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Posts Tagged ‘Insel’

Abenteuer Island – in zwölf Tagen um die Insel

25 Nov

Ein Beitrag von: Julia Wengenroth

Am 10. Juni war es endlich soweit: Ich erfüllte mir einen großen Traum und flog mit meinem Freund nach Island. Schon der Anblick der Insel von oben während des Anflugs ließ meine Freude ins Unermessliche steigen. Zwischen dicken Wolken konnte man die Ringstraße erkennen, grüne Täler und erstarrte Lavafelder.

In Reykjavik angekommen, mieteten wir uns einen Camper, der uns die nächsten zwölf Tage einmal um die Insel bringen und gleichzeitig unser Schlafplatz werden sollte.

Eine Straße vor wolkigem Himmel

Wasserfall

Am ersten Tag nahmen wir uns den Golden Circle vor. Die drei bekanntesten Sehenswürdigkeiten dort sind der Nationalpark Pingvellir mit seinem breiten Grabenbruch, der durch die auseinanderdriftenden Kontinentalplatten entstanden ist, der Geysir, eine emporschießende heiße Quelle und der donnernde Wasserfall Gullfoss.

Nach den fantastischen und surrealen Eindrücken des ersten Tages schliefen wir im Camper wie zwei Steine, obwohl die Sonne nachts nicht unterging und ein magisches Licht über dem Land lag.

Am nächsten Tag hatten wir uns etwas ganz Besonderes vorgenommen: Wir fuhren zum Skógafoss, einem Wasserfall, der über zerklüftete Felsen rauscht. Hier kam dann auch mein Graufilter erstmals zum Einsatz. Ich hatte mir den Big Stopper von Lee extra für diese Reise gekauft und war direkt nach den ersten Testaufnahmen mehr als begeistert.

Ein weißes Häuschen in karger Landschaft

Wasserfall

Als ich genug Bilder im Kasten hatte, machten wir uns auf die Suche nach einem abgestürzten Flugzeug. Schon zu Hause hatte ich davon gehört und wollte dieses Flugzeugwrack unbedingt finden. Wir hatten lediglich eine ungefähre Beschreibung seiner Position.

Das Problem war nur, dass wir irgendwann die befestigte Straße verlassen mussten. Wir bogen also mit unserem Camper an irgendeiner Stelle ab und fuhren kilometerweit auf unbefestigtem Untergrund und ohne Orientierungspunkte ins Nirgendwo.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, unzähligen Bodenwellen und Schlaglöchern sahen wir am Horizont etwas Weißes aufblitzen. Da war es, das Flugzeugwrack – die Douglas C117-D, ein Militärflugzeug der US Navy, das 1973 notlanden musste und seitdem einsam in dieser stürmischen Küstenlandschaft liegt.

Flugzeugwrack im schwarzen Sand.

Schwarzer Strand.

Dann ging unsere Reise weiter nach Dyrhólaey und Vík í Mýrdal. Als wir dort ankamen, hingen über dem Ort mit gerade mal 296 Einwohnern dunkle, schwere Wolken. Der heftige Wind peitschte uns den Regen ins Gesicht.

Obwohl ich ständig die Regentropfen von meinem Objektiv wischen musste, war die Stimmung perfekt für die Fotos, die ich machen wollte. Der schwarze Lavastrand mit den Reynisdrangur-Felsnadeln im Hintergrund war wunderschön und der Ausblick hoch oben vom Felsplateau atemberaubend.

Verlassenes Haus.

Ein weißes Häusschen auf schwarzem Strand.

Wir fuhren weiter die Ostküste entlang, vorbei an unwirklichen Mooslandschaften, riesigen Gletschern, versteckten Wasserfällen und wunderschönen Lupinenfeldern. Häufig sahen wir auch zurückgelassene Häuser, die ebenfalls wunderbare Motive darstellten.

Kurz vor der Stadt Seydisfjördur hielten wir am Wasserfall Gufufoss. Hier konnten wir in Ruhe einige Fotos schießen, denn der Ort war menschenleer.

