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Digitalfotografie: Welche Kamera soll ich kaufen?

05 Dec

Ein Beitrag von: Samuel Kümmel

Sobald man beruflich anfängt zu fotografieren, wird man – ohne es zu wollen – automatisch für viele Freunde und Bekannte zum Experten mit allumfassendem Fachwissen im Bereich der Fototechnik. Und damit zum immer darauf ansprechbaren Kaufberater. So war es auf jeden Fall bei mir.

Glücklicherweise war ich schon immer ein großer Rechercheur vor dem Herrn. Ich liebe es, mich durch Blogs, Produkt- und Hersteller-Webseiten zu klicken und zu lesen. Bis vor wenigen Jahren habe ich auch noch Fototechnik-Zeitschriften verschlungen, aber mittlerweile bin ich fast ausschließlich online unterwegs, wenn es um Wissen über die neueste Technik im Bereich der Fotografie geht.

Und so habe ich über die Jahre einige Beratungsgespräche und -chats geführt, in denen es vor allem um ein Thema ging: „Hallo, ich will mir jetzt eine Kamera kaufen, welche soll ich nehmen?“ In diesen Beratungen habe ich manches gelernt, das ich hier gern mit Euch teilen möchte. Vielleicht hilft es ja dem einen oder der anderen beim Einstieg in die Digitalfotografie.

Gedanken machen

Die erste Frage, die ich Ratsuchenden immer gestellt habe, war folgende: „Was möchtest Du denn mit der Kamera tun können?“ Die Antwort „Schöne Fotos machen!“ habe ich nicht gelten lassen und meist weiter nachgebohrt: „Was hast Du vor? Möchtest Du einfach eine schöne Reisekamera, willst Du Architektur fotografieren, Menschen, was willst Du mit der Kamera anstellen?“

An dieser Stelle hat sich oftmals schon gezeigt, dass viele Einsteiger sich wenig Gedanken machen, was sie eigentlich wollen. Das war bei mir nicht anders. Ich habe meine allererste Kamera gekauft, weil ein Freund die gleiche hatte. Und die Fotos sahen ganz gut aus. Damals verstand ich noch nichts.

Mittlerweile denke ich aber, dass ein Kamerakauf etwas ist, was man nicht leichtfertig machen sollte. Schließlich investiert man in ein Stück Technik, das einen die nächsten Monate (oder Jahre) begleiten soll und mit dem man zufrieden sein möchte.

Deswegen ist es wichtig, sich das primäre Ziel am Anfang zu überlegen. Für Street- und Portrait-Fotografie empfehle ich nicht dasselbe wie für Architektur- und Landschaftsfotos. Und zum Reisen ist etwas anderes besser geeignet als für die Arbeit in einem Studio.

Aus der Wahl des Ziels ergeben sich dann meist weitere Fragen, die damit zusammenhängen. Wie wichtig ist Dir Größe und Gewicht? Soll das Objektiv wechselbar sein? Legst Du Wert auf möglichst hohe Bildqualität?

Und nicht zuletzt frage ich: Wie groß ist Dein Budget? Aus den Antworten auf all diese Fragen ergibt sich nach und nach ein differenziertes Bild. Und nur mit einem solchen kann ich eine fundierte Empfehlung abgeben, was der geneigte Einsteiger sich denn nun kaufen könnte.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass den meisten Fotografie-Anfängern die Namen der Hersteller völlig egal sind bzw. wenig sagen. Sie haben von anderen vielleicht mal was gehört.

Aber wirklich wissen tut man am Anfang nichts über den Unterschied zwischen Canon, Nikon, Sony, Olympus, Fuji, Panasonic, Samsung und Co. Das ist gut, denn dann kann ich vorbehaltlos eine Empfehlung abgeben, die zu den Bedürfnissen und Zielen des angehenden Fotografen passt. Marken sind Schall und Rauch.

Wenn man Einsteiger-Kameras vergleicht, dann fällt auf, dass sich die Hersteller vor allem in Bauform, Anordnung der Bedienelemente, Menüführung und manche vielleicht noch in der Bildqualität unterscheiden. Ansonsten machen Sie alle dasselbe: Kameras bauen, die digital Fotos machen können.

