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Posts Tagged ‘Bunkern’

Albanische Landschaften – Lochkamerafotografie mit Bunkern

29 Apr

Ein Beitrag von: Tim Hölscher

Mitte der neunziger Jahre reiste ich mit meinem Vater zum ersten Mal nach Albanien, um Hilfsprojekte zu besuchen, für die er verantwortlich war. Mit dem VW-Bus setzten wir damals von Korfu aus über nach Sarandë und bereisten für ein paar Tage das Land.

Die Erinnerung an diese Reise ist bruchstückhaft, was sich aber eingeprägte, war diese unglaubliche Anzahl kleiner, pilzartiger Bunker, die einfach überall im Land verstreut waren. Sie säumten Straßen, wuchsen mitten in Städten aus dem Boden und reihten sich kilometerlang an den Stränden der albanischen Adriaküste.

Als ich mich dann Jahre nach dieser Reise während meines Fotografiestudiums an der FH Bielefeld intensiv mit der Lochkamera als kreativem Instrument befasste, waren neben Fotoexperimenten mit 60-Loch-Ringkameras, Liveview- und Postpaket-Lochkameras plötzlich wieder diese Bunker in meinem Kopf und die Idee zu meinem Fotoprojekt „Albanische Landschaften“ war geboren.

Bunker © Tim Hölscher

Ich wollte diese destruktiven Bauwerke, die hunderttausendfach vom albanischen Diktator Enver Hoxha zwischen Anfang der 70er und Mitte der 80er Jahre zum „Schutz vor Feinden des Sozialismus“ errichtet wurden, zum ersten Mal in ihrer Existenz einem realen Nutzen zuführen.

Plötzlich waren die 750.000 kleinen Betonpilze, die nie genutzt wurden, da der Feind bis zum Tode Hoxhas Mitte der achtziger Jahre nicht auftauchte, nicht mehr nur stumme Zeugen der sozialistischen Ära Albaniens, sondern, in ihrer Funktion als Lochkamera-Rohlinge, kreative Instrumente.

Ich wollte mit ihnen Landschaftsfotos erstellen und den Blick aus ihren Schießscharten auf Fotopapier bannen. Die Tatsache, dass ich die Gebäude selbst zu Kameras umbauen wollte, verlieh meinem Vorhaben noch eine weitere konzeptionelle Ebene:

Es gab in meinen Augen keine bessere Möglichkeit, das fotografierte Bild mit dem Ort seiner Entstehung zu verbinden und so mit dessen Geschichte aufzuladen, als den Ort selbst als Kamera zu verwenden und das Papier auszustellen, das wirklich die Reise nach Albanien angetreten hatte.

Bunker © Tim Hölscher

Von der Idee zur Umsetzung – Oder: Wie mache ich aus einem albanischen Bunker eine funktionierende Kamera?

Nach einigen „Trockenübungen“ mit aus Teichfolie gebastelten Lochkamera-Zelten, in denen ich mir die theoretische Machbarkeit meines Plans noch einmal praktisch vor Augen führen konnte, stand der Umsetzung meines Projektes nichts mehr im Wege – dachte ich…

Wie aufwändig und kompliziert es aber tatsächlich ist, diese kleinen, recht dunklen Orte mit einer Öffnung zum Betreten und einer Öffnung zum Beobachten der Umgebung zu Lochkameras umzufunktionieren, war mir vor Beginn meiner Arbeit nicht wirklich klar.

Klar war lediglich, dass ich gern großformatige Positivbilder in Farbe produzieren wollte. Während ich in meinen bisherigen Lochkamera-Arbeiten mit kleineren Formaten auf Film oder Schwarzweiß- und Colorpapier gearbeitet hatte, brauchte ich dieses Mal definitiv größere Formate, da meine „Kameras“ einen Innendurchmesser von ca. 1,3 m hatten und ich entsprechend große Motive fotografieren wollte.

Unter diesen Voraussetzungen kam eigentlich nur ein Material in Frage: Das – Ende 2011 bedauerlicherweise eingestellte – Positivpapier Ilfochrome. Es erlaubte mir, großformatige Color-Unikate mit meinen Bunkerkameras herzustellen – ohne den Umweg über ein Negativ.

Die erste Reise nach Albanien trat ich zusammen mit meinem Kollegen Kristian Barthen im Oktober 2009 an. Ausgerüstet mit einer 30m-Rolle Ilfochrome-Papier, einer Ilford CAP-40 Entwicklungsmaschine für Teststreifen, hunderten Metern Klebeband und einer Rolle Verdunkelungsfolie, alles gut verstaut in einem VW Bus, ging es über Italien mit der Fähre nach Albanien.