Frau sitzt auf einem Stein vor einem Wasserfall.

Auf unserem Weg Richtung Norden machten wir noch einen Abstecher zum größten Wasserfall Europas, gemessen am Volumen – dem Dettifoss. Der Weg dorthin war so holprig, dass wir selbst bei 30 km/h das Gefühl hatten, dass unserem Camper jeden Moment das Fahrwerk wegbrechen würde.

Schmaler Wasserfall zwischen schwarzen hohen Felsen.

Mann mit roter Jacke vor einem Wasserfall.

Doch nicht nur der Dettifoss mit seinen gewaltigen Wassermassen war sehr beeindruckend. Auch der Selfoss, ein paar Kilometer oberhalb des Dettifoss, war die teils schwierige Wanderung dorthin absolut wert.

Breiter Wasserfall.

Einer der bizarrsten Orte war Mývatn und Krafla im Norden Islands. Krafla, eine aktive Vulkanzone, ist übersät mit Dampffontänen, brodelnden Schlammtöpfen, neonfarbenen Kratern und aquamarinblauen giftigen Seen. Die Gegend ist voll von Fliegen und Mücken, die der starke Schwefelgeruch anzieht.

Wanderer vor einem Berg aus rotem Sand.

Wir ließen es uns natürlich auch nicht nehmen, ein paar Stunden im milchig-blauen warmen Wasser des Naturbades Mývatn zu entspannen. Eine echte Alternative zur berühmten und sehr überfüllten Blauen Lagune in Reykjavík.

Mit dem Wetter hatten wir an diesem Tag großes Glück: Strahlender Sonnenschein mit Temperaturen um unglaubliche 26 Grad. In Island wahrscheinlich eine echte Seltenheit, da die Durchschnittstemperaturen im Juni eher bei zehn bis 14 Grad liegen. Das Wetter kann sich hier im Fünf-Minuten-Takt ändern.

Mann in milchigem Wasser.

Den letzten großen Wasserfall, den ich auf unserer Reise durch Island fotografieren wollte, war der Godafoss – der Wasserfall der Götter. Er trägt seinen Namen zu Recht und gehört zu den schönsten Wasserfällen des Landes.

Wasserfall

Unser Weg führte uns weiter zur Halbinsel Snaefellsnes. Dort besuchten wir in Búdir die älteste Holzkirche Islands. Die schwarz geteerte Kirche liegt neben dem Lavafeld Budahraun und wurde im Jahre 1703 erbaut.

Auch sonst hat Snaefellsnes viel zu bieten. Raketenartige Leuchttürme, dramatische Meeresklippen und grüne Fjorde bilden die faszinierende Landschaft der Halbinsel.

Schwarze Kirche

Felsige Küste

Die Reise nach Island war ein großartiges Erlebnis. Die Insel ist ein wundervoller Ort, um sich fotografisch auszutoben. Es war so beeindruckend, dass wir mit Sicherheit noch einmal nach Island reisen werden, um den Rest dieses Eilands zu erkunden.

Beim nächsten Mal nehmen wir uns das Hochland und die Westfjorde vor, denn auch dort gibt es sicher wieder fantastische Motive. Ich zähle schon jetzt die Tage.


kwerfeldein – Fotografie Magazin | Fotocommunity

 
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An den Ufern einer schwindenden Insel

11 Jun

Ein Beitrag von: Daesung Lee

Die Insel Ghoramara liegt in der Deltaregion des indischen Bundesstaates Westbengalen. Aufgrund des Klimawandels und dem damit einhergehenden dramatischen Anstieg des Meeresspiegels werden die Ufer der Insel seit den 1960er Jahren stetig ausgewaschen.

Seit den 1980ern ist mehr als die Hälfte des Inselterritoriums der Erosion zum Opfer gefallen. Mit dem Ergebnis, dass inzwischen zwei Drittel der ursprünglichen Bevölkerung die Insel verlassen haben.