Und erst im hochpreisigen Bereich unterscheiden sie sich wesentlich voneinander. Aber ich empfehle niemandem, mit einer mehr als 1500 € kostenden Kamera das Fotografieren zu beginnen. Das verdirbt die Einstellung zur Fotografie.

Viele denken nämlich, dass eine teure Kamera automatisch geile Fotos macht. Das mag stimmen, wenn sich das Wort „geil“ nur auf die Bildqualität und auf sonst nichts bezieht. Aber wer wirklich fotografieren lernen will – also ein Motiv auszusuchen, eine Komposition zu machen und dieses Motiv im passenden Licht festzuhalten – für den reicht meist eine Smartphone-Kamera völlig aus. Denn genau das ist damit problemlos möglich.

Menschen, die ein Smartphone besitzen, empfehle ich mittlerweile auch keine Kompaktkameras mehr. Die Qualität heutiger Smartphone-Kameras kann mit allen Kompaktkameras problemlos mithalten. Ich weiß, ich lehne mich damit weit aus dem Fenster.

Aber ich behaupte, der Unterschied ist (bis auf die eventuelle Möglichkeit, verlustfrei zu zoomen) marginal. Und ein Smartphone hat weitere Vorteile: Ich muss kein extra Gerät mitschleppen, keine extra Speicherkarte, die Fotos können sofort bearbeitet und versendet werden, sie haben GPS-Koordinaten (je nach Einstellung), es gibt Foto-Apps und ich kann es über WLAN mit meinem Computer verbinden.

Aber zum Thema Smartphones vs. Kompaktkameras in einem anderen Artikel mehr.

Testen

Der zweite, gleichwichtige Schritt beim Einstieg in die Digitalfotografie ist das Testen der Technik im Laden oder auch in einer „Probezeit“. Fotomagazine, Blogs und auch ich mit meinem Artikel können Dir viel erzählen.

Wenn sich das Gerät samt Objektiv in Deinen Händen nicht gut anfühlt und Du Herumtragen, Ans-Auge-Halten, Abdrücken, Zoomen, Scharfstellen etc. nicht als angenehm empfindest, wirst Du Deine Lust an dem Gerät wahrscheinlich schnell verlieren.

Außerdem haben viele Kamerahersteller in meinen Augen unglaublich schlechte Interface-Designer, so dass man sich durch eine Menge an unübersichtlichen und nicht selbsterklärenden Menüpunkten scrollen, klicken, tippen oder switchen muss.

Und wenn Du mit dem Menü nicht klar kommst, wirst Du Deine neue Kamera wahrscheinlich ausschließlich im grünen Standardmodus mit den Standardeinstellungen nutzen – und dafür wäre das Geld dann aus meiner Sicht eher herausgeschmissen.

Deswegen: Teste, was das Zeug hält. Es ist nicht schlimm, wenn Du am Anfang dazu mehrmals die Bedienungsanleitung in die Hand nehmen musst. Aber durch das Testen wirst Du herausfinden, ob eine Kamera mit all ihren Bedienelementen zu Dir passt und ob ihr Freunde für länger werdet.

Falls Du die Chance bekommst, eine oder mehrere Kameras auszuleihen (viele Händler bieten das heute an), dann kannst Du sogar die Fotos auf Deinen Rechner ziehen und schauen, ob sie Deinen Augen gefallen.

Kaufen

Was soll ich als Einsteiger also nun kaufen, wenn mir mein Smartphone nicht ausreicht und ich mit einer passenden Kamera das Fotografieren beginnen möchte? Hier ein paar völlig subjektive Empfehlungen (in alphabetischer Reihenfolge):

Eine Kirche aus dem Mittelgang heraus fotografiert.

