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Was ist guter Fotojournalismus?

05 Nov

Ein Beitrag von: Andreas Herzau

Wer heutzutage mit offenen Augen die Straßenfotografie-Szene und den Fotojournalismus betrachtet, wird über den Namen Andreas Herzau nicht nur einmal stolpern. Überall tauchen seine Bildbände* auf*, man sieht seine Werke in diversen Fachzeitschriften oder trifft ihn auf einem Workshop. Und falls man einfach nur googelt, findet man einen aussagekräftigen Eintrag in der Wikipedia.

Ich habe Andreas Herzau zum Interview eingeladen und ihn zu seinem wichtigsten Thema, dem Fotojournalismus, Fragen gestellt, die seiner Kritik an selbigem auf den Grund gehen.

Andreas, Du bist heute sowohl als Straßenfotograf wie auch als Fotojournalist international tätig. Wie hat das alles angefangen?

Ich will es mal so sagen: Es gab keinen Plan, auch wenn es heute ein wenig so aussieht. Ich hatte nach der Schule eine Typografen-Ausbildung zum Schriftsetzer in Tübingen gemacht und habe in diesem Beruf unter anderem auch Kataloge hergestellt, die sich mit Fotografie beschäftigten.

Später dann, während meines Zivildienstes, hatte ich mich auf ein Volontariat bei der Zeitschrift „Konkret“ in Hamburg beworben, da ich nochmals etwas Neues und Weitergehendes machen wollte. Glücklicherweise wurde ich damals genommen und habe dann ab Mitte der 80er Jahre als Redakteur und Journalist gearbeitet.

Bis Anfang der 90er Jahre – damals war der Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt schon einmal im Umbruch. Dann lockte mich die reine Bildsprache mehr als der reine Text. Letztlich habe ich damals mit dem Wechsel zur Fotografie meiner gestalterischen sowie meiner journalistischen Kompetenz eine neue Heimat gegeben.

Das Witzige ist, dass ich zwar als Fotojournalist bekannt geworden bin, meine Anfänge aber in der Straßenfotografie lagen. Ich wanderte damals schon durch Hamburg und versuchte, mir vom Alltag ein Bild zu machen. Diese Bilder bot ich dann Zeitungen wie der Taz oder der Zeit an, die diese dann sogar druckten.

New York © Andreas Herzau

Was zog Dich zur Straßenfotografie? Hattest Du Vorbilder?

Naja, das Leben auf der Straße erschien mir aufregend genug und ich hatte dort genug Spielraum, mich auszuprobieren. Und im Unterschied zu heute machte ich nur Einzelbilder. Das hatte den Vorteil, dass ich den Erfolgsdruck mindern konnte, da ich nur die einzelnen und eben gelungenen Bilder der Öffentlichkeit preis gab.

Ich hatte gegen Ende der 80er Jahre zusammen mit meiner Frau, der Soziologin Dr. Renate Ruhne, eine Serie über Flüchtlinge, die aus Ostberlin in die damalige BRD kamen, fotografiert und hatte eine Ahnung bekommen, wie schwierig es ist, eine Serie zu erarbeiten und durchzukomponieren. Allerdings weiß ich heute auch, welche ungeahnten Möglichkeiten eine Serie bietet. Welche Gestaltungs- und inhaltlichen Möglichkeiten sich für mich dadurch ergeben.

Erst heute, nach fast 20 Jahren, bin ich an einem Punkt, an dem ich mich wieder von der Serie im narrativen Sinn lösen kann und möchte. Meine Vision heute wäre eine Serie, bestehend nur aus Einzelbildern. Also eine Serie, bei der es eine Meta-Ebene gibt, die diese einzelnen Bilder wieder zu einer Serie verschmelzen lässt.

Vorbilder? Ich weiß nicht, ich glaube ich hatte nie wirklich welche. Ganz am Anfang hatte mich die Formsprache der Fotografie am Bauhaus sehr angeregt, später waren es eher Themen, dann einzelne Autoren, die mich anregten.

Moskau © Andreas Herzau

Von der Straßenfotografie zum Fotojournalismus ist es quasi nur ein Katzensprung. Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Dich in diese Richtung „geschoben“ hat oder war es eher ein längerer Prozess?

Weder noch. Ich wollte schlicht Fotojournalist werden und das wird man nicht unbedingt mit Einzelbildern. Zudem gab es Themen, die mich damals (wie heute) berührten und die ich Dank des Privilegs, Journalist zu sein, erforschen wollte.

Fotojournalist. Das klingt erst einmal groß und weit weg. Wie dürfen wir uns Deinen heutigen Arbeitsalltag (ungefähr) vorstellen?

Grundsätzlich teilt sich meine fotografische Arbeit in drei Bereiche auf: Ein Drittel besteht aus fotojournalistischen Aufträgen für Magazine und teilweise auch Tageszeitungen, ein weiteres Drittel sind PR-Aufträge und das letzte Drittel schließlich freie Projekte, die dann häufig als Bücher publizierte werden.

Manche Projekte entstehen auch aufgrund von Stipendien wie denen der VG BildKunst oder durch Einladungen beispielsweise vom Goethe-Institut. Wichtiger Bestandteil meiner Arbeit ist inzwischen auch die Lehre an diversen Hochschulen und meine Beratungstätigkeit für Unternehmen, die einen neuen visuellen Auftritt suchen und denen ich helfe, sich visuell neu zu positionieren.

In diesen verschiedenen Feldern unterscheidet sich die Art der Fotografie wenig, da ich mittlerweile das Glück habe, dass ich überwiegend aufgrund meiner Fotografie – oder wie man so schön sagt: der Bildsprache – gebucht werde. Dadurch werden mir in der Regel recht nette Aufgaben gestellt, allerdings hat es auch den Nachteil, dass diese Art Bilder nicht so oft in den klassischen journalistischen oder auch PR-Verwertungskontext passen. Sprich: Ich habe wenige Aufträge, aber wenn ich welche bekomme, dann größere.

Wenn man das nun konkreter fasst, heißt das für die letzten Monate: Eine Dokumentation über die Lage im Ost-Kongo, ein Essay über die Skulpuren-Ausstellung „Emscher Kunst“, eine Portraitarbeit zum Thema „Strukturelle Armut in Deutschland“, daneben noch kleinere Portraits und Minireportagen.

