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Posts Tagged ‘Geschichte’

Eine Geschichte zum Thema Urheberrecht im Internet

29 Jan

Title ©- Martin Langer

Ein Beitrag von: Martin Langer

Bei routinemäßigen Suchen nach meinen eigenen Fotos im Internet stoße ich immer wieder auf Bilder, die nicht von mir lizensiert wurden, sondern (umgangssprachlich) „geklaut“. In den meisten Fällen handelt es sich um das gleiche Motiv: ein Foto, das ich in Rostock-Lichtenhagen 1992 bei den rassistischen Ausschreitungen gegen ein Wohnheim für Ayslbewerber gemacht habe.

Dieses Foto wurde in den Medien als weltweit bekannt beschrieben und es wurde wegen seiner besonderen Symbolkraft immer wieder für Veröffentlichungen eingekauft. Mich kontaktieren seit 20 Jahren viele fremde Menschen und bitten darum, das Bild für ihre Initiative, für eine Demo gegen Rechts und ähnliche Veranstaltungen und Zwecke benutzen zu dürfen. Ich lasse mir diese Anliegen in der Regel schriftlich geben und gebe das Bild dann für die skizzierte Nutzung frei; häufig kostenlos, manchmal gegen geringe Schutzgebühren.

Nicht einverstanden bin ich als der Fotograf allerdings damit, wenn mein Bild ungefragt irgendwo auftaucht und verbreitet wird. Dann entgeht mir das Honorar und (was mir bei diesem Motiv besonders wichtig ist) die Kontrolle über den inhaltlichen Zusammenhang. Denn – und diese Haltung will ich mir leisten – ich verkaufe meine Bilder nicht an jeden.

Nun zur Gegenwart: Vor einigen Wochen entdeckte ich über die Suchmaschine wieder einmal einige nicht lizensierte Internet-Veröffentlichungen von diesem Bild. Früher habe ich dann oft persönlich nachgefragt, ich habe E-Mails geschrieben und/oder angerufen und nach dem Hintergrund gefragt, warum mein Bild einfach ohne Rücksprache verwendet wurde. Das war auf die Dauer aber so nicht mehr machbar, weder zeitlich noch nervlich. Die „Entschuldigungen“ bzw. Erklärungen für den Bilderklau könnten ein ganzes Buch füllen, ich habe sehr viel Zeit investiert und meine Einnahmen als Fotograf blieben aus. Deshalb gebe ich diese Urheberrechts-Verletzungen inzwischen an einen Rechtsbeistand weiter. So, wie man das gelegentlich auch bei anderen rechtlichen Streitigkeiten tut.

Soweit, so gut. Bis dann am 21. Januar 2015 der große Shitstorm über mich herein brach: Ein prominenter Fernsehmoderator namens Jan Böhmermann löste eine massive Wutwelle gegen mich aus. Er hatte mein Foto über den Kanal Twitter verbreitet und dafür von meinem Rechtsanwalt eine Abmahnung bekommen, da die Nutzung weder abgesprochen noch lizensiert war. Abmahnungen sieht der Gesetzgeber als niederschwellige Lösungsmöglichkeit vor, um gerichtliche Klagen auszusparen. Zu dieser Abmahnung gehört eine Unterlassungserklärung, das Bild muss also von der Person wieder gelöscht werden. Außerdem wird das Nutzungshonorar verlangt sowie die Übernahme der Kosten für meinen Rechtsbeistand.

Was dieses Nutzungshonorar beim Ertappten auslöste, das kann ich nicht beurteilen. Aber die Person hat sich offenbar so darüber geärgert, beim Bilderklau ertappt worden zu sein, dass sie mich nun öffentlich dafür anprangert und zwar auf verschiedenen Social-Media-Kanälen. Dabei habe ich mich nur an geltende Gesetze gehalten und wollte nicht, dass meine Bilder einfach überall verwendet werden. Da er den entsprechenden Betrag bezahlt hat, bekomme ich etwa 200 Euro – das ist lediglich das Honorar, das mir laut MFM-Liste zusteht und was auch bei jedem deutschen Richter so akzeptiert wird.

