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Frau Zug

12 May

Ein Beitrag von: Daniel Müller

Die Idee, meine Oma zu portraitieren kam mir spontan, als ich mich mit ihr zu Kaffee und Kuchen bei ihr traf. Was letztlich daraus werden sollte, hatte ich zu diesem Zeitpunkt nicht im Sinn.

Als ich mir zu Hause die Ergebnisse betrachtete und fertig bearbeitet hatte, ließ ich etwas Zeit verstreichen und sah mir die Portraits viele Tage später erneut an. Dabei kamen in mir so viele schöne Erinnerungen auf, dass ich mich entschloss, darüber zu schreiben.

Meine Großmutter war auf die Frage, ob ich sie portraitieren dürfe, etwas irritiert. Sie wusste nichts mit sich anzufangen, weshalb ich sie in ein Gespräch verwickelte. Über was wir im Detail sprachen, weiß ich nicht mehr. Es war aber relativ sicher über die Rechnung, die sie auf einem Foto konzentriert mit der Lupe analysiert. Sie wird sich auch über die Skrupellosigkeit der Konzerne aufgeregt haben!

© Daniel Müller

© Daniel Müller

Die Zeit verging wie im Flug. Alles in allem dauerte es etwa eine gute halbe Stunde, wobei die sich auf die gesamte Besuchszeit von etwa drei Stunden hinzog.

Oma nimmt den höchsten Stellenwert, direkt nach meiner Mutter, ein. Ich verbrachte viel Zeit mit ihr. Sie war es, bei der ich übernachtete, bis in die Puppen fern sah und keine Angst haben musste, wenn ich mal den Süßigkeitenschrank plünderte.

Sie verreiste mit mir und zeigte mir einiges von Deutschland. Nur sie, ich und fünfundvierzig Senioren in einem Bus. Mir schwellen die Wangen bei dem Gedanken direkt wieder auf Hamsterbackengröße an. Aber ey, es war großartig: Ich hatte zwar niemanden zum spielen, aber immer die volle Aufmerksamkeit! Nie werde ich diese Reisen vergessen.

© Daniel Müller© Daniel Müller

Für Oma wurden aus Reisen mittlerweile Ausflüge. Die Vorbereitungen für eine solches Vorhaben sehen in der Regel so aus: Prospekte der großen Möbelhäuser werden nach günstigen Essensangeboten durchforstet, dann wird sich mit Freundinnen verabredet und ab geht die Reise mit der S-Bahn in Richtung Einrichtungshaus.

Sie ist für 86 zwar noch relativ fit, ärgert sich aber gewaltig darüber, dass sie nicht mehr so kann, wie sie gern möchte. Ist der Wohnungsputz beendet, kann sie wieder von vorn anfangen. Dieses Projekt dauert nicht mehr nur ein paar Stunden, sondern Tage.

Ich frage sie gar nicht mehr, wie es ihr geht. Die Frage nervt sie und ihre Stimme wird dann immer so melancholisch. Sie antwortet nur noch: „Wie es einer alten Frau halt so geht!“ Mir bricht das das Herz, weil mir dann immer bewusst wird, dass sie in der letzten Phase ihres Lebens ist.

© Daniel Müller© Daniel Müller

Sie war für meine Geschwister und mich Babysitterin. Oma war immer bei uns zu Hause – ob es meinen Eltern recht war oder nicht -, sie war einfach da und wenn nicht, klingelte sie unangemeldet. Sie half mir aus diversen Schwierigkeiten. Immer mit dem gehobenen Zeigefinger, aber sie half.

Sie war da! Sie war auch für andere da. Sie wurde ausgenutzt und war immer noch für einen da! Und noch immer hilft sie, wo sie kann. Selbst aber bittet sie nur selten um Unterstützung und beißt sich selbst durch, obwohl es an allen Ecken und Enden schmerzt und zerrt.

© Daniel Müller

© Daniel Müller

Sie ist der Anker der Familie. Waren es vor 15 bis 20 Jahren noch große Familienfeiern, so sieht man sich heute gar nicht mehr! Es gab diverse Probleme und Veränderungen, die dazu führten und den Zusammenhalt in der Familie auflösten. Die schnelllebige Art und die vollen Terminkalender des heutigen Lebensstils tragen ebenfalls einen großen Teil dazu bei.

Unser nächstes großes und vermutlich letztes Familientreffen wird vermutlich Omas Beerdigung sein.

Grund genug, einen Teil von Oma zu manifestieren. Und das nicht gestellt, sondern so wie sie ist. Authentisch, ehrlich, schrullig! Es wird nie das aufwiegen, was sie für mich, nein, für uns getan hat.

Aber nur so kann ich sie festhalten – für immer.

© Daniel Müller

Zum Einsatz kam meine altbewährte EOS 5D Mark II in Kombination mit dem EF 50 1.8 Mark I. Auf die Bilder selbst hat sie eher verhalten reagiert. Mal sehen, was passiert, wenn ich ihr die Texte und Reaktionen dazu noch einmal aufbereite.


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