Ghoramara © Daesung Lee

Viele Menschen, die noch immer hier leben, sind Bauern oder Fischer, deren Leben von den natürlichen Ressourcen der Insel abhängig ist.

Laut eines Staatsbeamten, den ich vor Ort getroffen habe, könnte die indische Regierung die Insel in 20 bis 25 Jahren aufgeben und hat bereits Pläne angedeutet, die Bewohner auf eine andere Insel namens Sagar zu evakuieren.

Doch sieht dieser Evakuierungsplan keinerlei finanzielle Unterstützung für diejenigen vor, die ihr Leben vollständig verlagern müssen.

Ghoramara © Daesung Lee

Als ich Ghoramara besuchte, konnte ich bereits im Ansatz erkennen, wie sich dort durch die steigenden Fluten allmählich ein Erbe auflöst.

Durch die Erosion entblößte Wurzeln versinnbildlichen das fehlende Fundament im Leben der Menschen. Das Meer verschlingt ihre Vergangenheit, während ihre Zukunft ungewiss bleibt.

Ghoramara © Daesung Lee

Das kontinuierlich zurückweichende Ufer und die schwindende Vegetation hinterlassen eine Küste aus Sedimenten von ironischer Schönheit inmitten der kargen Ufer. Man könnte auch von einer tragischen, menschengemachten Schönheit sprechen.

Für meine Fotoarbeit „On the shore of a vanishing island“ (der englische Originaltitel der Serie, Anm. d. Red.) habe ich Inselbewohner am Ufer platziert, sie der Schönheit des schwindenden Eilands gegenüber gestellt und Portraits von ihnen gemacht, um eine unrealistische Anmutung zu erzielen.

Ghoramara © Daesung Lee

Aber dennoch handelt es sich ja dort, wo sie leben, um eine für sie sehr reale Situation. Der Tag wird kommen, an dem die Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Eines Tages wird die Insel, auf der sie geboren wurden nur noch in ihrer Erinnerung existieren.

In meinen Projekten setze ich mich kontinuierlich mit dem Einfluss der Globalisierung auseinander. Begonnen, fotodokumentarisch zu arbeiten habe ich 2007 als ich die Bergbaustadt Campa in der Nähe der Halong-Bucht – einem Weltnaturerbe der UNESCO – in Vietnam besuchte.

Die Kohlegewinnung hat die Stadt und die Umwelt in diesem Bereich vollständig zerstört. Mir wurde klar, dass diese Art der Gewinnung natürlicher Rohstoffe Teil der Weltwirtschaft ist, vorangetrieben von der Globalisierung und unserem Verbrauch.

Ghoramara © Daesung Lee

Also begann ich, das Thema der Rohstoffgewinnung in den Ländern Asiens zu vertiefen und mir Gedanken über die Folgen der Globalisierung zu machen. „On the shore of a vanishing island“ ist dabei als Teilserie im Rahmen meines gesamten Projektes angelegt.

Die Bewohner Ghoramaras sind auf einen traditionellen Lebensstil angewiesen, auf Fischfang und Landwirtschaft in einem nachhaltigen ökologischen System, das nichts mit Globalisierung zu tun hat.

Ghoramara © Daesung Lee

Ghoramara © Daesung Lee

Doch ihre Existenz ist durch die Auswirkungen derselben auf ihren Lebensraum im Begriff, zerstört zu werden und dafür sind teilweise wir verantwortlich.

Ich habe vor, dieses Projekt an anderen Orten weiterzuführen, wie in der Mongolei, im Amazonas oder in Grönland, wo traditionelle Lebensräume von Menschen durch Desertifikation, Abholzung und Rohstoffgewinnung bedroht sind.

Ghoramara © Daesung Lee

Ich finanziere alle meine Projekte selbst und arbeite dafür in mehreren Teilzeitjobs. Es ist nicht einfach, auf diese Weise mein Langzeitprojekt fortzuführen. Doch ich halte daran fest, damit ich meine Ideen zeigen und so mittels meiner Fähigkeiten als Dokumentarfotograf zur Gesellschaft beitragen kann.

