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Posts Tagged ‘Geheimnis’

Das Geheimnis der Komposition

06 Nov

Ein Beitrag von: Julian Schulze

Habe ich meinen letzten Artikel mit einem Zitat beendet, so möchte ich dieses Mal gern mit einem von Andreas Feininger beginnen:

Komposition ist ein Mittel, nicht ein Ende, und die vollkommenste Komposition rechtfertigt nicht ein belangloses Bild. Komposition ist ein Werkzeug, um den Eindruck des Bildes zu steigern.

Vorausgesetzt, dass Bildinhalt und fototechnische Behandlung gleichwertig sind, macht ein gut komponiertes Foto einen stärkeren Eindruck als eines mit schwacher Komposition. Das ist das ganze Geheimnis.

Das Geheimnis der Linie © Julian Schulze

Wenn man sich über längere Zeit intensiv mit der Fotografie beschäftigt, gibt es keinen Weg vorbei an der Bildkomposition. So kreuzte auch ich vor vielen Monaten diesen Weg und machte Halt, um mich in einer Studie mit dem Thema auseinanderzusetzen und das Geheimnis für mich persönlich zu ergründen. Das Projekt nannte ich „A Little Composition“ (Eine kleine Komposition) und ich möchte es heute hier vorstellen.

In ganzen Büchern, Blogs und Foren wird darüber geschrieben, wie sie denn nun zu sein habe, die Komposition. „Golden Rules of Composition“, „Guidelines for Composition“, „10 Top Photography Composition Rules“ sind Schlagworte von Blogs, unter denen ich anfangs versuchte, mir einen Überblick zu verschaffen.

Das Geheimnis der Linie © JulianSchulze

Das Geheimnis der Linie © Julian Schulze

Sicherlich können Konzepte wie der Goldene Schnitt für den Anfang nützlich sein, ich selbst konnte allerdings relativ wenig für mich aus diesen Beiträgen ziehen. Viel mehr habe ich mir Anregungen von Bildern anderer Fotografen geholt, deren Arbeiten und damit auch Kompositionen ich beneide. Nicht selten stand die Bildgestaltung bei diesen Fotografien im krassen Gegensatz zu vorgenannten Regeln, oftmals gingen sie aber auch Hand in Hand.

In meiner Serie geht es um die schlichte Anordnung von Objekten im städtischen Umfeld. Als bevorzugtes Format favorisiere ich mehr denn je das Quadrat. Das Quadrat bietet einen komprimierten, aufgeräumten Raum und wirkt ruhig.

Das Geheimnis der Linie © Julian Schulze

Perfekt für minimalistische, nüchterne Aufnahmen. Allen Bildern gemein ist, dass in ihnen eine Wand als Hintergrundfläche dient. Sie zeigt oft Texturen, die von Elementen unterbrochen wird und den Betrachter dazu einladen sollen, sich länger mit dem Bild zu beschäftigen.

Die farbliche Variation von Wandelementen diente als ein erstes Gestaltungsmittel. Wenn es der Blickwinkel erlaubte, habe ich auch Boden- oder Dachstrukturen berücksichtigt. Die Wände sind eine Art Teller, den ich mit weiteren Objekten garniere.

Das Geheimnis der Linie © Julian Schulze

Eine Bank hier, ein Fenster dort, natürlich nicht ganz wahllos, aber eben auch nicht immer nach festen Regeln, sondern meinem Bauchgefühl entsprechend. Hob sich ein Motiv klar von umliegenden Strukturen ab, hatte ich auch kein Problem damit, es zentral zu positionieren, so dass dem Betrachter brachial vor Augen geführt wird, was gefälligst das Hauptmotiv zu sein habe. In anderen Fällen gab es mehrere Motive, die (eher) gleichberechtigt an der Komposition mitwirkten.

Spannung zeigt sich für mich vor allem in den letztgenannten Bildern: Da können Elemente ganz entgegen von Regeln in Bildecken oder nichtsymmetrisch angeordnet sein und sich im Zusammenspiel mit den übrigen Motiven doch wieder harmonisch anfühlen. Eben dies zeigte mir, dass die „Regeln“ der Fotografie ihre Grenzen haben.