Architekturfotografie

Für das Fotografieren von Architektur ist wichtig, dass ich aus mittlerer Distanz möglichst viel auf das Foto bekomme. Ebenso spielen Schärfe und Detailwiedergabe eine wichtige Rolle. Zoomen muss ich nicht unbedingt, denn ich kann oft näher zum Objekt hin oder weiter weg gehen.

Deswegen empfehle ich hierfür eine DSLR mit APS-C-Sensor und einer Weitwinkel-Festbrennweite (kleiner als 35 mm). Außerdem sind ein Stativ sowie eine Kabelfernbedienung sinnvoll, um nicht zu verwackeln. Diese Kombination ermöglicht mir vor allen Dingen, Dich anfangs nicht auf die Technik, sondern auf das Finden einer passenden Komposition zu konzentrieren.

  • Kleines Budget: Nikon D3300* / Nikon 24 mm f/2.8 D*
  • Mittleres Budget: Canon 700D* / Canon 28 mm f/1.8*
  • Großes Budget: Canon 70D* / Canon 24 mm f/2.8 IS*

Landschaftsfotografie

In der Natur unterwegs möchte ich vor allem etwas, was leicht zu transportieren ist und eine gute Farb- und Detailwiedergabe hat. Hier lohnt es sich, eine kleine Systemkamera zu kaufen und dann ein paar Euro mehr für ein gutes Weitwinkel-Zoom (kleiner als 50 mm) auszugeben.

Ein Zoom-Objektiv deswegen, weil man in der Landschaft manchmal nicht die Möglichkeit hat, einen Schritt vor oder zurück zu gehen. Auch hier ist ein leichtes Carbon- oder Alu-Stativ empfehlenswert, das gut in einen Wanderrucksack passt.

  • Kleines Budget: Canon EOS M* / Canon EF-M 11 – 22 mm*
  • Mittleres Budget: Panasonic DMC-GM1* / Panasonic 12 – 32 mm*
  • Großes Budget: Fuji X-E2* / Fujinon XF 10 – 24 mm*

Eine Blüte an einem Baumast.

Makrofotografie

In der Makrofotografie will ich ja ganz nah ran. Und die Gefahr, dass ich verwackle ist relativ hoch. Einsteigern rate ich deswegen, sich eine Systemkamera oder kleine DSLR zuzulegen, die ihnen die Möglichkeit bietet, ein gutes Makro-Objektiv vorn dran zu schrauben.

In dieses würde ich dann auch investieren. Wegen der Schärfe und wegen der Möglichkeit, nah ran zu kommen. Ein Stativ ist hier fast unabdingbar: Selbst, wenn das Objektiv einen Bildstabilisator hat, kommt so doch mehr Ruhe in das Fotografieren.

  • Kleines Budget: Canon 1100D* / Canon EF-S 60 mm f/2.8*
  • Mittleres Budget: Nikon D5300* / Sigma 105 mm f/2.8 EX*
  • Großes Budget: Canon 70D* / Canon EF 100 mm f/2.8 L*

Nachtfotografie

Wer gern den Sternenhimmel fotografiert, braucht eine Kamera, deren Sensor ein gutes Rauschverhalten bietet und mit der man über längere Zeiten (mehr als zehn Sekunden) belichten kann. Eine Systemkamera mit lichtstarker Weitwinkel-Festbrennweite (24 mm oder weniger) sowie ein Stativ sind hier eine gute Wahl. Eine DSLR tut es auch, ist aber größer und schwerer.

Die Festbrennweite empfehle ich, weil ich in den Nachthimmel meist nur in einer Richtung und aus einer Perspektive möglichst großflächig brauche.

  • Kleines Budget: Sony Alpha 5000 / Sony 16 mm f/2.8
  • Mittleres Budget: Canon 700D / Walimex 14 mm f/2.8
  • Großes Budget: Nikon D7100 / Sigma 15 mm f/2.8 EX

Portrait eines Mannes im Hoodie.

Portraitfotografie

Bei der Portraitfotografie sind mir ein freigestellter (unscharfer) Hintergrund und eine möglichst verzerrungsfreie Wiedergabe des Gesichts wichtig. Beides erreiche ich mit einer Systemkamera oder DSLR, wenn ich eine Festbrennweite jenseits der 50 mm (eher größer) mit einer möglichst großen Offenblende benutze.