Eine Veröffentlichung ist eine Veröffentlichung, daran hat das Internet und auch Social Media nichts verändert. Der Fernsehmoderator hat 150.000 Follower auf Twitter und benutzt seinen Kanal für Werbezwecke für seine Auftritte, man kann dort eindeutig auch nicht mehr von einer privaten Nutzung sprechen. Und natürlich verlange ich eine Bezahlung dafür, denn ich habe 1992 in fünf sehr langen Tagen und Nächten meinen Kopf hingehalten für eine Fotostrecke, die eigentlich aus insgesamt 25 Bildern besteht. In Rostock tobte ein Mob, Steine flogen, scharfe Schüsse fielen. Ich war von Anfang an für den Spiegel dort, weil der einen anonymen Hinweis bekommen und ich vorher schon vieles zum Thema Rechtsextremismus fotografiert hatte.

Nun steht mein Name dort in der Öffentlichkeit am Pranger; ich habe nichts falsch gemacht, bin aber der Arsch. Auf Twitter, auf Facebook, im halben Internet bin ich die „Kapitalistendrecksau“. Meine Adresse wurde veröffentlicht mit Aufrufen zur Gewalt („Hier, wer ihn mal besuchen will, hier ist seine Adresse …“), ich bekomme nächtliche Anrufe („Wollen Sie sich von PEGIDA distanzieren?“) und E-Mails von wildfremden Personen („natürlich ist das, was Sie machen, totaler Unsinn und meiner Meinung nach geldgieriger Mist“). Selbst meine 14-jährige Tochter wird von Mitschülern in der Schule inzwischen blöde angelabert. Radiosendungen und andere Medien tragen Falschmeldungen immer weiter, immer in Verbindung mit meinem Namen. Noch einmal: Ich lasse keine Re-Tweets, Shares und keine Verlinkungen abmahnen.

Der Sidekick des Fernsehmoderators, der Sänger Olli Schulz, sagte in einer gemeinsamen Radiosendung auf RBB sinngemäß: Der Fotograf hat sicher nur dieses eine gute Foto gemacht und schlachtet das jetzt aus.

Ich empfinde den ganzen Vorgang inzwischen als schäbig, kränkend und respektlos gegenüber mir als Fotograf und als Mensch, der sich jetzt in einer solchen Situation wiederfindet, ohne etwas verbrochen zu haben. Man muss kein Medienexperte sein, um das selbst nachvollziehen zu können.

Zuletzt bleiben für mich nur noch offene Fragen: Woher kommt dieser Hass gegen mich? Wieso sagt oder tut das ZDF nichts gegen seinen Mitarbeiter? Wer hat hier eigentlich einen Grund, sich aufzuregen? Die Internetnutzer, der Fernsehmoderator Herr Böhmermann, der ungefragt mein Bild verwendet und mich anschließend an den Pranger stellt oder ich, dessen Rechte im Laufe der Zeit nicht nur dieses eine Mal verletzt wurden?


kwerfeldein – Fotografie Magazin | Fotocommunity

 
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Geschichte der Bildbearbeitung

24 Jan

Bildbearbeitung wird oft argwöhnisch betrachtet. Man vermutet sie überall, manche Fotografen wollen ihre Arbeiten gern frei davon wissen und schauen etwas spöttisch auf die „Photoshopper“ herab. Dabei ist die Fotomanipulation so alt wie die Fotografie selbst.

Die Fotografie lässt sich nicht von der Manipulation lösen. Sie beginnt bereits mit der Entscheidung, jetzt in diesem Moment ein Bild zu machen und nicht eine Sekunde früher oder später. Sie geht weiter bei der Wahl des Bildausschnitts. Jedes Foto ist zwangsläufig begrenzt. Was ist rechts und links im Bild? Nur der Fotograf entscheidet, was ein- und was ausgeblendet werden soll.

Auch durch die Wahl der Kamera, des Objektivs und des Films verändert sich ein Foto. Entscheidet man sich für einen Schwarzweißfilm, retuschiert man die Farben aus der Welt. Fuji oder Kodak? Beide geben die Farben unterschiedlich wieder und die Tonwerte verändern sich beim Entwickeln des Films natürlich auch.