Gleichzeitig kümmere ich mich um eine kleine neue Publikation meiner iPolaroid-Fotografie, die, so hoffe ich, im kommenden Frühjahr erscheinen wird. Zwischendurch habe ich dann immer mal wieder an meinem Projekt „The Swiss“, einem subjektiven Portrait der Schweiz, weitergearbeitet.

The Swiss © Andreas Herzau

Du bist bekannt dafür, dem Zustand des Fotojournalismus gegenüber kritisch zu sein. Was besorgt oder stört Dich?

Ich kann nicht sagen, dass ich besorgt bin, aber es gibt ein paar Dinge, die in der allgemeinen Larmoyanz über die Lage des Journalismus und ihrer Macher und Macherinnen immer untergehen: Die meisten (foto-)journalistischen Arbeiten, die wir im angewandten journalistischen Bereich sehen, sind wenig überraschend, wenig intelligent und oftmals redundant oder vorhersehbar.

Das liegt vor allem daran, wie Themen in den Redaktionen geplant und gedacht werden. Oft geht es darum, eine schon am grünen Tisch vorgefertigte These zu bestätigen. Das meint, das Thema in Worte zu fassen, die begleitet werden von Bildern, die das, was die Worte erzählen, bebildern und bestätigen. Die eigentliche Aufgabe, die dem Journalismus zufällt – nämlich, etwas unabhängig vom Ergebnis zu ergründen, zu erforschen, das aufzuschreiben und/oder zu fotografieren und auch noch einzuordnen – wird vernachlässigt.

Fotojournalistische Strecken in Magazinen, die es ja durchaus hin und wieder gibt, haben aber im Kern nur die Funktion im „manufactumschen“ Sinn: „Es gibt sie noch, die guten alten Dinge.“ In der Regel wird von Zeitschriften damit signalisiert, dass man noch „echten“ Journalismus kann. Das Thema ist fast egal, es muss in die Heftmischung des jeweiligen Produktes passen und darf nicht zu sehr auf die Kacke hauen oder Leser verschrecken. Fotojournalismus ist heute – so wie wir diesen im angewandten journalistischen Kontext erleben – meist Attitüde und/oder Entertainment.

Das liegt jetzt aber nicht nur an den bösen, bösen Verlagen, sondern unter anderem auch an den Herstellern dieses Fotojournalismus, also den Fotojournalisten. Im allgemeinen Singsang über die guten alten und die heute schlechten Zeiten geht oft unter, dass man auf bestimmte Fragen und Anforderungen oft keine zeitgemäßen fotografischen Antworten hat.

Nazis © Andreas Herzau

Das liegt vor allem daran, dass sich die Fragen unserer heutigen Welt und die Art, wie diese sich mit ihren Problemen darstellt, nicht mehr mit einfachen Schwarzweiß-Antworten erklären lassen. Viele Themen und Probleme brauchen heute in der Erklärung Sowohl-als-auch- und keine Entweder-oder-Antworten. Das ist für ein so zweidimensionales Medium wie die Fotografie keine einfache Sache.

Hinzu kommt, dass auch Fotojournalisten die klassische Reportage oft als Attitüde nutzen, um den Mythos des (meist männlichen) taffen und kein Risiko scheuenden Fotojournalisten am Leben zu erhalten. Urs Stahle, ehemaliger Direktor des Museum Winterthur, formulierte dies mal sehr schön:

Die Reportage-Fotografie leidet insgesamt an stilistischer und gedanklicher Erschöpfung. Die Fotografen wissen zu gut, was ein gutes Reportagebild ist, es gibt eine Art von Akademismus der Reportagefotografie. Das ist ihre hausgemachte Krise, welche die Krise der Umstände ergänzt.

Dass darüber eine Diskussion gleichwohl notwendig und virulent ist, zeigt ein Artikel, der unter der Überschrift „15 Thesen zum Journalismus im 21. Jahrhundert“ auf dem Blog des Schweizer „Tagesanzeiger“ veröffentlicht wurde.

Dort schreibt Constantin Seibt, dass soziale Tatsachen – Fakten – lediglich ein Rohstoff sind und „ihre Richtigkeit ist insofern wichtig wie die Reinheit und Vollständigkeit von Zutaten beim Backen wichtig ist. Aber der Kuchen ist das noch nicht. Die Fakten müssen erst zu einer echten Geschichte werden: zu einer, die auch ohne jede Neuigkeit interessant wäre.“

Hier wird ein wesentlicher Aspekt der Diskussion über den Bildjournalismus aufgegriffen, denn das, was hier für den Textjournalismus gemeint ist, gilt auch für die journalistische Fotografie: Es gibt heute nur wenige gesellschaftlich relevante Themen, die noch nicht fotografiert wurden. Die klassische Frage: „Wie fotografiere ich eine Geschichte?“ hat sich gewandelt zur Frage: „Wie fotografiere ich heute eventuell schon Bekanntes?“

Denn der Überraschungsmoment, die Enthüllung, die einst Reportagefotografie so begehrt und interessant gemacht hatte, ist nicht mehr so einfach gegeben. Das allgemeine (Bilder-)Wissen ist heute derartig umfassend, dass das bloße „Herzeigen“ von Geschehnissen, Orten und Menschen nur selten als Erkenntnisgewinn wahrgenommen wird. Auch dann, wenn die Bilder handwerklich hervorragend sind.

Zwar brauchen wir die Fotografie, weil sie dem Journalismus das schnell erkennbare Versprechen des Wirklichen gibt, aber wir haben gelernt, zu differenzieren, schnelle Sequenzen zu lesen und Abstraktes zu dechiffrieren. Es gibt fast nichts, was so schnell lesbar ist wie ein Bild, wodurch ihm im Kontext des schnell konsumierbaren Internets eine besondere Bedeutung zukommt: Als schnell konsumierbarer Code, der einem Beitrag als Schlüsselanreiz Aufmerksamkeit verleiht und binnen Bruchteilen von Sekunden eine thematische Zuordnung ermöglicht.

Hier hat die Simplifizierung der Welt durch Schlüsselbilder ihren Nutzen. Sie haben die Funktion eines Wegeleitsystems im Dschungel der Informationen übernommen. Aber die Wirklichkeit erklären können sie uns nicht.