Objektive in diesem Bereich gibt es zu Hauf, die guten eher in der nicht mehr ganz so günstigen Preisklasse. Aber wer wirklich Portraits machen möchte, sollte sich überlegen, ob ein gutes Objektiv mit Blende f/2, f/1.8 oder f/1.4 nicht eine lohnende Investition sein könnte. Die Festbrennweite fordert mich wieder dazu heraus, eine bewusste Komposition zu wählen, anstatt einfach zu zoomen.

  • Kleines Budget: Canon 1200D* / Canon 85 mm f/1.8*
  • Mittleres Budget: Sony Alpha 6000* / Sony 50 mm f/1.8*
  • Großes Budget: Olympus E-M5 OM-D* / Olympus Zuikon 75 mm f/1.8*

Reisefotografie

In der Reisefotografie möchte ich mit möglichst wenig Gepäck die höchste Flexibilität haben. Ich weiß ja nicht, wo ich hinkomme und was ich alles vor die Linse kriegen werde. Damit ich nicht eine große Tasche mit jeder Menge Linsenglas rumschleppen muss, empfiehlt es sich hierfür, eine kleine Systemkamera oder DSLR mit Megazoom-Objektiv zu kaufen.

Bestimmte Hersteller bieten mittlerweile Objektive mit einem Brennweitenbereich von 16 – 300 mm und Bildstabilisator an, die absolute Flexibiltät bieten. Wer sich selbst herausfordern will, kann aber auch nur eine 24-mm- oder 35-mm-Festbrennweite mitnehmen und versuchen, damit klar zu kommen.

Die Spitze des Eiffelturms kriegt man damit zwar nicht drauf, aber man fotografiert durch die Einschränkung dann sicherlich deutlich anders.

  • Kleines Budget: Panasonic GM1* / Panasonic 45 – 200 mm OIS*
  • Mittleres Budget: Nikon D3300* / Tamron 16 – 300 mm VC*
  • Großes Budget: Canon 70D* / Sigma 18 – 35 mm f/1.8 Art*

Eine Frau blockt einen Volleyball übers Netz.

Sportfotografie

Auch in der Sportfotografie will ich meistens nah ran, stehe aber eher weit entfernt. Außerdem sind schnelle Bewegungen an der Tagesordnung. Hier ist eine schnelle DSLR mit Telezoom-Objektiv (70 mm oder größer) die beste Wahl.

Um Bewegungen einzufrieren, würde ich darauf achten, dass die Kamera eine gute Verschlusszeit (schneller als 1/1000) bietet und möglichst viele Fotos pro Sekunde machen kann. So bekomme ich den optimalen Moment gut aufs Foto. Ein Einbein-Stativ zusätzlich kann auch nicht schaden, um das schwere Objektiv nicht die ganze Zeit mit den Armen halten zu müssen.

Für alle, die planen, in schlecht ausgeleuchteten Sporthallen geile Sportfotos zu machen, hier eine schlechte Nachricht: Eine günstige Kamera hat meist ein schlechtes Rauschverhalten bei hohen ISO-Zahlen. Und Tele-Festbrennweiten mit hoher Lichtstärke sind für Hobbyfotografen meist unbezahlbar teuer.

Deswegen ist Sportfotografie außerhalb von Tageslicht-Bedingungen dann doch eher etwas für Topverdiener, die noch ein Hobby suchen.

  • Kleines Budget: Nikon D5300* / Nikon AF-S 70 – 300 mm VR*
  • Mittleres Budget: Sony Alpha 77* / Sigma 150 – 500 mm OS*
  • Großes Budget: Canon 7D* / Canon EF 100 – 400 mm L*

Straßenfotografie

Die gerade sehr beliebte Straßenfotografie lässt sich am besten mit einer kleinen Systemkamera und Festbrennweite daran umsetzen. Ich weiß, dass die Hersteller in ihren Kamera-Kits zwar immer Zoom-Objektive mitliefern. Aber lass Dich davon nicht blenden.