Die Aufgaben während unserer Reise durch das Land waren klar verteilt: Der Fahrer konzentrierte sich auf die „speziellen“ Straßenverhältnisse, während der Beifahrer nach geeigneten Bunkern Ausschau hielt. Natürlich hätte das Konzept der Arbeit praktisch mit jedem Bunker funktioniert, allerdings bot die gigantisch große Anzahl die Chance, diejenigen auszuwählen, bei denen der Ausblick durch die Schießscharten zusätzlich ein interessantes Bild versprach.

Scharte © Tim Hölscher

Hatten wir einen vielversprechenden Kandidaten gefunden, war die Vorgehensweise fast immer dieselbe, da die Bunker zwar nicht immer komplett identisch, aber doch in den meisten Fällen sehr ähnlich waren.

Der erste Schritt bestand in der Regel darin, einen Stein oder ähnliches durch die Schießscharte ins Innere zu werfen, um größeres Getier zu vertreiben. Ein Bunker bietet im Sommer ein schattiges Plätzchen und im Winter einen Unterschlupf – daher war dieser kleine „Weckruf“ in vielen Fällen äußerst angebracht, um später im abgedunkelten Bunker nicht zu viel Gesellschaft zu haben. Allein war man jedoch nie.

Umbau © Tim Hölscher

Anschließend wurde das im Inneren benötigte Material in den Bunker gebracht: Lichtdicht verpacktes Fotopapier, eine Leerrolle für das belichtete Material, zwei Stative und eine weiße Holzplatte als Projektionsfläche sowie ein kleiner Hocker für meinen Aufenthalt im Bunker während der Belichtung.

In die Schießscharte wurde ein Holzbrett eingesetzt, in dessen Mitte eine Irisblende montiert war. Die Ränder wurden extrem sorgfältig abgedichtet, weil die Lochblende für das eigentliche Foto nur etwa einen Millimeter weit geöffnet werden sollte und deshalb jeder Spalt eine Konkurrenz für das eigentliche Loch dargestellt hätte. Im Inneren des Bunkers wurde eine weiße Holzplatte als Projektionsfläche mit Hilfe von Stativen gegenüber der Schießscharte positioniert.

Umbau © Tim Hölscher

Sobald dieser grundlegende Aufbau erledigt war, konnte die eigentliche Arbeit im Inneren beginnen. Mein mitgereister Kollege Kristian Barthen begann, den Bunkereingang von außen lichtdicht zu verschließen, während ich mich im Inneren des Bunkers auf einen längeren Aufenthalt einrichtete.

Sobald der Eingang einigermaßen verschlossen war, bot sich bei weit geöffneter Irisblende nach kurzer Gewöhnungszeit für die Augen ein eindrucksvolles Bild: Das Innere des Bunkers war komplett erfüllt mit einem Abbild der Landschaft, die der Schießscharte gegenüberlag.

Umbau © Tim Hölscher

Die Projektion beschränkte sich nicht auf die Holzplatte, sondern erfüllte den gesamten Raum. Da ich die Breite der Platte recht genau auf die Innenmaße des Bunkers angepasst hatte, war der Bewegungsspielraum zur Auswahl eines Bildausschnittes sehr begrenzt. Meine Aufgabe als Fotograf im Bunkerinneren beschränkte sich aus diesem Grund eher darauf, das von der Schießscharte vorgegebene Bild im Inneren des Bunkers „einzufangen“, ohne dabei allzu viel an der Komposition des Bildes arbeiten zu können.

Tatsächlich wurde dieser Aufnahmebereich meiner Kamera schon zu Zeiten der Diktatur festgelegt, als die Architekten der Bunker über die Ausrichtung der über 750.000 Schießscharten entscheiden mussten – eine Frage, deren Lösung aufgrund der unzähligen Standorte eine absolute Mammutaufgabe gewesen sein muss.

Umbau © Tim Hölscher

Umbau © Tim Hölscher

Sobald der Bunker komplett abgedichtet war, wurde die Irisblende bis auf einen Millimeter verschlossen und mit einem Tageslichtfilter versehen, der das einfallende Licht nochmals um eine Blende verringerte. Im Bunkerinneren fixierte ich das Ilfochrome-Papier auf der Projektionsfläche. Da es im unentwickelten Zustand eine dunkelbraune Oberfläche hat, war von der Landschaftsprojektion nun nicht mehr viel zu erkennen.

Versuche mit Teststreifen, die dank der mitgebrachten Entwicklungsmaschine im zum mobilen Labor umgebauten Bulli direkt am Bunker entwickelt wurden, hatten eine Belichtungszeit von ca. 2 Stunden bei strahlendem Sonnenschein ergeben. Diese Zeit musste ich also definitiv unbeweglich unterhalb der Schießscharte verharren, um im Anschluss das Papier wieder von der Fläche zu entfernen und es lichtdicht zu verpacken.