Prostitution © Andreas Herzau

Das erinnert mich an ein Wort von Brassaï, der sagte, dass für ihn die Fotografie ein Vorschlag ist, aber keine Erklärung. Um beim Thema zu bleiben: Was ist für Dich gelingender Fotojournalismus? Gibt es Namen, die Du hier nennen würdest?

Vorschlag – ja das verstehe ich. Ich für mich würde sagen, meine Fotografie ist ein Versuch; ein Versuch der Erforschung von gesellschaftlichen Realitäten und auch von Prozessen und vielleicht letztlich auch der Versuch einer Erklärung. Tja, was ist gelungener Fotojournalismus? Wir haben in meinem Freundeskreis mal gesagt, dass alles, was gesellschaftliche Relevanz hat, was den kulturhistorischen Kontext berücksichtigt, was überraschend fotografiert ist und in jedem Fall nicht in einem deutschen Magazin veröffentlicht würde – das könnte guter Fotojournalismus sein.

Aber mal Spaß beiseite: Ich habe dieses Rezept auch nicht. Aber ich wundere mich, wie wenig darüber diskutiert wird und wie wenig auch ausprobiert wird. Ich denke, dass einer der Grundfehler ist, dass heute Fotojournalismus immer noch als eine Kategorie von Fotografierenden begriffen wird. Fotojournalismus ist nicht gleich Reportage. Fotojournalismus kann Still-, Landschafts-, Sport- oder Portraitfotografie sein.

Da wir eigentlich schon alles gesehen haben, geht es ja viel mehr um die Interpretation dessen, was wir sehen. Wenn man so will, ist die journalistische Fotografie dort angekommen, wo sie schon immer war, nur dass wir etwas anderes glauben wollten: Nämlich (k)ein Dokument, sondern inszenierte Wirklichkeit. Wir können heute mit unserem visuellen Grundwissen die Menschen mit viel komplexeren Bildern konfrontieren und doch gewiss sein, dass diese verstanden werden.

In der visuellen Kommunikation wird ein Bild, neben Typografie und Text immer noch am schnellsten erfasst und gelesen. Wir sollten den Betrachtern ruhig etwas mehr zumuten, so wie es die Maler vor hundert Jahren auch taten, als sie sich scheinbar plötzlich dem Abstrakten zuwandten.

Aber das ist auch sehr formal. Es geht mir auch um den Gedanken, der hinter den Bildern oder deren Zusammenstellung steckt. Ich will es mal als eine Frage formulieren: Wie fotografiert man heute Armut? Das ist ein wirklich komplexes Thema – zumal in Deutschland. Es beginnt mit der Frage: Was ist Armut hierzulande? Ab wann ist jemand arm? Und woran sehe ich das? Sprich: Wie fotografiere ich das? Schlafsackverteilungen, Suppenküchen, Bettler und so weiter – all das kennen wir zur Genüge.

Aber was ist mit den Menschen, die zwei oder manchmal drei Jobs haben, um über die Runden zu kommen? Oder um eine andere Frage zu stellen, die mich auch sehr beschäftigt: Wie fotografiert man heute Krieg? Wie Krieg aussieht, wissen wir. Aber wie vermittle ich, was da passiert?

Wenn ich so nachdenke, ist ein wesentliches Merkmal journalistischer Fotografie für mich auch, dass ich als Betrachter nicht im Ansatz das Gefühl habe, dass da jemand an sein Publikum gedacht hat, als er oder sie das fotografiert hat.

Istanbul © Andreas Herzau

Woran liegt es Deiner Meinung nach, dass der Fotojournalismus heute so ist, wie er ist? Ganz praktisch: Was kann ich als Einzelner tun, damit ich nicht in dieselben Fallen tappe?

Das Wichtigste für einen Fotografen ist und bleibt natürlich das Fotografieren, aber entscheidend ist heute nicht mehr allein das Tun an sich oder ein (Macht-)Wissen über Technik, sondern die Reflexion über das, was man fotografiert und vor allem ist es wichtig, den Kontext, in dem man sich kultur- und fotohistorisch bewegt, zu berücksichtigen.

Fotografieren an sich ist banal und einfach. Die Technik spielt kaum mehr eine Rolle, ein gutes Bild im landläufigen Sinn erledigt die Kamera und diese muss heute nicht mehr teuer sein. Wir haben in den letzten Jahren eine Art Demokratisierung der Fotografie erlebt. Jeder und jede kann sich auf diese Weise äußern, allein bei Facebook werden täglich etwa 300 Millionen Fotos hochgeladen.

Die Frage ist also: Was kann und was muss ich tun, um überhaupt noch als intelligenter fotografischer Autor agieren zu können bzw. wahrgenommen zu werden? Vielleicht kann man es mit dem Klavierspielen vergleichen: Es gibt gute Pianisten wie Sand am Meer, alle spielen auf wunderbare Weise – und wesentlich besser als ich oder viele andere es jemals könnten – aber es gibt ein paar wenige, die da herausstechen und diese haben wohl etwas gefunden oder verstanden, was ihr Spiel anders, besser und vielleicht intelligenter macht.

Die Ursache dafür sehe ich im wesentlichen darin, dass jemand etwas vollständig durchdrungen hat, also bis in den letzten Winkel verstanden hat und dass es ein Anliegen gibt, das diese Person – ob Pianist oder Fotograf – antreibt. Voraussetzung dafür ist natürlich die hohe handwerkliche Fähigkeit.

Es geht heute darum, dass Bilder nicht mehr etwas zeigen müssen, sondern einen Gedanken zum Ausdruck bringen sollten. Das ist eine hohe Anforderung, aber darin sehe die einzige Möglichkeit, sich noch abzugrenzen. Kurz gesagt: Nachdenken hilft – auch beim Fotografieren.

Um noch kurz auf die erste Frage einzugehen: Woran es liegen mag, dass der Fotojournalismus heute so ist, wie er ist. Einmal denke ich, dass die meisten Fotojournalisten nach wie vor denken, dass, was nun bald 100 Jahre funktionierte, einfach so weiter funktioniert. Das andere ist natürlich, dass wir als Fotojournalisten uns auf einem Markt bewegen, wir müssen damit Geld verdienen.