Daesung hat diesen Artikel auf Englisch verfasst, unser Redakteur Robert hat ihn für Euch auf Deutsch übersetzt.


kwerfeldein – Fotografie Magazin

 
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Niemand ist eine Insel

25 Feb

„Sie mussten erkennen, dass die Werte der Welt, in der wir leben, und die Menschen, mit denen wir uns umgeben, entscheidende Auswirkungen darauf haben, wer wir sind.“ – Malcom Gladwell

Eine sehr populäre Theorie unter Fotografierenden ist, dass das zentrale Element, um das sich alles dreht, gänzlich eigene Ideen sind. Ich möchte diese Theorie in Frage stellen. Und zu Beginn sei mir ein persönlicher Einstieg erlaubt.

Ich habe jahrelang versucht, eigene Ideen zu entwickeln. Mein Ding zu machen mit der Fotografie. Bilder zu gestalten, auf die noch niemand vor mir gekommen ist. Und es fühlte sich so an: Puh, naja. Zwar hatte ich ein paar Ideen, aber mit ein bisschen Recherche wurde mir schnell klar: Martin, da war schon jemand vor Dir schlau. Na toll.

Immer wieder dachte ich daran, wie schön es doch wäre, einen Fotostil zu entwickeln, der noch nie in dieser Form dagewesen war. Etwas zu erschaffen, was keiner vorher je gedacht und auf diese Weise umgesetzt hatte.

Jedoch wurde ich immer und immer wieder enttäuscht. Denn ich merkte, dass ich nichts schaffen konnte, was nur aus mir selbst heraus entstehen konnte. Ein wenig gefrustet, ließ ich nach einer Weile die Idee vom Streben nach dem Unikum eine Weile liegen. Das wiederum fühlte sich ganz gut an.

~

Doch lassen wir mal die lieben Gefühle beiseite. Heute glaube ich nicht mehr an das Geschichtchen mit der ganz eigenen Idee. Ich halte das Bemühen darum – zumindest für mich selbst – für Zeitverschwendung. Warum?

Weil wir keine unbeeinflussbaren Individuen sind. Und das, obwohl wir in einer Gesellschaft leben, die das Individuum und seine Genialität schier vergöttert.

Wir lieben es, wenn Daniel Craig, Urma Thurman oder Bruce Willis (für die Braveheart-Freunde: Mel Gibson) gegen die Bösen kämpfen. Sie sind die Helden, ganz allein. Sie schaffen es, ganze Armeen mit ihrem Einfallsreichtum, ihrer Disziplin und ihren heldenhaften Überzeugungen in Bann zu ziehen.

Was hat das mit der Fotografie zu tun? An dieser Stelle möchte ich gern eine Ebene tiefer gehen und einen kleinen Sprung in die Philosophie wagen. Der aus aus Slowenien stammende Slavoj Žižek nennt Kino „ein pädagogisches Institut“. Wenn wir eine Gesellschaft verstehen wollen, „müssen Sie nur ihre Filme ansehen.“ Es zeige ihre Struktur in Reinform.

Diese Struktur umgibt auch uns, die der Fotografie anhängig geworden sind. Sie beeinflusst unsere Wünsche, unseren Willen und die Art und Weise, wie wir an Dinge herangehen.

Das geheimnisvolle Genie

Ein weiterer Mythos, der dem Ganzen zugrunde liegt, ist die Redewendung „vom Tellerwäscher zum Millionär“, die wir aus dem Amerikanischen importiert haben. Dahinter steckt, wie jeder weiß, die Idealvorstellung, dass es jeder Arme schaffen kann, reich zu werden – und die Medien sind voll von überbordenden Heldentaten. Und auch hier lohnt ein Blick hinter Kinokulissen und Metaphern, mit denen nicht gespielt wird.

Einer (meistens ist es ein Mann) ist glorreicher als alle anderen. Er schafft das Undenk-, das Unfassbare. Gepriesen seist Du, einzelner Mann, der Du es schafftest, was keiner auch nur zu denken wagte!