Mit einer Festbrennweite wirst Du Dir Deine Motive deutlich bewusster aussuchen und Du bleibst in Bewegung. Eine DSLR mit riesigem Objektiv ist hier eher fehl am Platz, denn diese Kombination löst doch bei den meisten Menschen auf der Straße eher Unbehagen aus.

Mit einer kleinen, leichten und fast unsichtbaren Kamera bist Du deutlich entspannter unterwegs.

  • Kleines Budget: Canon EOS M* / Canon EF-M 22 mm f/2*
  • Mittleres Budget: Olympus E-M10 OM-D* / Olympus Zuiko 25 mm f/1.8*
  • Großes Budget: Fuji X-E2* / Fujinon 23 mm f/1.4*

Ein Hund schaut etwas traurig in die Kamera.

Tierfotografie

Bei der Tierfotografie gilt Ähnliches wie bei der Sportfotografie. Wenn Safaris in fremden Ländern Dich begeistern, wirst Du um ein gutes Teleobjektiv kaum herum kommen, denn an die meisten Tiere kommt man nicht nah heran.

Für das heimische Haustier beim Spaziergang kann aber auch eine lichtstarke Festbrennweite recht reizvoll sein. Du kannst damit wundervolle Tierportraits fotografieren, die sich vom üblichen Smartphone-Catcontent deutlich abheben.

  • Kleines Budget: Nikon D3200* / Nikon AF-S 85 mm f/1.8*
  • Mittleres Budget: Sony Alpha 77* / Sigma 120 – 400 mm*
  • Großes Budget: Canon 70D* / Canon EF 100 – 400 mm L*

Alles in allem sind das hier sehr subjektive Empfehlungen aus meiner jahrelangen Erfahrung als Fotograf. Wer etwas Besonderes oder Verrücktes anstellen will, kann auch einfach immer genau das Gegenteil von dem kaufen, was ich empfohlen habe. Auch damit sind Fotografien möglich, nur anders!

Ich hoffe aber, dass meine Erläuterungen einigen Einsteigern helfen, für sich eine Richtung beim Einstieg in die digitale Fototechnik zu finden. Und wer noch nicht weiß, was er will, wird ums jahrelange Ausprobieren nicht herum kommen. So haben viele Fotografen angefangen. Ich auch.

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Fotos kaufen

25 Jun

Ein Beitrag von: Anne Henning

Es ist großartig. Gute Bilder von guten Fotografen sind nur einen Klick entfernt. Tagtäglich verfolgen wir die Portfolios und Streams unserer Lieblingskünstler und lassen uns inspirieren, begeistern, nähren. Kurzum – wir konsumieren.

Ab und an schreiben wir vielleicht einen Kommentar unter ein Bild oder klicken es zu unserer digitalen Favoritenliste dazu. Diese Online-Sammlung unserer schönsten Bilderschätze wächst ständig. Aber wie oft schauen wir uns unsere alten Favoriten wirklich noch einmal an, wie lange schauen wir uns überhaupt Bilder an, die uns gefallen, bevor wir weiterklicken und das nächste konsumieren? Ich glaube, meistens weniger und kürzer als gute Fotos es verdienten.

Manchmal bin ich dieser Klickerei, dieser digitalen Bilderflut, absolut überdrüssig. Und dann kam letztes Jahr dieser Moment, als es in mir Klick gemacht hat.

Ich habe schon einige kleinere und größere bildhauerische Arbeiten von Künstlern und Kommilitonen gekauft oder getauscht und auch zwei ziemlich gute Rüdiger-Beckmann-Drucke hängen an meinen Wänden. Eine geschenkte Leinwand eines befreundeten Malers und auch ein paar fotografische und plastische eigene Arbeiten aus verschiedenen Schaffensphasen hängen um mich herum. Ich liebe den Dialog, den Kunstwerke miteinander eingehen, indem man sie in denselben Raum hängt oder stellt.