Es gibt noch so viele Faktoren aufzuzählen, die ein Bild verändern, aber darum soll es hier gar nicht gehen. Halten wir einfach fest: Die Fotomanipulation ist untrennbar mit der Fotografie verbunden. Aber natürlich kann man jedes Bild mehr oder weniger manipulieren.

Interessant wird es bei der Suche nach der bewussten Veränderung des bereits fertigen Bildes.

Bereits 1855 begeisterten das Publikum der zweiten Weltausstellung in Paris zwei Versionen des gleichen Portraits. Ein deutscher Fotograf zeigte die Möglichkeiten der Retusche und machte die Fotografie damit noch beliebter.

Möglichkeiten gab es viele. So wurden zum Beispiel verschiedene Negative übereinandergelegt und belichtet oder komplett neu zusammengesetzt, wodurch völlig neue Kompositionen entstanden – wie etwa Köpfe auf fremden Körpern. So geschehen um 1860 mit US-Präsident Abraham Lincoln, dessen Kopf auf den Körper des Politikers John Calhoun montiert wurde.

Abraham Lincoln mit falschem Körper ca. 1860

1908 erschien das Buch „Complete Self-Instructing Library Of Practical Photography“ von J. B. Schriever. Darin wird zum Beispiel das Bemalen des Negativs erklärt. Mit dieser Methode konnten sogar geschlossene Augen wieder geöffnet werden. Aber auch Kapitel wie „Radieren von dicken Hälsen“ oder „Richten von schielenden Augen“ zeigen, dass Schönheitsretuschen bereits Anfang des 20. Jahrhunderts durchaus gängig waren.

Illustration Nr. 33 aus Complete Self Instructing Library of Practical Photography width=

Die Anleitungen des Buches gehen aber weit über die einfachen Schönheitskorrekturen hinaus. Auch ganz surreale, künstlerische Bilder werden thematisiert, wie zum Beispiel die Verwandlung eines Portraits in eine Büste.

Illustration Nr. 36 aus "Complete Self Instructing Library of Practical Photography"

Neben diesen Retuschen und künstlerischen Bearbeitungen gab es aber auch sehr früh schon Bilder, die bewusst täuschen sollten, wie die Cottingley-Feen von 1917. Auf uns wirken die Feen, die auf den Bildern vor den Kindern tanzen, sehr unecht. Anfang des 20. Jahrhunderts lösten sie jedoch Begeisterung und eine neue Welle des Feenglaubens aus.

Nicht zuletzt, da die Fotos untersucht und als echt bewertet wurden. In Wahrheit handelte es sich jedoch bei den Feenwesen um ausgeschnittene Kartonbilder. Die Fotos zeigen also keine nachträglichen Bildmanipulationen, logen aber dennoch.

Früh gab es bereits die politisch motivierte Bildmanipulation. Stalin und Lenin zum Beispiel ließen oft unliebsam gewordene Menschen nachträglich aus den Fotos retuschieren. 1920 hielt Lenin eine Rede in Moskau. Leo Trotzki und Lew Kamenew standen im Originalbild auf den Stufen des Podestes. Auf dem retuschierten Foto wurden beide übermalt und durch Holzstufen ersetzt.

Lenin 1920

Ob böswillige Täuschung oder gängige Retusche – die Möglichkeiten waren bereits kurz nach der Erfindung der Fotografie vielfältig. Was möglich war, wurde probiert, nicht zuletzt durch die Surrealisten Anfang des 20. Jahrhunderts. Heute sind die Möglichkeiten dank der digitalen Fotografie oft einfacher umsetzbar.

Das getäuscht werden kann, heißt natürlich nicht, dass man es tun muss. Nicht zuletzt bei Dokumentationen und Nachrichtenbildern ist das Thema Manipulation umstritten. Man denke nur an das Siegerbild des Worls Press Photo Award 2013, dessen Dramatisierung durch einfache Lichveränderung starke Empörung auslöste.