Entwicklung @ Tim Hölscher

Entwicklung © Tim Hölscher

Die genaue Belichtungszeit wurde flexibel an die äußeren Bedingungen angepasst – mehr Wolken am Himmel bedeuteten weniger Lichteinfall und somit eine Verlängerung meiner „Sitzung“. Am Rande bemerkt machte die Tatsache, dass das Bleichbad im P-30 Prozess zur Entwicklung der Probestreifen Schwefelsäure enthält, den anschließenden Aufenthalt im Auto zu einem unangenehmen Unterfangen, da der Geruch nach faulen Eiern sich erstaunlich lange im Wageninneren halten konnte.

Die Ergebnisse

Natürlich bringt diese spezielle Art und Weise, Fotografien zu erstellen, Widrigkeiten und körperlichen Entbehrungen mit sich. Der Augenblick, der sie jedoch jedes Mal aufs Neue lohnenswert erscheinen lässt, ist der Moment, wenn die fertigen Unikate aus der Maschine laufen und zum ersten Mal betrachtet werden können.

Aus mehrwöchigen Reisen mit vielen Strapazen und noch mehr Erlebnissen werden in diesem Moment Landschaftsfotografie-Unikate, die durch den Ort ihrer Entstehung aufgeladen sind mit der Geschichte eines ganzen Landes.

Rrjull © Tim Hölscher

Plazhi-I-Generalit © Tim Hölscher

Pogradec © Tim Hölscher

Die Tatsache, dass die Bauwerke selbst das Bild liefern und ich es lediglich „abholen“ muss, entfacht meine Faszination für diese Art der Fotografie immer wieder aufs Neue. Jeder Ort oder Gegenstand, der sich verdunkeln und mit lichtempfindlichem Material bestücken lässt, kann eine Kamera sein, die mit ihrem Motiv auf besondere Weise verbunden ist. Dies lässt im wahrsten Sinne Raum für unendlich viele künstlerische Konzepte.

Wer sich nach diesem Bericht intensiver für meine Bunkerbilder sowie weitere Arbeiten aus den letzten sechs Jahren interessiert, dem sei mein gerade im Zentralverlag Berlin erschienenes Buch „Experimentelle Wege zum Bild“* ans Herz gelegt (auch über meine Website erhältlich). Darin enthalten sind neben dieser Arbeit viele verschiedene Ansätze auf meiner Suche nach alternativen Wegen zur Bilderstellung, die sich etwas abseits der konventionellen Fotografie bewegen.

* Das ist ein Affiliate-Link zu Amazon. Wenn Ihr darüber etwas bestellt, erhalten wir eine Provision, Ihr zahlt aber keinen Cent mehr.


kwerfeldein – Fotografie Magazin

 
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Zwischen Bunkern und Blindgängern

03 Nov

Ein Beitrag von: Sebastian Sczepanski

Wilde Tiere in fernen Ländern abzulichten, das verbinden viele mit dem Thema Naturfotografie. Für mich bedeutet sie jedoch vor allem, die Natur vor der eigenen Haustür und in der näheren Umgebung zu entdecken und festzuhalten.

Aufgewachsen mitten im Ruhrgebiet, faszinierten mich dabei fotografisch von Anfang an vom Menschen beeinflusste und geschundene Gebiete. Im Jahr 2008 zog ich aus Nordrhein-Westfalen in den Osten Deutschlands. Seitdem interessieren mich vor allem die ehemaligen Truppenübungsplätze der Sowjetarmee.

Ihre Formen- und Artenvielfalt, die ich in einem Fotoprojekt zu porträtieren versuche, verdanken sie den Eiszeitgletschern und den Manövern der Roten Armee im gleichen Maße.

Der rege Übungsbetrieb des Militärs, zu dem Panzerfahrten und unbeabsichtigte Flächenbrände gehörten, rissen tiefe Wunden in die Landschaft und zerstörten diese wahllos. Stets war der Zufall mit im Spiel und sorgte für eine mosaikartige Ausprägung der Landschaft. Nachdem im Jahr 1994 die letzten sowjetischen Truppen abzogen, übernahm die Natur wieder das Kommando.

Inzwischen haben Truppenübungsplätze vor allem unter Naturschützern einen ganz besonderen Ruf, denn viele Tier- und Pflanzenarten, die andernorts bereits ausgestorben sind, finden hier einen letzten Rückzugsraum. Ideale Bedingungen also für Naturfotografen.