Das Geheimnis der Linie © Julian Schulze

Ganz allgemein eignet sich der städtische Raum hervorragend dafür, mit Kompositionen zu spielen. Der Mensch scheint oftmals weniger an Komplexität, sondern mehr an Ordnung und Einfachheit interessiert zu sein. Dementsprechend findet man häufig minimalistische Anordnungen, an denen es sich auszutoben gilt.

Als bevorzugte „Jagdreviere“ habe ich Industrie- und Gewerbegebiete für mich entdeckt. Speziell für diese Serie ist es aber auch oft eine zufällige Entdeckung mitten in der Stadt gewesen. Auf Spaziergängen finden sich immer auf’s Neue solche Gelegenheiten, selbst, wenn man schon hunderte Male eine Straße besucht hat.

Das Geheimnis der Linie © Julian Schulze

Was ich im Allgemeinen an einer Komposition so liebe, ist die Harmonie, die sie transportieren kann. Mittlerweile arbeite ich viel mit Bauchgefühl. Wenn ich eine harmonische Bildkomposition gefunden habe, geht das sprichwörtlich mit einem guten Bauchgefühl einher. Aber es braucht eine ganze Weile, ehe man dem Bauch zu einem guten Gefühl verhilft.

Das Geheimnis der Linie © Julian Schulze

Hierbei erweist sich ein alter Bekannter als nützlich – der Live-View-Modus. Ich wüsste mittlerweile gar nicht mehr, was ich ohne Live View anstellen würde (was sicherlich auch negativ angemerkt werden darf). Das quadratische Format voreinstellen, Gitternetzlinien hinzufügen, schon hat man eine Arbeitsgrundlage.

Einfach mal eine ganze Serie von Bildern machen, mit unterschiedlichen Anordnungen der Objekte. Diese dann am Bildschirm betrachten und sich fragen, warum diese oder jene Komposition ein besseres Gefühl hervorruft. In der Postproduktion gilt es dann, die einzelnen Elemente mit Kontrastreglern, Helligkeitsbearbeitung und Schwarzpegel hervorzuheben.

Das Geheimnis der Linie © Julian Schulze

Insgesamt bin ich mit der Serie zufrieden. Die Auseinandersetzung mit der Bildkomposition hat mir viel für die nachfolgenden Projekte gebracht. Oftmals werden durch Kommentare auf meinen Seiten die Kompositionen hervorgehoben. Eine Gleichberechtigung von Bildinhalt und fototechnischer Behandlung finde ich vor allem im Bereich der Architektur nicht einfach.

In zukünftigen Projekten werde ich versuchen, den Schwerpunkt „Bildinhalt“ vor allem wieder im abstrakten und surrealen Bereich mit der Fototechnik mehr in Einklang zu bringen. Vielleicht komme ich dann dem „ganzen Geheimnis“ ja noch ein Stück näher.


kwerfeldein – Fotografie Magazin

 
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Das Geheimnis der Bücher

14 Mar

Wenn Fotografen sich einen Namen gemacht haben, wenn sie mit ihrer Arbeit die Blicke, also die Sicht auf etwas verändern können, dann erscheint im Laufe ihres Lebens – oder oft auch erst nach ihrem Tod – das zusammenfassende Werk.

In einer Zeit, in der fast jeder seine Bilder in Buchform präsentieren kann oder zahlreiche Fotoplattformen unzählige Uploads verzeichnen, ohne einen fachkundigen Kurator zur Seite zu haben, sind diese Mammutwerke von besonderem Interesse.

Diese Bücher sind etwas Besonderes. Sie enthalten Geheimnisse. Sie inspirieren uns. Sie geben uns einen Überblick über eine Schaffensperiode. Es sind Zeugnisse von Menschen, die etwas von ihrem Handwerk verstehen oder verstanden haben. Wir sollten ihnen zuhören, wann immer wir können, von ihnen lernen und ab und an kurzweilig in Demut versinken.

Jedes Genre hat seine eigenen Helden. Meine Helden sind zwei Damen: Deborah Turbeville und Sarah Moon. Beide haben in den Wirren des zweiten Weltkrieges, die eine in den USA und die andere in Frankreich, das Licht der Welt erblickt. Beide waren früh in der Modeszene involviert, beide haben ihre eigene Sprache entwickelt und das Genre damit stark bereichert.