New York © Andreas Herzau

Und die intellektuellen Ansprüche des Marktes sind so niedrig wie noch nie. Denn Journalismus ist neben all den ehernen Ansprüchen auch eine Dienstleistung, die sich auf einem Markt behaupten muss. Der Reflex aufgrund der schlechten Marktsituation ging eben nicht in Richtung Qualität und Haltung, sondern eher in Richtung schneller, weiter, bunter und billiger.

Überraschenderweise müssen wir Fotojournalisten ja auch Miete bezahlen, unsere Kinder ernähren und so weiter, daher machen wir natürlich auch das, was der Markt von uns verlangt. Der materielle Anreiz, der ja ein wichtiger Grund dafür ist, einen Beruf auszuüben, ist da, aber nicht für qualitativ hochwertigen und intelligenten Fotojournalismus.

All die Fotofestivals und Fotopreisausschreiben versuchen zwar, uns darüber hinwegzutrösten, aber wer heute gute Arbeit im Feld des Fotojournalismus machen will, steht außerhalb des Marktes. Wenn es gut läuft, dann goutiert der Markt eine herausragende fotografische Arbeit, es gibt dann auch etwas Geld dafür, was meist nicht im Verhältnis zum Aufwand der Arbeit steht und der Sinn der Veröffentlichung in den meisten Magazinen ist die schon von mir beschriebene Attitüde, dass man so etwas noch macht.

Letztlich geht es in der Welt der Zeitungen und Zeitschriften aber um Unterhaltung und nicht um Aufklärung und Verstehen, was eigentlich ein wesentliches Fundament des Fotojournalismus ist.

In der Regel steht in vielen Chefredaktionen nur noch die Frage im Vordergrund: Was will der Leser oder die Leserin lesen und kaufen? Mein Eindruck ist, dass bei den Antworten auf diese Frage die Leserschaft etwas unterschätzt wird und das hat schon so mancher Zeitschrift das Genick gebrochen.

Ruanda © Andreas Herzau

Welchen fotojournalistischen Bildungsweg würdest Du heute jungen, ambitionierten Menschen vorschlagen?

Als erstes sollte man sich sehr, also sehrsehr sicher sein, dass man das wirklich will. Diese Berufswahl sollte schon so etwas wie eine Berufung sein, denn 100 % Einsatz werden nicht reichen, sondern es sind eher 150 %, die reichen könnten. Wenn man das für sich klar beantworten kann, dann ist es fast egal, welchen Ausbildungsweg man nimmt.

Ich würde aber durchaus ein Studium empfehlen, vielleicht mit einem zeitweiligen Aufenthalt im Ausland. Das bietet einem in relativ kurzer Zeit die Möglichkeit, ein Fundament an Theorie und Praxis aufzubauen. Entscheidend ist aber, was man selbst daraus macht. Es ist einfach eine hohe Eigenmotivation von Nöten, um seinen Weg zu finden, diesen dann zu gehen und das über Jahrzehnte weiterzuführen und auch weiterzuentwickeln.

Für mich war die Auseinandersetzung mit meinen fotografischen Weggefährten immer auch eine wichtige Fortbildungsmöglichkeit. Allein die Auseinandersetzungen bei der SIGNUM-Gruppe waren extrem lehrreich, was meine Fotografie betrifft. Ohne diese Gruppenauseinandersetzungen wäre ich heute nicht der Fotograf, der ich bin.

„Einfach machen“ ist in jedem Fall der erste Schritt und man sollte nicht daran denken, dass man Fotojournalist werden will, sondern man sollte daran denken, was man mit seinen Bildern erzählen will. Der Rest kommt fast von allein, da gibt es eine gewisse Zwangsläufigkeit der Wege, die man beschreiten will und muss.

Und: Viele Erfahrungen muss man selbst machen, die kann man nicht erzählt bekommen oder theoretisch erlernen.

Andreas, ich danke Dir für dieses Interview mit lehrreichen Ausführungen!

* Das ist ein Affiliate-Link zu Amazon. Wenn Ihr darüber etwas kauft, erhalten wir eine kleine Provision, Ihr zahlt aber keinen Cent mehr.


kwerfeldein – Fotografie Magazin

 
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Selbstportraits: Ein guter Start in die Portraitfotografie

21 May

Wie wahrscheinlich die meisten habe ich nach meinem ersten Kamerakontakt Blumen und Katzen fotografiert. Das sind eben auch relativ dankbare Anfängermotive. Und wahrscheinlich würde ich heute noch auf dem Bauch liegend Gänseblümchen im Garten ablichten, wenn ich mich nicht auf Flickr angemeldet hätte.

Dort gab es viele schöne Bilder von Blumen und Katzen, die zeigten, dass auch diese Motive weit mehr als Anfängermaterial sein können – aber das war es nicht, was meine Welt veränderte.

Es waren vor allem Fotografinnen wie Kalie Garrett und Rosie Hardy, die mich in die wunderbare Welt der Selbstportraits entführten. Ich war begeistert und bin versucht zu sagen, es war Liebe auf den ersten Blick. Ich wusste, ich wollte Menschen fotografieren.

Die Frage war nur: Woher die Menschen nehmen? Wer hat Zeit und Lust, miese Anfängerfotos von sich machen zu lassen? Denn nicht jeder hat eine hübsche kleine Schwester, gutmütige Freunde mit viel Zeit oder Lust, Geld für Modelle auszugeben. Und vor allem: Woher das Selbstbewusstsein nehmen, sich selbst als Portraitfotograf anzupreisen? Daher schienen Selbstportraits erst einmal die einfachste Möglichkeit zu sein.

© Laura Zalenga

Klar, der Anfang war auch hier nicht leicht. Ich habe ein Weile gebraucht, bis ich herausfand, wie ich das Bild wirklich scharf bekomme, wenn ich im Moment der Auslösung nicht hinter der Kamera stehe. Aber durch diese technischen Fragen habe ich meine Kamera kennen und verstehen gelernt.

Die ersten Ergebnisse waren trotzdem enttäuschend. Ich konnte zwar nicht genau definieren, woran es lag, aber verglichen mit meinen Vorbildern sahen sie einfach nicht gut aus. Nach und nach entwickelte ich dann einen Blick für das, was mir nicht gefiel und versuchte, es zu verändern. Bis ich dann schließlich Fotografien machte, mit denen ich zufrieden war, dauerte es allerdings trotzdem noch eine ganze Weile.