Sie wirken ganz anders, je nachdem, an welcher Wand und über welcher Skulptur sie hängen. Sie entfalten eine neue Präsenz und beeinflussen sich gegenseitig. Und auch, wenn mein relativ überschaubares WG-Zimmer schon aus allen Nähten platzt, hat es letztes Jahr wieder in mir drin geklickt und ich wusste:

Ich möchte ein Foto von Nastya Kaletkina kaufen!

Ich verfolge ihre Arbeiten seit längerer Zeit und finde sie fantastisch, surreal, betörend. Letztes Jahr im Februar habe ich dann dieses Foto gesehen. Eine halbnackte Frau liegt auf einem Bett. Um sie herum sind scheinbar wahllos Äpfel, Eier oder andere runde Kleinigkeiten verstreut. Halb fokussiert, halb verwackelt, schwarzweiß. Merkwürdig. Irgendwie nicht greifbar; ich verstehe dieses Bild nicht, doch fühle mich auf einen merkwürdige Art und Weise von ihm angezogen.

Eine Frau liegt auf einem Bett und ist von Äpfeln umgeben.

In mir wächst schlagartig der Wunsch, genau dieses Bild in meiner analogen Favoritensammlung an der Wand zu haben. Es nicht nur digital auf kleinem Monitor zu sehen, es laden zu müssen und am Ende doch wieder den Tab zu schließen. Ich will es real, hier an meinen eigenen vier Wänden. Gerahmt, groß, echt. Zum Anfassen und immer wieder Ansehen. Also nehme ich Kontakt auf.

Nach einigen Mails mit englisch-russischen Sprachbarrieren erfahre ich, wie es der Zufall so will, dass Nastya im Oktober nach Deutschland kommt, um in Düsseldorf an einer Ausstellung teilzunehmen. Sie wird diesen Akt mit Äpfeln auch ausstellen, ich darf das Original von da aus mitnehmen, habe Vorfreude, aber muss mich noch ein paar Wochen gedulden.

In der Zwischenzeit entdecke in im Luxad in Berlin einen wunderschönen Bilderrahmen. Mit Nastyas Bild im Hinterkopf muss ich das gute Stück einfach mitnehmen, dann habe ich immerhin schon den Rahmen, auch wenn ich auf den Druck noch warten muss. Ein Rahmen mit Geschichte für ein Bild mit Geschichte. Da die Bilderrahmen Einzelstücke aus recyceltem Holz sind und in ihrer Größe sehr individuell, möchte mein Rahmen auch das abenteuerliche Bildformat von 28 x 27,5 cm.

Bilderrahmen bei Luxad

Man schaut in den Verkaufsraum von Luxad und sieht einen Haufen Bilderrahmen.

Wie erwartet, ist die Kommunikation etwas holprig und meine exakten Formatwünsche vielleicht auch etwas unpräzise, sodass Nastya im Oktober mit dem falschen Format nach Deutschland kommt. Die Ausstellung ist dennoch wundervoll, es ist spannend, die Fotografin kennenzulernen, etwas über die Entstehungsgeschichte des Fotos zu erfahren und aufregend, das Bild an der Wand zu sehen, das ich von ihr kaufen werde.

Endlich hat es eine Oberfläche, hat den Computer verlassen und hängt dicht vor mir in einer kleinen Galerie in Düsseldorf. Das Schwarz ist viel dunkler als in der digitalen Version, alles wirkt noch verschwommener und surrealer. Leider ist die Qualität des Drucks nicht sonderlich gut, sonst hätte ich es mir vielleicht anders überlegt und es trotz falscher Größe gekauft. Aber auch so bin ich mir absolut sicher: Dieses Bild möchte ich haben.

Blick auf die Ecke eines alten mintgrünen Bilderrahmens.

Nachdem Nastya wieder in Moskau ist und ich ihr meine genaue Wunschgröße mitgeteilt habe, passiert erst einmal länger gar nichts. Wir sind beide zu beschäftigt für die zähe E-Mail-Kommunikation, sodass sich die Odyssee um meinen Druck noch viele Wochen ins neue Jahr trägt. Anfang 2014 meldet Nastya sich plötzlich und fragt nach meinem Wunschpapier. Hahnemühle, natürlich, denn nach dem halben Jahr Warterei kann mir das Papier nicht dick und haptisch genug sein.