 

Quellen:
• Sonntag, Susan: Über Fotografie. Frankfurt am Main 2010.
• http://chestofbooks.com/arts/photography/Practical-Photography-2/Chapter-XXXIII-Lesson-XXIV-Opening-Closed-Eyes.html [Stand: 21. Januar 2014]
• http://www.fourandsix.com/photo-tampering-history/ [Stand: 21. Januar 2014]
• http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/2344/finden_sie_die_fehler.html [Stand: 21. Januar 2014]
• http://www.rhetorik.ch/Bildmanipulation/Bildmanipulation.html [Stand: 21. Januar 2014]


kwerfeldein – Fotografie Magazin

 
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Dara, erzähl mir eine Geschichte

04 Jan

Als ich in einer E-Mail mit „Birdy“ (Vögelchen) angesprochen wurde und die Verabschiedung mit „smile and tea“ (Lächeln und Tee) endete, war ich doch ein wenig verunsichert. Nachdem ich jedoch weiter mit Dara Scully hin und her schrieb, merkte ich schnell, dass diese etwas schrullige Art gut zu ihr passt.

Genau wie zu ihren Fotos. Sie sind verträumt und märchenhaft, gleichzeitig auch tiefgründig und oft schockierend. Ihre Art unterstreicht deren Charakter. Eine Art Gesamtkunstwerk. Auch, wenn ich finde, dass die Fotos ohne ihre wunderlichen Worte auskommen, ließ ich mich gern auf ihre Gedanken ein.

Dara ist 23 Jahre alt, lebt in Spanien und fotografiert. Ihre Vorstellung von sich selbst lautet so:

Ich halte einen Vogel in meiner linken Lunge und wenn ich traurig bin, laufe ich nackt durch den Nebel.

Ich bin ein Geschichtenerzähler, ein Dichter, eine Art uralter Baum. Ich versuche, die Schönheit zu fangen und spreche die Sprache der Wälder durch meine Bilder. Meine Arbeit ist voller blasser Mädchen, Zerbrechlichkeit, Verlangen und Tod.

Ihre Geschichten machen mir Spaß. Ich stelle mir vor, am Abend mit ihr zusammen zu sitzen, einen heißen Tee zu trinken und ihren Märchen zu lauschen. Mich dabei abwechselnd zu freuen und zu gruseln und oft auch einfach nur erstaunt auf das nächste Unglaubliche zu warten.

Eine Melancholie geht von vielen Fotos aus. Sie schreibt mir, dass ich am besten ihre Serie „your branches/my bones“ vorstellen sollte. An ihr arbeitet sie momentan noch. Es wird eine Liebesgeschichte zwischen einem Mädchen und einem alten Baum. Ich mag diese Geschichte, finde jedoch in ihren Arbeiten mehr als nur diese Schwermut, von der sie schreibt und auch das möchte ich zeigen.

Da ist zum Beispiel die märchenhafte, kindlich wirkende Serie „little dreamers“. Hier begleiten ein kleiner Elefant, ein Bär und ein Reh das blasse Mädchen. Sie trösten sie, spielen mit ihr und erleben einige Abenteuer. Ich muss unweigerlich lächeln, wenn ich diese Bilder ansehe.

Das blasse Mädchen in den Bildern ist Dara selbst. Aber sie würde auch gern mit Modellen arbeiten. „Dann müsste man nur den neuen Körper kennenlernen, wie eine neue Sprache. Die Bewegungen des Körpers, die Poesie unter der Haut“, gibt Dara zu bedenken. Aber die Idee gefällt ihr.

Inspiration für ihre Geschichten findet sie im Nebel und Bäumen. In Schönheit, in all ihren Formen. Ich frage sie, ob sie ihre Märchen auch aufschreibt. „Nein, das sind visuelle Gedichte, sie sind zum Ansehen und dafür, sich die Geschichten dahinter vorzustellen.“

Mit diesen Worten schickt sie mir die Bilder für diesen Artikel und ich sehe mir noch einmal ihre Serien an. Sie hat recht, für die Bilder braucht es eigentlich keine Worte.


kwerfeldein – Fotografie Magazin

 
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