© Laura Zalenga

Erst seit kurzem arbeite ich regelmäßig mit anderen Menschen vor meiner Kamera und erst jetzt wird mir bewusst, wie sehr ich dabei von meinem Selbstportraitstudium profitiere. Nicht nur, weil ich alles in Ruhe lernen konnte, ohne meine Unsicherheit vor einem Modell verstecken zu müssen. Nicht nur, weil ich jederzeit üben konnte, weil ich ja nur mich und die Kamera brauchte.

Nicht nur, weil mir nichts peinlich sein musste, weil nur ich die Ergebnisse zu Gesicht bekam. Nicht nur, weil ich völlig frei experimentieren konnte, weil ich allein der Auftraggeber war. Sondern auch, weil ich heute weiß, wie sich die Person hinter der Kamera fühlt, denn ich kenne ihren Blickwinkel.

© Laura Zalenga

Alles, was ich heute über Komposition, Motiv, Posen, Licht und Kameratechnik weiß, habe ich an mir selbst getestet und gelernt. Und zwar allein durch erkannte Fehler. Besser sich selbst den Kopf angeschnitten als einem Kunden und lieber an sich selbst erkennen, dass die Schärfe auf den Augen liegen sollte und nicht auf der Nase.

© Laura Zalenga

Worauf ich hinaus möchte? Jeder, der bei sich die Liebe zur Portraitfotografie entflammen spürt, aber nicht weiß, wie und mit wem anzufangen, sollte die Selbstportraitschule in Betracht ziehen. Die zeitliche Unabhängigkeit, völlige Sicherheit vor peinlichen Momenten und die Freiheit, jedes noch so unmögliche Experiment wagen zu können, sind doch ein gutes Angebot oder?

Eine eventuelle Nebenwirkung sollte aber nicht unerwähnt bleiben: Selbstportraits sind nicht nur Schule, sondern auch sehr viel Spaß, daher besteht in manchen Fällen Suchtgefahr. Diese ist nicht behandelbar, aber nach bisherigen Erkenntnissen ungefährlich.


kwerfeldein – Fotografie Magazin

 
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kwerfeldein diskutiert: Wie man (k)ein guter Fotograf wird

11 Jan

Liebe Leser, nachdem wir nun unsere erste Diskussion erfolgreich – ich würde schon fast sagen: – überstanden haben, wollen wir gleich ansetzen und die nächste nachschieben. Heute befassen wir uns mit den Mitteln und Wegen, um ein guter Fotograf zu werden – oder auch nicht. Darüber zerbrechen sich wohl seit Existenz der Fotografie Fotografen den Kopf. Und so auch wir.

Martin:
Na, dann wollen wir mal. Es gibt tonnenweise Bücher von und mit Fotografen, die ihre Theorien und Ansichten darüber präsentieren, was eine gute Entwicklung an der Kamera unterstützt. Was findet Ihr dahingehend essentiell?

Sebastian:
Es gibt ja nicht nur die ganzen Bücher. Sondern auch Tonnen von Foren, Webseiten, Blogs und so weiter und so fort, die alle dasselbe Ziel ausgeben: Wir erklären Dir, wie Du ein besserer Fotograf wirst. Ich würde das in drei Ebenen trennen. Einmal die technische Seite in der Theorie, die kann man sicherlich irgendwie aus Texten lernen. Aber eben nur theoretisch.

Dann die technische Seite in der Praxis, die kann man nur lernen, indem man so viel fotografiert wie möglich und zwar nicht nur irgendwelche Testbilder. Und das dritte, was ich eigentlich noch viel wichtiger finde, ist Bildaufbau, Komposition, Motivfindung. Das lernt man nicht aus Büchern, denke ich. Sondern, indem man sich einfach sehr viele Fotografien genau anguckt.

Aileen:
Punkt vier würde ich ergänzen bzw. aus Deinem Punkt drei noch erweitern: Das ist die Findung von Ideen und Konzepten für Fotos. Man muss meiner Meinung nach auch das lernen bzw. sein Gehirn, seine Wahrnehmung, seine unterbewusste Inspirationsmaschine auf die Fotografie einstellen. Das greift sicherlich in das technische und kompositorische Lernen hinein, weil man dann Erfahrungswerte hat, was als Foto gut aussehen wird und was nicht.

Aber noch grundsätzlicher ist das Finden einer Idee an sich, die mit Fotos (gut) umsetz- und transportierbar ist oder nicht. An den Grenzen gibt es dann Übergänge zu Fotomanipulation, Collagen, Mixed Media, Illustration, Malerei, Video, Text und so weiter.

An dem Punkt wird es aber genau genommen auch speziell, denn nicht für jedes Genre der Fotografie braucht man ausgefallene Ideen. Einige haben an dieser Stelle andere besondere Anforderungen wie die Recherche über besondere Orte und Wetterverhältnisse oder Erkundung von Lebensräumen und Gewohnheiten von Pflanzen und Tieren, um nur einige zu nennen.

Andererseits stellt sich dabei die grundlegende Frage: Wenn ich ein guter Fotograf werden will – welches Ziel habe ich? Star-, Berufs-, Hobby- oder künstlerischer Fotograf? Nur für mich, auch für andere oder möchte ich damit Geld verdienen? Je nachdem entstehen andere Schwerpunkte.

Martin:
Dazu kommt auch noch, dass Fremd- und Eigenwahrnehmung selten übereinstimmen, sondern weitklaffend auseinanderliegen. Fotografen großartiger Portfolios finden sich so lala und so mancher Einsteiger sieht sich schon neben Karl Lagerfeld in „Wetten dass…“. Ach ja, ganz oft werden manche Fotografen wie die liebe Vivian Maier erst lange nach ihrem Tod bekannt. Und das ist nur eines von vielen Beispielen.