Zurück auf den Boden der Tatsachen. Von solchen Ideologien umgeben sind auch wir, die Fotografen, die wir uns nicht selten auch als Künstler identifizieren. Die Fotografie als solche hat auch diesen Zweig, diesen Strang um das geheimnisvolle Genie. Und wer will nicht ein Genie sein?

Groß, bekannt, ein Star werden. Und: Mit unserer ganz eignen Idee. Mit unserem Stil. Wir, die Helden. Applaus, Applaus. Gepriesen.. ach, lassen wir das.

Zwar würde ich nicht mit den Rekreationisten sagen, dass alles ein Remix oder – das langsam einstaubte Wort – ein Mashup ist. Ich glaube nicht, wie Austin Kleon in „Steal like an Artist“ konstatiert, dass wir „nur die Summe unserer Einflüsse“, der „Remix unserer Mütter und Väter“ wären. Im Gegenteil, ich glaube, dass Kreativität das ist, was wir aus unseren Einflüssen machen.

Aber zu glauben, dass wir aus uns heraus die allergeilsten Fotos der Welt machen werden, ist Irrsinn. Uns theoretisch von unseren Einflüssen loszusagen, wirkt kontrakorrektiv, denn in diesen leben wir und können nicht ohne sie.

Vom Vor- und Sehnsuchtsbild

Der Idee des ganz und gar Eigenen liegt auch zugrunde, dass der oder die Agierende einerseits etwas schafft, was vorher nie in dieser Form dagewesen war, andererseits aber (und vor allem) keinerlei Ähnlichkeit mit Werken anderer aufweist.

Hierzu ZEIT-Redakteur Hanno Rauterberg in seinem Artikel „Schöner Klauen“:

Das ganze System der ästhetischen Produktion, das System der Kunsthochschulen, des Kunstmarkts, der Kunstmuseen, basiert auf der Vorstellung, dass Künstler etwas zu bieten haben, was andere nicht bieten.

Dass die Künstler also doch etwas Besonderes sind, eigensinnig, eigenständig, originell. Diese Vorstellung entwickelte sich im ausgehenden 18. Jahrhundert auch aus einem antiaristokratischen Impuls heraus.

Der Adel war durch seine Abkunft legitimiert, die Künstler hingegen setzten sich über alle Traditionen hinweg, wollten Abgrenzung, nicht Nachfolge. Sie waren ihre eigenen Urheber, selbstbestimmt, aus sich selbst schöpfend. Als solche, als autonome Subjekte, konnten sie zum Vor- und Sehnsuchtsbild der Bürger avancieren.

Sie waren ihre eigenen Urheber, selbstbestimmt, aus sich selbst schöpfend. Klingt eigentlich gut. Leider zu gut, oder gar: falsch.

Evelyin Finger zitiert in ihrem Artikel Wie genial muss es denn sein? den Historiker Dirk van Laak: „Es gebe, sagt Dirk van Laak, in der modernen Gesellschaft ein irres Bedürfnis, überrascht zu werden. Dahinter würden sich Abgeklärtheit und Abgestumpftheit verbergen.“

Diesem Bedürfnis begegnen wir in Kommentarform regelmäßig. Wo? Hier, in diesem Magazin. Es ist keine Seltenheit, dass Kommentatoren enttäuscht um ihre verlorene Zeit leicht beleidigt der Redaktion vorwerfen, das hiesig gezeigte wäre nun „auch keine Neuheit“ mehr. Und wäre deshalb besser in der Tonne gelandet.

Schnarchopoparch! Gar keine noch nie dargebotene Bruce-Willis-Action! Ich will sofort mein Geld zurück!

Der Beginn

Jedoch schauen wir alle auch Fotos von anderen an und bauen auf dem auf, was Fotografen vor uns geleistet haben. Fotografen, die uns mit ihren Bildern inspirieren. Dazu bewegen, mal etwas Ähnliches zu probieren.

Das geht – zu Ende gedacht – soweit zurück bis zum Beginn, als wir unser erstes Foto machten.