Es dauert noch ein paar Tage, dann liegt der Akt mit Äpfeln in Moskau frisch gedruckt und wartet auf die Reise nach Köln. Vielleicht hätten wir es an dem Punkt einfacher haben können, aber nachdem wir eine monatelange E-Mail-Kommunikation, eine Ausstellung mit einer Version im falschen Format und dutzende Übersetzungsprobleme hatten, musste auch die Reise nach Deutschland abenteuerlich sein.

Ein einfacher Paketversand kam also nicht in Frage. Wir entschieden uns dafür, das Bild von Flughafen zu Flughafen zu schicken. Nastya wollte es in Russland irgendjemandem mitgeben, ich sollte es in Deutschland entgegennehmen. Doch das war gar nicht so einfach, wir haben drei Versuche gebraucht, bis Nastya am Schalter in Moskau wirklich jemanden gefunden hat, der bereit war, den gut verpackten Druck per Handgepäck nach Düsseldorf zu bringen.

Eine Mappe mit kyrillischen Buchstaben.

Nervös und doch voller Vorfreude stand ich also endlich vor ein paar Wochen am Düsseldorfer Flughafen, mit einem kleinen Schild in der Hand, auf der Suche nach einer wildfremden Frau mit Foto im Handgepäck. Die Odyssee ist gut ausgegangen, wir haben uns gefunden und mussten beide sehr lächeln bei der Übergabe. Und auch Nastya freute sich sehr über das gelungene Ende dieses Abenteuers.

Wir sehen ein Bild in einem Bilderrahmen.

Der merkwürdige Akt mit Äpfeln hängt nun an meiner Wand. Auch, wenn ich ihn nach über einem Jahr immer noch nicht ganz verstanden habe, immer noch Neues in ihm entdecke, ist das nun kein Problem mehr, denn ich habe jetzt alle Zeit der Welt, ihn zu betrachten. Kein Klicken, kein Laden, keine Pixel.

Nastyas Druck hängt, liebevoll signiert, in dem alten Holzrahmen, die Glasscheibe habe ich weggelassen, so wird er mit den Jahren vielleicht vergilben, aber dafür bin ich ihm ganz nah, kann über das Papier fahren und mich an diesem Kunstwerk mit der langen Reisegeschichte immer wieder erfreuen.

Umgeben von Erinnerungen an Ausstellungen drei meiner Lieblingsbildhauer, meinem Lieblingskinderbuch und einer schwebenden Wachsarbeit einer befreundeten Künstlerin, hat er genau diese Symbiose und Präsenz im Raum entwickelt, die ich an Drucken so liebe.

Ein Bild hängt in einem Bilderrahmen an der Wand. Daneben sind noch andere Bilder zu sehen.

Drucke sind das kleine gallische Dorf der Fotografie-Szene, denn das allermeiste setzt sich nur digital fort. Doch Drucke sind widerstandsfähig und haben eine betörende Wirkung, wenn sie erst einmal den Weg in den Bilderrahmen gefunden haben. Darum kann ich jedem nur empfehlen, sich Bilder zu kaufen, die einem am Herzen liegen, die begeistern, die einem nicht aus dem Kopf gehen. Die man sieht und bei denen es Klick macht.

Durch deren Kauf man den Künstlern und Künstlerinnen ein wunderschönes Kompliment macht und ihre Arbeiten auf eine sehr ehrliche Art und Weise belohnt. Die Mühe, das Geld, die Warterei, all das ist es wert, sie raus aus der digitalen Favoritenliste rein in die eigenen Vier Wände zu holen.

Und wie sieht es bei euch aus, welche fotografischen Schätze haben den Sprung von eurer Favoritenliste bis an die Wand geschafft?


kwerfeldein – Fotografie Magazin | Fotocommunity

 
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