~

Wir für uns könnten „guter Fotograf“ ja so definieren: Maximum der eigenen Leistungsfähigkeit. Nun stellt sich die Frage: Wie komme ich da hin? Eins haben wir ja schon festgehalten, nämlich die Praxis hinter der Kamera. Ausnahme: Menschen, die sich selbst portraitieren, die sind nämlich auch davor. Doch es gibt noch viele andere Punkte, die hinzukommen, wie die folgende Frage, die generell im Unterbewusstsein viele Einsteiger eher Steine in den Weg wirft, als dass sie behilflich ist:

Denkt Ihr, dass Talent in diesem Kontext eine (große oder kleine) Rolle spielt?

Sebastian:
Ich glaube generell nicht so sonderlich an dieses ominöse Konzept Talent – auch wenn ich bei Fotografen, Musikern oder Künstlern, die ich bewundere, immer mal wieder dieser Idee vom Originalgenie, dem alles in die Wiege gelegt wurde, verfalle und mir vorstelle, wie genial derjenige sein Zeug einfach leichthändig umsetzt. In der Realität ist es wohl endloses Training und Training und Wiederholung.

Anders gesagt: Wenn ein Fotograf einer breiteren Öffentlichkeit das erste Mal auffällt, dann hat der meistens schon X Jahre Lern- und Übungszeit auf dem Buckel, in der er sicherlich auch viel Mist gebaut hat, das darf man nie vergessen, wenn man dann wieder über so ein Portfolio stolpert, bei dem man ein Bild besser als das andere findet.

So etwas wie absolute Naturtalente gibt es wohl in keinem Bereich, Säuglinge kommen ja nicht auf die Welt und fangen direkt instinktiv das Fotografieren an. Was ich aber schon glaube, ist, dass man in die falsche Richtung üben kann. Wer nur die Technik übt, aber nicht den Rest, der wird wohl eher kein guter Fotograf.

Marit:
Ich möchte den „guten Fotografen“ nicht nur so definieren wie Martin es beschreibt, sondern auch: Maximum der eigenen Leidensfähigkeit. Denn die gehört für mich dazu. Ich sehe das eher aus der emotionalen Ecke. Technik ist dann eher zweitrangig, man muss sie lediglich beherrschen. Eine Fotografie muss ja fesseln, den Betrachter anhalten, etwas zu fühlen.

Somit muss ein guter Fotograf auch mit Talent gesegnet sein. Talent definiere ich aber nicht damit, von Geburt an mit einer bestimmten Gabe ausgestattet zu sein, sondern eher über die Jahre dazuzulernen, in welcher Sparte auch immer. Im fotografischen Sinne setze ich da emotionale Intelligenz mit voraus, Situationen also richtig einzuschätzen, im richtigen Moment abzudrücken.

Oder auch Kommunikation mit Menschen, wenn es sich um Portraitfotografen handelt. Ich denke da vor allem gerade an Sally Mann. Der Fotograf ist mehr als die Summe seiner Teile, um mal mit Phrasen um mich zu werfen.

Aileen:
Ich denke, Talent spielt eine enorme Rolle. Ich habe sowohl schon Bilder gesehen, die gefesselt haben, obwohl die Technik nicht beherrscht wurde oder die Bildidee ganz einfach die technischen Möglichkeiten der verwendeten Kamera gesprengt hat und Fotografen, die unfassbar schnell unfassbar geniale Bilder gemacht haben.

Allerdings auch Bilder von Menschen, die schreiben, dass sie z.B. seit zehn Jahren intensiv fotografieren, die Ergebnisse sahen aber eher aus wie erste Versuche. Gut möglich, dass letztere solche sind, die Sebastian damit meint, dass man in die falsche Richtung üben kann, aber ich habe das bisher immer fehlendem Talent zugeschrieben.

Man kann auch hier mal andere Disziplinen als Vergleich betrachten: Kann man es lernen oder üben, gute Romane zu schreiben, Bilder zu malen oder Comics zu zeichnen? Auch da kann man die beschriebenen Phänomene finden und sich überlegen, ob man es Talent, Üben oder Lernen zuschreiben würde.

Martin:
Würdest Du, Aileen, dann sagen, dass Talent allein ausreicht und die Ausführung nur der Herstellung der Fotografie dient?

Aileen:
An der Frage selbst erkennt man ja eigentlich schon, dass Talent allein nicht (immer) ausreicht, denn erst durch die Herstellung der Fotografie kann man das Bild aus dem eigenen Kopf der Welt zugänglich machen. Es mag auch Menschen geben, die sogar das Talent für die Technik haben und sie spielend bedienen, aber ich schätze, dass die meisten nur das Talent für Ideen oder das Talent zum Lernen haben.

Marit:
Was ich noch interessant finde ist, inwieweit das äußere Umfeld mit dem Ausbilden von Fähigkeiten zu tun hat. Oder ganz anders gefragt: Was nimmt unsere Gesellschaft als Talent wahr und fördert diese? Ich sehe oft viele Bilder, da sage ich mir, der oder die könnte diese Bilder ebenfalls präsentieren, würde aber niemals in einer Ausstellung hängen. Ist das Prädikat „Talent“ also eher eine Feststellung von außen als von einem selbst?

Sebastian:
Aileen, kennst Du diese These von dem Psychologen Dr. K. Anders Ericsson, dass man so ungefähr 10.000 Stunden Übung braucht, um auf einem Gebiet wirklich gut zu werden? Ich finde das ziemlich einleuchtend und wenn ich es so denke, dann fällt der Punkt „Talent“ für mich eher raus. Talent ist dann vielleicht eher die Fertigkeit auf anderen Gebieten, die auch dazugehören, Vorstellungskraft zum Beispiel.

Oder Talent ist die Vorliebe, sich mit einer Sache auseinander zu setzen, so dass man auch wirklich mit Leidenschaft übt. Aber dieses von irgendwoher zum Himmel hereingefallene Talent mag ich bezweifeln. Wenn, dann kommt es meiner Meinung nach, wie Marit auch sagt, auf das Umfeld und die entsprechende Förderung an. Wenn Eltern oder Freunde fotografieren, dann entwickle ich möglicherweise eher ein Interesse daran.

Aileen:
Ich meine, von der These schon einmal gehört zu haben. Damit müsste ich mich jetzt tiefergehender beschäftigen. Vielleicht würde es meine bisherige Einschätzung zum Thema Talent ändern – diese ist ja auch nur eine persönliche Theorie ohne Rückhalt durch eine wissenschaftliche Untersuchung.