Heute prägen große Heideflächen, Sandwüsten, Moore und unberührte Birken-Kiefern-Wälder die ehemaligen Truppenübungsplätze. Größtenteils mit Blindgängern verseucht, sind viele Bereiche nur mit Sondergenehmigung zu betreten. In den Sommermonaten entzündet sich hin und wieder alte Munition, was zu Bränden führt und zeigt, dass auch nach zwanzig Jahren immer noch Gefahr besteht.

Dennoch bin ich so oft es geht auf den Truppenübungsplätzen Brandenburgs unterwegs, die aufgrund ihrer enormen Größe und der schlechten Wegenetze jede Tour zu einer zeitintensiven machen. Die meisten Motive erreiche ich zu Fuß, was im lockeren Sand auf Dauer mühselig ist und die Bedingungen zusätzlich erschwert.

Gerade aber der Sand ist eine Komponente, die ich fotografisch sehr gern in die Bilder einbaue. Kaum etwas ist typischer für diese Gegend und besonders das warme Abendlicht lässt jedes Sandkorn leuchten wie ein Diamant.

Beliebte Motive in den Sandheiden sind für mich die Springspinnen. Gerade einmal vier bis zehn Millimeter groß und immer „auf dem Sprung“, sind sie nicht leicht zu fotografieren. Schafft man es dennoch, sich ihnen in einem entsprechenden Abbildungsmaßstab von weit über 1:1 zu nähern, entstehen interessante Aufnahmen.

Besonders die großen Augen ziehen den Betrachter in ihren Bann. Mangels eines Lupenobjektives im Hause Nikon nutze ich dafür einen 1,4x-Konverter und einem 3dpt-Achromaten am Sigma 150mm f/2,8 EX DG Makro.

Auch die eher monotonen Kiefernforste, die in den Randbereichen der Truppenübungsplätze großflächig angebaut wurden, nutze ich gern als Motiv. Mit Hilfe von Doppelbelichtungen oder Wischern gelingen auch in auf den ersten Blick uninteressanten Wäldern besondere Bilder.

Ebenso geben die mit Nadeln, Kiefernzapfen und Rentierflechten bedeckten Böden mit dem richtigen Ausschnitt abwechslungsreiche Motive ab.

Alte Eichenwälder, die zu Zeiten der militärischen Nutzung keine Axt gesehen haben, existieren ebenfalls und bieten seltenen Arten wie Hirschkäfer und Großem Eichenbock einen geeigneten Lebensraum. Bei solchen dämmerungsaktiven Arten nutze ich gern einen Blitz.

In der Naturfotografie oft verpönt, halte ich ihn – solange er gut eingesetzt wird – für ein nützliches und oft sogar unverzichtbares Hilfsmittel.

Besonders für die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland sind Truppenübungsplätze von großer Bedeutung. Die Gebiete sind unbesiedelt und kaum durch Straßen zerschnitten.

Auf den von mir oft aufgesuchten Plätzen Lieberose und Jüterbog gab es 2011 das erste Mal Wolfsnachwuchs. Sich mitten in einem deutschen Wolfsrevier zu bewegen, ist etwas ganz Besonderes, jede frische Wolfsfährte ein unglaubliches Erlebnis.

Neben zahlreichen Spuren gelang mir jedoch erst eine einzige kurze Beobachtung eines ausgewachsenen Wolfes. Die Hoffnung auf eine Wolfsaufnahme gebe ich natürlich nicht auf und habe somit neben der üblichen Ausrüstung für Makrofotografie stets auch das schwere Teleobjektiv dabei.

Doch die Fülle an Insekten, Spinnen, Reptilien und besonderen Pflanzenarten, die es auf Truppenübungsplätzen zu fotografieren gibt, entschädigen für das schwere Gepäck und lassen keine Tour vergeblich sein.

Besonders gern versuche ich dann, sehr tiefe Kamerapositionen einzunehmen und so eine leichte Vernebelung des Vordergrundes zu erreichen. Dies gibt den Aufnahmen einen luftig-leichten Charakter.

Bei Schmetterlingen auf Blüten nutze ich gern anderen Blüten im unscharfen Vordergrund, um diesen Effekt zu erzielen. Gerade Schmetterlinge verdienen dieses „Leichte“, was diese Bilder vermitteln.

Wohin mich mein Fotoprojekt letztendlich führen wird, ist noch unklar. Aufgrund der vielfältigen Motive werde ich sicherlich noch einige Jahre auf den Truppenübungsplätzen Brandenburgs unterwegs sein. Ich habe noch zahlreiche Bilder im Kopf, deren Umsetzung einige Zeit in Anspruch nehmen wird.


kwerfeldein – Fotografie Magazin

 
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