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(c) Deborah Turbeville

Im Oktober 2011 erschien „Deborah Turbeville: The Fashion Pictures“* im Rizzoli Verlag. Ich bin mir sicher, würde man ihre Bilder heute in einer der vielen Fotocommunities zeigen und besprechen, sie wären wohl dem Zeriss ausgesetzt.

Sie liebt die Unschärfe und man findet sie in vielen ihrer Bilder. Oft aber sind sie auch zerkratzt, geklebt, mit anderen verbunden, bruchstückhaft, träumerisch, verloren. Sie werden auch bemalt oder beschriftet. Auf einigen sieht man sogar Fingerabdrücke. Sie selbst sagte dazu: „I destroy the image after I’ve made it.“

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© Deborah Turbeville

Sie kam erst spät zur Fotografie. Mit 28 Jahren nahm sich Richard Avedon ihrer an. Er mochte ihre verschwommenen Bilder und lehrte ihr das Handwerk. Anfang der 1970er Jahre konnte sie sich offiziell Fotografin nennen. Einen Namen machte sie sich 1975 mit ihrer Serie „Bathroom“ für die amerikanische Vogue und weitere Aufträge folgten.

In ihrem Buch kann man wohlig in diese Unschärfen stürzen. Es werden die bekanntesten Modestrecken gezeigt sowie unveröffentliche Bilder, die für Chanel entstanden. Ihre Bilder, die nie ganz da wirken, haben die Modefotografie nachhaltig beeinflusst und ich bin froh, sie zwischen all den Fotografen entdeckt zu haben.

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© Deborah Turbeville

Sarah Moons Retrospektive Sarah Moon 12345 erschien 2008 in einem fünf-bändigen Buch zusammen mit ihrem Film „Mississipi One“ im Verlagshaus Thames & Hudson.

Die Bände sind als Film in Buchform gestaltet und jeder Band steht für ein Genre oder für eine Schaffensperiode in Moons Leben. Denn sie war nicht nur Fotografin, sondern auch Model und Filmemacherin.

Leider besitze ich ihr zusammenfassendes Werk bis heute nicht, weil mir der stolze Preis von über 150 Euro zu schwer im Magen liegt. Aber darin geblättert habe ich schon allzu oft und bin immer wieder überwältigt.

Die Menschen auf ihren Bildern werden behutsam betrachtet. Sie holt sich den Moment, der unbemerkt bleibt. Im Weggehen einer Person fängt sie das Zögerliche, im Augenblinzeln das Nachdenkliche ein. Ihre Bilder können aus tanzenden Farben bestehen, sind aber niemals aufdringlich, wenn auch fordernd.

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© Sarah Moon

Ihre Schwarzweißwelten sind dunkel, träumerisch und verwirrend. Wie ein Zerrspiegel erscheinen die Menschen darin und man glaubt, es reiche, nur die Hand auszustrecken, um ebenfalls auf die andere Seite des Bildes gezogen zu werden.

Auch außerhalb der Modewelt legt sie ihre Kamera nicht aus der Hand, denn nicht nur Menschen sondern auch Landschaften und Tiere finden ebenso Zutritt in ihre schöpferische Welt.

Ich könnte noch ewig weiter über ihre Arbeiten und sie selbst schreiben, lege Euch aber lieber das Interview ans Herz, erschienen 2011 in der ZEIT.

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© Sarah Moon

In den Werken beider Fotografinnen habe ich etwas gefunden, das mich berührte. Die Beschäftigung mit ihren Arbeitsweisen und Ansichten haben mich beruhigt und darin bestätigt, weiter zu gehen und mir selbst treu zu bleiben.

Und nun seid Ihr dran. Erzählt mir: Wer sind Eure Helden? Wer inspiriert Euch, von wem lernt Ihr?

Die Bilder von Deborah Turbenville stammen alle aus dem Buch „The Fashion Pictures“. Die Bilder von Sarah Moon aus „Sarah Moon 12345“. Ich danke den beiden Verlagshäusern Rizzoli und Thames & Hudson für die Bereitstellung der Bilder.

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kwerfeldein – Fotografie Magazin

 
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