~

Martin:
Schön, dass hier auch eigene Standpunkte überdacht werden. Gibt es für Euch denn Fotografen, von denen Ihr sagen würdet: „Der hat es geschafft und ist mir ein Vorbild“?

Marit:
Einen Namen habe ich ja schon genannt – Sally Mann. Mit ihrer Arbeit über ihre Familie hat sie es geschafft, sichtbar zu werden, indem sie eine alte Technik verwendet, um die Dichte von Nähe und Vertrauen zu verbildlichen. In einer Gesellschaft, in der es um Zeitersparnis geht und familiäre Kälte leider zum Dasein gehört, war das für mich ein fotografischer Urknall.

Aileen:
In meinem Sichtfeld sind unglaublich viele Vorbilder, ich könnte mich da nicht auf einen oder auch nur wenige Namen festlegen. Auf verschiedenen Plattformen folge ich einer fast unüberschaubaren Anzahl von Fotografen und Künstlern, die meisten von ihnen haben es in meinen Augen geschafft, einen sehr eigenen Stil zu entwickeln, der mich auf die eine oder andere Art fesselt. Immer wieder schade zu sehen ist leider, dass natürlich nur wenige davon es „geschafft“ haben im Sinne eines größeren Durchbruchs.

Martin:
Immer wieder spannend ist für mich auch die Frage des Systems oder Umfeldes, in das die Person hineingeboren wird. Ein Mensch, dessen Vorfahren künstlerischen Interessen folgten, wird viel früher mit diversen Elementen aufwachsen, als andere. Nicht selten wachsen aus Musikerfamilien auch Musiker heran, die einen Durchbruch schaffen. Dazu kommt natürlich auch die Zeit, in der jemand lebt. All das mitzubedenken finde ich signifikant, auch wenn klar ist, dass bisher kein Meister vom Himmel gefallen ist.

Mir wurde erst Jahre nach seinem Tod bekannt, dass mein Vater früher leidenschaftlich fotografiert hat und ich fand Kinderaufnahmen von mir, die mich ins Staunen gebracht haben. Weiter war er in jungen Jahren bis ins Alter Organist, Pianist und hatte eine große Liebe zur Klassik.

Sind Eure Eltern oder Großeltern künstlerisch unterwegs? Könnt Ihr da einen Zusammenhang sehen?

Sebastian:
Meine Eltern haben früher sehr viel fotografiert und sind beide auch in künstlerischen Berufen unterwegs. Mein Vater macht sehr viele handwerkliche Sachen, meine Mutter schreibt beruflich und privat.

Das spricht wohl ein bisschen gegen die vorherige Ansicht, dass es kein Talent gibt, allerdings erkläre ich mir das damit, dass ich halt von früh an irgendwie mit Dingen wie Schreiben und photographieren zu tun hatte. Man wächst da natürlich viel leichter rein, wenn die Tätigkeit schon im eigenen Umfeld etabliert ist, wohl gerade in der Kindheit.

Und irgendwann guckt man sich um, wer sonst so photographiert und findet “Vorbilder” oder eher Bilder, die einen sehr beeindrucken. Was ist spannend finde, ist die Rolle des Internets in dem Zusammenhang. Früher konntest Du Dich eben nur mit Eltern, Freunden vergleichen oder mit Photographen aus Büchern und Zeitschriften, aber die waren irgendwie gefühlt ganz weit weg. Heute ist man auf Plattformen mit sehr, sehr vielen sehr guten Photographen unterwegs. Ist natürlich die Frage, ob das ein Fluch oder Segen ist.

Aileen:
Meine Eltern waren auch beide als Kinder und Jugendliche kreativ, meine Mutter hat gemalt und gezeichnet und mein Vater hat dazu auch noch fotografiert. Die Frage, ob etwas durch Erziehung bzw. Gewöhnung durch Umgang im Alltag oder Vererbung beeinflusst wird, ist eine sehr interessante, ganz allgemeine Frage, die nicht nur in der Kreativität, sondern auch bei so explosiven Themen wie Intelligenz, Gewalt und Geschlecht eine Rolle spielt.

Das führt jetzt eventuell zu weit, aber ich lese gerade ein Buch („Das unbeschriebene Blatt“ von Steven Pinker) dazu, nachdem ich über eine kurze TV-Serie aus Norwegen (hier der erste Teil) gestolpert bin, die die inzwischen weit verbreitete These in Frage stellt, nach der wir alle mit den gleichen Möglichkeiten auf die Welt kommen und vor allem die Erziehung bestimmt, was aus uns wird.

Martin hat ja auch gesagt, dass er von den Fotografien seines Vaters erst spät erfahren hat. Meine Eltern habe ich auch nie selbst bei der kreativen Arbeit erlebt. Jetzt kann man sich auf so etwas zurückziehen wie ein ominöses Mitschwingen von Kreativität im Alltag, aber ein einfacher nachzuvollziehender Mechanismus ist die Vererbung von künstlerischen Tendenzen via der Gene.

Abgesehen davon, dass es einen vielleicht etwas beruhigt, dass man selbst und sein Umfeld weniger Einfluss als gedacht auf die eigene Kreativität haben, ist es für die Praxis als Fotograf aber wohl eher von untergeordneter Wichtigkeit, ob das vorhandene Talent durch Vererbung oder Erziehung entstanden ist. Außer, man wirft deswegen die Flinte ins Korn, weil man denkt, dass dadurch alles bereits vorbestimmt und keine Verbesserung mehr möglich sei – so ist es ja auch nicht.

Martin:
Oder man fällt darauf herein, zu glauben, man selbst hätte das alle ganz alleine geschafft – was ich in so manchem Unterton von denen, die sich gern als Profis profilieren. heraushören kann.

Interessant finde ich in diesem Kontext auch die Frage, ob ein guter Fotograf zwangsweise als ein solcher erkannt werden muss. Es gibt in der Geschichte der Kunst und Musik unzählige Fälle, in denen die Brillanz und das Können eines Kreativen zu Lebzeiten nicht wahrgenommen oder als solche in der Öffentlichkeit diskutiert wurde. Und dann gibt und gab es Menschen, denen die Öffentlichkeitsmeinung völlig egal ist, wie das wohl derzeit bekannteste Beispiel Vivian Maier zeigt.

