritik der anderen Leute meine eigene Wahrnehmung? Wenn jetzt ein Foto auf Facebook 2000 Likes hat und der Fotograf ein Superstar ist: Gucke ich das dann mit anderen Augen an?

Martin: Das kommt darauf an, welches Gewicht Du den 2000 Likes beimisst und der Frage, ob jemand Superstar ist. Das kann dann theoretisch in beide Richtungen gehen: Die Fans finden jedes Foto ihres Sternchens awesomer als alles andere. Und Leute, die Stars und Likes nicht ausstehen können, finden so ein Foto grundsätzlich bemeckernswert, gerade weil es ihr Interesse (nicht: ihre Meinung zum Bild) ist, einen Gegenpol zum kreischenden Mob zu bilden. Daraus ergibt sich dann oft ein Interessenkonflikt, der sich ganz und gar nicht mehr um die Fotos dreht, sondern darum, ob der geneigte Betrachter jetzt dafür oder dagegen ist.

Grundsätzlich finde ich es gut, Likes und Bekanntheitsgrad eines Fotografen frech auszublenden und sich nur das Bild (und auch die anderen Werke) anzusehen. Dann stellt sich die Frage, die hier schon aufgeworfen wurde: Was möchte die fotografierende Person konzeptuell kommunizieren? Und wie Du, Sebastian, schon angerissen hast, hängen oft Konzept und Ausführung eng verzahnt zusammen. Ich muss jedoch sagen, dass mir selten ein richtig gutes Konzept mit einer richtig beschissenen Umsetzung begegnet ist oder umgekehrt. Eine gute Konzeptionierung setzt bereits voraus, dass der Fotograf sein Handwerkszeug kennt und es einzusetzen weiß.

Was mir, um den Bogen wieder zur Sicht des Fotografen zu spannen ein-, beziehungsweise auffällt, ist der gute alte Watzlawick: „Mann kann nicht nicht kommunizieren.“ Das gilt auch für die Fotografie. Jedes Bild sendet eine Botschaft. Natürlich sendet sie nicht eine Botschaft, sondern viele, aber jedes Bild spricht.

Somit ist es nicht verwunderlich, dass Menschen „zurücksprechen“ und in Dialog treten. Da man mit Fotos nicht reden kann, sprechen die Menschen mit demjenigen, der das Bild gemacht hat. Dass das manchmal ordentlich in die Hose geht, steht außer Frage. Aber das passiert täglich auch dort, wo keine Rechner stehen und Hans-Theo meint, dass ihm der Pullover von Else aus irgendeinem Grunde nicht gefällt.


kwerfeldein – Fotografie Magazin

 
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Warum lest Ihr KWERFELDEIN?

27 Sep

Liebe Leute, wir haben mal eine Frage an Euch: Sagt mal, warum lest Ihr eigentlich hier mit? Warum kommentiert Ihr hier? Was motiviert Euch dazu, hier teilweise täglich (auch mehrmals) reinzuschauen? Die alten Hasen unter den Lesern wissen genau, dass diese Frage hier nicht zum ersten Mal auftaucht und das hat auch einen Grund: Sie ist uns wichtig.

Wisst Ihr, wir arbeiten täglich daran, Euch gute Gründe dafür zu liefen, unsere Seite zu besuchen. Wir wollen ein kleines aber feines Fotomagazin sein, das seinen eigenen Charakter hat, hier und da mal ein bisschen kwer schlägt und mit vielen kleinen und großen Geschichten über die Fotografie den Spaß an derselben erhöht.

Mal gelingt uns das mehr, ein anderes Mal weniger. Das gehört dazu, so ist der Alltag. Und manchmal im Tagesgeschäft, wenn wir vor lauter Korrekturleserei keine Artikel mehr sehen können und bei unseren wöchentlichen Konferenzen das Magazin reflektieren, kommen wir schon mal ins Grübeln, warum Ihr alle da seid.

Nicht, dass uns das unrecht wäre – ganz im Gegenteil. Doch es interessieren uns einfach: Eure Beweggründe von Euch. Und zwar mal so schwarz auf weiß, Karten auf den Tisch, kurz: Per Kommentar.

Warum lest Ihr KWERFELDEIN?

Wir sind gespannt.


KWERFELDEIN | Fotografie Magazin

 
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Wesentliches: Eine Aktion auf KWERFELDEIN

24 Jul


Martin, 30, Herausgeber, Hochzeitsfotografie

Viele von Euch kennen bestimmt das Persona Projekt von Jason Travis auf flickr. Das Ding macht ja schon seit geraumer Zeit die Runde und wurde auch hier bei uns schon in einem Artikel vorgestellt.

Zu Recht, wie wir finden. Jedes Foto ist sehr ähnlich, aber durch die unterschiedlichen Gegenstände doch anders. Die abgebildeten Dinge lassen viel Spielraum, um sich ein Bild von der Person hintern den fotografierten Gegenständen zu machen. Und da wir gern mehr über Euch Leser erfahren würden, haben wir uns Folgendes gedacht:

Fotografiert die wesentlichen Gegenstände, die Ihr meistens bei Euch habt, beziehungsweise die Euch wichtig sind. Es müssen nicht unbedingt Dinge sein, die Ihr immer mit Euch rumschleppt. Wir meinen, man kann dem Ganzen ruhig ein bisschen mehr Freiraum lassen. Wenn Ihr also ohne einen Toast mit Nutella am Morgen nicht in die Gänge kommt, könnt Ihr auch einen solchen mit fotografieren. Ein paar Regeln gibt es aber schon.

  • Die Gegenstände möglichst senkrecht von oben fotografieren.
  • Im Format 3:2.
  • Das Foto muss mindestens 800 Pixel breit sein.
  • Nur minimal bearbeiten. Kontraste anziehen, ein wenig nachschärfen.
  • Bitte postet einen Link zum Foto in das Kommentarfeld und schreibt drei kurze Infos über Euch dazu: Name, Alter und Tätigkeit.
  • Solltet Ihr ein Blog betreiben, könnt Ihr natürlich alternativ auch einen eigenen Blogartikel daraus machen und einen Trackback setzen.
  • Einsendeschluss ist diesen Montag, 25. Juli um 23:59.

In einer Woche werden wir an dieser Stelle eine Auswahl der Fotos vorstellen, die wir am interessantesten finden. Damit Ihr Euch vielleicht auch ein besseres Bild von uns machen könnt, folgen jetzt schon mal unsere “wesentlichen Dinge”, ein kleiner Einblick in die Taschen der Redaktion.


Aileen, 24, Studentin


Katja, 26, Studentin


Holger Lückerath, 35, Redakteur & Fotografierer


Robert, 28, Entwerfer, Fotograf

Wir wünschen Euch viel Spaß und freuen uns schon auf Eure “Einsendungen”. 😉


KWERFELDEIN | Fotografie Magazin

 
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