Irgendetwas bewegt uns dazu, ein Bild zu machen. Vielleicht, weil es eine Familientradition ist und schon unsere Eltern fotografierten. Oder weil unsere Eltern dem Musischen nahe waren. Vielleicht auch, weil wir an der Wand der Freundin so tolle Abzüge sahen und dachten: Das will ich auch. (Das sind Beispiele, die es in eintausend Abwandlungen gibt, bitte keine wörtliche Auslegung.)

Und dann beginnen wir, zu fotografieren.

Und mit der Fotografiererei werden wir ganz – unerwartet – sensibel und empfänglich für die Werke anderer Fotografen. Schauen uns deren Bilder an, lassen uns davon inspirieren und versuchen, den Look, das Gefühl oder etwas anderes von dem, was wir da sehen, irgendwie auch in unseren Fotos zu finden.

Und merken: Wir sind umgeben von Inspirationen. Wir wollen und wir können uns davon nicht trennen.

Albert Einstein soll einmal gesagt haben: Das Geheimnis der Kreativität ist es, seine Quellen verstecken zu wissen. Womit Herr Einstein auch unterstreicht, dass jeder seine Quellen hat. Doch die wenigsten können oder wollen das zugeben. Sie sehen sich lieber im Lichte der eignen Genialität.

Jedoch: Niemand ist eine Insel.

Und selbst, wenn wir eines tun, was so ganz eigen erscheint, wenn wir von vielen Fotografen Vorgemachtes umkehren, es brechen, es umdrehen, verkrümmen oder in andere Kontexte setzen: Wir beziehen uns damit dennoch ständig auf sie.

Diametrale Inspiration

Der Familientherapeut Hellinger (er ist nicht zu Unrecht umstritten) sagte einmal „Hass bindet auch“ und erklärte an anderer Stelle, dass wir gerade dann, wenn wir sagen, wir wollten nicht so werden wie unsere Eltern, so werden wie sie. Und dass dieser Drang des „Andersseins“ immer wieder auf sie zurückführt.

Natürlich hassen wir nicht die Fotos anderer (obwohl…). Doch selbst oder insbesondere eine Abneigung gegen einen bestimmten Stil hat eine Zuneigung zu einem anderen Stil zur Folge und ist somit inspiriert von – ? Dem, was zu Beginn nicht gemocht wurde.

Zum Schluss übergebe ich das Wort nochmals an den oben zitierten Malcom Gladwell*:

Kein Eishockeystar, kein Bill Joy, kein Robert Oppenheimer und kein anderer Überflieger kann aus der Höhe seines Erfolges herabblicken und ehrlich von sich behaupten: „Das habe ich nur mir zu verdanken“.

Oberflächlich betrachtet scheinen Staranwälte, Mathematikgenies und Softwaremilliardäre einer anderen Welt anzugehören als wir. Doch das stimmt nicht. Sie sind das Produkt ihrer Geschichte, ihrer Gesellschaft sowie der Chancen, die sie hatten und der kulturellen Traditionen, die sie geerbt haben.

Ihr Erfolg hat nichts Übermenschliches oder Geheimnisvolles an sich. Er ist das Ergebnis von bestimmten Vorteilen und ererbten Traditionen, er ist zu einem Teil verdient, zu einem anderen nicht, einiges haben sie sich selbst erworben, anderes ist ihnen in den Schoß gefallen – doch all das hat entschieden dazu beigetragen, sie zu dem zu machen, was sie sind.

Die Überflieger sind am Ende eben alles andere als Überflieger.

Übrigens: Dieser Artikel wurde inspiriert von der Beschäftigung mit systemischer Familientherapie, Emergenter Theologie, einem Artikel, den ich vor einem halben Jahr gelesen und den Link (dummerweise) nicht gespeichert habe, meinem Freund Daniel Ehniss und vielen kleinen Dingen, die mich zum Nachdenken gebracht haben.

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kwerfeldein – Fotografie Magazin

 
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