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Zu guter Letzt haben wir in unserer Diskussion die Frage nach der Technik interessanterweise ausgespart. Zufall? Welche Rolle messt Ihr der technischen Qualität einer Ausrüstung bei?

Marit:
Ganz ehrlich? Keine besonders große. Der Geist hinter eine Sache ist entscheidend. Ob der Genius mit einer Plattenkamera, dem iPhone oder einer digitalen Spiegelreflexkamera unterwegs ist, hängt dann eben von den jeweiligen Vorlieben oder Möglichkeiten ab.

Aileen:
Oder eben dem Zufall, in welcher Situation und Stimmung jemandem etwas in die Hand gefallen ist. Dann bleibt man vielleicht dabei, obwohl man auch mit anderen Mitteln könnte. Völlig egal, solange man damit funktioniert.

Sebastian:
Die Technikfrage finde ich auch nicht wichtig, aber auch nicht ganz irrelevant. Natürlich kann man mit jeder Kamera richtig gute Bilder machen, aber die Technik zu beherrschen, ist schon wichtig, das ist wie mit den Regeln, die man kennen sollte, damit man sie brechen kann. Selbst wenn man nur mit dem iPhone fotografiert, wie Du bei Deinem letzten Projekt, Martin, dann muss man ja wissen, was man damit anstellen kann und was nicht. Das ist ein Lernprozess, der geht wieder über Übung.

Martin:
Welche Mittel und Wege habt Ihr eigentlich genutzt, um Euch fotografisch weiterzubilden? Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich zu Beginn unzählige Bildbearbeitungsvideos verschlungen, Podcasts gehört und Blogs gelesen habe. Außerdem habe ich fotografiert wie blöd (haha). Wie war das bei Euch?

Marit:
Ich war ganz egoistisch und habe mir einen Freund geangelt, der selbst Filme entwickelt hat. Von dem habe ich so gut wie alles gelernt, was ich heute über’s Entwickeln, Belichten und Komponieren weiß. Im Gedächtnis ist mir da vor allem das dunkle Bad und die Entwicklerdose geblieben, vor der ich einen riesigen Respekt hatte. Ich hatte Angst, etwas falsch zu machen, aber mit der richtigen Hilfestellung und der Möglichkeit, selbst zu hantieren, habe ich sehr viel mitgenommen.

Sebastian:
Bei mir waren das am Anfang ein bisschen meine Eltern, vor allem aber endlos viele Tutorials, Zeitschriften und vor allem auch diese schrecklichen Fotoforen, in die ich heute keinen digitalen Fuß mehr setzen würde. Was technische Sachen angeht, erzählen die Dir alles, was Du über jedes x-beliebige Objektiv wissen kannst.

Auf 300 Seiten Threads mit unzähligen nutzlosen Streitgesprächen dazwischen. Das hilft Dir dann zwar auch nicht weiter, weil Du dann immer noch keine Bilder gemacht hast, aber Du hast wenigstens das Gefühl, etwas gelernt zu haben. Fotografieren wie blöd, wie Martin das sagt, war und ist bei mir auch das Einzige, was wirklich funktioniert hat.

Aileen:
Ich denke, ich habe mich nie aktiv fotografisch weitergebildet. Ich habe einfach Fotos gemacht, Fotos von anderen angeschaut und eigentlich auch immer Fotos überall gezeigt, da bekommt man ja automatisch eine Rückmeldung der Betrachter. Irgendwann habe ich mal ein oder zwei Bücher über Fotografie (also Anleitungen) gekauft, aber die stehen ungelesen im Schrank.

Da hat ein guter Bildband mehr Chancen, angeschaut zu werden. Vielleicht fehlte mir da der Ehrgeiz, die technische Seite sofort vollständig zu beherrschen. Ich wollte eigentlich nur kreativ sein, mich ausdrücken, schöne Bilder machen. Dass ich das am besten machen kann, indem ich es einfach mache, war für mich selbstverständlich.

Martin:
So geht es mir heute auch. Ich kaufe mir zehn Mal lieber einen guten Bildband und denke darüber nach, wie das Bild wohl entstanden ist, anstatt mir zig Erklärungen durchzulesen. Jedoch war ich früher sehr dankbar über Fotografen, die alles bis ins kleinste Detail erklärten, da kam ich mir nicht ganz so doof vor.

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Diese Fotografen waren für mich im wahrsten Sinne des Wortes „Vorbilder“ und ich habe eine lange Zeit versucht, so zu fotografieren, wie sie bzw. ist die Inspirationsdichte anderer Fotografen auch heute noch sehr hoch bei mir. Kennt Ihr das auch oder habt Ihr schon immer frei Schnauze drauflos fotografiert?

Sebastian:
Ich hatte das auch. Unendlich viele Bildbände geguckt, wirklich viel im Netz gesurft und irgendwann wurde mir dann zumindest klar, welcher Stil mich interessiert oder wirklich reizt. Da sind auch einige ganz konkrete Fotografen dabei, die in diese Richtung gehen, deren Arbeiten ich auch heute noch verfolge.

Ich denke, das gehört aber auch dazu, wenn man langsam einen eigenen Stil entwickeln will: Verstehen, was einem gut gefällt, was man gerne machen will (das können ja durchaus auch unterschiedliche Sachen sein) und dann erst einmal langsam lernen, da hinzukommen, auch durch Vorbilder. Aber natürlich nicht irgendwen kopieren, sondern sich davon ausgehend selbst finden.

Aileen:
Bei mir habe ich eher den umgekehrten Effekt beobachtet, dass meine Bilder den Arbeiten von anderen Fotografen stilistisch viel zu ähnlich sind. Da schlägt bei mir immer wieder der Anspruch durch, etwas Eigenes zu machen. Das war schon kurze Zeit, nachdem ich mit dem Fotografieren angefangen hatte so und ist auch jetzt noch so.

Zwischendurch fotografiere ich dann, habe Ideen oder denke auch mal wieder, dass es mir eigentlich egal ist, solange es mir Spaß macht. Aber diese innere Rebellion hat mich immer wieder vorangebracht, auch wenn ich nicht von heute auf morgen vollkommen eigenständige Arbeiten auf die Beine stelle.

Und wie seht Ihr das?


kwerfeldein – Fotografie Magazin

 
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