Vacillica ist 18 Jahre alt und Schülerin aus Bamberg. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Selbstportrait-Fotografie, die sie mit ihrem Interesse für Philosophie und analytische Psychologie verbindet. Ihre fotografischen Werke sind auf tumblr und auf deviantArt zu sehen.
Eine Kritik an die „patriarchale“ Erotik in der Kunst und der Wunsch, die Sexualität in der Kunst aus der Frauenperspektive zu betrachten.
Ich wette, Du hast eine Menge solcher Fotos gesehen. Wenn nicht, bitte ich dich, zum Beispiel auf deviantArt zu gehen, links in der Navigation über die Kategorie „Photography“ und „People & Portraits“ die Unterkategorie „Artistic Nude“ auszuwählen und Dir die besten Aufnahmen anzuschauen. Direkt erscheint auf dem Monitor eine Reihe von Fotos von schönen Frauen.
Sie sind perfekt: Ihr Körper ist gepflegt und proportional, erfüllt von Sinnlichkeit, umgeben von empfindlichem Licht und tiefen Schatten. Manchmal sieht man nur bestimmte Teile des weiblichen Körpers: Rundliche Brust, volle und leicht geöffnete Lippen, apfelförmiger Popo. So etwas findet man nicht nur auf Pornoseiten, die das Ziel verfolgen, den meist männlichen Zuschauer sexuell zu erregen. Die ganze Erotik scheint von der weiblichen, sexuellen Schönheit geprägt zu sein.
Ist Dir aufgefallen, dass ich oben bloß vom dargestellten Körper gesprochen habe? Nicht unbewusst. Und nicht zu Unrecht. Man sieht tatsächlich nur einen Leib. Einen Leib, den, ich zweifle nicht, jeder Mann vor sich zu sehen wünscht nach einem anstrengenden Arbeitstag. Egal, ob der Leib wie in zahlreichen Pornos misshandelt oder mit Würde dargestellt wird – die Tatsache bleibt dieselbe: Es ist nur ein Leib. Und somit ein Gegenstand, ein Objekt.
Wenn diesem Objekt ein Ausdruck, eine „Seele“ gegeben wird, so stammt sie, die Seele, vom Fotografen, der vor dem Shooting ein Konzept im Kopf hat und dieses durch das Model realisiert. Die Frau in der Erotikwelt ist ein sexueller Traum des Mannes und nicht ihr eigener. Wie der Kunstkritiker John Berger in seinem Buch schreibt: “Men look at women. Women watch themselves being looked at”.

Dies lässt sich besonders gut an folgendem Bespiel veranschaulichen: 2007 dreht die schwedische Pornodarstellerin Mia Engberg ein dreiminütiges Video, in dem man Frauen verschiedenen Alters und Aussehens beim Masturbieren zusehen kann. Was das Video von typischen pornografischen Inhalten unterscheidet, ist die Tatsache, dass die Frauen in diesem kurzen Film gar keine Schauspielerinnen sind und folglich offen und natürlich, also nicht gespielt, mit ihrem Orgasmus umgehen.
Zu meiner eigenen Verwunderung stieß das Video auf eine unerwartete Reaktion, besonders von der Männerseite: Man fand die Gesichter der Frauen während des Orgasmus entstellt und hässlich, im totalen Widerspruch stehend zur gewohnten, eigentlich künstlichen Darstellung von beinahe „göttlichen“ Wesen mit der dementsprechenden Mimik.
Es ist keine moderne Erscheinung in unserer Gesellschaft; das hat es immer gegeben in der patriarchisch ausgerichteten Kultur: Dass die Kunst und besonders ihre erotische, sexuelle Seite vom männlichen Geist dominiert wird. Versteh mich bitte nicht falsch, ich würde nie den Männern die Freiheit rauben, ihre eigenen Fantasien und Wünsche künstlerisch umzusetzen.

Doch ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es an der Zeit ist, endlich auch einmal die Frau die berühmte Frage von Freud beantworten zu lassen: „Was will eine Frau?“. Wovon sie nachts, bevor sie einschläft, träumt. Wie sie sich selbst in ihrer Sexualität betrachtet und was für einen Partner sie sich an ihrer Seite wünscht.
Bereits in den 70er Jahren mit dem Aufschwung der feministischen Art fängt man allmählich an, dieser Seite der Kunst mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Berühmte Fotografinnen wie Ellen von Unwerth und Bettina Rheims leisten auch einen immensen Beitrag zur Erotik aus weiblicher Perspektive.
Obwohl ihre Werke bedeutsam sind, stellen sie trotzdem eine Ausnahme in der Welt der „Nacktfotos“ dar. Deshalb verfolge ich, größtenteils ein Selbstportrait-Fotograf, mit meiner Fotografie unter anderem das Ziel, die weibliche Sexualität zu entfalten und letzten Endes in meinen Aufnahmen ein Subjekt und nicht nur ein Objekt zu sein.

Deshalb bin ich es gewohnt, meine Kunst als eine Art eigene Psychoanalyse zu betrachten. Das ist auch der Grund, warum ich mich im Regelfall für Selbstportraits entscheide: Denn wer kennt mein inneres Ich mit all seinen Komplikationen, Geheimnissen und Träumen besser als ich selbst?
Somit dient mir die Fotografie als ein Tagebuch. Darin schreibe ich über die Dinge, die ich in der Realität noch nicht gewagt habe, die mich aber auf eine obskure Art und Weise anziehen. Die Aufnahmen stellen mich nicht bloß – oft sind die fotografischen Ergebnisse genauso rätselhaft und doppelsinnig wie ich sie in meiner Psyche empfinde. Die Kunst ist zunächst ein Versuch, die Inhalte zu veranschaulichen. Eine Erklärung oder eine Lösung ist bereits vorhanden – sie verbirgt sich alleine in Fotos.

Ich pflege zu wiederholen, dass meine Kamera nicht ein Mann ist, vor dem ich mich ausziehe, mit dem ich flirte, den ich verführe. Meine Kamera ist ein Spiegel. Was ich damit meine, wird jeder Shopaholic verstehen: Nachdem man in Dutzenden Läden einen Haufen Kleidung gekauft hat und nach Hause zurückgekehrt ist, will man als Erstes die Neuanschaffungen in aller Ruhe ausprobieren, in eine Rolle schlüpfen und diese genießen. Sei es, dass man sich mit einem teuren Abendkleid in die Salonlöwin verwandelt oder in einer bunten Sommertunika die romantische und leichtsinnige Mademoiselle spielt.
Auf diese Weise entnimmt man der Psyche eine von vielen kleinen Persönlichkeiten und setzte sie wie eine Maske auf das Gesicht: Man lebt sein Alter Ego aus. Genauso funktioniert es mit der Sexualität, die für mich eine eigene Plattform darstellt, auf der ich verschiedene Seiten meiner inneren Welt zum Ausdruck bringen kann.
Und der Spiegel hilft mir dabei, die Experimente von der Seite zu beobachten und die erzielten Ergebnisse leichter zu analysieren. Denn nicht selten lasse ich während des Shootings meiner Fantasie und Intuition freien Lauf, ohne zu ahnen, was dabei herauskommt.
KWERFELDEIN | Fotografie Magazin
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